Ich bemühe mich

Lockdown Wir sind privilegiert. Große Wohnung, Balkon. Homeoffice. Wir sollten Corona locker wegstecken. Doch die Anspannung steigt. Und immer tiefer sinke ich in ein Loch
Ich bemühe mich

Illustration: Ira Bolsinger

Ich bemühe mich, mir keine Sorgen zu machen, zum Beispiel, wenn die halbwüchsige Tochter nach 22 Uhr noch nicht zu Hause ist und nicht auf meine Nachrichten antwortet. Ich bin nervöser als sonst, obwohl ich mir Mühe gebe, ganz normal weiterzuleben, lächelnd. Man lächelt ja jetzt viel, tröstend, ermutigend, manchmal selbstgerecht, auch unter dem Mundschutz, immer zuversichtlich der Zukunft zugewandt. Aber ich glaube der Zukunft in dieser Gegenwart nicht, die nur noch ein Herumirren ist, ein Wegsperren von unerlaubten Gefühlen.

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Gegenwart, jetzt, nicht später

Ich bemühe mich, aber es gelingt mir nicht: Mein Körper will, dass JETZT die Gegenwart ist, nicht SPÄTER, IRGENDWANN, wenn diese Krise VORBEI ist. Immer wieder raffe und reiße ich mich zusammen. Da bin ich dann kurz gelassen, es schwankt mit den Zahlen. Zahlen von Toten, von Infizierten, von Genesenen, dazu Daten, an denen eine Lockerung entschieden wird. Oder auch nicht. Die Reproduktionszahl. Ich bemühe mich, die Zahlen zu etwas Sinnvollem zusammenzusetzen, zu einem Haltegriff, zu einer Perspektive, aber ich höre so viele Widersprüche und Unverständliches und Relativiertes und Relativierendes und Panikmache, die vielleicht keine ist, die aber so klingt. Eine spannende Zeit, sage ich mir dann, um mir Mut zu machen. Aber wem ist zu glauben, wenn ich meinem eigenen Körper nicht mehr trauen darf? Und was ist zu tun? Gehorchen! Ich gehorche, ohne genug zu wissen, ohne wirklich zu glauben. Und dann kommt endlich die Tochter, schleicht sich in ihr Bett, doch ich lasse sie noch nicht schlafen, ich bin wütend, stelle Fragen, ihre Pupillen liegen wie Seen, die Gesten verlangsamt. „Ich wollte mal sehen, was die anderen daran so toll finden“, wird sie am Morgen erklären (und auch dann erst begreifen, dass es nicht besonders schlau ist, mit der Freundin, mit der sie zum sozial distanzierten Spaziergang verabredet war, an derselben Scheißkippe zu ziehen, oh, ich hasse Drogen, ich hasse Corona). „War nicht so toll, Mama, mache ich nicht mehr.“ „Nee, war in der Tat nicht toll! Wart ihr wirklich nur zu zweit? Und vergiss den Mundschutz nicht, wenn du einkaufen gehst!“

Ich bemühe mich, diese Dinger, die man sich jetzt ins Gesicht hängen muss, amüsant zu finden oder hilfreich – oder neu normal. Ich bemühe mich, allen Leuten weiträumig auszuweichen, ist ja auch angenehm, so ohne Smalltalk. Und jeden Tag sinke ich ein Stück tiefer in ein Seltsames, in ein Sein, das sich wie ein Nichtsein anfühlt, als gäbe es mich nicht wirklich. Anscheinend, lerne ich, braucht der Körper andere Körper, um zu wissen, nein, um zu spüren, dass er lebt. Anders kann er sich nicht für wahr nehmen. Kann nicht glauben, dass er existiert. Ein Körper, der anderen Körpern ausweichen muss, verfehlt sich selbst.

Ich bemühe mich, dankbar zu sein, denn wir sind privilegiert, ich habe Arbeit, verdiene weiter Geld (im Homeoffice natürlich), wir leben in einer großen Wohnung, haben einen Balkon, die Kinder sind groß, quengeln viel seltener als ich, wir kommen miteinander klar. Die Nerven reißen nicht, die Nerven sind betäubt. Zweimal habe ich versucht, eine Person zu einem Abstandsspaziergang zu treffen, aber das war, als wenn einem das Gespräch einfriert.

