Humus in Damaskus

Israel/Syrien Ein paar notorische Reflexe sind den Friedensofferten von Präsident Assad stets sicher

Während einer Taxifahrt hatte ich einmal ein Streitgespräch mit dem Fahrer - dazu muss man wissen, dass Taxifahrer in Israel für ihre extrem rechten Ansichten bekannt sind. Ich versuchte daher vergeblich, ihn davon zu überzeugen, dass Frieden mit den Arabern nur wünschenswert sei. In unserem Land, das in den fast sechs Jahrzehnten seiner Existenz keinen einzigen Tag Frieden erlebt hat, wirkt Frieden manchmal wie Science-Fiction.

Plötzlich hatte ich eine Eingebung. "Wenn wir Frieden haben", sagte ich, "könnten Sie am Morgen Ihr Taxi nehmen und nach Damaskus fahren, dort Mittagessen mit echtem Humus haben und abends wieder zu Hause sein."

Er jauchzte bei dieser Idee: "Wenn dies geschieht, dann nehme ich Sie umsonst mit!" - "Und ich werde Sie zum Mittagessen einladen!", reagierte ich. Er träumte weiter. "Wenn ich bis nach Damaskus fahren darf, kann ich ja von dort in einem Ritt weiter bis nach Paris!"

Bis sich Assad als Mitglied einer zionistischen Organisation eintragen lässt

Präsident Bashar al-Assad ist es dieser Tage wieder gelungen, die israelische Regierung zu verwirren. Solange er die fast rituelle Drohung ausspricht, den Golan mit Gewalt zu befreien, regt sich niemand auf. Es bestätigt ja nur, was jeder hören will: Es gibt mit Syrien keine Möglichkeit des Friedens - früher oder später werden wir wieder einen Krieg haben.

Wozu sind diese Gewissheiten gut? Ganz einfach: Weil man weiß, Frieden mit Syrien heißt: die Golanhöhen zurückgeben. Kein Frieden bedeutet, sie zu behalten.

Wenn Bashar al-Assad damit beginnt, über Frieden zu reden, beunruhigt uns das. Das klingt nach Verschwörung. Da kann - Gott bewahre! - eine Lage eintreten, die uns zwingt, das Gebiet aufzugeben.

Deshalb wollen wir nicht einmal darüber reden. Die Nachricht über Assads Rede muss von den Zeitungen in irgendeiner Ecke versteckt werden. Die Regierung weist sowieso alles zurück; man könne darüber nicht einmal diskutieren, bis ...

Bis was? Bis Assad aufhört, die Hisbollah zu unterstützen. Bis Syrien die Vertreter von Hamas und anderen palästinensischen Organisationen hinauswirft. Bis ein Regimewechsel in Damaskus stattfindet. Bis eine Demokratie im westlichen Stil errichtet ist. Kurz: bis sich Assad als Mitglied einer zionistischen Organisation eintragen lässt.

Als Yassir Arafat Ende der fünfziger Jahre die unabhängige palästinensische Nationalbewegung gründete, verlangten die Syrer, als Protektoren der Palästinenser anerkannt zu werden. Als Arafat dies ablehnte, warfen die Syrer seine gesamte Führung ins Gefängnis. Natürlich fanden fortan alle Feinde Arafats Zuflucht in Damaskus. Das ist bis heute der eigentliche Grund für die Präsenz einiger Hamas- und Jihad-Führer in dieser Stadt. Sie haben stets mehr die PLO als Israel bedroht.

Viele Jahre nach Arafats PLO-Gründung gab es die Idee einer "östlichen Front" - sprich: eines koordinierten Angriffs von Jordanien, Syrien und dem Irak -, die in Israel Alpträume verursachte. Die Prophezeiung des Jeremia (1,14): "Von Norden wird das Unheil losbrechen über alle, die im Lande wohnen", dröhnte dem israelischen Oberkommando in den Ohren. Seitdem haben wir Frieden mit Jordanien gemacht. Der Irak wurde von den Amerikanern unter dem begeisterten Beifall Israels und seiner amerikanischen Lobby in tausend Stücke geschlagen. Aber die Syrer werden noch immer als Bedrohung empfunden, weil sie mit dem Iran verbündet und mit der Hisbollah verknüpft sind.

