Jan Lundqvist
31.08.2012 | 15:00

Hungrig zu Bett

Welternährung Jan Lundqvist, Direktor des Stockholm Water Institute, über Lebensmittelverschwendung als Hypothek für die Zukunft unserer Wasserversorgung

Kein Kind hungrig zu Bett

Auf der ersten Welternährungskonferenz, die 1974 in Rom stattfand, gab Henry Kissinger das löbliche Versprechen, er werde dafür Sorge tragen, dass „in zehn Jahren kein Kind mehr hungrig zu Bett geht“. Es gab Grund, optimistisch zu sein. Über Jahre hinweg nahm die weltweite Lebensmittelproduktion schneller zu als die Weltbevölkerung. Die Zahl der an Unterernährung Leidenden konnte schrittweise zurückgedrängt werden. Die weite Verbreitung von ertragreichen Samenarten und andere Maßnahmen führten für Landwirte wie für Verbraucher zu handfesten Verbesserungen. Ungefähr zwei Jahrzehnte lang festigte die grüne Revolution die Lebensmittelsicherheit und Lebensgrundlage mehrerer hundert Millionen von Menschen, vor allem in Asien. Mitte der Neunziger litten aber immer noch eine halbe Milliarde Menschen an Unterernährung und die Zahl derjenigen, die hungrig zu Bett gehen müssen, nahm von da an wieder zu.

Ein großer Überschuss an Nahrungsmitteln

Paradoxerweise wiesen die Statistiken bei der Lebensmittelproduktion und den auf dem Markt erhältlichen Mengen an Lebensmitteln auch weiterhin eine positive Entwicklung auf. Die Ursache für die steigende Zahl von Menschen mit unsicherer Ernährungslage besteht in deren Armut. Die ärmste Milliarde der Menschheit hat aufgrund mangelnder Kaufkraft nur begrenzten Zugang zu den erzeugten Lebensmitten und anderen lebenswichtigen Dingen und Dienstleistungen, nicht zuletzt Wasser.

Diese bedauerliche Situation ist insbesondere vor dem Hintergrund bemerkenswert, dass jedes Jahr schätzungsweise 1, 3 Milliarden Tonnen an produzierten Nahrungsmittel verloren gehen und verschwendet werden. Das entspricht in etwa 170 bis 180 kg pro Kopf oder einem Drittel der gesamten Produktion.

Aber wir sprechen nicht nur von Nahrungsmitteln. Wir sprechen auch über die Hauptnutzungsart von Wasser und insbesondere dessen Missbrauch. Im Durchschnitt braucht man für die Erzeugung einer Kilokalorie einen Liter Wasser. Während ein armer Mensch sich von 1.800 bis 2.000 Kcal ernährt (wozu entsprechend zwischen einer und zwei Tonnen Wasser erforderlich sind) können Reiche über ihren Lebensmittelkonsum mehr als fünf Tonnen verbrauchen. Es geht also nicht nur darum, die Verschwendung von Nahrungsmitteln einzuschränken, sondern auch darum, den Wassermangel zu lindern und eine bessere Nutzung dieser begrenzten und großen Schwankungen unterworfenen Ressource zu ermöglichen.

Kurzfilm des Dokumentarfilmers Valentin Thurn über die weltweite Wasser-, Boden- und Energieverschwendung durch das Wegwerfen von Lebensmitteln (Quelle: Youtube)

Hohe und vielfältige Kosten für ein begrenztes Ziel

Es gibt also eher einen Überschuss als einen Mangel an Nahrung. Es ist natürlich von entscheidender Bedeutung, für eine wachsende und zunehmend wohlhabende Bevölkerung genügend Nahrungsmitteln zu produzieren. Wenn aber ein großer Teil der Produktion verlorengeht, verdirbt, weggeworfen oder auf andere Weise missbraucht wird, erscheint es sinnvoll, die Perspektive auszuweiten und Strategien zu benennen, die Produktion und nachhaltige Ernährungsweisen für eine wachsende Bevölkerung miteinander in Beziehung setzen.

