Steffen Vogel
07.11.2009 | 11:00

Hüben wie drüben

Wendemarke Die Erinnerung an die Berliner Mauer ist auch eine Altersfrage, wie zwei ­Comics und eine illustrierte Anthologie zeigen

Unterscheiden sich die Generationen im Nachdenken über 1989? Wer heute 30 Jahre oder jünger ist, zählt den Mauerfall zu seinen Kindheitserinnerungen. Für viele aus dieser Altersgruppe dürften Fernsehbilder zur sinnlichsten Erfahrung des Herbsts vor 20 Jahren gehören. Das Nebeneinander zweier deutscher Staaten haben sie seltener alltäglich erfahren; ihre Kenntnis darüber entspringt eher erworbenem Wissen. Die jeweiligen Legitimationserzählungen mögen dieser Generation noch präsent sein. Aber wie prägend erscheinen sie ihr?

Mit den Comiczeichnern Simon Schwartz und Flix nähern sich zwei Vertreter dieser Altersgruppe der Wendemarke 1989. Beide rücken in ihren Bänden das Alltagsleben in den Mittelpunkt. Der 1976 in Münster geborene und in Berlin lebende Flix präsentiert die Erinnerungen seiner Freunde und Bekannten an ihre Kindheit hüben wie drüben. Simon Schwartz, 1982 in Erfurt geboren, beschreibt die langsame Abkehr seiner Eltern vom real existierenden Sozialismus.

Anfang der achtziger Jahre wird ihnen das Leben in der DDR zu eng. Den Entfremdungsprozess, der schließlich zur Ausreise nach West-Berlin führt, schildert Schwartz in geschickt verschachtelten Episoden. Er konzentriert sich weitgehend auf die Eindrücke des Heranwachsenden und die Erzählungen der Eltern. Zeitgeschichtliche Splitter fügt er nur dort sparsam ein, wo der Kontext nicht als bekannt gelten darf. Deutsche Geschichte zeigt Schwartz als behutsam erzähltes Familiendrama.

Erschwert wird die Ausreise nicht nur durch langsam arbeitende Behörden und Stasi-Schikanen – sie führt auch zum Bruch mit den väterlichen Großeltern. Der Großvater stammt aus einer jüdischen Familie, seine Angehörigen sind von den Nazis deportiert worden; die Großmutter ist seit den dreißiger Jahren Kommunistin. Sie begreifen die DDR als den besseren deutschen Staat, der Frieden garantiert und die Wiederkehr des Faschismus verhindert. Ihr Sohn ist ein engagiertes SED-Mitglied, bis ihn während des Lehramtsstudiums Zweifel beschleichen. Harsche Reaktionen auf konstruktiv gemeinte Kritik scheinen ihm nicht nachvollziehbar. Dennoch will Simon Schwartz’ Vater – im Gegensatz zur Mutter – noch bleiben, als die ersten Freunde schon gehen. Sein Geduldsfaden reist, als er im Berufsleben zunehmend gegängelt und bevormundet wird. 1984 trifft die dreiköpfige Familie in Berlin-Kreuzberg ein; die Großeltern zeigen sich erst 1990 wieder für Kontakt offen.

Anders als seine Eltern darf der kleine Simon weiterhin in die DDR einreisen und besucht regelmäßig die mütterlichen Großeltern in Sachsen. Sie stehen dem System nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber, verstehen die Entscheidung ihrer Kinder aber. Bei ihnen erlebt Simon unbeschwerte Tage in der alten Heimat seiner Eltern. Für den Heranwachsenden ist die Ausflugsfahrt auf dem Elbdampfer ein glücklicher Moment, politisches Wissen belastet ihn noch nicht.

Leere Räume

Schwartz präsentiert diese Geschichte über kurze, ineinander greifende Rückblicke. Er montiert Einzelbilder und Erzähltext zu Momentaufnahmen in stimmigem schwarz-weiß-grau. Sein ruhiger und unaufgeregter Ton korrespondiert mit einem vergleichsweise regelmäßigen Seitenaufbau und gelungenen Perspektivwechseln. Besonderes Gespür beweist Schwartz für leere Räume, stille Momente und stumme Gesten. Die Abwesenheit von Geräuschen, von Kommunikation fasst er in Bilder, die wie Filmstills wirken.

