Ich bin eine amerikanische Künstlerin

Schamanin unter Schamanen Wiederannäherungen an Patti Smith in zwei Biographien

Am Anfang war das Schwarz-Weiß- Foto auf dem Cover der LP Horses. Darauf ist eine Person zu sehen, die herausfordernd direkt in die Kamera blickt, das Kinn leicht vorgereckt, die Haare ungekämmt und schwarz vor dem weißen Hintergrund. Schwarze Hosenträger und schwarze Jeans stehen in hartem Kontrast zum zerknitterten weißen Hemd mit den ausgefransten Ärmeln. Schwarz wiederum das über die Schulter gehängte Jackett. Blick und Haltung signalisieren Aufbruch: ungebunden, allein, souverän. Das war 1975. Robert Mapplethorpe fotografierte Patti Smith für ihr erstes Album Horses - den provokanten und rebellischen Eintritt einer 29-jährigen New Yorker Underground-Dichterin in die Machowelt des Rock. Die auf dem LP-Foto inszenierte Androgynität wurde für die nicht mehr zu bremsenden feministischen Befreiungsbewegungen zum Symbol und Patti Smith darüber hinaus zur Kultfigur einer ganzen Generation.

Heute liegen zwei Biografien vor, 1998 die eine und 1999 die andere erschienen. Victor Bockris Patti Smith. Unautorisierte Biografie bedient sich des berühmten Mapplethorpe-Fotos, während das Hardcover von Nick Johnstones Patti Smith. Die Biografie die Patti Smith 1996 zeigt, von Annie Leibovitz in bewusster Anlehnung an Mapplethorpe fotografiert: ein eingedunkeltes Zitat der damaligen Dramatik in Schwarz-Weiß. Auch nach zwanzig Jahren: die gleiche Unnahbarkeit in Blick und Haltung, die gleiche streunende Geste im Schultern des Leder-Jacketts, der gleiche unbedingte Ernst. Das Geschlechterverwirrspiel wird auch durch das lange, nun grau durchwachsene Haar nicht gemildert, vielmehr braucht es nicht mehr inszeniert zu werden. War 1976 die Verweigerung biologischer Zugehörigkeiten noch trotziges Spiel, hat sie 1996 jede Bedeutung verloren. Patti Smith, Jahrgang 1946, ist Unterschichtenkind mit einer frühen Abneigung gegen Konventionen und einer frühen Zuneigung zu fantastischen Geschichten und Gedichten. Die kreisten - im New Jersey der ersten sechziger Jahre - hauptsächlich um ihre Fixsterne Arthur Rimbaud, Georgia O´Keefe, William Burroughs oder Marianne Faithfull. Schon ihre frühen Lyrics waren von der Suche nach einem rauschhaften Tempo getrieben. Den permanent erregten Puls durchzuhalten, war ihr immer wichtiger als konventionelles Befolgen der Regeln von Syntax und Rechtschreibung. Als Patti Smith ihren Texten harte, rockige Rhythmen zu unterlegen begann, wurde sie zur Rock-Musikerin. Die ruhelos-gehetzt-heisere Stimme machte die Sängerin Patti Smith zum Rock-Insider-Tip. Und nur in wenigen Jahren formte ihr machtvolles Image der Querulantin die Rock-Legende Patti Smith, die sie heute noch ist. Dabei ist ihr musikalisches Werk schmal. Gerade acht LPs liegen veröffentlicht vor. Vier davon entstanden bis 1979, die folgenden nach einer Zäsur von elf, beziehungsweise sechzehn Jahren. Alle stilbildend, das heißt, alle für ein bestimmtes Lebensgefühl stehend. Neben Rimbaud und Baudelaire spiegelten sich in Text und Musik vermehrt die nervösen Spannungen und Attitüden des New Yorker Schmelztiegels rund um Warhol, Ginsberg und Mapplethorpe. Im Jahresrhythmus erscheinen ab 1975 Horses, Radio Ethiopia, die avantgardistischste LP der Smith-Group, darauffolgend Easter und Wave. 1988 Dream of Life und erst 1996 Patti Smith`Masters, Gone Again, das Traueralbum, 1997 Peace And Noise und 2000 das letzte Album Gung Ho.

