I love a man in Uniform

US-Wahl 2004 Im November werden die Wähler entscheiden müssen, ob sie Bushs "Neues Amerika" wirklich wollen - ein Land im permanenten Kriegszustand

Der Wahlkampf von 2004 ist ein Wahlkampf der sehr begrenzten Möglichkeiten. Die demokratischen Bewerber wagen keine Experimente. Die Wählerschaft will wohl auch keine. Schon eine Rückkehr zum politischen Alltag, wie er früher war, unter Bill Clinton, George Bush und selbst Ronald Reagan, wäre ein dramatischer Wetterumschwung.

In den drei George W. Bush-Jahren sind die USA viel militaristischer geworden, autoritärer, überwachungsstaatlicher und plutokratischer. Damit hatten die Demokraten nicht gerechnet, als Bush antrat. Der Schock sitzt tief. Im Vorwahlkampf der Demokratischen Partei steht nun nicht mehr das Parteiprogramm im Vordergrund, sondern die Frage: Wer hat wirklich Chancen gegen George W. Bush? Im Wahlkampf 2000 tarnte Kandidat Bush seine extreme Politik. Nach drei Jahren im Amt geht das kaum mehr. Die US-Amerikaner werden entscheiden müssen, ob sie Bushs "Neues Amerika" wirklich wollen. Ein Amerika im permanenten Kriegszustand. In einem Krieg gegen den "Terrorismus", der schon per Definition nicht "gewonnen" werden kann. Die enormen Wahlspenden für George W. Bush erwecken den Eindruck, der wirtschaftlichen Elite der Nation gefällt es gar nicht so schlecht in diesem Amerika. 200 Millionen Dollar Spenden werden erwartet für den Präsidenten im Wahlkampf, ein neuer Rekord.

In Vietnam hat er getötet

Es spricht Bände, dass viele Kritiker der jetzigen Administration zu dem Schluss gekommen sind, vielleicht sogar zu recht, dass nur noch ein weißer Mann Präsident werden kann, der bereits im Namen der Nationalen Sicherheit Blut vergossen und sein Leben riskiert hat. John Kerry ist einer von denen; in Vietnam hat er getötet. Heldenhaft, sagt man. Wahlkampf macht Kerry heute mit ehemaligen Kameraden, nicht mit ehemaligen Genossen aus der Anti-Kriegsbewegung, zu der er später fand. Und General Wesley Clark betont, er sei General, hochrangiger als Kerry. Howard Dean kann da nicht mithalten, auch die anderen nicht. Schon gleich gar nicht Dennis Kucinich, der Vegetarier, dem es selbst vor dem Blut von Tieren graust. Schwierigkeiten hat auch John Edwards, der Südstaaten-Senator mit dem strahlenden Charme, der so zuversichtlich beteuert hat: "Wir können ja ein besseres Amerika schaffen."

Vor seinem Einzug im Weißen Haus hat George W. Bush freilich auch noch nie Blut vergossen für das vermeintliche Wohlergehen der USA, abgesehen von seinen 152 Hinrichtungen als Gouverneur von Texas. Während des Vietnamkrieges, als Kerry in den Sümpfen des Mekong-Deltas Kommunisten jagte, schob Bush zu Hause eine ruhige Kugel. Aber seit er Präsident ist - seit dem Tag, der inzwischen Nine-Eleven (911) heißt - ist das anders. Nicht nur, dass Bush Krieg führt, so als könne man ganz real existierende Probleme wie den totalitären Fundamentalismus von al Qaida mit Black Hawks und Cruise Missiles lösen. Auch zu Hause wird der "Terrorismus" mit weitreichenden Überwachungsgesetzen bekämpft. Justizminister John Ashcroft will ein neues Gesetz, das es ermöglicht, im Zuge dieser Terrorismusbekämpfung US-Bürgern die Staatsbürgerschaft aberkennen zu könnte.

Beim "Superbowl" in dieser Woche

Bush hält viele Ansprachen in militärischen Einrichtungen. Die Soldatinnen und Soldaten klatschen, und Gegendemonstranten müssen weit draußen bleiben. In George W. Bushs Amerika gibt es eigentlich keine Demokraten und Republikaner. Nur Amerikaner. Mit seiner geschickten Symbolsprache - wie etwa den Reden auf Militärstützpunkten vor einem Beifall spendenden Kaleidoskop von Militärs - setzt sich Bush als Präsident und Vertreter aller Amerikaner in Szene. Er verteidige amerikanische Interessen schlechthin; er schütze die Heimat - Bush bietet einen Hafen im Sturm der Unsicherheit. Wer anders denkt, muss erst einmal beweisen, dass auch er ein Amerikaner ist. Damit hat Howard Dean schwer zu kämpfen. Liebend gerne hätten sich Bushs Leute den ehemaligen Gouverneur des Bundesstaates Vermont vorgenommen. Den Kriegsgegner, der auch sonst kein "richtiger" amerikanischer Mann ist. Wie will der Präsident werden, wenn nicht einmal seine Ehefrau mit ihm wahlkämpft, sondern zu Hause ihrem Beruf als Ärztin nachgeht?

Nach einer in der New York Times veröffentlichten Umfrage vertrauen drei Viertel der US-Amerikaner den Streitkräften stark oder ziemlich stark. 29 Prozent setzen gleiches Vertrauen in den US-Kongress, 45 Prozent in die Kirchen und die Führer religiöser Verbände. Kein gutes Resultat für die Männer und Frauen in Talar und Messgewand, und das in einer Nation, in der etwa 40 Prozent sonntags zum Gebet gehen. Mit eben diesen Kirchgängern haben es die Demokraten freilich auch nicht leicht, denn 2000 stimmten 60 Prozent der regelmäßigen Kirchgänger für Bush. Dieses Jahr könnten es nach Umfragen noch mehr sein. Howard Dean nutzt das Internet wie keiner zuvor; Schwierigkeiten hatte er aber mit der Bibel, als er das Buch Hiob ins Neue Testament verlegte, Beweis, dass er nicht so vertraut ist mit der vielen Amerikanern heiligen Schrift. John Kerry sagt, er sei ein "gläubiger und praktizierender Katholik". Die Kirchenväter werden mit ihm aber nicht viel zu tun haben wollen: Kerry tritt für das Recht auf Abtreibung ein und will gleiche Rechte für Schwule.

Beim "Superbowl" diese Woche, dem Endspiel der Nationalen Football-Liga, geleitete der Vize der Vereinigten Stabschef, General Peter Pace, die Sängerin Beyonce auf die Bühne zum Absingen der Nationalhymne. Black Hawk-Hubschrauber flogen vorbei. Bei der Halbzeit-Show-Einlage enthüllte Justin Timberlake eine Brust von Janet Jackson. Das Weiße Haus protestierte, und die Medienaufsichtsbehörde Federal Communication Commission drohte mit erheblichen Geldstrafen. Kerry, Clark und Dean haben sich noch nicht geäußert. Nach einer Umfrage bei USA Today (CNN) lag Kerry Anfang Februar vor Bush - 53 zu 46 Prozent. Dean hätte verloren. Und im US-Senat gibt es einen neuen Giftalarm. Den oder die Milzbrandattentäter von 2001 hat man noch immer nicht gefunden.


00:00 06.02.2004

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