Ich bin dann mal Web

Internet-Fernsehen Die interessantesten Serien laufen heute im Netz. In den USA arbeiten Filmprofis mit Hochdruck am Fernsehen der Zukunft. Bei den "Streamy Awards" werden die Besten gekürt

Als ein Streik der US-Drehbuchautoren letztes Jahr populäre TV-Serien wie Desperate Housewives oder Lost für ein halbes Jahr auf Eis legte, entstand im Schatten des Gewerkschaftsgetrommels ein völlig neues Genre. Schreiber und Produzenten hatten im Eilverfahren neue Serienformate entwickelt, um schnelles Geld im Internet zu verdienen.

Die Idee war einfach: Logik und Ästhetik der erfolgreichen TV-Serien werden als dreiminütige Episoden gerafft, um einige gewagte Ideen erweitert und für kleines Geld auf Social-Network-Sites mit großer Reichweite präsentiert. Diese Webserien sollten zeigen, „dass es einen anderen Weg“ gibt, wie Buffy-Erfinder Joss Whedon sagte. Whedon ist wohl der berühmteste einer ganzen Reihe von Hollywood-Regisseuren, die das Netz für sich entdeckt haben. Für ihn war früh klar, was mittlerweile auch andere Filmprofis merken: Man braucht keinen sperrigen TV-Sender, um mutige, schnelle, radikale Serien zu produzieren.

Seither ist das Genre explodiert. Der Konsum von Internetvideos hat sich allein in den USA im letzten Jahr um 34 Prozent auf 12,7 Milliarden gesehene Clips gesteigert. Und es werden weniger Amateur-Quatschvideos angeschaut, dafür mehr professionelle Unterhaltungsproduktionen. In Deutschland sorgte die erste Websoap bei My Space, die Candy Girls, im letzten Jahr für Aufsehen. Seit März gibt es nun ein von der Telekom gesponsertes Serien-Portal: 3min.de. Wer noch nie eine Webserie geschaut hat, sollte aber nach Sichtung des deutschen Angebots kein vorschnelles Urteil über das junge Genre fällen. Hiesige Produktionen wirken wie unbeholfene Gehversuche im Vergleich mit US-Serien.

Düstere Zukunftsgeschichten

Am 28. März wird in Los Angeles vorgeführt, wie man es besser macht. Zum ersten Mal werden die Streamy Awards verliehen, der Oscar für Webserien. In der Kategorie „Best Dramatic Web Series“ kann sich 2009:A True Story Chancen ausrechnen. Es ist die verstörende Geschichte einer Videobloggerin, die einen (vermeintlichen) Nuklearangriff auf Los Angeles überlebt hat. Sie wird Zeugin, wie sich Amerika in eine Militärdiktatur verwandelt. Die Webserie benutzt die Ästhetik und Dramaturgie von 24, übersetzt sie aber in die regellose, düstere Internetwelt: Alles sieht aus, wie mit Handy- oder Nachtsicht-Kameras aufgenommen, ständig gibt es Bildstörungen, den Helden misslingt das Meiste. 2009: A True Story ist visuelle Avantgarde, gepaart mit düsterer Gesellschaftskritik.

Auch ein weiterer Streamy-Award-Favorit entwirft eine apokalyptische Zukunft. After Judgement, eine angsteinflößende Geschichte, deren Erzählung ganz postmodern mitten im Geschehen einsetzt und den Zuschauer nervenzerreißend lang im Ungewissen lässt. Das Einzige, was wir erfahren: Alle Kinder sind von der Erde verschwunden, die Zeit steht still, die Sonne geht nicht unter und – bloß nicht im Meer baden. Die Serie ist keine Unterhaltung, man kann sich nicht zur Entspannung berieseln lassen. Es ist aktives Zuschauen, permanent springt die nicht-linear erzählte Geschichte vor und zurück, ständig rätselt man mit, ist genauso überrumpelt von den Ereignissen wie die Protagonisten. Auch offline lässt einen die Handlung nicht mehr los, man grübelt noch lange weiter.