Ich bemühe mich, die digitalen Besprechungen hinzunehmen, zaubere mir einen frischen Hintergrund, ärgere mich über mein rotfleckiges Gesicht oder die schlechte Verbindung, die in Wahrheit ein Wunder ist, aber der Bildschirm saugt meine Kraft ein, ähnlich einem schlechten Gespräch: wie ein Vampir. Oder wie Essen ohne Geschmack. Macht nicht froh. Macht krank, leer und erschöpft, macht Watte im Kopf, die ein Schraubstock zusammendrückt. Erfordert ein Nicht-be-greifen, das sich nicht in Worte fassen lässt, unterdrückt ungenügend das unüberspürbare Brauchen. Auf dem Bildschirm sehe ich die körperlose Galerie der anderen Köpfe, denen ich nicht in die Augen schauen kann. Ich beobachte mich selbst beim Reden, oder beim Zuhören, oder beim So-tun-als-wenn-ich-Zuhöre, oder ich schalte weg, höre halb zu und wünschte, es wäre nicht so leicht, abwesend zu sein, ohne dass es jemand merkt.

Ich bemühe mich, lerne viel, lese noch mehr und vergesse schnell wieder: Wie war das noch? Was muss man machen, wenn, sagen wir, der Vater der Freundin der Tochter positiv getestet wurde? Die mit dem Joint. Scheiße. Das Gesundheitsamt will nicht mal unsere Namen wissen. Wir sollen das Testergebnis der Tochter des Infizierten abwarten. Ich habe einen Zahnarzttermin und Zahnschmerzen. Was, wenn die Freundin der Tochter positiv ist? Es stellt sich heraus, dass die Freundin gar nicht getestet wird, ich bin irritiert. Wie war das mit den Infektionsketten? Die Zahnärztin glaubt mir nicht, dass ich kommen darf, will sich erst selbst noch informieren.

Jedes Gespräch mit mir selbst oder mit anderen ist infiziert, ich scanne, ob sich alle an die Regeln halten. Sind die wirklich Familie dort? Ich will gar nicht so gucken, will gar nicht so denken, jeder ist für sich selbst verantwortlich, aber es denkt so aus mir, es guckt so aus mir, das virusgetränkte Gehirn drückt meine Augen zusammen, verengt den Blick zu spionartigen Schlitzen, als dürfe auch der Blick nichts und niemanden zu nahe heranlassen; es befiehlt den Händen, nicht mein Gesicht zu berühren. Wenn ich meine Kinder umarme, fühlt es sich an, als täte ich Verbotenes, ich muss mich erinnern: Wir sind ein gemeinsamer Haushalt.

Gesundheitsämter ohne Plan

Das Herz klopft hektisch, die Haut spannt trocken, der Magen brummt. Panik droht: Quarantäne wäre nicht gut für mich. Ich bin eine, die immer wegkönnen muss, im Kino sitze ich am Rand. Kino ist ja jetzt nicht mehr, Menschen auch nicht, aber ich muss rauskönnen. Raus aus der Wohnung, raus aus einer Situation. Jederzeit. Wenn das nun noch weniger geht, weil diese unberechenbare Tochter ihre erste Drogenerfahrung mitten in Zeiten von Corona absolvieren muss, wird mir mulmig. So bin ich einerseits erleichtert, dass die Gesundheitsämter keinen Plan haben, jedenfalls keinen erkennbaren, und andererseits enttäuscht, denn vielleicht ist es schlimmer, Angst vor der Isolation zu haben, als tatsächlich isoliert zu sein.

Ich bemühe mich, auf dem Laufenden zu bleiben, aus jeder Information neue Hoffnung und alte Geduld zu schöpfen und nicht in diese Stimmung abzurutschen, in der ich nur noch heulen will. Ich nehme mir übel, dass es mir so geht. Vielleicht kann ich gar nichts dafür, dass das Loch, in das ich sinke, immer tiefer wird, vielleicht liegt es nicht am mangelnden guten Willen, denn ich habe mindestens so viel guten Willen, wie ich Bakterien habe, die jetzt hilflos in der Gegend herumsuchen, nach ihren Freunden, Nachbarn, Feinden Ausschau haltend: „Wo seid ihr? Ohne euch bin ich verloren! Ihr könnt mich doch nicht allein lassen! Gerade jetzt!!“ Sie rufen und fragen in die Nacht, die jeden Tag tiefer wird und dunkler und irgendwann, wer weiß, undurchdringlich wie all die Corona-Updates. Aber ich bemühe mich. Ich bin irre verantwortungsvoll und wahnsinnig solidarisch. Ich bemühe mich wirklich.

Katharina Körting schreibt Prosa und Lyrik. 2018 erschien ihr Roman Rotes Dreieck, 2019 Mein kaputtes Heldentum bei Marta Press

06:00 12.05.2020

Ausgabe 22/2020

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