Ich bin ein Genie

INDIVIDUELLE KLIMAZONE Herbert Achternbuschs "Der letzte Schliff"

Ein Schriftsteller geht mit seiner Tochter in den Münchner Zoo. "Wir gehen auf die Giraffe zu. Ich sage: 2 Maikäfer. Semiramis sagt: 1 Kaffee. Da weiß ich, daß sie meine Tochter ist. Ich lasse mir noch einfallen, daß die Zebras auch Ziehharmonika heißen könnten, doch wie schwach ist das gegen Semiramis´ Einfall."

Die Anekdote findet sich auf den letzten Seiten von Herbert Achternbuschs gewichtiger Abschiedsprosa Der letzte Schliff, ein Marathonbrief über die Suche nach der verlorenen Geliebten, ein großangelegter autobiografischer Versuch, der durch Spiegelung, Vertauschung und Verschränkung als Fiktion offen konzipiert ist. Es ist alles in einem und alles ist überall.

Die Welt der Tiere und die Welt der Namen: als Leitmotive und verkörperte Gedanken ziehen die Tiere durch Herbert Achternbuschs Werk. Kamel, Schaf, Hund, Frosch, Wasserbüffel - sie alle halten ihre Hülle für sprunghafte Standortwechsel bereit, zur Verwandlung und Rollenprosa, zur Änderung der Sehweise, zur Froschperspektive, aus der alles auf einmal anders wird. Zugleich aber verkörpern die Tiere eine Gegenwelt zu der der Menschen: in sich ruhend, stumm, mit offenen Augen.

Ein weiteres Komikpotential ist das der Namen. Durch eigenwillige Vertauschung und Rückgriff bei der Neubenennung auf mythische Vorläufer öffnet sich die radikale Subjektivität des Schriftstellers auf vielschichtige Ebenen, die seine Bekenntnisse und Entblößungen vor dem Zugriff exzessiver Nabelschau - auch des Lesers - bewahren. Der Leser wird von Herbert Achternbusch ohnehin gerne auf Distanz gehalten. Prosaisch in seiner Funktion als "Textkäufer" benannt, (selbst-)ironisch aber auch als "trainierter Leser" charakterisiert und gerühmt.

In dem Film Ab nach Tibet sagt Su - was ja auch eine Kurzform der bei Achternbusch allgegenwärtigen Susn ist - gespielt von der Schauspielerin Judith Tobschall, die im "letzten Schliff" zu der verlorenen und verklärten geliebten Langboh wird, zu Hick, der wieder von Herbert Achternbusch gespielt wird: "Hick, du siehst nur dich. Und ich bin in Wirklichkeit dein Schatten." Da Su im Film aber als angehende Schriftstellerin ein Alter Ego Achternbuschs verkörpert, ist auch das Gegenteil des Satzes nicht undenkbar, was unumkehrbar in den "letzten Schliff" führt.

Der Name Langboh weist nicht nur auf die schauspielerische Qualität, da Su um Längen besser spielt als ihre Kolleginnen, auch das Bockige, Abweisende klingt da mit. Zudem führt ein neuer Name in eine andere Welt.

Neue Orte, andere Sichtweisen: Als Korrespondenzen weisen auch die Farben durch den labyrinthischen Kosmos Herbert Achternbusch, dem alles Eindeutige, Feste und Endgültige schon immer mehr als suspekt war, was einen ironischen und anarchischen Seitenblick auf den Titel des Buches erlaubt. Zu häufig taucht das Letzte in Achternbuschs Werk auf - als letztes Loch, als letzte Susn, als letzter Glanz - als dass man nicht schon auf das nächste Letzte gespannt sein darf.

Der letzte Schliff ist in acht Bücher unterteilt, deren Titel die Orte, die Zeit, das Ich und die Dinge mit Farbkonnotationen als Spektrum auffalten, in dem der Vorgang des Schreibens sichtbar wird.

Das erste Buch heißt "von den blauen Bergen". Es erzählt von dem Ende eines Krieges und den Anfängen eines Dichters, der als Kind die Lyra in sich entdeckt. Die blauen Berge verweisen nicht nur auf einen Rückzugsort und ein Kraftzentrum der Kindheit. In Ab nach Tibet kreist die Kamera um das Blau des Himalaya-Gebirges. Während Su in ihrem blauen Gewand die Geschichte vom Schnapskopf Hick erzählt, der einst in Tibet den Namen lachender Fluss getragen hat.

