Ich bin die Pest

Interview Catherine Camus wusste schon als Kind von den Affären ihres berühmten Vaters. Wie es zu seinem Tod kam, will sie nicht wissen

Ein kleiner Friedhof am Eingang des südfranzösischen Bergdorfes Lourmarin. Das Grab von Albert Camus liegt im hinteren Teil des Geländes. Er liegt neben seiner Frau Francine.

Die Grabstätte ist aus schlichtem grauen Stein, in der Mitte steht ein großer Oleander, man findet auch Botschaften all derer, die hierher gepilgert sind. Die letzte, die ans Grab des großen französischen Autors und Philosophen kam, war die US-amerikanische Sängerin Patti Smith. „Wir haben sie zu uns nach Hause eingeladen. Sie hat sich im Büro eingeschlossen, um das Manuskript von Der erste Mensch durchzublättern. Als sie herauskam, hat sie geweint“, erzählt die 74-jährige Catherine Camus, als wir sie später an diesem Tag besuchen.

Catherine Camus empfängt uns in der Rue Albert Camus, in einem alten Haus, in dem früher die örtliche Seidenraupenzucht untergebracht war und das ihr Vater, der in eine sehr arme algerische Familie hineingeboren wurde, 1957 von seinem Nobelpreisgeld gekauft hat.

Sie ist klein, andauernd in Bewegung, als sei sie auf der Flucht, in ihrem Blick liegt leichte Melancholie. Seit fast dreißig Jahren verwaltet sie das Werk ihres Vaters. Aus dem Zuhause mit den pastellgrünen Fensterläden eröffnet sich ein Blick über die Hügel des Luberon, der provenzalischen Gebirgskette. Aus diesem Haus brach Albert Camus am 4. Januar 1960 gemeinsam mit dem Verleger-Neffen Michel Gallimard in Richtung Paris auf, in einem edlen dunkelgrünen Sportwagen-Coupé, dem Auto, das kurz darauf komplett ins Schlingern gerät und an einer Platane zerschellt. Camus ist auf der Stelle tot. Bei ihm fand sich das unvollendete Manuskript, das Patti Smith Jahrzehnte später zu Tränen rührte.

Umgeben von Hunden und streunenden Katzen sitzt Catherine Camus in einem kleinen Raum, wo sich Bücher, Notizzettel und Briefe stapeln. Sie erzählt vom Vater, ihrer Kindheit, dem gemeinsamen Erbe.

der Freitag: Frau Camus, vor 60 Jahren kam Ihr Vater ums Leben. Man gedenkt seiner weltweit. Bedeutet Ihnen das etwas?

Catherine Camus: Nein, Gedächtnisfeiern langweilen mich. Bis Juli hatte ich noch gar nicht daran gedacht. Dann begannen die Telefonanrufe, kamen die Einladungen, die Vorschläge für Interviews. Ihr Journalisten liebt Jahrestage. Was soll ich sagen? Für mich ist mein Vater jeden Tag tot.

Leben Sie noch mit diesem einen Gedanken an seinen Tod?

Hätte ich den Verlust verarbeiten sollen? Was für ein lächerlicher Ausdruck. Ich lebe jeden Tag mit dem Verlust, gezwungenermaßen.

Sie blickt um sich, so als suche sie jemanden. Das große Haus ist still, einer der Hunde schläft auf dem Sofa.

Fehlt er Ihnen sehr?

Es hat für mich nichts Trauriges. Ganz im Gegenteil, wir lachen viel zusammen. Vor ein paar Tagen bin ich übrigens einem Historiker begegnet, der Sartre verehrt. Der wirkte, als sei er einem Gefrierschrank der 60er Jahre entstiegen.

Außerdem gibt es zu den Jubiläen meines Vaters sowieso keine großen Feierlichkeiten.

Wieso nicht?

Die französischen Institutionen haben schon den hundertsten Geburtstag meines Vaters ignoriert. Ich weiß noch, wie die Verlagsleute von Gallimard mich anriefen, alle ganz aufgeregt angesichts des kommenden Termins. Und ich antwortete: Ihr verschwendet eure Zeit, es wird nichts passieren. Und ich hatte Recht.