In der Kategorie „Best Comedy“ zeigt sich die erstaunliche Bandbreite der Webserien: Einer der Favoriten ist Serienprofi Joss Whedon mit seinem irren 45-minütigen Internet-Musical: Dr. Horrible’s Sing-Along Blog. Es ist bisher der einzige ernstzunehmende Versuch, ein internettaugliches Format zu entwickeln, das die Länge von fünf Minuten deutlich überschreitet. Geheimtipp unter den Komödien aber ist You Suck at Photoshop, eine minimalistische, fast dadaistische Serie, die alle Klischees über amerikanische Unterhaltung ad absurdum führt: Wir sehen einen Computerbildschirm und hören die leicht gereizte Stimme des Protagonisten Dannie Hoyle, während er die wahnwitzigen Funktionen des Layoutprogramms Photoshop erklärt. Die Serie hatte unglaubliche neun Millionen Zuschauer. Im Fernsehen könnte das nie laufen: keine Dramaturgie, keine Menschen, nur eine einzige Einstellung. Man muss es gesehen haben, um zu verstehen, wie beschränkt das Medium Fernsehen ist.

Anarchische Lust am Herumspielen

Was die erfolgreichen Webserien bei allen Unterschieden verbindet, ist die anarchische Lust am Herumspielen. Was TV-Serien wie Lost oder Six Feet Under vorgemacht haben, wird hier konsequent weitergedacht: Die Geschichten sind gewagter, die Erzählstränge verwirrender, die Szenarien düsterer, die Bilder verstörender. Das neue Genre ist roh, unfertig, fehlerhaft. Es verleitet zum Experimentieren.

Ende der neunziger Jahre probierten sich Hollywoods Star-Autoren erstmals an dem neuen Medium. In Erinnerung blieb Simpsons-Chefschreiber Mike Reiss mit seiner Zeichtrick-Serie Queer Duck – die Geschichte einer homosexuellen Ente, die als Sprechstundengehilfin in einer Arztpraxis arbeitete. Queer Duck floppte allerdings grandios, als die Story vom Netz ins Fernsehen wandern sollte. Noch ahnte man nicht, dass es offensichtlich Geschichten gibt, die nur im Internet erzählt werden können.

Denn nicht nur das Medium ist ein anderes, auch der Zuschauer. Eine neue Studie zeigt: Knapp zwei Drittel aller Zuschauer klicken im Netz nach spätestens 60 Sekunden weg. Eine Aufmerksamkeitsspanne von einer Minute? Das klingt nach Extrem-Zapping, nach Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Aber man beginnt, es zu verstehen, wenn man selbst mal Webserien schaut. Zum Beispiel Torstrasse Intim. Eine lustige, kleine Sendung aus einer Berliner WG. Und doch ist man nach wenigen Sekunden versucht, weiterzuklicken. Nicht weil man sich langweilt, sondern weil im Internet 60 Sekunden eine verdammt lange Zeit sind.

Im Branchenjargon unterscheidet man zwischen dem Lean-back-Medium Fernsehen und dem Lean-forward-Medium Internet. Zwischen passiv und aktiv, zwischen Berieselung und Partizipation. Webserien, so hofft man, könnten den Graben schließen, indem sie fesselnd sind wie ein abendfüllender Fernsehfilm und zugleich interaktiv, wie es dem Web angemessen ist.

Coen-Brüder drehen fürs Netz

Die drängendste Frage der Filmemacher: Kann man in einem Hektikmedium wie dem Internet längere Formate überhaupt zeigen? Dass es möglich sein muss, Spielfilme fürs Netz zu produzieren, legt der Eifer nahe, mit dem an einem solchen Format gebastelt wird: die neugegründete Produktionsfirma 60Frames hat Hollywoods angesagteste Regisseure, die Oscar-Preisträger Joel und Ethan Coen, unter Vertrag. Sie sollen den ersten echten Web-Film drehen.

Aber wie verdient man mit Webserien Geld? Standard ist momentan ein kleines Werbebanner, der alle 40 Sekunden im unteren Bildschirmrand eingeblendet wird. Manche Serien haben kurze Werbespots, die vor dem Start der Episode laufen – und es gibt Product Placement. Weil die Finanzierung für das neue Genre eine so zentrale Frage ist, haben die Streamy Awards dafür sogar eine eigene Kategorie: „Best Ad Integration in a Web Series“.

