Clemens Niedenthal
Ausgabe 5213 | 06.01.2014 | 06:00 1

Hüter der Kristalle

Kremer Pigmente geben der Welt jene Farbigkeit zurück, die ihr die chemische Industrie genommen hat. Ein Werkstattbericht

Bunt sind schon die Wälder. Besser gesagt, sie sind es gerade noch an diesem spätherbstlichen Morgen in Aichstetten im Allgäu an der Autobahn 96, auf der in diesem Moment ein älterer, kantiger Volvo-Kombi rollt. Doch nicht mehr lange, und die Landschaft hier wird in ein weiches Weiß getaucht sein, Schneeweiß. Wobei Weiß, entgegen gängiger physikalischer wie philosophischer Betrachtungsweisen, sehr wohl eine Farbe sei. Sagt der Mann mit dem Volvo-Kombi. Sagt Georg Kremer, dessen Branche gut drei Viertel ihres Umsatzes einzig mit verschiedenen Schattierungen von Weiß erwirtschaftet. Abseits von Aich-stetten nämlich kann die Welt der Farben und ihrer industriellen Produktion ein sehr langweiliges Gewerbe sein.

In Aichstetten indes ist die Welt der Farben und ihrer manuellen Herstellung ein archäologisches Abenteuer. Als solches hat auch alles einmal angefangen. Damals in den siebziger Jahren, als ein Doktorand der chemischen Wissenschaften im schwäbischen Tübingen einer in den Zeitenwenden der Moderne verblassten Farbe auf den Grund gehen sollte. Kein Mensch wusste mehr, was Smalte war. Aber ein Freund brauchte genau dieses kalte, tiefe Blau zur Restaurierung einer barocken Kirchendecke. Georg Kremer stieg in die Archive, wälzte Bücher, fahndete nach Rezepturen, erhitzte Kobaltsalz auf seinem Küchenherd. Die kaltblauen Smalte-Pigmente waren die ersten Brösel seiner Geschäftsidee. Kremer Pigmente. Ein Unternehmen, das sich die Reproduktion und vor allem die Produktion historischer Farben zur Aufgabe macht.

Wider den normierten Lack

Ausgerechnet ein Chemiker wollte der Welt also jene Farbigkeit zurückbringen, die ihr die chemische Industrie gerade erst genommen hatte. „Da war dieses Loch, das die Industrialisierung in ein sehr altes Handwerk gerissen hatte.“ Zunächst sei das noch ein langsamer Prozess gewesen, der bereits im 18. Jahrhundert begonnen hatte. Doch dann: Krieg, Reichswehr, Eisenbahn – große Unternehmungen brauchten plötzlich sehr viel Farbe. Robuste, haltbare Lacke von stets identischem Ton, identischer Textur. „Plötzlich gab es Farben, die waren fünf Jahre im Eimer frisch.“ Die RAL-Farben, diese deutsche Industrienorm, erzählen von dem Projekt, die Farbigkeit der Welt zu bürokratisieren. In den fünfziger Jahren räumten die letzten verbliebenen Farbdrogisten ihre Mörser und Mühlen aus den Läden. Farben kamen von nun an aus der Fabrik.

Die handwerkliche Herstellung von natürlichen Farbpigmenten aber war aus dem Fundus unserer Tätigkeiten verschwunden. Jene Gabe, die Georg Kremer gerne „maximales Umgebungswissen“ nennt, war es da schon längst. „Die Leute hatten keine Bücher, keine Theorie, die sind rumgelaufen und haben die Farben gesammelt.“

Wurzeln, Steine, Knochen, Erden sowieso – was hatten die Menschen nicht alles zu Farbe, zu Farben gemacht, nachdem sie vor rund 40.000 Jahren die Kraft der Ikonografie, der bildlichen Darstellung, entdeckt hatten. Gelber Ocker, roter Ocker, schwarzes und weißes Pigment, bereits das Farbspektrum der Höhlenmalereien beruhte auf chemischen Reaktionen. Dem Verbrennen von Holz, die weiße Asche, und dem Erhitzen der Erde, der rote Ocker.

