Magnus Klaue
Ausgabe 3113 | 06.08.2013 | 06:00 5

Ich bin dann mal weg

Geistreich Ernst Jünger sammelte nicht nur Käfer, sondern auch "letzte Worte". Sein gleichnamiges Kompendium gehört zu den originellsten Anthologien der Kulturgeschichte

Ich bin dann mal weg

Wilfingen, März 1997: Ernst Jünger im Kreise seiner Bücher

Foto: Bruni Meya/ akg/ dpa

Was bedeutende Menschen, meist Männer, zur Stunde ihres Todes gesagt haben, zog schon immer Aufmerksamkeit auf sich. Vor allem im ausgehenden 19. Jahrhundert, als das westeuropäische Bürgertum sich zunehmend selbst musealisierte und Sprüchesammlungen wie Georg Büchmanns Geflügelte Worte den Kanon der Hochkultur massenhaft verfügbar machten, waren Anthologien letzter Worte von berühmten Sterbenden beliebt.

Der Literaturwissenschaftler Karl S. Guthke hat dieser Mode mit seinem 1990 erschienenen Buch Letzte Worte eine eigene Studie gewidmet. Weit seltener untersucht wurde die Frage, wie sich das Interesse an agonalen Schlussworten in der Moderne ausgeprägt hat. Entsprechende Anthologien sind jedenfalls auch im 20. Jahrhundert erschienen, etwa der von Herbert Nette 1971 herausgegebene Sammelband Adieu les Belles Choses. An die Stelle des musealen und hagiographischen Bedürfnisses, das die Anthologien in der Zeit des Historismus erfüllten, ist heute das Vergnügen am Anekdotischen und am Schwarzen Humor getreten, wovon das Sujet genug zu bieten hat.

Bitte an die Freunde

Umso verblüffender, dass ausgerechnet Ernst Jünger sich mit diesem zur Kolportage neigenden Genre beschäftigt hat. Jüngers Passion für die Erfahrung des Todes, in seinen literarischen Texten nicht selten geschmäcklerisch ausgebreitet, ist für sich genommen keine Überraschung. Aber dass er sich von 1945 bis in die frühen sechziger Jahre mit derselben Ernsthaftigkeit, die er auf das Sammeln von Käfern, Muscheln und Sanduhren verwendete, auch dem Sammeln von letzten Worten widmete, erstaunt dann doch. Als Quellen seiner Anthologie, deren Objekte er akribisch auf Karteikarten erfasste, dienten ihm neben früheren Sammlungen etwa Romane, Biografien, Zeitungsmeldungen, aber auch Ausgaben von Reader’s Digest und Illustrierte wie Quick. 1949 ließ er zum Zweck seines Vorhabens gar einen Stapel Postkarten drucken, die er an Freunde mit der Bitte verschickte, ihnen bekannte letzte Worte unter Angabe von „Autor“ und „Quelle“ an seine Adresse zu schicken.

Weil Jünger seit den Sechzigern kaum mehr daran arbeitete, blieb seine Anthologie Fragment; Jörg Magenau hat sie nun, inklusive der Abbildungen zahlreicher Post- und Karteikarten, in einer Jüngers Absichten wohl sehr nahe kommenden Form bei Klett-Cotta herausgegeben. Obwohl Magenau das Kompendium in seinem Nachwort etwas gar klischeehaft mit Jünger selbst als den Versuch deutet, „dem Tod näher zu kommen“, liefert er instruktive Hinweise, inwiefern die Sammlung sowohl dem Tenor von Jüngers Werk wie den Prinzipien ähnlicher Sammlungen widerspricht. Genre- und Jünger-typisch ist zwar der weitgehende Verzicht auf letzte Worte von Zeitgenossen, der Schwerpunkt liegt auf Autoren der Antike, des Mittelalters, der bürgerlichen Epoche und einigen Vertretern des 20. Jahrhunderts, die Jünger entweder wegen ihres objektiven Rangs (Franz Kafka, der auf die Versicherung seines Freundes Klopstock, nicht fortzugehen, antwortete: „Aber ich gehe fort“) oder aus persönlicher Affinität (Knut Hamsun: „Lass gut sein, Marie, ich sterbe jetzt“) ausgewählt haben dürfte.

