Hymnen

A–Z Mit bis zu 15 Tagen Arrest wird in China bestraft, wer der Hymne den Respekt versagt. Ein feuchter Traum für Politiker von Trump bis Lindner. Unser Lexikon
Redaktion | Ausgabe 45/2017 2
Hymnen

Foto: Charles McQuillan/World Rugby/Getty Images

A

Arbeiterlieder Um eine Massenbewegung zusammenzuhalten, braucht’s einen Mythos. Über gemeinsames Liedgut lässt sich dieser vermitteln. Wer könnte sich bei „Wacht auf, Verdammte dieser Erde“? des revolutionären Impulses erwehren? Oder bei Venceremos, das – von Pinochet verboten – lange Träger internationaler Solidarität für linke Chilenen war. Nicht selten funktionierte das auch als leicht verständliche Vermittlung marxistischer Weltanschauung.

So etwa im Lied vom Klassenfeind oder im Einheitsfrontlied. Auf Youtube kann man das alles nachhören – und halbironisch mitgrölen. Natürlich muss man zwei Augen historisch zudrücken. Wo der Massenmythos – auch von links – hinführen kann, besingt Ernst Busch dann im Roten Wedding: „Der Wedding kommt wieder / Berlin bleibt rot / damit Deutschland den Deutschen gehört.“ Auch in Ami Go Home ersetzt die Nation flugs die Klasse und heraus kommt – deutschnationales Geblubber. Leander F. Badura

D

Deutschlandlied Helgoland ist Deutschlands einzige Hochseeinsel – und vermutlich eher uninteressant. Doch 1841, da dichtete August Heinrich Hoffmann von Fallersleben hier das Lied der Deutschen, das dann 1922 von Friedrich Ebert (SPD!) zur Nationalhymne dekretiert wurde, obwohl die im Text genannten Grenzen schon damals nicht stimmten. Heute spart man den heiklen Teil ja aus. Aber ob man in Österreich so begeistert war, sich eine neue Hymne suchen zu müssen, weil Herr von Fallersleben Haydns Melodie der Kaiserhymne stibitzt hatte? Apropos Fallersleben: Deutscher geht’s kaum. Erst nur eine Burg, heute als Teil Wolfsburgs Herz der deutschen Wirtschaft. Und somit auch neuer deutscher Großmacht. Nebenbei: Helgoland zerbrach 1721 in zwei Teile. Oder, um einen jüngeren Witz zu zitieren: In the 1940s, Germany was so great, they even made two of it! Leander F. Badura

E

Europa Erinnern Sie sich an die TV-Berichterstattung zum G20-Gipfel? Damals waren in der linken Ecke des Split-Screens Demonstranten zu sehen, die mit Wasserwerfern weggefegt wurden, während rechts dösige Politiker in der Elbphilharmonie der Ode an die Freude lauschten. Die Instrumentalfassung dieses vierten Satzes der neunten Sinfonie Ludwig van Beethovens ist die offizielle Hymne der Europäischen Union. Sie soll nicht die Nationalhymnen der Mitgliedsstaaten ersetzen (Deutschlandlied), sondern als europäisches Symbol dienen.

Um das Deutsche nicht zu bevorzugen, hat man sich bewusst entschieden, auf den Text von Friedrich Schiller zu verzichten. In Hamburg wurde er vom Chor mitgesungen – schließlich ist ein G20-Gipfel keine EU-Veranstaltung. Und wer weiß, vielleicht wäre Joachim Sauer sonst noch tiefer eingeschlafen? Im Ergebnis schallte es jedenfalls „Alle Menschen werden Brüder“ aus dem Konzerthaus, während draußen mit aller Härte gegen die Gipfelgegner vorgegangen wurde. Ein Januskopf von mächtiger Symbolkraft. Lange Rede, kurzer Sinn: An Hymnen soll man nicht herumdoktern. Dorian Baganz

H

Hits Traditionell trägt man ja suizidalen Schrammelrock im Gemüt. Das ist was Frühkindliches. Noisiges Jammern, süßes Gift der Melancholie! Man sang: „Too far down.“ „Hardly getting over it.“ So Zeug. Dann verliebte man sich. Katalanin. Sie konnte so lachen, dass es wie Weinen aussah. Die blieb ein paar Monate. Flatterte dann davon. Da summte man wieder seine Hymnen. Aber etwas revoltierte. Etwas war zum Leben erweckt. Eines Morgens sang es im Kopf: Azzuuurro! C’est comme çaaa! Tage später, Eskalation: Las Ketchup. Sommerhit 2002. Und der Mensch ist ja frei geboren. Ich konnte entscheiden. Zurück auf Los, rein in die Trauertunke? Hm ... Dann sangen Las Ketchup wieder. Ich hatte Lust, einfach weiterzuleben. Klaus Ungerer