Durch Aichstetten fließt die Aitrach. Und weil an einem Bach immer auch eine Mühle steht und weil diese Mühle in einer damals strukturschwachen Randlage der Bundesrepublik schon ein paar Jahre leer gestanden hatte, war Georg Kremer Anfang der Achtziger nach Aichstetten gekommen, mit seiner jungen Firma und seiner jungen Familie. „Georg Kremer Farbmühle“ steht an der gelb getünchten Fassade, daran angrenzend, blassrot, das über die Jahre in kleinen Schritten restaurierte Wohnhaus mit dem großen, grünen Kachelofen und einer Bang & Olufsen-Anlage mit ultramarinblau bespannten Lautsprecherboxen.

An den Wänden ein paar Bilder, die Georg Kremer unterwegs auf seinen Reisen gefunden hatte. So wie seine Farben. Man sieht diese Dinge und bekommt eine plastische Vorstellung eines Lebensentwurfs, ja einer Lebenseinstellung. Georg Kremer selbst, schwarzer Wollmantel, roter Schal, italienischer Hut, randlose Brille, passt bestens in dieses Bild. Nur den Vollbart des Naturwissenschaftlers – oder war es der Vollbart der friedens- und ökologiebewegten Achtziger? – hat er inzwischen abgelegt.

In der niedrigen Küche mit dem alten Natursteinboden werden gerade Zwiebeln gewürfelt und Karotten geschält. „Eine Köchin war von Anfang an der einzige Luxus. Meine Frau hat immer mitgearbeitet im Unternehmen. Und wenn die Kinder aus der Schule kamen, sollte die Familie zusammen an einem Tisch sitzen.“

Nun sitzen dort auch die Enkel. Sohn David, 1988 geboren und hineingewachsen in eine Zeit, der die Pixel deutlich näher sind als die Pigmente, wird den Betrieb des Vaters weiterführen. Mit seiner Frau, einer gebürtigen Madrilenin, ist er nach ein paar Jahren in Berlin heimgekehrt in die Provinz, die ihm eine glückliche Kindheit und eine schwierige Jugend war. Denn dieses Aich-stetten ist nicht immer so groß und weit gereist wie die Steine, Erden und Pflanzen, die, noch unbearbeitet, in weißen Eimern im Erdgeschoss der Farbmühle lagern.

Mit seinen Chelsea Boots, dem schwarzen Parka und der Wollmütze scheint David Kremer Berlin noch mit sich herumzutragen, das Studium der Fotografie an der Universität der Künste, die Wohnung in Prenzlauer Berg. 2002, da war er gerade mal 16, hatte der Vater ihm eine ernste Frage gestellt. Ob er sich vorstellen könnte, Kremer Pigmente weiterzuführen, in zehn, fünfzehn Jahren. Ob er die Verantwortung übernehmen wolle für die 35 Mitarbeiter, für die Zinkoxide aus Peru, französische Umbra aus dem Jura, Lapislazuli aus Afghanistan und Terpentin aus Straßburg, gewonnen aus den Tannen der Vogesen.

Aussteigerträume werden so illustriert, die historische Hofanlage weit abseits der Moderne, die Apfelbäume und die alte Esche im Garten, das klappernde Mühlrad am rauschenden Bach. Manufactumschön ist diese Welt. Das wahre Leben im falschen. Aber all das wäre nicht der Rede wert, wäre es Georg Kremer nicht um die wahren Farben gegangen. Und um die Ware Farbe. Längst stehen auch Namen wie Daimler oder BASF, selbst ein global agierender Produzent industrieller Lacke und Farben, in der Kundenkartei von Kremer Pigmente.

Georg Kremer hat in Aichstetten also vor allem einen Einsteigertraum gelebt. Baute ein Unternehmen auf, das, mindestens in Europa, tatsächlich einmalig ist. Kremer Pigmente ist Weltmarktführer. Mit eigenem Laden in München und einem in New York, es gibt Vertriebsadressen in Japan, Russland, China, in ganz Europa sowieso.

Erster, nicht letzter seiner Art

Im zweiten Stock der Mühle, dort sitzt der Versand für die handlicheren Verpackungsgrößen, werden gerade kleine Glasdöschen, wie man sie ganz ähnlich von homöopathischen Medikamenten kennt, mit Pigmenten gefüllt. Eine Sonderedition für den Museumsshop des Metropolitan Museum in New York.

In Aichstetten feilen sie am guten Ruf. Wortwörtlich. Mahlen, waschen, trocknen, sieben, nochmals mahlen, von einem Kilogramm Stein bleiben am Ende 20 Gramm Pigment. Manches ist exzentrisch rar und entsprechend kostbar. Reines Lapislazuli, das Kilo steht aktuell mit 18.556 Euro in der Preisliste. Es ist das teuerste Pigment aus dem Standardrepertoire.