Lohnt es sich für uns, in solch einer Situation zu leben, nur um die Golanhöhen zu halten? Der normale Menschenverstand verneint das. Wenn wir mit Syrien ein Friedensabkommen erreichen, wird automatisch ein Abkommen mit der Hisbollah folgen. Ohne den Konsens mit Syrien ist die Hisbollah keine wirksame Militärmacht mehr, da quasi alle Hisbollah-Waffen aus Syrien kommen oder syrischen Transit in Anspruch nehmen. Ohne syrischen Beistand wird die Hisbollah für uns keine Bedrohung mehr sein.

Zudem ist Syrien ein durch und durch säkulares Land. Als die Muslim-Bruderschaft einst gegen Assad senior rebellierte, richtete er unter ihnen ein Blutbad an. Auch sind die Syrer mehrheitlich Sunniten und werden nach einem Friedensschluss mit Israel keinen Grund mehr haben, es weiter mit den fanatischen Schiiten des Iran zu halten.

Warum machen wir dann keinen Frieden mit Syrien?

Darf Assad seine langen Beine im See Genezareth baumeln lassen?

Der eine Grund ist die Präsenz von 20.000 Golan-Siedlern, die viel populärer sind als die Siedler in der Westbank. Es sind keine religiösen Fanatiker, und ihre Camps wurden unter Schirmherrschaft der Arbeitspartei errichtet. Keine israelische Regierung hatte bislang den Mut, sie in Frage zu stellen.

Yitzhak Rabin dachte darüber nach und machte einen Rückzieher. Er zog sich auf die Position zurück, man solle zunächst das palästinensische Problem lösen. Ehud Barak wäre es fast gelungen, ein Abkommen mit Syrien zu schließen; auch er zog sich im letzten Augenblick zurück. Die einzige damals noch offene Frage erschien fast lächerlich - sie lautete: Sollten die Syrer das Ufer des Sees Genezareth erreichen (so wie es vor dem Sechs-Tage-Krieg war)? Oder in einer Entfernung von ein paar Dutzend Metern auf Abstand bleiben (so wie die Grenze zwischen den Briten und den Franzosen, die als Kolonialherren über Palästina beziehungsweise Syrien herrschten, festgelegt war)? Populär ausgedrückt ging es um die Frage: Darf der syrische Präsident seine langen Beine im See baumeln lassen? Für Assad senior war das eine Frage der Ehre. Also scheiterte der Vertrag.

Lohnt es sich, dafür das Leben Tausender Israelis und Syrer aufs Spiel zu setzen, die bei einem erneuten Krieg sterben würden?

Der zweite Grund, einen Frieden mit Syrien zurückzuweisen, liegt bei den USA. Syrien gehört zu Bushs "Achse des Bösen". Und da es dem amerikanischen Präsidenten nur noch um irgendeine Art Sieg im Nahen Osten geht, bietet sich die Zerstörung des syrischen Regimes an. Das wäre "ein Sieg für die Demokratie" und würde für das Irak-Fiasko entschädigen.

Keine israelische Regierung - und schon gar nicht die von Olmert - wird es wagen, gegen diesen präsidialen Wunsch zu handeln. Deshalb ist es selbstverständlich, dass jede Bewegung in Richtung Frieden von Seiten Assads von Anfang an zurückgewiesen wird. Ehud Olmert sagt demzufolge, wir müssen Assads Friedensangebot ignorieren, weil wir ihm nicht helfen wollen, Bushs Zorn zu entkommen. Ein israelischer Patriot würde natürlich genau das Gegenteil sagen: Wenn Assad bereit ist, mit uns Frieden zu machen - und sollte es nur deshalb sein, weil er Angst vor den Amerikanern hat - dann sollten wir dies ausnutzen, um endlich die Nordostgrenze zu befrieden. Stattdessen teilt Premier Olmert mit: " So lange ich Ministerpräsident bin, werden wir die Golanhöhen auf ewig nicht aufgeben!" Was heißt? Entweder glaubt Olmert, dass seine Amtszeit mit Gottes Amtszeit übereinstimmt, und er bis in alle Ewigkeit regieren werde - oder in Olmerts Welt dauert die Ewigkeit bestenfalls vier Jahre.

Auf jeden Fall muss mein Taxifahrer bis dahin auf sein Mittagessen in Damaskus warten.


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00:00 20.10.2006

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