Hütte

Linksbündig Wieviel Geld verträgt die Kunst?

Dreißig Millionen Dollar für ein Bild von Andy Warhol. 40 Millionen für einen Mark Rothko, 70 Millionen für Francis Bacon. Bei den Geboten, die Christie´s und Sotheby´s diese Woche in New York vorliegen, reibt sich der Kunstfreund die Augen. Nicht nur wegen der schieren Höhe der Summe. Sondern weil damit ein Trend beglaubigt scheint. Bislang zahlten kapanische Milliardäre solche Preise für Monets und van Goghs. Doch seit 2005 übertreffen die Gesamtzuschläge der großen Auktionshäuser für Künstler der Gegenwartskunst diejenigen für Werke des Impressionismus und der klassischen Moderne. Unvergessen auch der Coup, als der britische Künstler Damien Hirst letzten Sommer einen Totenschädel aus Platin mit 8601 Diamanten besetzen ließ und in einer Londoner Galerie für 75 Millionen Dollar zum Verkauf stellte. Crash? What Crash? fragte die britische Kunstzeitung The Art Spectator Ende März gut gelaunt. Während in den USA reihenweise Banken liquidiert werden und die Angst vor dem finalen Börsenkrach umgeht, blüht der Kunstmarkt, diese empfindliche Schaumkrone der Spekulation, wie nie.

Kulturkritiker, die schon immer gewusst haben, dass sich der Kapitalismus nun auch das Schöne, Wahre und Gute endgültig unterwirft, seien gewarnt. Kunst und Kommerzialisierung, Kunst und Globalisierung gingen stets Hand in Hand, wie man an der Ausbreitung holländischer Malerei in Italien und umgekehrt belegen kann. Das Kunst-Auktionshaus Christie´s wurde nicht zufällig einige Jahre vor dem Louvre gegründet. Doch angesichts der jüngsten Hypertrophie des Kunstmarktes ist es überfällig, dass die Bundeskulturstiftung diese Wochen auf einer großen Konferenz in Berlin danach fragt, ob der Bildungsauftrag, der immer noch hinter der öffentlichen Kunstförderung steht, in dieser überschießenden Ökonomisierung nicht längst chancenlos, womöglich schon untergegangen ist.

Zwar hat es in den letzten Jahren auch in Deutschland einen Museumsboom gegeben. 6.000 stehen inzwischen hierzulande, rund 600 davon Kunstmuseen. Doch mit deren Ankaufsetat könnte Christie´s vermutlich nicht einmal die Portokosten für seine Auktionsankündigungen bezahlen. Zu nennenswerter Bedeutung kommen selbst große Häuser oft erst durch Leihgaben vermögender Sammler. Und wenn die ihre Werke nicht gebührend ins rechte Licht gerückt sehen, drohen sie schon mal, wie Erich Marx dem Hamburger Bahnhof, mit dem Abzug. Verglichen mit der Sammlung von Gegenwartskunst, die ein einzelner Mann, der Werber Christian Boros, gesammelt hat und ab Juni spektakulär in einem alten Weltkriegs-Bunker in Berlin-Mitte ausstellt, gleicht allerdings selbst der sammlerhörige Hamburger Bahnhof einer kunsthistorischen Hundehütte.

Im Schatten dieser aufmerksamkeitsheischenden Verwertungskette stehen inzwischen die kommunalen Kunstgalerien. Im großen Kunstmonopoly dringen sie mit ihrem Versuch, alternative ästhetische Standards zu setzen, nicht mehr durch. Mehr und mehr wird das Bild dessen, was (gute) Kunst ist, aus den Geschmacksvorlieben der internationalen Geldelite geformt, für die die öffentliche Institution nur noch die Wert steigernde Hülle abgibt. Als er hoch genug war, zog der sammelnde Immobilienunternehmer Dieter Bock vor drei Jahren 500 der Werke aus dem Frankfurter Museum für Moderne Kunst ab, die sein Direktor für ihn erwerben durfte. Nicht jeder ist so großzügig wie Friedrich-Christian Flick, der Berlin vergangenes Jahr 166 Kunstwerke geschenkt hat. Windigen Gestalten wie Bock könnten auch arme Museen zwar häufiger die Rote Karte zeigen. Doch wer die ins Rutschen gekommene Balance zwischen Galerien, Sammlern und Museen neu austarieren möchte, muss letztere auch finanziell so unabhängig machen, dass sie sich nicht zum Wurmfortsatz von Spekulationsgeschäften machen müssen. Und sei es nur, um zu zeigen, dass es ein paar "Werte" gibt, die man nicht (ver)kaufen kann.

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00:00 16.05.2008

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