J

Jugendweihe Es war im Frühjahr 1990, wir fuhren in den VEB Elektrokohle, ins Ostberliner Industriegebiet. Zu meiner Jugendweihe, einer der letzten in der DDR. Meine Klassenlehrerin stand vorn am Pult, in einem nüchternen Festraum. Sie schaute so ernst. „Wir befinden uns ja gerade alle in einer Zwischenzeit. Das eine Land nicht mehr da, das andere noch nicht ... Deswegen spielen wir beide Hymnen. Jeder kann entscheiden, zu welcher er aufstehen möchte.“ War das ein Test? Die Eltern warfen sich unsichere, suchende Blicke zu, wie sollten sie sich verhalten? Und ich fühlte mich seltsam überrumpelt: Was sollte eine fremde Hymne auf meiner Feier? Maxi Leinkauf

P

Pindar Der griechische Dichter (518 oder 522 bis nach 446 v. Chr.) trug zur Gattung der Lieder bei, in denen die Sieger sportlicher Wettkämpfe gepriesen wurden; „Preisen“ heißt altgriechisch „hymnein“, daher spricht man von Hymnen. Über Pindars Bemühen, immer neue Ausdrücke des Rühmens zu finden, wird man heute lächeln. Interessant ist aber, dass er uns das Weltbild der Griechen zeigt: Wenn einer niemals gesiegt habe, „hat er, sein Leben leer veratmend, / nur eine kurze Freude mit Mühe durchlaufen“ (nach K. A. Pfeiff).

Außerdem erzählt Pindar oft die Geschichten nach, die sich mit den mythischen Urahnen des Hauses eines Siegers verbinden, und er äußert seine Gedanken dazu. In der Hymne für Hieron etwa, den Herrscher von Syrakus, deutet er den Mythos des Pelops um, der von seinem Vater Tantalos in Stücke geschnitten und dann den Göttern als Speise vorgesetzt wurde: „Abwegig scheint mir, gefräßig zu nennen / Einen der Seligen; davon wend ich mich ab: / Schaden trifft häufig Verleumder.“ Michael Jäger

Protest Dass Jeremy Corbyn, ein pazifistischer, altlinks-zauseliger Hinterbänkler, 2015 zum Labour-Vorsitzenden gewählt werden sollte, war eigentlich unvorstellbar, so fernab des Establishments schien er, und so völlig ungeeignet fürs politisch-mediale Geschäft. Corbyn illustrierte das auch gleich selbst aufs Beste, als er drei Tage nach seiner Wahl bei einer öffentlichen Gedenkveranstaltung die britische Nationalhymne God save the Queen nicht nur nicht mitsang, sondern sie außerdem völlig regungslos an sich vorüberziehen ließ. Der Boulevard geriet naturgemäß in Wallung, dabei war Corbyn nur konsequent: Wie hätte er, ein Atheist und Republikaner, Gott anrufen sollen, er möge die Königin schützen?

Es hilft nicht, dass die Hymne die einzige geschlechterkorrekte ist und sich dem/der jeweils Regierenden anpasst. Immerhin verzichtete Corbyn darauf, die Sex Pistols zu zitieren: „God save the Queen / The fascist regime / They made you a moron ...“ Und: Als er zum 90. Geburtstag der Regentin eingeladen war, sang Corbyn dann doch, quasi „to her face“: Gott schütze die Königin. Pepe Egger

R

Regionalhymnen Meine Geburtsstadt ist klein, hat aber ein eigenes Lied. Es beginnt mit der Zeile: „Heimat, du Perle im schwäbischen Lande“. Es preist die „Wälder in schmuckem Grün, Felsen, so schroff und kühn“ und, natürlich, die „tiefblaue Quelle“. Die Sicht im Talkessel mag eingeschränkt sein, aber eine Frage der Herkunft ist Heimat hier nicht. Nicht jede Lokalhymne ist so anschlussfähig, das „Badnerlied“ ist deshalb den Einwohnern der meisten schwäbischen Perlen verhasst. Manche Hymnen sind eine echte Strafe, siehe Hamburg, meine Perle von Lotto King Karl. Die niedlichste hat 1984 der öffentlich-rechtliche Rundfunk dem Saarland spendiert: „Mir sin’ die Saarlodris, doh guggen ‚er, ei joh!“, gesungen von Cindy & Bert. Christine Käppeler