Rein ökonomisch ausgedrückt belaufen sich die Verluste aus Verschwendung und Nicht-Nutzung auf 200 Milliarden Euro. Welches Unternehmen, das im Geschäft bleiben will, könnte sich den Ausfall eines Drittels seiner Produktion leisten? Es ist schlichtweg unvernünftig, ein Drittel eines Produkts wegzuwerfen, dessen Herstellung so viel Anstrengung und Ressourcen gekostet hat. Warum sollten Konsumenten und Entscheidungsträger das akzeptieren? Während arme Haushalte einen Großteil ihres verfügbaren Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, liegt der Anteil in reichen Ländern gegenwärtig bei zehn bis fünfzehn Prozent der Haushaltbudgets. Hier sind Steuern allerdings noch nicht mit eingerechnet: Von dem Gesamthaushalt der EU, der bei etwas unter 150 Milliarden Euro liegt, werden ungefähr 40 Prozent für die Gemeinsame Agrarpolitik aufgewendet. Subventionen, die einen Großteil dieser Mittel ausmachen, fördern tendenziell die Produktion, ohne dabei die regionale und globale Lebensmittelsicherheit zu berücksichtigen. Es ist irrsinnig, dass selbst konservativen Schätzungen zufolge der ökonomische Wert der weltweit verschwendeten Nahrungsmittel höher liegt als der gesamte EU-Haushalt und fast doppelt so hoch wie die weltweiten Mittel für Entwicklungszusammenarbeit.

Doch trotz dieser atemberaubenden Zahlen sind die unnötige Verschwendung natürlicher Ressourcen und die umweltpolitischen Implikationen noch weitaus besorgniserregender. Jedes produzierte Lebensmittel hat Wasser verbraucht, Land in Beschlag genommen, zum Treibhauseffekt beigetragen und die Umwelt noch anderweitig beeinflusst. Bei all dem handelt es sich um reale Kosten, die sich bald als inakzeptabel erweisen werden, weil sie die Aussicht auf eine lebenswerte Zukunft für einen Großteil der wachsenden Weltbevölkerung untergraben.

Die Chance auf mehrfachen Gewinn bei vernünftigen Kosten

Es ist an der Zeit für einen neuen und wesentlich pragmatischeren Ansatz. Wie wäre es, wenn wir uns auf das Ziel nicht nur dadurch zu erreichen versuchen, dass wir immer mehr produzieren, sondern indem wir das, was vorhanden ist, auch besser nutzen? Wenn die Verluste und Verschwendung von Nahrungsmitteln nur um die Hälfte reduziert werden kann, könnten damit weltweit allein bei der Bewässerung 450 Kubikkilometer Wasser eingespart werden. Das ist die sechsfache Menge dessen, was jährlich durch den Nil in den Nassersee geleitet wird oder über die doppelte Menge des Wassers, das der industrielle Sektor weltweit verbraucht. Dieses knappe Gut könnte an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt werden. Es stimmt, dass eine Reduzierung der Verluste Investitionen in Transport, Lagerung und verbesserte Marktzugänge erforderlich machen, insbesondere für kleine Produzenten in armen Ländern. Nicht zu investieren kostet aber ebenfalls Geld. Abzulesen an den Schwierigkeiten, die Landwirte in armen Regionen haben, ihre Produkte auf weiter entfernt gelegene Märkte zu transportieren, weil sie sie nicht sicher lagern und transportieren können. Temporäre Überschüsse fallen oft Schädlingen, Krankheitsbefall und anderen Lauen der Natur zum Opfer.

In den reichen Teilen der Welt sieht die Herausforderung anders aus, da hier die Verschwendung am Ende der Versorgungskette das größere Problem darstellt. Auch wenn die Konsumenten dabei eine wichtige Rolle spielen, kann einer Seite allein nicht die gesamte Verantwortung zugewiesen werden. Sie liegt eher im Zusammenspiel zwischen Produzenten, Konsumenten, Lebensmittelindustrie, dem Einzelhandel, Restaurants und Food Outlets. Am Ende trägt die Öffentlichkeit die Last des Missbrauchs von Ressourcen und der produzierten Lebensmittel. Und wir sind alle Konsumenten.

