Hyper Hyper

Ausstellung Das Frankfurter Liebieghaus beschäftigt sich mit der Wirkmacht naturgetreuer Menschenbilder von der Antike bis heute. Vieles ist zum Schaudern
Ausgabe 41/2014

Martialischer, schockierender ließe sich das kaum zeigen. Von unten blickt man in den abgetrennten Hals. Alles ist rot, alles ist blutig. Ganz deutlich zu erkennen die Speiseröhre, das Gesicht verzerrt, der Mund halb aufgerissen, die Augen fast geschlossen, wie weggetreten. Ein Horrorfilm, ein Splatter-Movie? Nein, zu sehen ist eine sogenannte Johannesschüssel aus dem späten Barock. Der spanische Künstler Torcuato Ruiz del Peral hat sie erschaffen, den Kopf aus Terrakotta, die Schüssel aus Holz. Seit dem 13. Jahrhundert wurde mit diesen Schalen an Johannes den Täufer erinnert. Realistisch, drastisch, mit einer gehörigen Portion Härte sollten sie zeigen, welche Leiden der Märtyrer auf sich genommen hatte. Demut und Folgsamkeit sollte das Abbild des Getöteten hervorrufen und damit natürlich vor allem: Treue zur Kirche. Im Frankfurter Liebieghaus hat man Ruiz del Perals Totenkopf nun in einer edlen Glasvitrine im tiefdunklen Raum inszeniert. Warmes, kräftiges Licht betont die Konturen des Gesichts. Christlicher Grusel.

Die große Illusion ist die Ausstellung betitelt, die sich der Wirkungsmacht von hyperrealistischen Menschenbildern widmet. Sie spannt einen weiten Bogen, von der Antike in die Gegenwart. Und sie will mit einer falschen Definition von plastischer Kunst brechen: dass Plastik reine Form sei, dass Skulpturen in ihrem Idealzustand nur aus einem einzigen Material, wahlweise Marmor oder Bronze, entstehen sollten. Diese Vorstellung hat ihre Wurzeln in der Renaissance und wurde im Klassizismus schließlich zum Dogma. Ein kaiserliches Dekret von Joseph II. aus dem Jahre 1784 verbot es Künstlern sogar ganz explizit, Materialien wie Haare oder Textilien in ihren Skulpturen zu verwenden.

Caligula satt

Bis heute prägt diese rigide Auffassung unsere Idealvorstellung von Plastiken. Als gelungen gilt die weiße, antike Marmorfigur. Diese Idealskulptur aber gab es so im Grunde nie. Die Forschung am Liebieghaus dazu gilt als führend. Antike oder mittelalterliche Skulpturen werden dort mikroskopisch nach Farbresten untersucht. Die Ergebnisse nutzt man, um vielfarbige Rekonstruktionen zu erstellen, die genauer abbilden, wie der Künstler sein Werk tatsächlich gestaltet hat. Solche Nachbildungen sind nun auch Teil von Die große Illusion. Etwa ein in satten Tönen kolorierter Kopf des Kaisers Caligula. Das Original aus dem ersten Jahrhundert befindet sich in Kopenhagen, der Unterschied ist offensichtlich: Während das von seiner Farbe befreite Original blass und entrückt erscheint, wirkt das rekonstruierte Abbild des Kaisers lebensechter.

Die Tricks der Bildhauer waren vielfältig. Glasaugen, echte Haare, viele arbeiteten mit Wachs, weil sich damit Gesichter besonders gut darstellen ließen. Aus dem Repertoire renommierter Künstler ist diese Technik verschwunden, Wachsfiguren findet man heute nur noch in den Kabinetten Madame Tussauds’.

