Hunger nach Heimat

Protest Seit vier Wochen sitzt Firas Maraghy vor der Botschaft Israels und hungert. Er will ­damit erst aufhören, wenn seine Tochter in Jerusalem leben darf

Wer Firas Maraghy verstehen will, muss seine Liebe verstehen, die Liebe zu seiner Heimat und die zu seiner Familie. Und wer diese Liebe versteht, kapiert vielleicht auch, wie jemand solch eine Angst haben kann, zerrissen zu werden, dass er bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen.

Maraghy sitzt in Berlin-Schmargendorf zwischen Villen und sagt, er sei bereit zu sterben. Er hat seit dem 26. Juli nichts mehr gegessen. Die dunklen Augen des 39-Jährigen sind müde, die unrasierten Wangen eingefallen. Immer wieder nimmt er einen Schluck aus einer Wasserflasche oder zündet sich eine Zigarette an. Die Finger an seiner rechten Hand sind gelb vom Nikotin. Er raucht, was ihm gerade zwischen die Finger kommt, was ihm seine Unterstützer so mitbringen: mal selbstgedrehte Zigaretten, mal rote Gauloises, mal eine Mentholzigarette. In 50 Metern Entfernung erhebt sich der Zaun der israelischen Botschaft, eine Überwachungskamera schaut in Maraghys Richtung. Er sitzt dort, um dagegen zu protestieren, wie die israelischen Behörden mit ihm umgehen.

Maraghy fordert für seine Tochter die Erlaubnis, in Jerusalem leben zu dürfen. Vorher will er seinen Hungerstreik nicht beenden. Die Botschaft gibt an, dafür nicht zuständig zu sein und verweist auf das israelische Innenministerium.

Wer Firas Maraghy verstehen will, muss ihn mit seiner Tochter sehen. Jeden Tag besucht ihn seine deutsche Frau Wiebke Diehl mit der sieben Monate alten Zaynab. Diese Stunden seien für ihn die glücklichsten, sagt er. Er singt dann arabische Lieder für sie, spielt mit ihr und wenn er sie zum Lachen bringt, scheinen für einen kleinen Moment seine Angst und seine Wut zu verschwinden. Auch wenn Zaynab erst sieben Monate alt ist, merkt sie, dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Manchmal nehme sie zuhause das Telefon in die Hand und rufe „Baba! Baba!“, sagt Wiebke Diehl. Oder sie ziehe im Badezimmer an ihrem Handtuch und ruft nach ihrem Vater, der sie früher jeden Tag gebadet hat.

Israel zwinge ihn, sich zwischen seiner Familie und seiner Heimat zu entscheiden, so sieht Firas Maraghy es, so sehen es seine Frau, seine Freunde und Unterstützer. Die israelische Botschaft sieht das anders und verweist bei Anfragen in einer „Stellungnahme zum Hungerstreik von Firas Maraghy vor der Botschaft“ in knappen Worten auf die „israelische Rechtslage“.

Gesetz, um Leute loszuwerden

Die Passanten in Schmargendorf kennen Maraghy inzwischen, sprechen ihn an, schenken ihm Zigaretten oder Flaschen mit Wasser. Eine ältere Dame, die ihren Rauhaardackel täglich zwei Mal ausführt, grüßt freundlich und erkundigt sich, wie es ihm gehe. Maraghy lächelt und sagt: „Wir sind ja jetzt Nachbarn.“ Nach seinem Willen soll das nicht so bleiben.

Der Maraghy-Clan lebt seit rund 150 Jahren in Silwan, einem Stadtteil von Ostjerusalem. Etwa 800 Mitglieder hat die Großfamilie, fast alle von ihnen leben in einer Straße, die von den Menschen in Silwan deshalb nur Maraghy-Straße genannt wird. Aber seit der Besetzung Ostjerusalems durch die israelische Armee 1967 sind die Palästinenser dort nur noch geduldet: Sie haben weder einen israelischen noch einen palästinensischen Pass, nur einen Personalausweis und ein so genanntes Laissez-Passer-Dokument, dass ihnen garantiert, dass sie nach der Ausreise wieder nach Israel einreisen dürfen. Ein solches Dokument will Maraghy nun auch für seine Tochter, die in Deutschland geboren ist und ein Anrecht auf die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Auch sie soll sich später entscheiden können, ob sie in Jerusalem oder in Berlin leben will.