S

Supermarkt Auch Supermärkte sind liedtauglich. „Beim Tengelmann in Pieding ham’s Ganja verkauft“, dichtete etwa Hans Söllner und bewies, dass er im Leben echt sehr viel gekifft haben muss. Dass in der Agentur, die das Unternehmen Kaiser’s Tengelmann damit beauftragte, eine Firmenhymne zu dichten, was genommen wurde, das wollen wir nicht behaupten. Das Lied klingt aber doch ziemlich verstrahlt: „Wir alle schreiben Geschichte“, heißt es da. Und: „In unserer Familie kommt’s auf jeden von uns an.“ (Zwang) So klein war das große Leben nie. Ob man trotz oder wegen dieser Hymne mittlerweile selbst Geschichte ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Auch nicht, ob’s nicht so schnell bergab gegangen wäre, hätte sich die Supermarktkette aufs Dealen verlegt. Mladen Gladić

V

Variation 18. August 1969, 9.00 Uhr morgens: Jimi Hendrix tritt beim Woodstock Music Festival im US-Bundesstaat New York auf. Am Ende des Sets vor 200.000 Zuhörern steht ein Medley samt 3 Minuten und 46 Sekunden langer musikalischer Dekonstruktion der US-Hymne The Star-Spangled Banner. Nicht das erste Mal, dass Hendrix sie spielte, aber hier klingt sogar das Feedback, als schrien Menschen in von Napalm verbrannten Dörfern, wie Vernon Reid von der Band Living Color einmal schrieb. Hendrix selbst musste die Hymne in der Schule singen (Zwang). Er sei Amerikaner, deswegen habe er sie gespielt, sagt er im Interview. Seine Variation: keinesfalls unorthodox, sondern „wunderschön“. Mladen Gladić

W

Waltzing Matilda Die Australier sind ein eigenes Völkchen. Neben der offiziellen Nationalhymne gibt es die inoffizielle, die mit deutlich mehr Inbrunst gesungen wird (Europa): Waltzing Matilda, ein Volkslied aus dem 19. Jahrhundert. Es handelt von einem Wanderarbeiter, der mit seinem Arbeitsrucksack, der Matilda, auf die Walz geht und seine Diebesbeute, ein Schaf, und sich selbst lieber ertränkt, als der Miliz in die Hände zu fallen. Für Australier ist das Lied ein Sinnbild für Freiheitsliebe und Selbstbestimmung.

Und dann kommt 1976 Tom Waits daher und macht aus dem australischen Kulturerbe ein selbstmitleidiges Lied über eine Dänin, über einen Abend mit zu viel Whisky und ein unwirtliches Kopenhagen, an das er keine guten Erinnerungen hat. Und sein Waltzing hat mit der Walz rein gar nichts zu tun. Ein Wunder, dass die Australier ihm das nicht übel genommen haben. Aber es ist nun mal ein wunderschönes Lied, und so sind sie eben, die Australier – Down Under nimmt man wohl alles etwas leichter. Jutta Zeise

Z

Zwang Bauch rein, Brust raus. Wirbelsäule durchgedrückt. Schulter an Schulter. Die Lippen im Einklang. Wer bei der Performance der Nationalhymne aus der Reihe tanzt, für den hagelt es Kritik. So wie für Mesut Özil. Weil er nicht mit der Hand am Herz in Reih und Glied stand und der deutschen Nation Respekt zollte (Deutschlandlied). Der Produktionsstätte, der er seinen Erfolg verdanke. In Japan wird das durch Company Songs ( Supermarkt) gelebt. Eine langjährige Tradition, bei der Arbeiter morgens in einen Chor einstimmen und darüber trällern, wie leistungsstark sie ihre Arbeit erledigen werden. Eine kollektive Identifikation mit dem Unternehmen, um die Motivation zur Leistung zu steigern. Anders gesagt: eine morgendliche Lobeshymne auf die Fabrik, die einen ausbeutet. Wer aus der Eintönigkeit rausfällt, fällt aus der Gemeinschaft. Vera Deleja-Hotko

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06:00 17.12.2017

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