Wir brauchen noch mehr Versprechen!

Die weltweite Nahrungsmittelverschwendung hat absurde Ausmaße angenommen. Es ist wieder an der Zeit für gute alte Versprechen. Als die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen 1945 gegründet wurde, gehörte auch die Reduzierung von Nahrungsmittelverlusten zu ihrem Auftrag. Bei der ersten Welternährungskonferenz 1974 wurde eine Reduzierung der Nach-Ernte-Verluste von 15 Prozent angeregt, und beschlossen, diese bis 1984 auf 50 Prozent zu erhöhen. Aus verschiedenen Gründen wurden diese Versprechen stillschweigend missachtet und ignoriert.

Die Zukunft beginnt jetzt!

Die gute Nachricht besteht darin, dass sich gegenwärtig mehrere wichtige Akteure für die Einsparung von Ressourcen einsetzt. Initiativen aus der jüngsten Vergangenheit sind vielversprechend. So ist die Reduzierung der Verluste an Nahrungsmitteln ein wichtiger Punkt auf der Agenda der Welternährungsorganisation. Im Januar dieses Jahres hat das EU-Parlament eine Resolution verabschiedet, in dem die Mitgliedsstaaten dazu aufgefordert werden, die Verschwendung von Lebensmitteln bis 2025 um die Hälfte zu reduzieren. Dies könnte unter anderem etwa durch eine Reform der Vergabe von Haltbarkeitsdaten erreicht werden. Initiativen von Seiten der Wirtschaft sind dabei sehr willkommen.

Die Roadmap hin zu einer Reduzierung der Verschwendung von Lebensmitteln umfasst Investitionen in die Lagermöglichkeiten von Landwirten, die Verarbeitung vor Ort, verbesserte Straßen und fairer Zugang zu Märkten, bessere Verpackungen, die Hebung des Bewusstsein über die wahren Kosten und den wahren Wert von Wasser und Nahrung, und nicht zuletzt ein verantwortungsbewusstes Konsumentenverhalten in einer Welt endlicher und stark schwankender Ressourcen.

Den Verlust und die Verschwendung von Wasser, Nahrung und anderer Ressourcen zu verhindern, erfordert ein gemeinsames und koordiniertes Vorgehen entlang der gesamten Versorgungskette, angefangen bei den Produzenten bis hin zu einer möglichen kostenlosen Abgabe des Produkts. Die Zukunft unserer Kinder und Enkel wird sich von der vergangenen und gegenwärtigen Situation unterscheiden. Wenn die nächste Generation herangewachsen ist, werden neun Milliarden Menschen eine Welt bevölkern, die enorme Möglichkeiten bereithält, in der die Beschränktheit natürlicher Ressourcen sowie Umweltveränderungen immer mehr Menschen und Gesellschaften betreffen wird. Eine der greifbarsten Konsequenzen der Erderwärmung besteht darin, dass die Verfügbarkeit und der Zugang zu Wasser bei steigender Nachfrage immer stärkeren Schwankungen ausgesetzt sein wird. Die Verschwendung von Lebensmitteln in gigantischen Ausmaßen ist schlicht keine vernünftige Option für eine erstrebenswerte Zukunft.

Jan Lundqvist, Direktor des Stockholm Water Institute, hat vor rund zehn Jahren als erster Forscher weltweit eine globale Schätzung über Food Waste und Konsequenzen für die Umwelt durchgeführt

 

Valentin Thurn ist Dokumentarfilmer. Sein Kurzfilm über die weltweite Wasser-, Boden- und Energieverschwendung durch das Wegwerfen von Lebensmitteln ist ein Folgeprojekt seines Kinofilms "Taste the Waste", in dem er sich ebenfalls mit dem Phänomen der Nahrungsmittelverschwendung auseinandergesetzt hat

 

Der Artikel von Jan Lundqvist ist zur World Water Week in Stockholm erschienen