Hübsche Hecke

Italien Der neue ukrainische Präsident Selenskyj hat eine Toskana-Villa. Ich mochte es dort
Martin Leidenfrost | Ausgabe 19/2019 30

Lieber Wolodymyr Oleksandrowitsch Selenskyj! Gestatten Sie mir, Ihnen zu Ihrer Präsidentschaft zu gratulieren. Ich schreibe Ihnen wegen der 3,8-Millionen-Euro-Villa, die Sie in Ihrer Vermögenserklärung vergessen hatten. Sie – „Diener des Volkes“ und Vernichter der Oligarchie – werden dafür kritisiert, dass die Villa ausgerechnet im italienischen Lieblingsort russischer Oligarchen steht. Sie hatten eine gute Erklärung parat: Die 15-Zimmer-Villa war bloß eine Investition, um Geld für Ihren nächsten Spielfilm zu parken. Natürlich glaube ich Ihnen. Für den Fall, dass Sie doch einmal Urlaub auf Ihrer toskanischen Datsche machen wollen, fuhr ich hin und übermittle hiermit einige Tipps.

Forte dei Marmi ist sicher kein schlechter Urlaubsort. Gut, ich könnte Ihnen ein paar ukrainische Schwarzmeerstrände nennen, an denen der Sand goldener schimmert. Aber das abendliche Licht-und-Schattenspiel der dolomitenartig aufragenden Apuanischen Alpen, dazu der Blick auf die Hafenkräne von La Spezia und auf eine Insel vor Cinque Terre – toll! Gut, ich erschrak mehrmals, als ich beim ufernahen Schwimmen an Gegenstände im Wasser stieß, an ein verhärtetes Netz und an eine Stange. Mit der Mauer, die sich im Meer vor Odessa verbirgt, rechnet man wenigstens. Ich habe jedoch eine gute Nachricht für Sie: Die Saubermacher waren bereits unterwegs, übrigens in einem blau-gelben Kahn, in den Farben der Ukraine.

Neureich mit Niveau

Ich stieg ab, wo die russischen Milliardäre, häufig Angehörige der alten Jelzin-Familie, ihre Häuser haben: Roman Abramowitsch, Oleg Deripaska oder Alexander Chloponin, 2010 bis 2018 in Moskau Vizepremier, der hier von einer Offshore-Firma des liberalen Polit-Milliardärs Michail Prochorow ein 35,5-Millionen-Euro-Anwesen erwarb. Das Viertel heißt „Roma Imperiale“.

Man kritisiert Sie für Ihre Nähe zum exilierten ukrainischen Oligarchen Igor Kolomojskij, der Sie 2017/18 elfmal an seinen damaligen Wohnsitz Genf einfliegen ließ. Laut Investigativredaktion Schemy leisteten Ihnen in diesen Privatfliegern weitere ukrainische Oligarchen Gesellschaft, etwa Kolomojskijs Privatbankier Gennadij Bogoljubow oder das Zentralgestirn des großindustriellen „Kiewer Clans“, die Brüder Igor und Grigorij Surkis. Mich traf daher fast der Schlag, als ich einen schwarzen Landrover mit Genfer Kennzeichen sah. Das war aber weit von Ihrer Villa.

Ich darf Ihnen versichern, dass die Einheimischen eine schelmische Form der Diskretion pflegen. Wer nach Ihnen fragt, kriegt ein lachendes „Schön für ihn“, Ihre Adresse nennt aber keiner. Die meisten behaupten gar, sie hätten noch nie von Ihnen gehört. Ein alteingesessener Tourismus-Profi sagte zu mir: „Putins Schwester, die sehe ich hier jeden Sommer mit den Kindern. Aber welches ihr Haus ist, das sage ich nicht. Sonst ...“ Er setzte sich zwei Finger an die Schläfe.

Forte dei Marmi ist neureich mit Niveau. Die Villen, in einem neotoskanischen Stil errichtet, verbergen ihre Größe. Zur Zeit sind keine Russen da, nachts leuchtet allenfalls das Fenster des Hausmeisters. Am Strand liegen die edelsten Restaurant-Lounges, sehr geschmackvoll. Tinkoffs Sieben-Stern-Palazzo La Datcha, für den Sommer ausgebucht, ist derzeit für den Nebensaisonpreis zu haben, 89.000 Euro für sieben Tage. Ich sah bei Nacht, wie auf der Uferstraße der Rumpf einer Superjacht überführt wurde, professionell und routiniert. Die Italiener sorgen gut für ihre Gäste. Die vielen Radwege werden auch von russischsprachigen Urlaubern gern genutzt.

Lieber Wolodymyr Oleksandrowitsch, Sie sollten öffentlich klarstellen, dass Ihr Haus nicht in Roma Imperiale liegt, sondern am anderen Ende der Gemeinde. Sie sind ja ein „einfacher Junge aus Kriwoj Rog“, und Vittoria Apuana, das ist in Forte dei Marmi der Kiez für einfache Multimillionäre. Das müssen Sie Ihren Kritikern sagen – in Vittoria Apuana leben fast normale Leute. Im nächstgelegenen Restaurant, im Il Platano, gehen ganz normale Italiener essen. Unter den vielen Fußballwimpeln, die über der Küchendurchreiche hängen, sind einige aus Russland, aber kein einziger aus der Ukraine. Sie könnten einen Wimpel von Dynamo Kiew mitbringen, sein Besitzer Igor Surkis schenkt Ihnen sicher einen.

Mit der Villa selbst, Via Matteo Civitali 104, beweisen Sie Geschmack. Die Naturhecke ist hoch, aber luftig, ich konnte schön durchsehen. Die Gärtner sind gut vorangekommen. Der Sprenkler beim Eingang spritzt ein wenig auf die Straße, aber das wird Ihnen kaum Ärger einbringen. Nur mit dem Pool müssen Sie was tun, misten Sie die grüne Brühe schleunigst aus!

Die unmittelbaren Nachbarn sind sehr nett. Eine vierköpfige Familie wie die Ihre, nur eben Italiener, und sie fahren einen alten Audi-Kombi. Der vergitterte Laden im Erdgeschoss des Nachbarhauses sucht erfolglos Mieter, von dort müssen Sie keinen Lärm befürchten. Ihre Nachbarn erzählten mir, vergangenen August habe in Ihrem Haus eine vierköpfige Familie Urlaub gemacht, „in einem schwarzen Landrover mit ukrainischem Kennzeichen.“ Ich gehe mal davon aus, das waren nicht Sie.

Supernette Köchin

Von Ihrem Haus sind es 600 Meter zum Meer. Wenn Sie immer geradeaus gehen, stoßen Sie auf den Strandclub San Francesco. 8.500 Euro kostet eine Saisonkarte, inklusive Kabine und Strandzelt, unter dem eine Kleinfamilie Platz findet – die Clubs Richtung Zentrum sind teurer, stadtauswärts billiger.

Sie können natürlich auch zu Fuß zum Gratisstrand der Gemeinde laufen. Um dahin zu kommen, müssen Sie an folgenden Anlagen vorbei: Alba, Pennone, Capri, Sandra, Carla, Salvatori, La spiaggia dei bambini, Stella Maris, Gilda, Tai, Le Dune del Forte, botanischer Garten, Segelschule. Der Gemeindestrand, an einem Friedhof ausrangierter Kleinboote gelegen, sieht freilich ziemlich ukrainisch aus. Wenn Sie mich fragen, lohnt sich der Fußmarsch nicht. Gönnen Sie sich ruhig den San Francesco, die rumänische Köchin ist supernett. Die Wohnung in London werden Sie dafür schon nicht verkaufen müssen.

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