Wie erklären Sie sich das?

Mein Vater mochte Macht nicht. Bis heute kann niemand sein Werk für sich in Beschlag nehmen. Darauf bin ich stolz. Auch wenn er tot ist, hört er nicht auf zu verärgern.

„Der Fremde“ ist heute noch eines der meist verkauften französischen Bücher der Welt.

Vielleicht liege ich falsch, aber ich glaube, das hat damit zu tun, dass Camus auf Augenhöhe zu den Menschen spricht. Er kannte keine Vorurteile oder Ideologien. Er sagte: „Wenn ich der Meinung wäre, die Rechten haben Recht, wäre ich rechts.“ Er war ein Macronist schon lange vor Macron.

Was halten Sie von Präsident Macron?

Wenn ich mir die anderen Staatschefs, die da draußen sind, so angucke – von Salvini über Trump zu Johnson – da können wir uns mit Macron glücklich schätzen. Er ist kultiviert, hat einige Male meinen Vater zitiert und sich keinen großen Fehltritt geleistet. Im Vergleich zu den meisten Politikern hat er zuvor schon viele andere Dinge im Leben gemacht.

Macron wird andauernd stark kritisiert, erst von den Gelbwesten, jetzt von den protestierenden Gewerkschaften.

Leider haben ihn die Medien als Präsidenten der Reichen dargestellt, daher fürchte ich, dass er letztlich keine Chance hat. Die Franzosen werden vom Neid zerfressen, es ist erschreckend. Meine Großmutter väterlicherseits war extrem arm, sie ging putzen. Wenn sie heute geboren würde, hätte sie wahrscheinlich ein noch härteres und unglücklicheres Leben.

Vor zehn Jahren schlug Nicolas Sarkozy, der damalige Präsident vor, Ihren verstorbenen Vater ins Panthéon in Paris zu holen.

Dafür hat er teuer bezahlt und ich auch.

Inwiefern?

Nicolas Sarkozy wurde stark dafür kritisiert, und ich habe einige Freunde aus der Linken verloren. Sie hielten nichts davon, dass ich mit Sarkozy Mittagessen war, um über diese Sache zu reden.

Sie haben am Ende zugestimmt.

Ich war hin- und hergerissen. Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich erhielt damals Hunderte Briefe von Französinnen und Franzosen, die arm geboren wurden, wie mein Vater. Die haben mich am Ende überzeugt. Camus im Panthéon wäre für sie ein Zeichen der Hoffnung gewesen. Meine Großmutter hätte dasselbe gesagt.

Aber Ihr Bruder war dagegen, die Überführung ist gescheitert ...

Ja, Jean wollte es nicht. Er hat im Scherz zu mir gesagt: „Dieses eine Mal habe ich dir einen Gefallen getan.“ Unsere Beziehung ist nicht unkompliziert. Es gibt Zeiten, in denen er mich verabscheut, dann wieder andere, in denen er Frieden schließen will. Wir haben erst kürzlich wieder miteinander gesprochen – nach sieben Jahren.

Sie und Ihr Bruder sind Zwillinge. Ihr Vater nannte sie liebevoll „Pest und Cholera“. Wer war die Pest?

Ich war die Pest, Jean die Cholera. Für uns war PapáLe Rassurant“ – der ruhende Pol. Wir sahen in ihm jemanden, der verlässlich und gerecht war. Dabei waren mir die Ohrfeigen meiner Mutter lieber als die Vorhaltungen meines Vaters. Es war unmöglich, ihn anzulügen. Er hat uns zur Ehrlichkeit erzogen und zum Respekt gegenüber Anderen. Das ist es, was mich nach seinem Tod gerettet hat.

Sie waren 14, als Ihr Vater starb. Wie haben Sie damals von dem Unfall erfahren?

Meine Mutter nahm uns mit ins Haus von Freunden, ohne uns etwas zu sagen. Wir haben es mitgekriegt, indem wir die Gespräche verfolgten. Es war wie ein Erdbeben. Ich erinnere mich nur noch an die enorme Angst, die ich verspürte.