Was den Webserien bisher noch fehlt, um genug Werbekunden anzulocken, sind Zuschauer in ausreichender Zahl. Zu abschreckend ist offensichtlich der Aufwand, im Netz nach Filmen zu suchen. Es fehlt ein redaktioneller Filter, eine Programmzeitschrift. Hinzu kommt, was Georg Ramme, Produzent der deutschen Webserie Deer Lucy, den „großen Internet-Mythos“ nennt: dass Internet-Serien billiger seien als Fernsehproduktionen. Damit es nicht wie YouTube-Müll aussieht, braucht man höhere Produktionskosten, komplexere Plots, bessere Besetzungen. Eine fünfminütige Webserie kostet so schnell 15.000 Euro oder mehr, denn eine professionelle Crew verlangt die gleichen Gagen fürs Netz wie fürs Fernsehen.

Konkurrenz erwächst dem jungen Genre auch vom älteren Bruder. Zuschauer gewinnen vor allem bekannte Fernsehserien, die im Internet gezeigt werden. Stellvertretend für diesen Trend steht Hulu.com, ein Joint-Venture zwischen den TV-Riesen NBC und FOX. Die Webseite zeigt erfolgreiche Serien, Sportsendungen und Filme aus dem Fernsehen gratis im Netz und spricht so jene an, die sich nicht mehr nach der Programmplanung der Sender richten wollen.

Die Seite gibt es seit einem Jahr – aufgrund von Lizenzrechten ist sie nur in den USA abrufbar. Hulu hat acht Millionen Besucher pro Monat, You Tube 80 Millionen. Und trotzdem hat Hulu in seinem ersten Jahr genauso viel Geld verdient wie You Tube. Die Erklärung: Hulu mit seinen Top-Serien ist attraktiver für Werbetreibende als You Tube mit seinem unkontrollierbaren Mix. Es überrascht also nicht, dass Google, der Inhaber von You Tube, Ende letzten Jahres einen Deal mit dem Hollywood-Produzenten MGM abschloss, um ebenfalls Spielfilme zu präsentieren.

Das Signal der Industrie ist eindeutig. Die großen Produktionsfirmen haben kein Interesse daran, ein neues Genre in einem neuen Medium zu entwickeln. Man will nur darauf reagieren, dass Menschen mehr Zeit im Internet als vor dem Fernseher verbringen. Es ist also zu befürchten, dass die anarchistische Lust der Webserien bald von der sterilen Vermarktungslogik des Fernsehens eingeholt wird. Bis es soweit ist, sollte man noch in ein paar Folgen reinklicken.

Am 28. März werden in Los Angeles die Streamy Awards, die Oscars für Webserien, verliehen. Wir präsentieren die Favoriten:

Beste Comedy-Serie

Web Therapy: Lisa Kudrow, bekannt aus Friends, therapiert in exakt dreiminütigen Sitzungen Patienten via Internet. Prima Unterhaltung, bis man auf eine Sitzung stößt, die ein Problem behandelt, das man selbst hat.

Beste News-Serie

Alive in Baghdad: Jeden Montagmorgen berichtet ein irakischer Journalist vom Alltagsleben in Bagdad.

Beste moderierte Serie

Wine Library TV: Dem etwas gewöhnungsbedürftigen Moderator Gary Vaynerchuk gelingt ein kleines Kunststück: Über Wein sprechen, ohne zu langweilen.

Beste dramatische Serie

After Judgement: Die Zeit ist stehen geblieben, die Sonne geht nicht mehr unter, alle Kinder sind verschwunden. Kluge, beklemmende Mystery-Serie, lohnt sich.

Beste animierte Serie

The Zero Punctation: Piktogramm-artig animierte Gestalten illustrieren den irre schnell gesprochenen Text des Briten Ben Croshaw, der neue Computerspiele, Alben, Konsolen und sonstiges Nerd-Spielzeug kenntnisreich und witzig kommentiert.

Bestes künstlerisches Konzept

The Ten Commandments of the Vida Loca: In zehn Clips werden die zehn Gebote interpretiert von Mitgliedern der berüchtigten Latino-Gang MS-13 in L.A. Angeblich halbfiktional. Wunderschön in Schwarz-Weiß ge- filmt. Es empfiehlt sich, ein Spanisch-Slang-Wörterbuch zur Hand zu haben.

You suck at Photoshop: Irre, eigenwillige Einführung in das Layoutprogramm Photoshop, hat Kult-Charakter. Nominiert für insgesamt vier Streamy Awards. Besser als Fernsehen

05:00 26.03.2009

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