Schwartz’ subjektive Herangehensweise ist eine Bereicherung, gewährt sie doch einen Blick auf die DDR, der politisch in keine Richtung überformt ist, ohne dabei auf einen Standpunkt zu verzichten. Die Geschichte vom schmerzhaften Weggang der Familie Schwartz benennt exemplarisch Gründe für das Scheitern dieses Staates.

Eine noch subjektivere Perspektive wählt Flix. Er legt in seinem Band ein Mosaik ost- wie westdeutscher Kindheitserinnerungen. Alle Episoden sind auf je drei Seiten komprimiert, sie beginnen und enden meist mit der Dreiviertelansicht der erzählenden Person, die mit Vornamen eingeführt wird. Das Album erinnert damit an eine Fernsehdokumentation mit Rückblenden und Zeitzeugenstatements. Flix allerdings setzt auf satte Farben und einen humoristischen Zeichenstil – und lässt einmal nicht die sonst obligatorischen älteren Herren zu Wort kommen.

Der formalen Regelmäßigkeit des Bandes steht eine große inhaltliche Breite gegenüber. Wie bei persönlichen Erinnerungen erwartbar, schwanken die Geschichten stark in Ton und Gehalt. Amüsante kindliche Vorstellungen über den jeweils anderen Staat werden ebenso ausgebreitet wie Albernheiten vom Schlage eines „trojanischen Wolf Biermann“ als Fluchtmittel über die Mauer. Manche Erzähler sind reflexiv gestimmt, andere melancholisch; einige berichten augenzwinkernd, andere treibt Trauer oder Wut.

Flix selbst schickt voraus, in seiner Kindheit in Südhessen habe „die DDR keine Rolle“ gespielt: „Ich wusste damals fast nichts über unsere Nachbarn.“ Dieses Nicht-Wissen wird in einer anderen, eindringlichen Episode langsam erschüttert. Der siebenjährige Timo denkt sich nicht viel, als sein Vater einen „Freund aus Bautzen“ beherbergen will. Der in sich zusammen gesunkene Gast ängstigt den Jungen durch sein Schweigen, bis er eines Tages andeutet, welch verzweifelter Fluchtversuch ihn ins Gefängnis gebracht hat. 

Anders als die Westdeutschen in Flix’ Band, deren Alltag sich nach 1989 kaum verändert hat, blicken mehrere Ostdeutsche leicht melancholisch zurück. Manche glückliche Kindheit scheint in einem dramatisch gewandelten Umfeld kaum noch erinnerbar. Einige Gaben zeigen sich janusköpfig. Mit kindlicher Faszination hat etwa der in Berlin-Prenzlauer Berg aufgewachsene Axel auf die „bunten Dinge“ aus den Westpaketen geblickt – bis sie nach 1990 das Leben zu prägen beginnen: „Stellenweise wurde es so viel, dass es schien, als hätten sich die Himmelsrichtungen aufgelöst und es gäbe nur noch Westen. Doch schon bald war all die Farbe nicht mehr unglaublich, sondern alltäglich. Und was mal unser Zuhause war, wirkte auf einmal fremd.“

Ein Geheimnis

Reizvoll macht den Band, dass er die versammelten Erinnerungen weder bewertet noch gewichtet. Das bietet Platz für sonst seltene Zwischentöne, wie in der Geschichte von Meike. Ihre linken Eltern haben die als repressiv empfundene BRD gen Jena verlassen, finden dort aber weder im Arbeitsalltag noch politisch die ersehnte Freiheit. Resigniert stellt ihr Vater fest: „Als Gott nach zwölf Jahren Tiefschlaf aufwachte, ging er aufs Stille Örtchen. Dort machte er zwei dicke schöne Haufen. Aus dem einen formte er die BRD. Aus dem anderen die DDR. Und wenn man die Augen zumacht, kann man sich in beiden dieser Haufen wohlfühlen.“

In ihrer Verschiedenheit vermitteln die Geschichten ein gutes Bild einer Generation, die altersbedingt erst nach 1989 politisch zu denken begann. Ihre Haltung zu dieser historischen Episode schwankt zwischen nüchternem Ernst, selbstironischer Abgeklärtheit und offener Ignoranz. Für die damaligen Kinder ist die Zeit der zwei deutschen Republiken Vergangenheit, und die Geschichte hinterlässt subjektiv unterschiedlich große Spuren.