Albert Camus 1957 mit Catherine (r.) und ihrem Zwillingsbruder Jean

Foto: Loomis Dean/The Life Picture/Getty

Haben Sie das Buch von Giovanni Catelli gelesen, der die Hypothese aufstellt, der Unfall sei ein Komplott des sowjetischen Geheimdienstes KGB zur Ermordung Camus’ gewesen?

Das habe ich nicht gelesen. Ich weigere mich, mir Fragen zu dem Unfall zu stellen. Es ist schon so schwer genug. Die logischste Erklärung ist, dass der Facel Vega – das Auto, in dem Camus mitfuhr – ein technisches Problem hatte. Der Wagentyp hat schon andere Unfälle verursacht. Und es gibt Leute, die überzeugt sind, dass die Organisation de l’armée secrète – die Organisation der geheimen Armee gegen die Unabhängigkeit Algeriens – dahintersteckt. Andere verdächtigen den CIA. In den Aufzeichnungen des CIA und des KGB steht die gleiche Einschätzung über meinen Vater: Er sei Trotzkist gewesen. Mein Vater hat es geschafft, dass sie sich einig sind.

Sind Sie je auf den Spuren Ihrer Familie in Algerien gewesen?

Dazu habe ich keine Lust. Sarkozy bot mir an, zu einem Staatsbesuch mitzukommen. Ich antwortete ihm, dass ich Abdelaziz Bouteflika nie die Hand gereicht hätte, dem damaligen Präsidenten, einem Mörder an seinem eigenen Volk. Ich fühle mich bei den Arabern wohler als bei den Franzosen, aber es gibt einiges, womit ich nicht einverstanden bin. Zum Beispiel mit der Tatsache, dass man des Rassismus beschuldigt wird, sobald man eine bestimmte Interpretation des Islam kritisiert.

Wieso haben Sie bis 1994 gewartet, um das Manuskript von Albert Camus’ „Der erste Mensch“ zu veröffentlichen?

Ich wollte mich vorher beraten lassen. Am Ende wurde die Entscheidung dadurch beschleunigt, dass es Piratenkopien gab. Ich wollte nicht, dass der Text mit Fehlern oder Änderungen erscheint.

In dem Roman geht es um Ihre Familie. Hatten Sie nicht das Gefühl, ein Teil davon zu sein?

Wenn ich mir Fragen dieser Art stellen würde, hätte ich nicht die Korrespondenz mit María Casarès veröffentlicht.

Ihr Gesicht leuchtet beim Sprechen über die spanische Schauspielerin, mit der Camus eine lange leidenschaftliche Liebe verband.

Warum fanden Sie es wichtig, den Briefwechsel von Camus und Casarès bekannt zu machen?

Es war ein Buch, in dem es um die Beziehung zwischen meinem Vater und María ging. Es schien mir glücklicher, die beiden direkt Betroffenen ihre Geschichte erzählen zu lassen: So ist es gewesen.

Sie wussten also schon von klein auf, dass Ihr Vater eine Geliebte hatte?

Für mich war das die Normalität. Wenn ich bei Freundinnen zuhause war und sah, dass ihre Eltern im gleichen Bett schliefen, kam mir das seltsam vor. Einmal – ich weiß nicht, woher ich die Unverfrorenheit nahm – ging ich zu meiner Mutter und fragte: Wie ist María? Sie antwortete mir: Sie ist wie du. Mir war nie klar, ob das für sie gut oder schlecht war, wahrscheinlich irgendetwas dazwischen. Jahre später sagte ich mir, dass es ein Kompliment war.

Kannten Sie Casarès?

Nach dem Tod meiner Mutter hinterlegte ich 1980 eine Visitenkarte in einem Theater in Nizza, in dem María in einem Stück auftrat. Kurz darauf rief sie mich an und lud mich ein, sie in ihrem Hotel zu treffen. Ich kam um 14 Uhr, und wir verbrachten fünf Stunden auf dem Bett liegend und aßen Schokolade. Danach haben wir uns noch ein paar Mal wiedergesehen. Sie war eine strahlende Frau, so lebendig.