Botschaft an die Lebenden

Ungewöhnlich ist aber die Heterogenität der vertretenen Personen, darunter nicht nur überraschend viele Frauen und nur wenige Soldaten (nur einige anonyme Feldwebel), sondern auch Angehörige verschiedenster Berufe und Schichten. Evergreens wie die Schlussworte von Cäsar („Auch du, mein Sohn?“) und Goethe („Mehr Licht!“) werden lakonisch korrigiert. So weiß Jünger über Cäsars gewaltsamen Tod verlässlich nur von einem letzten „Seufzer“ zu berichten, und Goethe hat nach Jüngers Quellen zwar zu seinem Diener gesagt: „Mach doch den zweiten Fensterladen in der Stube auf, damit mehr Licht hereinkommt.“ Seine letzten Worte seien jedoch gewesen: „Nun, Frauenzimmerchen, gib mir dein gutes Pfötchen.“ Von Rose Beuret, der Lebensgefährtin des Bildhauers Auguste Rodin, kolportiert Jünger die Sentenz: „Das Sterben macht mir nichts aus, aber meinen Mann verlassen zu müssen! Wer wird sich um ihn kümmern? Was wird dem armen Ding zustoßen?“, von Thomas Mann die nörgelnde Frage: „Wo sind meine Gläser?“

Gegliedert ist die Sammlung in die Abschnitte „Rückschau“, „Gewalttaten“, „Todesarten“ und „Vorschau“. Jedes Kapitel ist unterteilt in Rubriken, die verschiedene Themen und Stilformen bündeln: Es werden „Lebensbilanzen“ gezogen und „Ratschläge“ gegeben, „Stilfragen“ sowie „Licht- und Sichtverhältnisse“ erörtert. Wer es makaber liebt, kann in der Rubrik „Selbsttötungen“ erfahren, dass der österreichische Kulturhistoriker Egon Friedell, bevor er sich aus dem Fenster stürzte, dem unten stehenden Hauswirt zurief: „Bitt’ schön, gehen’s zur Seite!“ Fromme dürften durch die Worte des Theologen Martin Kähler irritiert sein, der beim Sterben sagte: „Nun ist nichts mehr in mir, was wider Gott ist.“

Dass letzte Worte „weniger eine Überlieferung als eine Kennzeichnung“ sind, gibt Jünger in seiner Vorrede zu. Da sie jedoch nicht „frei erfunden“ seien, sondern „in einer notwendigen Beziehung“ zum Urheber ständen, seien sie Initialen eines Lebens oder einer Epoche. Darum ist die Mehrzahl der von Jünger mitgeteilten Worte in eine kleine Geschichte eingebettet, die ihnen den Charakter Kleistscher Anekdoten verleiht. Wenn Jünger die Absenz gestorbener Zeitgenossen in seiner Sammlung mit der Anonymität des Sterbens in Zeiten von Krankenhaus- und Heimtod begründet, mag das insofern plausibel sein, als letzte Worte immer seltener überhaupt gehört werden. Es ändert aber nichts an der Gültigkeit der in ihnen bewahrten Erfahrung. Oft ist sie eine Botschaft an die Lebenden, manchmal eine frohe. Etwa bei der 1762 gestorbenen englischen Dichterin Mary Wortley Montagu, von der der Sterbesatz überliefert ist: „Es ist alles sehr interessant gewesen, sehr interessant!“

Letzte Worte Ernst Jünger Fragment, Hrsg. von Jörg Magenau, Klett-Cotta 2013, 248 S., 22,95 €

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 31/13.

Kommentare (5)

anne mohnen 06.08.2013 | 10:59

Feuilletonistische Nachlassverwalter Wittgensteins behaupten, der haben zuletzt gesagt: „Denk nicht, schau.“ Also, zuletzt noch an Kant gedacht, hi, hi? Wohl kaum. Mir gefällt diese Mär besser: „Sagen Sie ihnen, dass ich ein wundervolles Leben gehabt habe. (zu Frau Bevan, die in der Nacht, als er starb bei ihm wachte)

Bei Thomas Mann tippe ich eher auf: „ Ab gleich ohne mein „Veronal“ Ob Mann dabei, in den letzten Zügen liegend und Leiden und Größe der Meister vor Augen noch an Goethe dachte?

„Entzieht Euch dem verstorbenen Zeug‘! Lebend’ges laßt uns lieben“

Nils Markwardt 06.08.2013 | 11:36

Im Fall des Geheimrats gibt es auch noch eine sehr schöne dritte, nämlich Bernhard'sche Variante (aus Goethe stirbt): "Als Goethe dann starb, eben am zweiundzwanzigsten, dachte ich sofort, was für eine Schicksalsfügung, daß Goethe genau für diesen Tag Wittgenstein zu sich nach Weimar eingeladen hatte. Was für ein Himmelszeichen. Das Zweifelnde und das Nichtzweifeinde, soll Goethe als Vorletztes gesagt haben. Also einen wittgensteinschen Satz. Und kurz darauf jene zwei Wörter, die seine berühmtesten sind: mehr Licht! Aber tatsächlich hat Goethe als Letztes nicht Mehr Licht, sondern Mehr nicht! gesagt. Nur. Riemer und ich – und Kräuter – waren dabei anwesend. Wir, Riemer, Kräuter und ich einigten uns darauf, der Welt mitzuteilen, Goethe habe Mehr Licht gesagt als Letztes und nicht Mehr nicht! An dieser Lüge als Verfälschung leide ich, nachdem Riemer und Kräuter längst daran gestorben sind, noch heute."