Dietrich Leder
Ausgabe 2013 | 15.05.2013 | 13:14

Horst Königstein (1945-2013)

Nachruf Als einer der Ersten untersuchte Königstein im Fernsehen das Medium selbst, das er stets als Teil der Populärkultur begriff. Ihm widmete er mit Enthusiasmus sein Leben

Horst Königstein  (1945-2013)

Horst Königstein

Foto: Imago/ Hogreve

Als Ende der sechziger Jahre die Dritten Programme der ARD starteten, zogen sie eine neue Generation von Redakteuren an. Die kamen vom Theater, von den Tageszeitungen oder als Studienabbrecher aus den revolutionär aufgeheizten Universitäten. Ihnen war das populäre Bildmedium Fernsehen zunächst fremd, und so verstanden sie es als eine Bildungseinrichtung, die Sendungen als Seminare, Theateraufführungen und Leitartikel hervorzubringen hatte.

Horst Königstein, der am 12. Mai im Alter von 67 Jahren gestorben ist, war da anders, auch wenn er mit einer medienpädagogischen Arbeit promoviert worden war. Er begriff das Fernsehen als Teil der Populärkultur, die er als Kinofilm und Popmusik lieben gelernt hatte. Im NDR, in dem er 1970 als Redakteur angestellt wurde, initiierte er eine 13-teilige Reihe (Sympathy For The Devil), die sich der Rock- und Popmusik annäherte. Als einer der Ersten untersuchte er im Fernsehen das Medium selbst: Fernsehauge.

In dieser Reihe arbeitete er erstmals mit Heinrich Breloer zusammen, mit dem er dann in Das Beil von Wandsbek (1981) das erprobte, was beide „offene Form“ und später „Dokudrama“ nannten – eine Mischung aus dokumentarischer Recherche, Interviews mit Zeitzeugen und Inszenierung von Passagen des Romans von Arnold Zweig. Königstein war für die Spielszenen verantwortlich, die er in das Extrem einer an den Expressionismus gemahnenden Stilisierung trieb.

In seinen eigenen Fernsehfilmen, die er bis in die letzten Dienstjahre für den NDR verwirklichte, unterlag er nie der Vorstellung eines billigen Realismus. Stets zeigte er, dass das, was sich szenisch entwickelt und durchaus auch dramatisch zuspitzt, einer Interpretation der Verhältnisse und Zustände entspringt, also von einem Autor- und Regisseurs-Ich in Szene gesetzt wurde – ob er nun von den Tagen der Beatles in Hamburg erzählte (Hard Days, Hard Nights, 1989) oder von der Unterhaltungsmaschinerie der Nazis berichtete (Reichshauptstadt privat, 1987).

Hinter dem späten Erfolg der Dokudramen von Breloer (etwa Die Manns, 2001), für die Königstein weiter als Ko-Autor tätig war, drohen seine obsessiven Arbeiten zu verschwinden, wie die Fernseheinrichtungen von Bühnenstücken (Du bist meine Mutter von Joop Admiral, 1984) oder historischen Fernsehshows wie Haus Vaterland (1983), in der die großen Schauspieler Blandine Ebinger und Curt Bois neben Peter Gabriel, der sich gerade von Genesis getrennt hatte, und Annette Humpe auftraten. Nicht zu vergessen den alljährlichen Heimatabend (ab 1990), zu dem der Redakteur politisches Kabarett von Matthias Beltz und die wohl radikalste aller deutschen Fernsehserien, Schamlos von Ulrich Waller, zusammenführte.

In allem ging es Königstein um die Entschiedenheit in der Sache wie in der jeweiligen Form. Von den Autoren und Regisseuren, deren Filme er produzierte, wie von seinen Studenten an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM), an der er von 1990 bis 2010 unterrichtete, erwartete er das, was ihn selbst in hohem Maße auszeichnete: Enthusiasmus. Als er 2010 pensioniert wurde, ging es ihm körperlich nicht gut. Wie er aber auf seiner Verabschiedung frech dazwischenrief, als der Tonfall der Lobreden allzu staatstragend ausfiel, führte vor Augen, über welche Energien der wache Geist Königstein verfügte. Noch im letzten Jahr arbeitete er an mehreren Projekten, die nun nicht in dem Medium erscheinen werden, dem er sein Leben widmete – dem Fernsehen als Teil der Populärkultur.

Dietrich Leder lehrt an der KHM. Horst Königstein war sein Kollege

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 20/13.