Ich auch, ich auch, ich auch, ich auch, ...

#MeToo Ein Hashtag macht die Allgegenwärtigkeit sexueller Gewalt sichtbar. Nur kollektive Wut verspricht Besserung
Ich auch, ich auch, ich auch, ich auch, ...
Unter guten Bekannten: Quentin Tarantino (r.) gab sich geschockt nach den Enthüllungen über seinen Freund Harvey Weinstein (l.)

Foto: Charley Gallay/Getty Images 

Vielleicht ist #MeToo nur ein Hashtag. Gut gemeint. Doch er macht die Allgegenwärtigkeit sexueller Gewalt sichtbar. Die Schauspielerin Alyssa Milano schrieb: „Wenn alle Frauen, die sexuellen Übergriffen ausgesetzt oder belästigt worden sind, ‚ich auch‘ als Statusmeldung schreiben, können wir vielleicht allen zeigen, wie riesig das Problem ist.“ Jetzt sind die sozialen Medien übersät davon. Frauen schreiben „ich auch“, und schildern auch oft den ersten Übergriff, dessen Opfer sie wurden. Manche, als sie noch nicht einmal zwölf Jahre alt waren. Sexuelle Belästigung ist nichts, was passiert und dann vorbei ist, sie verfolgt uns ein Leben lang.

Jeden Tag wird mehr „sichtbar“. Je öfter gesagt wird, dass andere davon wussten – Assistentinnen und Assistenten, große Stars, kleine Stars, all die Bediensteten und Mistkerle – desto größer der Drang des Boulevards, Harvey Weinsteins Verhalten als Einzelfall darzustellen. Deshalb nennt man ihn Tier oder Monster und illustriert das meist mit dem Foto einer halbnackten, jungen Frau. Eine Verbindung zwischen seinem Verhalten und der Art und Weise, Frauen darzustellen? Gott bewahre! Zwischen ihm und der Art und Weise, wie sich andere Männer verhalten? Gott bewahre! Macht seine Widerwärtigkeit zum Einzelfall, und je extremer, desto verschiedener von anderen Männern wirkt er!

Die Frauen also, die „ich auch“ sagen, von wem wurden sie belästigt? Von niemandem berühmten. Dem sie einen Oskar verdankten. Nicht von großen, mächtigen Männern, sondern von Männern, die mächtiger sind als Frauen. Mächtig genug, sie zum Schweigen zu bringen. So war das schon immer.

Kann sich das ändern? Passiert jetzt was? Ich zweifele daran, doch vielleicht zieht man endlich die Verbindung zwischen den wenigen Frauen hinter und den vielen vor der Kamera. Es ist eine Promistory. Frauen, die sexuell belästigt werden, sind in Film und Fernsehen oft ein Thema. „Me too“ bringt es zurück nach Hause, in die Schule, den Supermarkt, auf die Straße, ins Büro – dahin, wo Frauen Opfer sexueller Gewalt wurden. Die kleine, nicht die große Leinwand. Es wird normal, alltäglich. Sichtbar.

Aber es gibt die, die sich weigern, es zu sehen. Und da sind die, die es plötzlich nachvollziehen können, weil sie eine Tochter haben. Woody Allen, der die Adoptivtochter seiner Ex-Partnerin geheiratet hat. Dem Harvey „leidtut“, weil dessen Leben so aus den Fugen ist. Da ist Tarantino, der 25 Jahre lang mit Weinstein gearbeitetet hat und keine Ahnung hat, wie er mit dem eigenen „Schmerz“, der „Wut“ umgehen soll. All das Vertuschen. Das männliche Anspruchsdenken. All die Männer, die immer noch nicht zuhören können. Ein Hashtag ist nur ein klitzekleines Symbol. Aber wir sprechen über mögliche Verbrechen, nicht über schlechtes Benehmen. Frauen schämen sich nicht länger, sie werden zornig. Das ist eine Voraussetzung für jeden Wandel. Einen Mann vom Thron zu stoßen führt nicht dahin, männliche Macht niederzuringen. Solange Donald Trump im Weißen Haus sitzt, werden die Reihen sich schließen. Aber für einen kleinen Moment gibt’s da eine Lücke, durch die wir erkennen, dass die Dinge anders sein könnten. Viele haben lange darauf gewartet. Lassen Sie diesen Moment nicht verstreichen. Sagen Sie weiterhin „ich auch“, denn es geht nicht gegen einen Typen, sondern gegen ein System, das nur durch kollektive Wut, nicht aber durch individuelle Scham herausgefordert werden kann.

13:00 18.10.2017

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