Der Nimbus der Kremer Pigmente ist gerade ihr Makel. Die Verweigerung, mit sich selbst identisch zu sein, weder im Glanz, noch in der Sättigung oder Textur. Naturprodukte, in denen die individuelle Signatur von Ausgangsprodukt und Verarbeitungsprozess sichtbar bleibt. Kunstmaler finden das lebendig, Restauratoren sehen darin die Vergangenheit; die Gegenwart sah darin lange nur eine Abweichung von der Norm. Eine Devianz, gegen die es Pillen gab: chemische, industriell gefertigte Farben.

Synästheten nennt man Menschen, die die Töne als Farben sehen. Georg Kremer vergleicht nun umgekehrt die Farben mit dem Sound. Erinnert an den Synthesizer, der ja auch mit der Behauptung angetreten war, all den Erfahrungsschatz an musikalischer Genialität und handwerklicher Perfektion in ein synthetisches Instrument zu packen, den Steinway, die Stradivari, die Stratocaster. „Zum Glück für uns gibt es Menschen, Kunstmaler wie Restauratoren, die geben sich eben nicht mit dem Synthesizer zufrieden.“

Georg Kremer hatte dieses Gefühl, als er sich auf die historischen Pigmente einließ, damals als Doktorand in Tübingen. Nicht nur, dass da ein kollektives Wissen, eine Kulturtechnik verloren gegangen ist. Sondern, dass da noch mehr sein müssten, die diese Färbungen vermissen. Er war nicht „der letzte seiner Art“, wie es so gerne heißt. Georg Kremer war der erste. Sein Geschäftsmodell ist auch in einen gesellschaftlichen Wandel hineingewachsen. Die Zweifel an der rationalisierten Moderne, zurück zur Natur, zu einem Es-gibt-sie-noch-die-guten-Dinge.

Einfach nur ein Lieferant

Mittelstand könnte man dazu sagen: kontinuierliches Wachstum, drei Dutzend Mitarbeiter, ein Jahresumsatz im höheren einstelligen Millionenbereich. Aber die Kremers denken bei Mittelstand eher an all die Logistiker und Automobilzulieferer, die aus den Allgäudörfern mit Autobahnanschluss begehrte Wohnlagen gemacht haben. Hochtechnisierte, rationalisierte Firmen. Die Kremers bleiben in dieser Welt Außenseiter. „Man begegnet uns im Ort zwar nicht mehr mit dieser ostentativen Skepsis, aber wirklich geheuer ist denen das, was wir machen, immer noch nicht.“

Ob sie ihre Farben denn erkennen würden, auf den Leinwänden der Vernissagen, der Museen, der Kunstauktionen. „Das wäre ja so, als würden sie einen Rinderzüchter fragen, ob der seine Kuh wiedererkennt, als Wurst oder als Tartar bei einem Sternekoch. Der Künstler betrachtet uns wie einen Lieferanten. Genau das sind wir ja eigentlich auch.“ Und vielleicht steckt gerade in diesem Satz das größte Geheimnis dieses Unternehmen. In einer Zeit, in der jeder Stuhl und jedes Auto Kunstwerk sein will, zieht sich hier einer ganz auf sein Handwerk und sein Unternehmersein zurück. Und nach Aichstetten, weit weg vom heißen Scheiß, vom überhitzten Kunstbetrieb.

David Kremer, der Sohn, baut jetzt sein eigenes Haus in Aichstetten, einen schlichten Neubau mit Flachdach und Lärchenholzfassade. Ein Haus ohne Vergangenheit. Die Geschichte der verlorenen Farben ist ihm schon Erbe genug.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/13.

Kommentare (1)

Vaustein 07.01.2014 | 15:39

Danke für diesen interessanten Bericht. Es ist gut, dass sich immer wieder Menschen finden, die erkennen, dass es Dinge gab, die fehlen und durch Neues nicht vollwertig zu ersetzen sind und durch ihre Arbeit dazu beitragen, dass diese Fertigkeiten bewahrt werden.

Ein ähnliches Beispiel ist die berühmte Maßschuhmacherin Saskia Wittmer, die in Florenz ihre Kunden aus der ganzen Welt mit bestem Schuhwerk ausstattet. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/massschuhmacherin-in-florenz-a-941529.html