„Jerusalem ist einfach keine normale Stadt. Berlin ist schön, ja. Aber mein Herz ist an einem anderen Platz“, sagt Maraghy. An einem Mittwoch im Jahr 2001 kam er zum ersten Mal nach Berlin, am Freitag war er krank vor Heimweh. Maraghy lächelt wehmütig, wenn er von seiner Stadt erzählt, von den Wegen durch die Altstadt, dem Treiben rund um das Damaskustor. Obwohl er inzwischen seit drei Jahren in Berlin lebt, wache er noch immer manchmal nachts auf, und wisse nicht, wo er sei. Der Gedanke für immer hier zu bleiben, machte ihn verrückt. „Wiebke weiß das“, sagt er.

Deutscher sein hilft nicht

2007 heiratete Maraghy seine deutsche Lebensgefährtin Wiebke Diehl und zog zu ihr nach Berlin. Die deutsche Staatsbürgerschaft nahm er nicht an, sondern behielt seinen alten Personalausweis. „Mit einem deutschen Pass würde ich das Recht verlieren, in meiner Heimatstadt zu leben“, sagt Maraghy. Bei jeder Reise nach Israel müsste er ein Visum beantragen und würde mit der Angst fliegen, am Flughafen vielleicht abgewiesen zu werden.

Deshalb reist er im Mai 2009 nach Jerusalem, um sein Laissez-Passer-Dokument zu erneuern, und seine Ehe eintragen zu lassen – was auch seiner Frau eine Aufenthaltsgenehmigung verschaffen würde. Doch die Behörden weigern sich. Die Begründung: Er lebe jetzt in Deutschland. Sein Reisedokument erneuern sie bis Mai 2011 und kündigen an, ihm dann seine Einwohnerrechte offiziell zu entziehen, wenn er nicht für mindestens eineinhalb Jahre in Jerusalem bleibe. „Sie hofften wohl, dass ich wieder nach Deutschland fahre und dort bleibe“, sagt Maraghy.

Hatim Abu Ahmad ist ein israelischer Anwalt, der Palästinenser aus Ostjerusalem vor Gericht vertritt. Er hat schon viele Schicksale wie das von Maraghy erlebt. „Er hat sein Recht nur deshalb verloren, weil sie wissen, dass er geheiratet hat und nun eine neue Staatsbürgerschaft annehmen kann“, schreibt er in einer Mail. Die einzige Möglichkeit sei, vor dem Obersten Gerichtshof Israels Klage einzulegen. „Diese Art von Gesetzen wurde gemacht, um noch mehr Palästinenser loszuwerden.“

Zwang zur Rückkehr

Nach seinem Besuch in Israel kehrt Maraghy frustriert nach Deutschland zurück. Als im Dezember 2009 seine Tochter Zaynab zur Welt kommt, beantragen er und seine Frau in der Botschaft für sie das Laissez-Passer-Dokument. Sie füllen alle Formulare aus und bekommen nach einer Woche eine Absage. Die Begründung: die Mutter des Mädchens sei Deutsche. Die Botschaft verweist auf das Innenministerium in Jerusalem, nur das könne seine Tochter als Einwohnerin Israels registrieren, „und zwar wiederum nur dann, wenn er nach Israel zurückkehren würde“, schreibt die Botschaft heute in ihrer Stellungnahme.

Da beschließt die Familie zu kämpfen. Maraghy packt einen schwarzen Campingstuhl, eine Isomatte, ein paar Flaschen Wasser und setzt sich unter einen Baum in Sichtweite der Botschaft. Dann hört er auf zu essen. Seine Frau schreibt auf eine Pappe den 13. Artikel der Erklärung der Menschenrechte:

„1. Jeder hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen.

2. Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.“

Fast vier Wochen ist das nun her. Seitdem sitzt er dort Tag und Nacht, in der Hitze, im Regen. Abends zündet er ein paar Teelichter an. „Der Botschafter soll mich sehen“, sagt er. Wenn ihn jemand fragt wie es ihm gehe, gibt er meist die gleiche Antwort: „Gut, ich kann noch lange durchhalten.“ Dann lächelt er und macht einen Witz, wie gut er sich inzwischen mit den Berliner Wassersorten auskenne.


Firas Maraghy und Wiebke Diehl haben sich vor zehn Jahren kennengelernt. Sie machte damals nach dem Abitur ein freiwilliges Auslandsjahr und arbeitete für die israelische Organisation Akim in einem Heim für behinderte Kinder. Auch Maraghy arbeitete dort, zwei Wochen lang liefen sie sich jeden Tag über den Weg. Sie mochten sich und langsam verliebten sie sich ineinander. Nachdem Wiebke Diehl nach Deutschland zurückgekehrt war, schrieben sie über Monate E-Mails und redeten am Telefon. „Am Anfang fand ich das schwierig, jeden Tag zu telefonieren. Tagsüber zwei, drei Mal und dann abends vor dem Einschlafen nochmal eine Stunde, das musste sein“, sagt er. Die beiden konnten damals nur ahnen, welche Schwierigkeiten ihre Liebe mit sich bringen würde.