1976 bricht Patti Smith ihre internationale Karriere ab, verschwindet aus der Öffentlichkeit ins Privatleben. Zurück blieb ein Orkus von Gerüchten. In Wirklichkeit tauschte sie das Leben auf Achse mit Eheleben und Mutterschaft. 1997 taucht ihr Bild auf den Titeln der Modemagazine Harper´s Bazaar und Elle wieder auf. Anne Demeulemeester, ein neuer Stern am Pariser Designerhimmel, erklärte, ihre neuesten Kollektionen orientierten sich am Punk und vor allem an Patti Smith. Das einstmals beunruhigende androgyne Vexierbild bleibt inspirierend, der revolutionäre Gammellook mutierte im Verlauf der Zeit zum akzeptierten Modeaccessoir.

1995 liest Patti Smith Lyrik auf einer Veranstaltung der Internationalen Friedensuniversität in Berlin - Schamanin unter Schamanen. Fotos zeigen sie mit zu Zöpfen geflochtenem Haar, ein Buch in der Hand vor dem Mikrophon des Palais am Residenzgraben, den Dalai Lama umarmend: eine durch Schicksalsschläge Gereifte und Geläuterte. Ihr Mann, um dessentwillen sie sich 1979 von den öffentlichen Auftritten zurückzog, starb 1994 an Herzversagen, ebenso ihr Bruder, ebenso der Pianist der Patti Smith Group. Robert Mapplethorpe starb 1985 an Aids. Und nach 16 Jahren tritt sie 1995 wieder auf, als Dichterin, als Musikerin.

In beiden Biografien wird diesem Comeback viel Raum gegeben, große Bedeutung zugeschrieben. Berechtigte Verehrung schlägt sich nieder - in beiden Büchern unter derselben Kapitelüberschrift "Auferstehung" - über den Mut der mehr als Fünfzigjährigen, der sie aus Trauer und Verlust heraus wieder produktiv werden und in die Öffentlichkeit zurückfinden ließ. Anhaben konnte der mysteriöse Rückzug ins Eheleben dem Mythos Patti Smith wenig; unbeschadet scheint sich der Nimbus über die Jahre konserviert zu haben. Beide Chronisten attestieren Texten und Musik einen Zuwachs an Autorität und Würde: Nach der Lektion über die Vergänglichkeit von Menschen und Dingen weiß Patti Smith, da sind sich Bockris und Johnstone einig, wovon sie singt. Weder Bockris noch Johnstone hätten ihre Biografie geschrieben, wäre da nicht die vom ersten bis zum letzten Buchstaben spürbare und uneingeschränkte Verehrung für Patti Smith, die für beide vielgeliebtes (und heimlich auch gefürchtetes, weil nicht ganz berechenbares) Idol der Epoche bleibt, in der so vieles möglich schien.

Besonders Victor Bockris unautorisierte Biografie lässt keinen Zweifel daran, dass er selbst zum engeren Umfeld der abenteuerlich-bunten New Yorker-Szene gehörte, von der aus Patti Smith startete. Sein aufwändiges Meriten- und Episodenerzählen schlingt aus den Anfängen von 1969 zur abrupten Zäsur 1979 bis zum Come-back von 1995 ein mäanderndes Band, das von Intimkenntnis durchtränkte Details an Details reiht. Die Gefahr, beim Schreiben über Patti Smith´ nicht einzuordnender Person den roten Faden zu verlieren und dem Chaos anheim zu fallen, ist zugegebenermaßen groß. Dass die reichlich eingestreuten Direktzitate mit dem Echtheitssiegel "Slang" da auch keinen Halt gewähren, liegt zum einen an deren Auswahl und zum andern an der Übersetzung: muss es das anbiederische Prolo-Deutsch sein? Pattis Redekaskaden über Gott und die Welt möchte man zunehmend genervt überlesen: "... Mann, ich krieg nen Kick von mir selbst. Mit andern Worten: ich meine nichts von dem, was ich sag ... ich weiss nicht, was ich mein ... Adolf Hitler war ´n fantastischer Performer. Er war ´n schwarzer Magier ..." Ach Patti, hättest du das gelassen!

