Alex J. Kay
23.01.2009 | 00:00

Hungertod nach Plan

Vernichtungskrieg Hunderttausende Menschen starben während der Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg. Ein Beispiel für die systematische deutsche Hungerpolitik gegen die sowjetische Bevölkerung

Es muss für die Bevölkerung Leningrads ein kaum vorstellbares Gefühl der Erleichterung gewesen sein, als sowjetische Truppen nach 900 Tagen den deutschen Belagerungsring um die Stadt endlich gesprengt hatten. Vor 65 Jahren, am 27. Januar 1944, endete damit die wohl größte Katastrophe, die eine Stadt im Zweiten Weltkrieg erleiden musste. Mindestens 800.000 und vielleicht bis zu 1,2 Millionen der drei Millionen Einwohner waren während der Belagerung verhungert. Dass der Wehrmacht in zweieinhalb Jahren die Einnahme der Stadt nicht gelang, wird in der Geschichtsschreibung häufig als Scheitern der deutschen Angriffspläne interpretiert. Doch hinter dem deutschen Vorgehen stand kein militärisches Unvermögen: Das heutige St. Petersburg sollte ebenso wie andere sowjetische Städte ausgehungert werden. Hitler und die Heeresführung wollten das Land nicht nur erobern, sondern die Bevölkerung teilweise vernichten.

Rüstung gegen den deutschen Hunger

Der systematischen Aushungerung Leningrads lag eine von der deutschen Staats- und Militärführung ausgearbeitete umfassende Hungerpolitik zugrunde. Ernährungsfragen spielten dabei, wie überhaupt bei dem Entschluss für den Angriff auf die Sowjetunion, eine entscheidende Rolle. Schon vor dem Krieg benötigte Kontinentaleuropa Getreideimporte von bis zu 13 Millionen Tonnen jährlich; dies entspricht dem Bedarf von über 25 Millionen Menschen. Vor dem Hintergrund, dass Großbritannien weiterhin unbesiegt und mit einem Kriegseintritt der USA unmittelbar zu rechnen war, schien es der deutschen Führung im Kriegsjahr 1940 unerlässlich, die Rohstoff- und Lebensmittelzufuhr sicherzustellen und damit Deutschland blockadefest zu machen. Sonst wäre Deutschland nicht in der Lage gewesen, einen Zermürbungskrieg gegen die angelsächsischen Mächte führen zu können. Nur die Reichtümer der sowjetischen Gebiete, so das Kalkül der deutschen Führung, konnten Deutschland und das von Deutschland besetzte Europa für den kommenden Weltkrieg ausreichend ausstatten. Zudem war die traumatische Erfahrung der Hungerrevolte von 1917/18 noch sehr präsent. Weitere Senkungen der Lebensmittelrationen in Deutschland, wie die Mitte Januar 1941 beschlossene, Anfang Juni desselben Jahres erfolgte Verminderung der Fleischrationen, sollten um jeden Preis verhindert werden.

Zu zaristischen Zeiten hatte Russland jährlich elf Millionen Tonnen an Getreideüberschüssen erzielt. 30 Jahre später waren es aber nur noch bis zu zwei Millionen. Um die Jahreswende 1940/41 hatte der Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Herbert Backe, die Idee, sowjetische Getreideüberschüsse dadurch zu erhöhen, indem der Konsum der Bevölkerung "herabgedrückt" würde. Mit anderen Worten: Die Menschen sollten hungern. Im Laufe des Januar, als Backe sowohl Hitler als auch den für die Wirtschaft zuständigen Hermann Göring durch Vorträge für sein Konzept gewinnen konnte, konkretisierten sich seine Vorstellungen.

Seit Februar waren auch die später dem militärischen Widerstand zugerechneten Generäle Georg Thomas und Eduard Wagner in die Planungen eingeweiht. Thomas war Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes im Oberkommando der Wehrmacht und wurde vor dem Angriff auf die Sowjetunion mit dem Aufbau des für die wirtschaftliche Ausbeutung der sowjetischen Gebiete zuständigen Wirtschaftsstabes Ost beauftragt. Wagner war als Generalquartiermeister des Heeres sowohl für die Versorgung des Heeres als auch für das Kriegsgefangenenwesen im Operationsgebiet zuständig. Am 2. Mai 1941 fand eine Besprechung statt, an der Vertreter der Ministerialbürokratie und Wehrmachtstellen teilnahmen und die der Ausarbeitung und Koordinierung einer Strategie dienen sollte, die von der obersten Führung schon genehmigt worden war.