Blau steht auch für das schöne Namenlose, kann aber auch die Farbe der Angst und der Geborgenheit, des Geistigen und Erhabenen sein. Das Blau führt in das Gedicht. In seiner kristallklaren Härte ist das Gedicht - denn für Herbert Achternbusch gibt es nur eines - andauernd da. Es steht herum wie ein blauer Berg und kommt fast ohne Menschen aus. Im "letzten Schliff" erscheinen Achternbuschs frühe Gedichte noch einmal in neuer Umgebung und zum Teil auch in abgewandelter Form. Sie erweisen sich als Wegmarken und, wie es Günter Eich formuliert hat, der neben Martin Walser viel zur Förderung des jungen Schriftstellers beigetragen hat, als Definitionen und Inventur. Achternbuschs Gedichte führen das Lakonische und Subversive der späten Eich-Lyrik fort.

Vom weißen Mond ist der Text einer Rede zur Verleihung des Friedrich Murnau-Preises in Bielefeld, das für einen Münchner so weit entfernt sein kann, wie die Erde vom Mond. Dieses zweite Buch ist erneut eine Suche nach dem eigenen Standort, eine Reise vom Mond zur Erde in 33 durchnummerierten Gedanken, die das Absurde eines geordneten Nacheinanders ebenso veranschaulicht wie der Text Formen der Identitätszeichen enthüllt: ein erzählerisches Meisterstück, das dem von Kindheit an ersehnten Wunsch, der Erfinder der Entstehung der Gedanken zu werden, mit Spielwitz, Humor und Fantasie begegnet. Vital und anarchisch mündet es in einem Gedicht: Ich bin ein Genie / Ich falle vom Himmel / Wenn ich das Meer wäre / Wäre ich genauso / Mein Auge ist ganz weiß / Was soll denn da / Erleuchtet werden / Alle Gedanken sind Tiere / Alle Soldaten sind Selbstmörder.

Im dritten Buch Von der schwarzen Zeit verwandelt sich die schriftstellerische Arbeit an der Kindheit auch in eine Geschichte aus der Steinzeit, freilich flankiert und durchbrochen durch das ständige Strömen und Fließen der Gefühls- und Gedankensätze, die ungebändigt ihr Eigenleben zelebrieren. Zugleich schreiben und bewegen sie sich in die Nähe einer Autobiografie, in der das Ich auftaucht "als individuelle Klimazone, die sich durchaus im Zusammenhang des wahren Wettergeschehens sieht". Hier treffen zwei Namen aufeinander, die für Achternbuschs Verwandlungskraft und Erzählstrategien von Anfang an von Bedeutung waren: Franz Kafka und Lawrence Sterne.

Das folgende Buch Vom gelben Ich vereint zwei flüssige Elemente. Naturgemäß ist es ein magischer Ort, an dem sie sich verbinden. Der fast meditative Biergenuss läuft als gelber Faden auch durch das Werk des Münchner Schriftstellers, dessen Vorliebe sich maßlos äußert: "Einen Abend ohne Wirtshaus finde ich gottlos!".

Ein anderes Licht wirft der Film. Vom gelben Ich versammelt auch Achternbuschs nachträgliche Kommentare zu seinem filmischen Werk, ein letzter Schliff, wie er ihn seinen Theaterstücken in dem Band Die Einsicht der Einsicht zugefügt hat. Doch ist das große Thema, das den "letzten Schliff" durchpulst, nicht auch ein Paar, ein virtuelles sogar? Der Schriftsteller und die Frauen.

Schon in seinem Film Die Atlantikschwimmer vereinte der Schauspieler Herbert Achternbusch ein ähnliches Paar in einer Figur. Dem Selbstmord der Mutter begegnete er im Film als Mann in Frauenkleidern - eine Form der Trauerarbeit, die übertragbar auch in seiner Prosa weiterlebt. "Im Kino, weiß ich sofort, was eine Frau ist", heißt es im "letzten Schliff", in dem die Sätze aus ihrem weitgespannten Analogiepool um den Verlust von der großen Liebe kreisen. Zu jeder Eigen- und Gegenbewegung bereit, zum eingeworfenen, sich selbst bekräftigenden "Ja", zum Sog des autobiografischen Werkes, das ohne Abschied und Abwesenheit nicht da ist.

Wie weit so ein Chamäleon unsichtbar beweglich bleiben kann, zeigt auch die "innere Figur" des Erzählers, eine schwarze Frau namens Ngama, die seine Seele verkörpert. Und ist nicht schon das Bild auf dem Buchumschlag von dem Maler Herbert Achternbusch mit dem Titel Dreizehnjährige ein Doppelporträt? Im Text arbeitet das dreizehnjährige Ich des Schriftstellers als Bedienung in einem Münchner Wirtshaus und bringt das Bier. "Alle diese Frauen" - so Der letzte Schliff - "versammeln sich in einer Frau, die ich nicht kenne. Ich nenne sie Semiramis". Fortsetzung folgt.

Herbert Achternbusch: Der letzte Schliff. Hanser-Verlag, München 1997, 431 S., 45,- DM

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00:00 04.05.2001

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