Zwei Mal besuchte Maraghy seine Freundin in Deutschland, in ihrer kleinen Studentenwohnung im Berliner Stadtteil Moabit. Zwei Mal im Jahr flog Diehl für ein paar Wochen nach Jerusalem. Sieben Jahre hielten sie so durch. „Dann war uns klar: Es kann so nicht weitergehen. Wir müssen uns entscheiden“, sagt Diehl. Und so stiegen sie im Herbst des Jahres 2007 in ein Flugzeug nach Deutschland, heirateten und suchten sich in Moabit eine größere Wohnung. Besonders Diehls Mutter unterstützte die beiden auch finanziell.

Maraghy hätte gerne gearbeitet, er ist nicht wählerisch, was seine Arbeit angeht. Er hatte schon als Krankenpfleger und auf dem Bau gearbeitet, außerdem eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann gemacht. „Aber wie sollte das hier in Deutschland dauerhaft gehen, ohne einen Arbeitgeber zu belügen?“, fragt er. Denn der Ärger mit den israelischen Behörden war abzusehen, es war nie klar, ob er bald wieder nach Jerusalem ziehen müsse, um sein Wohnrecht dort nicht zu verwirken.

Ende einer Jugend

Seine Frau Wiebke macht sich von Tag zu Tag mehr Sorgen: „Die Sache an sich ist richtig. Aber es wäre Quatsch zu sagen, ich fände das nur toll.“ Er sagt: „Ich weiß, wenn ich zuhause sitze und nichts mache, würde ich auch sterben.“ Sie sagt: „Ich kenne ihn.“ Wenn er sich zu etwas entschlossen habe, bringe er es zu Ende. Und wer es sieben Jahre lang geschafft hat, sich seine Liebe nicht von der Weltpolitik kaputtmachen zu lassen, der lässt den anderen nicht alleine. So einfach ist das wohl.

Zu einer Protestkundgebung vor der Botschaft sind rund 70 Menschen gekommen, darunter Lafi Khalil. Er kennt Maraghy seit dessen erstem Tag in Deutschland. Während Maraghy umringt ist von Menschen, die ihm ihre Unterstützung versprechen, steht Khalil ein wenig abseits, während er über seinen Freund spricht. „Firas hat all diese Probleme kommen sehen und er hatte Angst vor diesem Moment”, sagt Khalil. Wenn die beiden zusammensitzen, erzählt Maraghy oft von seiner Kindheit in Jerusalem. Vielleicht ist das für ihn eine Möglichkeit zu vergessen, wie weit weg seine Heimat ist. Er erzählt Khalil dann die Geschichte seiner Familie, beschreibt ihm den Weg, den er nimmt, wenn er von Silwan in die Altstadt Jerusalems läuft, von den Cafés und den Menschen, die er dort trifft. Vom Ende seiner Jugend spricht Maraghy mit Khalil selten.

Das war, als Maraghy 17 Jahre alt war. Es war die Zeit der ersten Intifada, Maraghy warf Steine auf israelische Soldaten, demonstrierte und engagierte sich für die Jugendorganisation der Volksfront zur Befreiung Palästinas. Die Israelis verurteilten ihn zu fünf Jahren Gefängnis. Er sagt, die Hälfte der Anklagepunkte seien von seinen Freunden unter Folter erpresst worden. Weiter mag er über diese Zeit nicht reden. „Ich habe seit 17 Jahren keinen Kontakt mehr zu den Menschen von damals. Mein Kampf heute hat damit nichts zu tun.“

Wer Firas Maraghy verstehen will, der muss ihm auch zuhören. „Man kann mir mein Geld wegnehmen, das ist nicht schlimm. Aber die Israelis nehmen mir meine Rechte. Das ist, als ob mir jemand mein Leben nimmt. Meine Tochter soll wissen, dass sie diese Familie hat, sie soll nicht alleine sein in dieser großen Stadt. Wenn sie in 20 Jahren nicht weiß, wo eigentlich ihre Wurzeln sind, würde ich mich schuldig fühlen. Ich muss ihr in 20 Jahren in die Augen schauen können.“

Patrick Hemminger ist Reporter und Islamwissenschaftler. Er arbeitet häufig zu Nahost-Themen

07:00 23.08.2010

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