Die große Illusion will zeigen, dass all diese Techniken eine lange Geschichte haben, dass sich schon die Künstler der Antike ausgiebig bei ihnen bedienten. Deswegen sind die Exponate auch nicht chronologisch, sondern nach Techniken sortiert. Zum Beispiel die Körperabgüsse: Dort findet sich ein Porträt eines Mannes, das um 1500 in Florenz entstand, neben dem Seated Child (1974) von Duane Hanson. Hanson (1925–1996) gehörte zur ersten Generation der US-amerikanischen Hyperrealisten, die der Pop-Art nahestanden. Den kleinen, ziemlich missmutig dreinschauenden Jungen, den seine Figur im blau-weißen Ringel-T-Shirt auf einer Holzkiste sitzend darstellt, den gab es wirklich. Duane Hanson fertigte Abformungen seiner lebenden Modelle an, schuf die Figuren dann aus Polyesterharz, später auch aus Bronze.

Würde der Künstler heute noch leben, man könnte sich vorstellen, er würde längst mit einem 3-D-Drucker arbeiten. Mit Body-Scans lässt sich die perfekte Vermessung des Körpers auf die Spitze treiben. Die Sehnsucht, den eigenen Körper durch digitale Technik ganz exakt und eins zu eins nachzuzeichnen, passt in eine Zeit, die vom Wunsch nach Selbstoptimierung und Fitnesswahn bestimmt wird. Es ist schade, dass in der Ausstellung auf Künstler, die sich mit diesen Entwicklungen auseinandersetzen und die digitalen Techniken nutzen, verzichtet wird. Die Berlinerin Karin Sander etwa, die schon seit Ende der 1990er Jahre Miniaturabbildungen von lebenden Personen mittels 3-D-Drucker erstellt, hätte hier einen spannenden Kontrast setzen können. Oder die britische Künstlerin Agi Haines, die bei der Linzer Ars Electronica unter dem Titel Transfigurations neulich verstörende Baby-Aliens präsentierte.

So realistisch die Figuren in der Liebieghaus-Schau auch gearbeitet sind, sie bleiben zum allergrößten Teil Idealbilder. Das eindringlichste Beispiel ist Ariel II (2011) von John de Andrea, einem weiteren Künstler aus der Gruppe der Hyperrealisten. Falten, Poren und Leberflecken der nackten Frau sind mit Akribie modelliert. Das Werk lässt sich zwar als Kritik an der „Photoshopisierung“ deuten, kitschig und überzeichnet wirkt es trotzdem. Als Gegenentwurf zu solchen Bildern kommen einem die Körperdekonstruktionen des niederländischen Künstler- und Fotografenduos Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin in den Sinn. Auch diese könnte man sich als Teil der Schau vorstellen. Die androgynen, grotesk verzerrten Menschen auf den digital bearbeiteten Fotografien konterkarieren die Oberflächen der Werbewelt und sind absurderweise genau dort so erfolgreich. Van Lamsweerdes und Matadins Arbeiten findet man mittlerweile häufiger auf den Anzeigenseiten von Vogue oder Harper’s Bazaar als in Galerien und Museen.

Eine kritische Hinterfragung der Werbe- und Idealbilder unserer Zeit betreibt auch die junge Londoner Künstlerin Kate Cooper, deren Videoinstallation Rigged aktuell in den Berliner Kunst-Werken gezeigt wird. Aus unterschiedlichen Werbemotiven hat Cooper einen virtuellen Frauenkörper errechnet: symmetrisch, glatt und makellos. Indem sie diesen digitalen Idealkörper ausstellt, stellt sie uns die wichtige Frage: Wie können wir heute und in Zukunft gegen die Dominanz solcher Bildwelten rebellieren? Dem Grusel des Hyperrealismus öffnet die Digitalisierung nämlich erst einmal nur unendliche neue Möglichkeiten.

Die große Illusion. Veristische Skulpturen und ihre Techniken Liebieghaus Frankfurt am Main, bis 1. März 2015

Kate Cooper. Rigged KW – Institute for Contemporary Art Berlin, bis 11. Januar 2015

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