Hat Ihre Mutter unter dieser Untreue gelitten?

Sie war eine zerbrechliche Frau, immer depressiv. Wahrscheinlich machten die Fälle von Untreue es nicht besser. Aber mein Vater hat ihr nie etwas vorgemacht. Er hat sagte ihr, dass er unfähig sei, verheiratet zu sein. Gleichzeitig hätte er sie, aus Respekt vor dem gegebenen Versprechen, nie verlassen. Ich habe damit begonnen, den Briefwechsel zwischen ihnen zu ordnen; es ist eine Art forcierte Psychoanalyse. Eines Tages werde ich ihre Briefe vielleicht veröffentlichen, weil man dadurch versteht, wie sehr beide gelitten haben, insbesondere während des Krieges.

Welches der Bücher von Albert Camus gefällt Ihnen denn am Besten?

Der Fall und – auch wenn es kein literarisches Werk ist – die Rede, die er 1957 in Stockholm anlässlich der Überreichung des Nobelpreises für Literatur hielt. Darin bezeichnet er seine Zweifel als seinen Reichtum. Heute haben alle klare, eindeutige Meinungen. Aber es handelt sich nicht um Urteile. Es ist nur Pose.

Catherine Camus steht auf, sie will mit den Hunden rausgehen. Die regen sich aber nicht, schlafen weiter.

Fragen Sie sich eigentlich manchmal, was Ihr Vater wohl heute angesichts der großen Unordnung auf der Welt sagen würde?

Da reicht es, erneut sein Werk zu lesen. Er sagte, Parolen hätten den Dialog ersetzt. Genau da sind wir heute. Er war in vielerlei Hinsicht hellsichtig.

Der Junge aus Algerien

Albert Camus erblickte 1913 auf dem nackten Lehmboden eines Weingutes in Mondovi, Algerien das Licht der Welt. Seine Eltern, eine Spanierin und ein Elsässer, waren hier Vorarbeiter. Camus wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, seine Mutter war Analphabetin, sein Vater fiel im Ersten Weltkrieg,da war Camus ein Jahr alt.
Der Junge war begabt und ein Lehrer sorgte dafür, dass er zur Schule ging.
Von 1933 bis 1936 studierte Camus an der Universität Algier Philosophie. Seine Diplomarbeit schrieb er über Augustinus. 1934 trat er der Kommunistischen Partei Algeriens bei und gründete im Jahr darauf das „Theater der Arbeit“. 1938 entstand sein erstes Drama Caligula.

Ab 1939 arbeitete Camus als Journalist. Mit Ausbruch des Krieges meldete er sich als Freiwilliger für den Kriegsdienst, wurde aber wegen seiner Tuberkulose-Erkrankung abgelehnt.Camus zog 1940 nach Paris. 1942 schloss er sich der Résistance an. Die Romane Der Fremde (1942), Die Pest (1947) und der Essay Der Mythos des Sisyphos (1942) begründeten seinen literarischen Ruhm. Sein letzter Roman zu Lebzeiten, Der Fall (1957), ist die Beichte eines Staranwalts, der hinter seinem vermeintlichen Altruismus die Selbstsucht erkennt. Camus galt neben Jean Paul Sartre als führender Vertreter des Existenzialismus. Die Essaysammlung Der Mensch in der Revolte von 1953 inspiriert bis heute die Protestbewegungen im 21. Jahrhundert. Diese Schriften führten zum Zerwürfnis mit Sartre, der ihm Verrat an linken Idealen vorwarf. Camus sah sich selbst als Moralist.
1957 erhielt er den Literatur-Nobelpreis.

Er hatte mehrere Ehefrauen und Geliebte. Camus’ Sohn Jean lebt bis heute in der Pariser Wohnung des Vaters. Anfang Januar 1960 verunglückte Camus tödlich.

Anais Ginori ist Frankreich-Korrespondentin von La Repubblica, wo dieser Text zuerst erschien

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 04.03.2020

Ausgabe 38/2020

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