Hüzün als Chance

Wehmut In seinem neuen Buch "Istanbul" erzählt Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk von seiner Kindheit und seinen Gefühlen für die Stadt am Bosporus

"Schreib das auch, schreib über die Brände. Nicht vergessen den Zusammenstoß der Barkasse mit dem Holztransport, infolgedessen drei Menschen im dunklen Wasser des Bosporus verschwanden" - das forderten Bekannte von Orhan Pamuk, dem türkischen Schriftsteller, als er ihnen seine Absicht mitteilte, ein Buch über Istanbul zu schreiben. Erst irritierte ihn diese Aufforderung. Doch dann konnte er sie sich erklären. Schließlich ging es um die gemeinsam erlebte Zeit, in der noch eine Million Menschen in Istanbul lebten und nicht, wie heute, zehn Millionen. Als man die Seeunfälle am Bosporus beobachtete, habe man sie durch Weitererzählen zu Legenden gemacht. Heute dagegen seien derlei Unfälle Alltagsereignisse einer Megastadt. So wird der 54jährige Schriftsteller mit seinem Buch Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt, das in der Türkei ein Jahr nach der Veröffentlichung seines Romans Schnee erschien, zum Übermittler des kollektiven Gedächtnisses. Insbesondere des Gedächtnisses seiner eigenen Generation.

In Istanbul, wo Pamuk seine Erzählungen über seine Kindheit und Jugend mit der Geschichte der Stadt unauflösbar verbindet, gibt es eine Reihe von Schwarzweiß-Fotografien. Private wie auch von dem berühmten Fotografen Ara Güler geschossene Bilder, der auch mit Pamuk gemeinsam die Auswahl für das Buch traf. Es ist nicht nur der Charme oder die sorgfältige Platzierung dieser Aufnahmen, die den Betrachter berühren. Sie wirken gleichzeitig wie eine Art Geheimcode: Wenn man die Fahrzeuge, Straßen und Häuser auf den Fotos sieht, beginnt man unwillkürlich, Erinnerungen aus den Tiefen des Unterbewusstseins zu holen.

In dem Kapitel mit dem Titel Schwarzweiß beschreibt Pamuk diesen schmerzhaften Vorgang am Beispiel türkischer Filme der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, die man sich heute noch einmal ansieht. Wenn er die Straßenszenen, die alten Gärten, das Ufer des Bosporus, die in der Zwischenzeit abgerissenen hölzernen Herrschaftshäuser in Schwarzweiß und in der Form sehe, in der er diese selbst erlebt habe, so Pamuk, überkäme ihn das Gefühl, er sehe keinen Film, sondern seine eigenen Erinnerungen. Dass das Istanbul seiner Kindheit ihm im Nachhinein nur in zwei Farben erscheint, löst in ihm abwechselnd Freude und Wehmut aus. Einen Teil dieses Empfindens führt er auf die Armut Istanbuls und auf die Tatsache zurück, dass das Historische und Schöne verborgen bleibt, dass die Stadt verfallen, blass, abgewertet und verstoßen sei.

"Wehmut" ist ein wiederkehrendes Wort in Istanbul, mittels dessen Pamuk die Stadt charakterisiert. Deshalb widmet der Autor dem Unterschied zwischen Hüzun, dem türkischen Begriff dafür, und den Begriffen Melancholie und Tristesse ein gesondertes Kapitel. Hüzün, so Pamuk, treffe die Gefühlslage, die von einer Gesellschaft geteilt wird, besser als das Wort Melancholie; ein Seelenzustand, der dagegen vom einzelnen Individuum empfunden werde. Hüzün umfasse in Istanbul gleichzeitig ein wichtiges lokales "musisches" Gefühl, ein Grundwort für Dichtung, eine Weltansicht, ein Seelenzustand und Ausdruck dessen, was die Stadt ausmache. Deshalb sei es sowohl ein negatives wie auch ein positives Gefühl. Hüzün läge gleichermaßen in Momenten, Bildern und Orten wie den Gassen mit Pflastersteinen, den stillgelegten Häfen mit ihren alten Bosporus-Schiffen, oder den unbeweglich im Regen stehenden Möwen auf den verrosteten Bojen.

Nicht zuletzt seit dem Untergang des Osmanischen Reiches sei dieses Gefühl von Wehmut vorherrschend. Istanbul habe gegenüber dem Westen zunehmend seine Identität verloren und sei ärmer geworden. Pamuk kritisiert einige bedeutende türkische Dichter und Schriftsteller wie Ahmet Hamdi Tanpinar und den Lyriker Yahya Kemal Beyatli, die damals die Idee einer türkischen Nation mitsamt ihrem Nationalismus forciert hätten. Dies sei auf Kosten von Griechen, Armeniern, Juden, Kurden und anderen Minderheiten gegangen, die bis dato ein wesentlicher Bestandteil dieses Reiches waren.

Pamuk schreibt, das Gefühl der Demütigung, der Wehmut und des Verlustes durch den Verfall des Osmanischen Reiches habe nach und nach auch seine Familie erreicht. Er selbst ist in wohlhabende Verhältnisse hineingeboren. Die Großfamilie bewohnte mit Köchen und Haushältern ein Haus im bürgerlichen Viertel Nisantasi auf der europäischen Seite der Stadt. Eine Etage gehörte der verwitweten Oma väterlicherseits, deren angehäuftes Vermögen durch mehrere Pleiten von Pamuks Vater und Onkel mit der Zeit verpuffte. Die glückliche Vorschulkindheit Pamuks und seines zwei Jahre älteren Bruders wurde nach und nach nicht nur durch häufiges Umziehen und den ständigen Zwist der Familie wegen ihrer Besitzverhältnisse, sondern auch durch den Streit der Eltern überschattet. Immer öfter wurde der kleine Orhan für mehrere Wochen zu Tanten geschickt, bei denen er zwar gut behandelt wurde, aber viele Jahre litt er unter Verlustängsten. Diese entstanden, weil mal seine Mutter, mal sein Vater, mal beide für mehrere Wochen fort blieben.