Sensibler als Bockris, auch gelassener gegenüber dem Untersuchungsobjekt, geht der englische Rockkritiker Nick Johnstone ans Werk. Übrigens bat er Patti Smith um Zusammenarbeit an seinem, wie er es nennt, "magischen Projekt", womit er das vorliegende Buch meint. Sie lehnte ab mit der Begründung, ein definitiver Text über sie sei der Versuch, sie in eine Schublade zu stecken. Dass Johnstone mit dieser Warnung im Genick genauer und vorsichtiger schreibt als Bockris, kommt seinem Buch zugute. Es ist inhaltlich und sprachlich weniger geschwätzig, leuchtet das politische und kulturelle Umfeld objektiver und sorgfältiger aus und ist zudem besser übersetzt. Und kein bisschen weniger engagiert. Johnstone zeichnet das Porträt einer Entwicklung, die beim Wort (Poetry) anfängt, und auf verschlungenen Wegen dort wieder landet. Die Einflüsse der Zeitgeschichte auf Patti Smith und den Einfluss, den Patti Smith auf einen Teil der Zeit-und Kulturgeschichte nahm, macht sie in Johnstones Augen zur zeitgenössischen Künstlerin. Dass Smith zur Zusammenarbeit aus den oben genannten Gründen nicht bereit war, spricht für sie, nicht gegen das Buch. Zum Vergleich: das letzte Kapitel bei Johnstone: "Auf der Suche nach neuen Dimensionen" zitiert eingangs ein Fragment von Colette Laure Peignot: "Was geht es mich an, wo ich stehe, wenn ich weiß, wohin ich gehe, kann ich wissen, wohin ich gehe, ohne zu wissen, wo ich stehe?", eine Endlos-Schlaufe, die Anfang mit Ende verknüpft. Bockris hingegen stellt über sein Kapitel "Comeback" den wahrscheinlich aus allen Kontexten herausgerissenen Satz: "Ich bin eine amerikanische Künstlerin, und ich habe keine Schuldgefühle". Auf was und weshalb sich der Satz und die Schuldgefühle beziehen, bleibt schleierhaft. Nur geht einem plötzlich das Geheimnis des Untertitels auf, der auf Bockris Buch-Cover steht: Unautorisierte Biografie. Unautorisiert heißt unautorisiert. Punkt. Und wir verstehen: P.S. veröffentlicht seit Horses in einem unabhängigen, selbstfinanzierten Plattenlabel, weil sie die künstlerische Kontrolle in ihrer Hand behalten will - damals ging es ums Beharren auf Coverfotos mit Achsel- und Oberlippenhaar! Dieselbe künstlerische Rigorosität diktiert ihr Verdikt gegenüber Bockris: "unautorisiert", während eine Zusammenarbeit mit Johnstone abgelehnt wird, weil sie "noch nicht am Ende" ist. I won´t end, transcend. Transcend. Only it´s like Trans-End.

Neben dem Bild einer neurotischen, anarchischen Künstlerin zeichnen beide Biografien in eigenen Kapiteln Kleinporträts der Vorbilder, deren Bedeutung in Patti Smith´ Leben tiefe Spuren hinterließ und von Verehrung in wahre Besessenheit umschlug. Schon als kleines Mädchen in South Jersey war Patti "hirnrasend" in Rimbaud verliebt, ("go Rimbaud! go Rimbaud!" schreit sie denn auch später in die peitschenden Rhythmen von Horses). Und Baudelaires Fleures du mal ließen ihren Kopf "explodieren". Später kamen Jean-Luc Godard mit Anna Karina, Jean Genet, William S. Burroghs und Allan Ginsberg dazu. Ein nicht gerade unelitärer Umgang des weiblichen Punk-Rock-Messias. Auf der andern Seite hatten Patti Smith´ Träume auch handfest-kindlichen und unverblümten Charakter: "...Die Tragödie vom hässlichen Entlein ist, dass es keiner beiseite genommen hat und gesagt hat: ›Jetzt bist du hässlich, aber später wird es sich bezahlt machen.‹ So hab ich mich immer selbst gesehen. Ich musste einfach auf den richtigen Augenblick warten. Ich war nie die Sorte Mädel, die du in Mademoiselle finden wirst, aber ich hab zu meinen Freundinnen gesagt: ›Ich werd in all diesen Illustrierten sein, wenn ich groß bin.‹"