Auszüge aus Flix’ Band hängen derzeit als Schautafeln am ehemaligen Mauerstreifen in Berlin-Mitte. Offizielles Gedenken dürfte öfter so unaufgeregt, nuanciert und humorvoll aussehen wie die Arbeit des Berliner Zeichners.

Einen deutlich politischeren Ton, im strukturellen, überpersönlichen Sinn, schlägt eine Anthologie von Michael Reynolds an. Der australische Schriftsteller versammelt Kurzgeschichten, die um das Thema Mauern in allen Varianten kreisen. Gewonnen hat er dafür acht Autoren von Russland bis Spanien, darunter Ingo Schulze, Andrea Camilleri und Didier Daeninckx, ergänzt um je eine Erzählung von Heinrich Böll und Max Frisch. Henning Wagenbreth steuert zahlreiche ausdrucksstarke Grafiken bei. Sie unterstreichen mit ihren verzerrten Perspektiven und der expressiven Farbgebung den oft allegorischen Charakter der Geschichten und die Absurdität begrenzender Wälle.

Die Berliner Mauer wird in keinem der Beiträge literarisch bearbeitet, sie liefert bloß den Anlass für die sorgfältig editierte Zusammenstellung. Auch bei Ingo Schulze und Miklós Vámos, die als einzige konkret vom Realsozialismus erzählen, spielt der Berliner Grenzwall keine Rolle. Schulze liefert ein sehr dichtes und hintergründiges Porträt einer unscheinbaren und irgendwie schwer greifbaren Erzieherin aus Dresden, die nach 1989 eine mediengerechte Widerstandsbiographie verkauft und für die CDU in den Landtag einzieht. Bei Vámos birgt ein ummauertes Areal neben einer Kaserne ein Geheimnis, das er auch im postsozialistischen Ungarn nicht zu ergründen vermag. 

Andere interpretieren das Thema allegorisch. Elia Barceló vermutet in ihrer Science-Fiction-Erzählung hinter Mauern einen allgemein-menschlichen Trieb, das Eigene vom Anderen abzugrenzen. Andrea Camilleri wählt einen märchenhaften Zugang für seine Geschichte des Reichen, der aus Angst vor seinen Mitmenschen die Mauern um sich immer enger zieht, bis sie seine Grabkammer bilden.

Olga Tokarczuk wiederum lenkt den Blick auf die tödlichen Sperrwälle der Gegenwart. Ebenfalls in leicht märchenhaftem Ton erzählt sie von einem zweifelnden polnischen Grenzer kurz vor der Frührente, der eine Flüchtlingsfamilie sicher in die EU geleitet. Und Didier Daeninckx gibt einen schaurigen Abriss befestigter Linien, die sein fiktiver Diktator hat studieren lassen, um den perfekten Wall zu errichten: von der Chinesischen Mauer über künstliche Dünen in der marokkanischen Wüste bis zur Anlage zwischen Texas und Mexiko.   

Die Autoren ziehen unterschiedliche Schlüsse: Daeninckx’ Autokrat scheitert an einem Luftballon und dem Gelächter seiner Untertanen, Camilleris Besitzender an sich selbst. Barceló fürchtet, das Trennende werde überwiegen, Tokarczuk will es überwinden. Schulze schließlich zeigt eine der vielen Graustufen, die den Grenzbereich zwischen Schwarz und Weiß bevölkern.

Anders als Flix oder Simon Schwartz wählen die Autoren dieses Bandes verstärkt überpersönliche, politische oder allegorische Zugänge. Vielleicht ist das auch eine Generationenfrage. Alle Beitragenden haben den Fall der Mauer als Erwachsene erlebt, Camilleri als Ältester stand seinerzeit kurz vor dem Rentenalter und Reynolds als Jüngster war noch nicht lange volljährig.

Die Zusammenstellung jedenfalls regt an, gerade weil sie die Berliner Mauer vor allem als ein Symbol begreift. Auch 20 Jahre nachdem sie niedergerissen worden ist, steht sie für die Gewalt, die Grenzen zwischen Menschen immer innewohnt.

Simon Schwartz. avant-verlag, Berlin 2009, 120 S., 14,95 (Hg.) Bebildert von Henning Wagenbreth. Jacoby Stuart, Berlin 2009, 96 S., 16,95 Flix. Carlsen, Hamburg 2009, 104 S., 14,90 drüben! Mauern. Zehn Geschichten, um sie zu überwindenDa war mal was Erinnerungen an hier und drüben