Wenn Pamuk die einzelnen Mitglieder seiner Familie beschreibt, hat man unweigerlich den Eindruck, als umrisse er das Aussterben gewisser Prototypen des Istanbuler Großbürgertums am Beispiel des Schrumpfens seiner Familie. Seine Oma beispielsweise, die Pamuk im Vorfeld seiner Einschulung jeden Morgen besuchte, um auf ihrem Bett das Schreiben zu üben, war der "Boss" der Familie. Ihr Frühstück samt Zeitung wurde von ihrem Koch am Bett serviert, währenddessen sie mit ihm beriet, was an diesem Tag für die ganze Familie gekocht werden sollte. Dann verbrachte sie viele Stunden lesend im Bett, von wo aus sie durch den Spiegel ihres Schminktisches das ganze Geschehen in der Wohnung kontrollierte. In ihr dickes Schreibheft, das sie immer bei sich hatte, notierte sie Abrechnungen, Ausgaben, Pläne und "meteorologische Vorgänge". Das Heft fungierte auch als Tagebuch, in dem sie in den späteren Jahren folgende Eintragung schrieb: "Heute besuchte mich mein Enkelkind Orhan. Ein Kluger, Süßer. Er studiert Architektur. Hoffentlich wird er eines Tages sehr erfolgreich." Doch Pamuk brach nach drei Jahren sein Architekturstudium ab, um Journalismus zu studieren. In Istanbul erzählt er, wie schon sehr früh seine Leidenschaft fürs Malen entbrannte. Das Buch endet in der Periode, in der er sich, 24-jährig, dann doch zum Schreiben entschloss.

Pamuk entdeckte seine Lust und sein Talent schon in der Grundschule und malte unablässig. Mit 15 begann er Istanbul-Bilder zu malen, was er im Nachhinein nicht unbedingt auf die Liebe zur Stadt zurückführt. Da Stillleben und Menschenporträts ihn nicht sonderlich interessierten, blieb ihm nur eins übrig: das vom Balkon aus Gesehene darzustellen. Insgeheim wusste er natürlich immer, dass das, was er malte, einfach aus dem Grund gut ankommen würde, weil die von ihm portraitierte Landschaft, der Bosporus mit seinen Wellen und Schiffen, der Topkapi-Serail, der Mädchenturm in Üsküdar und die Silhouetten der Altstadt etwa, einfach so wunderschön war.

Mit der künstlerischen Darstellung der Stadt setzt sich Pamuk in Istanbul eingehend auseinander. Er bemängelt an den osmanischen Malern, sie hätten die Stadt nicht als Volumen oder Anblick sondern als eine Oberfläche und Landkarte betrachtet und sich auf die Pracht des Sultans konzentriert, anstatt sich mit dem Alltag der Stadt zu befassen. In dem Kapitel mit dem Titel Mellings Bosporus-Ansichten wendet sich Pamuk dem deutschen Künstler zu, den er für den glaubwürdigsten unter allen westlichen Malern hält, die sich mit dem Bosporus befasst haben. Aus dessen 1819 in Frankreich veröffentlichten Bildband mit dem Titel Malerische Reise in Konstantinopel und an den Ufern des Bosporus, der 48 Schwarzweiß-Stiche enthält, sind einige in Istanbul abgebildet.

Der 19-jährige Künstler kam im Zuge der damals aufkommenden Orientsehnsucht nach Istanbul. Er wurde von der Schwester des Sultans Selim III. mit der Aufgabe betraut, ihren Garten nach westlichem Muster zu gestalten. In den 18 darauffolgenden Jahren, die Melling in Istanbul verbrachte, entstanden sehr detailgetreue, mit mathematischer Präzision gefertigte, aber auch poetische Bilder, die nicht zuletzt das Geschehen auf der Straße einfingen. Pamuk schreibt, der Bildband erwecke keinesfalls den Eindruck, dass die Stadt etwas Exotisches oder Magisches sei. Vielmehr wiesen die Stiche Mellings Ähnlichkeiten mit dem Bosporus seiner Kindheit auf. Was Pamuk prompt in "hüzün" stürzt.

Orhan Pamuk verbrachte bis auf drei Jahre, die er im Ausland war, sein ganzes Leben in Istanbul, und mit ein paar Unterbrechungen hauptsächlich in Nisantasi. Zur Zeit bewohnt er sogar das Haus, in dem er geboren wurde. Er schreibt, diese Verbundenheit mit Istanbul bedeute, dass das Schicksal der Stadt und sein eigenes sich zu ähneln begännen. Es sei für ihn unausweichlich. Es gebe zwar Momente, in denen er sich als ein Pechvogel betrachte, weil er in einer Stadt geboren sei, die verarmt und gedemütigt unter der Asche und den Ruinen eines untergegangenen Reiches verschüttet liege. Andererseits gebe es immer wieder Momente, in denen ihm eine innere Stimme sage, dass gerade das eine Chance sei.

Orhan Pamuk: Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Hanser, München 2006, 432 S., 25,90 EUR


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00:00 24.11.2006

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