Das Ergebnis der Besprechung lautete: "1. Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Rußland ernährt wird. 2. Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird." Gleichzeitig hieß es in vertrautem Kreis Hitlers, dass alle Großstädte dem Erdboden gleichgemacht und Russland auf das Niveau eines Bauernvolkes reduziert werden sollte. Am 23. Mai 1941, drei Wochen nach der Staatssekretärsbesprechung, erschienen die ausführlichen wirtschaftspolitischen Richtlinien des Wirtschaftsstabes Ost. Darin hieß es: "Die Bevölkerung dieser Gebiete, insbesondere die Bevölkerung der Städte, wird größter Hungersnot entgegensehen müssen. ... Viele 10 Millionen von Menschen werden in diesem Gebiet überflüssig und werden sterben oder nach Sibirien auswandern müssen. Versuche, die Bevölkerung dort vor dem Hungertode ... zu retten, ... können nur auf Kosten der Versorgung Europas gehen. Sie unterbinden die Durchhaltemöglichkeit Deutschlands im Kriege, sie unterbinden die Blockadefestigkeit Deutschlands und Europas."

30 Millionen Tote erwartet

Eine deutlichere Sprache kann man kaum sprechen. Durchgeführt werden sollte diese Strategie der Vernichtung durch Hunger durch die Abriegelung der Getreidezuschussgebiete (Nord- und Mittelrussland, zusammen mit den darin liegenden Millionenstädten Moskau und Leningrad) von den Getreideüberschussgebieten (Ukraine und Südrussland).

Anfang Juni traf sich Backe mit dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler, der wenige Tage später vor seinen SS-Führern davon sprach, dass "der Zweck des Rußlandfeldzuges die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um dreißig Millionen" sei. Es ist wohl kein Zufall, dass die Bevölkerung der Sowjetunion, und zwar ausschließlich die Stadtbevölkerung, zwischen 1914 und 1939 um dreißig Millionen gewachsen war. Infolge der Hungerpolitik, die "insbesondere die Bevölkerung der Städte" treffen würde, sollte die eingetretene Industrialisierung und Verstädterung rückgängig gemacht werden. Die Zahl von 30 Millionen Hungertoten kursierte innerhalb der NS-Führung. Auch die Besatzungsbehörden an Ort und Stelle wussten Bescheid, wie mit den Einheimischen umzugehen war. Der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz Fritz Sauckel berichtete 1942 rückblickend, dass bei einem Besuch im Herbst 1941 in der Ukraine "alle deutschen Dienststellen auf der Überzeugung bestanden, daß im kommenden, also im vergangenen Winter, mindestens zehn bis zwanzig Millionen dieser Leute einfach verhungern würden". Die Bewohner der Ukraine gehörten dabei nicht einmal zu den zur Hungersnot Verurteilten in den Zuschussgebieten.

Der Hunger als Waffe

Es war nicht allein die Blockadefestigkeit des deutsch besetzten Europas, die von der Hungerpolitik abhing. Das deutsche Feldzugskonzept an sich stand und fiel mit einer radikalen Ausbeutung der sowjetischen Landwirtschaft. Das drei Millionen Mann starke Ostheer musste über Riesenentfernungen mit Treibstoff, Munition und Verpflegung versorgt werden. Gleichzeitig hing der Erfolg der Feldzugstrategie vom Tempo des deutschen Vormarsches ab, da der Gegner in großräumigen Aktionen eingeschlossen und ihm ein Ausweichen in die Tiefe des Raumes unmöglich gemacht werden sollte. Die Operationen konnten allerdings nur zwei Monate lang mit Kraftwagentreibstoff voll versorgt werden.