Interessanterweise hat keiner der beiden Autoren, die sonst jeden Zug, jede Pose und jede Falte kommentieren, die Veränderung in Gesicht und Habitus von Patti Smith genauer untersucht, die den Rückzug ins eheliche Glück und das daraus resultierende Verstummen begleitet. Das reichliche Fotomaterial beider Bücher zeigt zwar, wie aus der Revolutionärin mit wildem Haar, der Königin der Rebellion mit der lasziven Geste, eine passiv lächelnde Frau im zugeknöpften Baumollkleid wurde. Nichts gegen Glück, aber für ausführliche Biografien läge die Frage doch auf der Hand: Was ist Pose, was Bild, was Rolle, was Wirklichkeit? Hat die bloße Existenz von Glück die "verrückte" Produktion beruhigt? Erlag die lange mit Lust betriebene Verhohnepiepelung des bekannten Machogehabes dem Ehefrau-und Mutterdasein? Ist erst das Unglück (der Tod des Ehemannes) wieder Quelle der Inspiration? Schwierige Fragen über den spezifischen Fall hinaus. Dass sie aber nicht einmal gestellt, vielmehr mit Allgemeinplätzen abgetan werden, ("... das Familienleben ging ihr über alles", bei Johnstone; bei Bockris eher konsterniert als kritisch: "... sie gab Fred in jeder Hinsicht nach und schien nicht fähig, etwas ohne seine Zustimmung zu tun") das muss den beiden biografisierenden Herren wohl als geschlechtsspezifische Blindheit angelastet werden. Hier klaffen Lücken. Bockris lässt in diesem Zusammenhang wenigstens Marianne Faithfull sprechen, die über Dream of Life, dem einzigen, fragmentarischen Zeugnis der gemeinsamen Zeit mit Fred S. Smith, sagt: "Es hat mich wirklich wütend gemacht, als Pattis ´Dream of Life´ durchfiel. Sie hat ihre Einstellung geändert, sich verliebt, geheiratet und Kinder bekommen und eine Platte gemacht, und diese Platte fiel durch, weil sie nicht mehr der rasende Junkie war." Steigerte sich Patti Smith bis 1979 zunehmend in die Rolle der Ungehemmten, Obszönen, Unangepassten, weil ihre Umgebung das von ihr erwartete? Und falls das vorübergehende Glück sie zwischen 1980 und1994 "bändigte" und beruhigte, weshalb dann der Verlust jeden Glanzes in Blick und jedes Selbstbewusstseins in Haltung - gerade jener Attribute, die einst an Mapplethorpes Foto so faszinierten?

Tatsache ist, dass sich Patti Smith der Öffentlichkeit heute vermehrt als Dichterin präsentiert. Sie engagiert sich in der Aidsbewegung, in weltweiten Friedensaktivitäten, zitiert häufig die Bibel und kämpft für "Free Tibet". Rimbaud, Baudelaire und Genet sind abgelöst durch Mutter Teresa, den Dalai Lama und Jesus Christus. Die Texte in ihren seit 1996 veröffentlichten Alben Gone again und Peace and Noise sind präzise, ihre nicht mehr junge Stimme rezitiert rhythmisch, litaneiartig über einer auf wenige Grundakkorde reduzierten Musik-Matritze. Sterben und Tod sind permanent anwesend. Vorwärtstreibende Rock-Raster wollen nicht mehr passen. Wenn auf sie verzichtet wird zugunsten von musikalischer Nachdenklichkeit, wirds manchmal hilflos (Cellosolo in My Madrigal). Es ist leiser geworden um Patti Smith. Das schadet der poetischen Kraft ihrer Texte nicht. Die Musik könnte sich auch ganz verflüchtigen. Was bliebe, wäre noch immer diese eigentümlich eindringliche Stimme, die, rhythmischer als jede Rhythmusgruppe ihr manisches: "so eat, eat, so eat!" in Summer Cannibals auf Gone again skandiert! Patti Smith könnte dort angelangt sein, von wo sie vor fast 40 Jahren aufgebrochen ist: bei einer Art von vagabundierendem Rhapsodentum, jener spezifischen "Volks-Dichtung", die die Beschwörungen - die Performance - der umherziehenden, öffentlich lesenden Bardin braucht, um zu sich selbst und zum Gegenüber zu gelangen.

Victor Bockris: Patti Smith. Die unautorisierte Biografie. Aus dem Englischen von Ekkehard Rolle. Krüger Verlag Franfurt am Main 1998, 336 S., 39,80 DM.
Nick Johnstone: Patti Smith. Die Biografie. Vorwort von Inga Rumpf. Palmyra Verlag Heidelberg 1999, 285 S., 49, 80 DM.

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00:00 02.11.2001

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