Hysterischer Stupor

Medienkritik Warum das deutsche Fernsehen reif für Berlusconi ist

Ich bin wie Griechenland“, hatte Harald Schmidt noch kurz vor seinem Dienstantritt bei Skygesagt. „Nach dem Motto: Wenn ihr dieses wertvolle kulturelle Erbe retten wollt, müsst ihr zahlen!“ Am ersten Tag waren es dann 20.000 paying guests, am zweiten 10.000 und 5.000 am dritten. 3,1 Millionen Sky-Abonnenten bezahlen für Fußball, aber nicht für ausgemusterte Kulturgüter. Wer hätte das nicht gedacht? Schon als Schmidt for free und ein paar Werbeunterbrechungen zu haben war, wollte kaum noch jemand die ewig gleiche Show sehen.

Es stellen sich zwei Fragen: Wieso kommt eigentlich ein geistreicher Typ wie Harald Schmidt nicht auf die Idee, sich mal etwas Neues einfallen zu lassen? Und warum setzt ein scharf kalkulierender Kommerzsender wie Sky auf ein absehbar ausgemustertes Format? Die Antwort auf beide Fragen ist eine Diagnose: hysterischer Stupor – die Erstarrung in der hellen Aufregung. Damit sind wir wieder bei Griechenland und beim Stand der Dinge überhaupt.

Nach unten offene Niveauskala

Es ist vielmehr so, dass alles immer spezialisierter und vielfältiger wird. „Und wenn ich Spezialitäten haben will, kostet mich das eben etwas“ – gab Harald Schmidt in einem Spiegel-Interview zu Protokoll. Wovon faselt der Mann, der seit 17 Jahren in ein und demselben Format rumkaspert? Denn außer bei frei empfangbaren Sendern wie Astro- oder Bibel-TV lässt sich beim besten Willen kein Zuwachs von Vielfalt und Spezialisierung erkennen. Empirisch Fundiertere als ich haben längst die große Durchdringung von Öffentlich-Rechtlichen und Privaten auf der nach unten offenen Niveauskala beschrieben. Was sich ja auch in der freien Programm-Konvertierbarkeit von TV-Riesen wie Günther Jauch, Thomas Gottschalk oder Harald Schmidt dem Laien erschließt. Mit Fußball, sportlichen Großereignissen, Königskindertrauungen, Queengeburtstagen, zelebriert wie XX. Parteitage, Jörg Pilava, Florian Silbereisen und Talkshows als Daily Soaps retten die Öffentlich-Rechtlichen ihre Quoten, deren Rettung niemand von ihnen verlangt. Es kann sich nur noch um Stunden handeln, bis jemand auf die Idee kommt, dass die digitalen Kinderchen (extra, neo usw.) plus Arte und Phoenix den öffentlich-rechtlichen Bildungs- und Informationsauftrag vollkommen erfüllen.

Ich weiß, das haben wir schon öfter gehört. Hysterischer Stupor soweit die Nerven reichen. Und so mag das Fernsehen den Weg des lange angekündigten Untergangs gehen. Zuvor allerdings könnte man ihm die Ehre einer etwas größeren Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen. Schon sonderbar: Mediengesellschaft nennen wir uns. Doch der Analphabetismus im täglichen medialen Umgang dürfte seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht haben. Das eine: Wo gäbe es denn eine tiefsinnigere Debatte über Fernsehen – wie es sein könnte? Das andere: Medienkritik findet nicht statt. Während diese Zeilen verfasst werden, läuft die aufregende Meldung über die Ticker, dass die Tagesschau an ihrer Titelmelodie feilt. Die letzte große Aufregung über das ARD-Flaggschiff bestand vor einigen Jahren in einer Debatte über das neue Studiodesign. Eine kritische Analyse über die journalistischen Prinzipien der Tagesschau muss man in den letzten 40 Jahren mit der Lupe suchen. Eine Mediengesellschaft, die ihre Medien nur durch Ein- und Ausschalten kommentiert, ist reif für Berlusconi.

Walter van Rossum, geb. 1954, ist Publizist mit Fachgebiet Medien und Träger des Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik

11:10 13.09.2012

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