Aus dieser Situation, in der die Treibstoffvorräte immer kleiner, die Nachschublinien aber immer länger und gefährdeter wurden, gelangte man zu der Erkenntnis, dass alles getan werden musste, um den benötigten Nachschub aus Mitteleuropa zu minimieren. "Die Truppe muß sich bewußt sein, daß jede Einsparung im Nachschub, besonders von Verpflegung, die Reichweite der Operationen vergrößert", hieß es Mitte Mai 1941 in einer Anordnung der Wehrmacht. Aus deutscher Sicht sollte dieses selbstverschuldete Problem durch eine drastische Einschränkung von Verpflegungstransporten und die möglichst vollständige Ernährung der deutschen Truppen "aus dem Lande" gelöst werden. Daher lag die Hungerpolitik - das heißt das Verhungern von 30 Millionen Menschen - im Interesse der Wehrmacht.

Dass die Hungerpolitik nicht in dem Ausmaß implementiert werden konnte, wie es sich die Ernährungsplaner vorgestellt hatten, kann nicht verwundern. Bald wurde offensichtlich, dass der Feldzug nicht planmäßig verlief. Bei einer sich immer weiter verschlechternden militärischen Lage und unzureichenden Sicherungstruppen zeigte sich die Unmöglichkeit, ganze Gebiete abzuriegeln und die Verhungerung von "zig Millionen Menschen" auf diese Weise "einfach" herbeizuführen. In der Tat gingen zahlreiche Einheimische auf Hamsterfahrten jenseits der Hauptstraßen, und der Schwarzhandel blühte.

Trotzdem waren die Folgen der Hungerpolitik für die Einheimischen verheerend. Millionen von Menschen verhungerten. Hauptopfer dieses Vorgehens waren die Stadtbewohner und - vor allem - die sowjetischen Kriegsgefangenen. Die Militärführung kannte die Zahl der zu erwartenden Gefangennahmen von Rotarmisten, traf aber absichtlich keine ausreichenden Vorbereitungen, die Gefangenen unterzubringen und zu ernähren. Da sie interniert waren und Lebensmittel zugeteilt bekamen, waren die Kriegsgefangenen die einzige Bevölkerungsgruppe, bei der sich die Hungerpolitik mit verhältnismäßiger Leichtigkeit umsetzen ließ. Von den rund 5,7 Millionen Rotarmisten, die in die Gefangenschaft und damit die Gewalt der Wehrmacht gerieten, kamen etwa 3,3 Millionen, fast 58 Prozent, um. Der weitaus größte Teil verhungerte oder starb an den Folgen des Hungers. Auch Städte wie Kiew und Charkow, die im Gegensatz zu Leningrad nicht belagert, sondern besetzt wurden, erlitten horrende Verluste an Menschenleben infolge dieser absichtlich herbeigeführten Hungersnot.

In jüngster Zeit ist die schon längst widerlegte These wiederbelebt worden, dass eine vermeintliche "logistische Katastrophe" sowohl für den Massentod der Kriegsgefangenen als auch für das Hungersterben in den Großstädten verantwortlich gewesen sei. Bezeichnend für das deutsche Vorgehen ist dagegen vielmehr eine Äußerung des Generalquartiermeisters Wagner in einem Brief an seine Frau vom 9. September 1941: "Zunächst muß man ja Petersburg schmoren lassen, was sollen wir mit einer 31/2 Mill. Stadt, die sich nur auf unser Verpflegungsportemonnaie legt. Sentimentalitäten gibt´s dabei nicht." Diese rücksichtslose Konsequenz bewies die Wehrmacht auch dadurch, dass sie die Lebensmittellager in der Stadt gezielt beschoss. Die Hungerkatastrophe in den von Deutschland besetzten sowjetischen Gebieten ist letztendlich auf eine unmenschliche Politik zurückzuführen, die von der NS- und Militärführung gemeinsam formuliert und von deutschen Dienststellen, einschließlich des Heeres, umgesetzt wurde.

Alex J. Kay ist britischer Historiker und lebt und arbeitet in Berlin. 2005 promovierte er in Neuerer und Neuester Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Dissertation erschien 2006 unter dem Titel Exploitation, Resettlement, Mass Murder: Political and Economic Planning for German Occupation Policy in the Soviet Union, 1940-1941.