Hundertmarkscheine auf die Gräber

NS-Zwangsarbeiter Nicht nur in Osteuropa oder den USA warten einstige Arbeitssklaven deutscher Unternehmen weiter auf ihre Entschädigung. Auch im Land der Täter

Keineswegs als "Quantensprung in Sachen Rechtssicherheit" (Volker Beck) deutet die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft die jüngste Entscheidung von US-Bundesrichterin Shirley Kram und spielt weiter auf Zeit. Ihr Sprecher Gibowski: "Wir werden die Hand so lange auf dem Geld halten, bis alle anhängigen Klagen in den USA erledigt sind." Eine Blockadestrategie, deren Zynismus angesichts Tag für Tag sterbender ehemaliger Zwangsarbeiter schwer zu übertreffen ist.

Sie haben deutsche Frauen geheiratet und leben größtenteils seit über 50 Jahren in dieser Stadt, in der sie äußerlich nichts von ihren Nachbarn unterscheidet. Viele von denen, die vor mehr als 60 Jahren aus den Ländern Osteuropas verschleppt wurden, wollen nichts mehr von "den alten Geschichten wissen". Doch wenn sich in den Räumen der polnischen Gemeinde von Mannheim die wenigen treffen, die heute noch leben, um über Formulierungen bei ihren Anträge auf Entschädigung zu beraten, wird nach wie vor lieber Polnisch als Deutsch gesprochen. Gerade 20 sind noch übriggeblieben - darunter Michael Laguniac, Stanislaw Alexantrowic und Josef Niemczura, die an einem Tisch zusammen sitzen und voller Skepsis und Misstrauen über ihr Recht auf Entschädigung reden.

Einer wirft ein: "Ich bin oft geschlagen worden, gegen den Kopf, aber wie soll ich das beweisen? Ein Franzose hat das gesehen, aber wo mag der geblieben sein?" Immer noch liegt die Beweislast allein bei ihnen. Laguniac, Alexantrowic und Niemczura mussten jahrelang auf Bauernhöfen in der Pfalz arbeiten. Auf dem Lande habe es durchaus Nischen gegeben, erinnern sie sich, mancher Bauer habe "seine" Polen nicht schlechter behandelt als den deutschen Knecht. Aber sie kennen auch Fälle von Landsleuten, die unter ständiger Prügel zu leiden hatten.

Besonders gefährlich war es, sich mit einem Mädchen einzulassen. Das bedeutete "Rassenschande" - ein tödliches Risiko. Wer als Zwangsarbeiter denunziert wurde, musste damit rechnen, gehängt zu werden. Josef Niemczura sah sich eines Tages mit etwa 150 Landsleuten von der Gestapo in einen kleinen Ort im Odenwald getrieben, um die öffentliche Hinrichtung eines Polen mit ansehen zu müssen. Exekutiert zur Abschreckung, wie es hieß, weil er ein Verhältnis mit einer Deutschen hatte. Doch Niemczura ließ sich nicht abschrecken: Nach dem Krieg heiratete er seine deutsche Geliebte.

Liebe war eine Form des Widerstandes in einer Umwelt, die von Neid, Hass, Verrat beherrscht war und Kinder solcher Verbindungen als "unerwünschten, rassisch minderwertigen Nachwuchs" betrachtete. Sofort nach der Geburt von der Mutter getrennt, erfolgte zumeist eine Einweisung dieser Kinder in ein NS-Heim und damit eine Verurteilung zu Schikanen, Drangsal und Siechtum. - "Eltern eines Kindes, welches während der Unterbringung in einem Zwangsarbeiter-Kinderheim verstarb, können bis zu DM 15.000 Entschädigungsleistung erhalten", steht heute in den Antragsformularen der Stiftungsinitiative.

Im Mai 1945 erschossen in Mannheim drei einstige Arbeitssklaven den Aufseher ihres Fabriklagers. Wie war es bei Stanislaw Alexantrowic oder Josef Niemczura? Fühlten sie nie das Bedürfnis nach Rache? Beide zucken mit den Schultern. "Wozu damals? Wozu jetzt? Es ist ohnehin zu spät." Auch Michael Laguniac blickt müde vor sich hin: "Damals, in den ersten Tagen nach dem Ende des Krieges, da hätten wir alles tun können. Heute ist das lange vorbei." Auch wenn es ihm damals nicht leicht gefallen sei, sich für Deutschland zu entscheiden - da war die Liebe zu seiner späteren Frau, da gab es aber auch einen künftigen Schwiegervater, der in der SA gestanden hatte. "Oft half es, dass wir Polen untereinander Kontakt hielten."

Ein ehemaliger KZ-Häftling, der zur Mannheimer Gemeinde gehört und bis 1945 in Mauthausen und Dachau interniert war, mischt sich in das Gespräch. "Deutscher oder Pole, eigentlich ist es egal, es gibt doch überall gute Menschen und schlechte." Seine Nachbarn wüssten genau, wo er 1945 hergekommen sei, aber sie ignorierten es. Das scheint ihn mehr aufzubringen als die radiologischen Experimente, denen er seinerzeit im Lager unterworfen war.

"Die Russen wollten uns heim schleppen", erzählt Niemczura, "aber wir hielten uns lieber an die Amerikaner." Doch auch die wollten die "Ostarbeiter" nach Kriegsende bald nach Hause schicken. Die Westmächte, vor allem die USA, gingen davon aus, dass in Europa ein weiterer Krieg bevorstehe - diesmal gegen die Sowjetunion. Ehemaligen Zwangsarbeitern aus Osteuropa, die oft zutiefst antikommunistisch eingestellt waren, fiel in diesen Planungen die Rolle einer Fünften Kolonne zu, da sie in ihren Herkunftsländern oft als Kollaborateure galten und kaum Möglichkeiten besaßen, über erlittenes Unrecht zu sprechen.

Wer unter all diesen Umständen dennoch in Deutschland blieb, konnte sich in den meisten Fällen nur schwer in eine umtriebige und vergessliche Nachkriegsgesellschaft integrieren, kam nicht selten in psychiatrische Anstalten oder wurde Alkoholiker. Manche begingen Selbstmord - in der Mannheimer polnischen Gemeinde jeder Zehnte. Ehen mit deutschen Partnern scheiterten reihenweise.

Bei der zentralen Antragstelle in Berlin sind bisher über 145.000 Anträge auf Entschädigung eingegangen, schon jetzt zu viele für die versprochene Summe. "Rein rechnerisch kommen 3.000 Mark auf jeden, der sich bemüht", kalkuliert Michael Laguniac, "welche Hoffnungen soll man da haben. Außerdem sind wir zu oft vertröstet worden." Und an seine Landsleute gewandt, versucht er es mit verzweifeltem Humor: "Wenn ihr alle tot seid, laufe ich über eure Gräber und verstreue die Hundertmarkscheine." - Niemand lächelt.

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00:00 18.05.2001

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