"Ich bin einfach ich selbst"

Social Marketing Der Kanadier Mark McIntyre lebt seit drei Wochen halbnackt in einem Apartment voller Kameras. Er soll via Facebook auf Hodenkrebs aufmerksam machen und Spenden sammeln

Mr. McIntyre, seit Anfang Oktober laufen Sie den ganzen Tag nur in Unterhosen rum. H

aben Sie sich schon erkältet?

Nein, glücklicherweise noch nicht. Nur heute ist mir etwas kalt, weil gestern die Heizung herunter gedreht wurde, da ich den ganzen Tag Polarthermwäsche tragen musste, also lange Unterhosen.

Sie sind das Gesicht einer PR-Kampagne, die auf Hodenkrebs aufmerksam machen soll: Sie leben 25 Tage in einem Appartment voller Webcams. 25.000 Menschen sollen bei Facebook auf den „Gefällt mir“ - Button drücken, damit der Sponsor, eine Unterwäschefirma, der Kanadischen Krebsgesellschaft 25.000 Dollar spendet. Wie läuft es?

Wir haben die Marke schon nach sieben Tagen gesprengt. Da verdoppelte die Firma die Spendensumme, yeah! Das Ziel wurde von 25.000 auf 50.000 Follower hochgesetzt, bis Sonntag haben wir noch Zeit. Mit diesem Erfolg hatte niemand gerechnet. So eine PR-Idee hat es ja, zumindest in Kanada, vorher noch nie gegeben.

Jeder kann online zusehen, wie Sie halbnackt auf der Couch liegen oder sich unterm Arm kratzen. In ihrem Loft sind drei Kameras fest installiert: eine zeigt den Schreibtisch, eine die Couch, eine die Küche.

Ja, diese Perspektiven

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wären in meiner eigenen Wohnung nicht möglich gewesen, das hier ist eine Mietwohnung, mitten in Toronto. Eine weitere Kamera ist übrigens im

Laptop, den werde ich nachher mitnehmen, wenn ich mein Tattoo gestochen bekomme. Damit alle mein schmerzverzerrtes Gesicht beobachten können. Alles für den guten Zweck.

Sie hatten selber Hodenkrebs. Wie geht es Ihnen denn?

Ich hatte Glück: Der Krebs war noch im Frühstadium. Er hatte nicht gestreut, alles konnte entfernt werden, ich brauchte weder Bestrahlung noch Chemotherapie. Aber bis heute muss ich noch regelmäßig untersucht werden, das ist normal. Vom Krebs geheilt ist man offiziell erst nach zehn Jahren.

Und wie kam man ausgerechnet auf Sie, für diesen Job?

Ich trat auf der Webseite der Kanadischen Krebsgesellschaft in einem kleinen Werbeclip auf und erzählte, dass ich den Urologen bat, eine Hodenprothese einzusetzen, die im Dunkeln leuchtet. Das fanden die Leute lustig und dachten wohl, ich sei selbstbewusst genug, mit dem Thema Krebs in der Öffentlichkeit umzugehen. Unsere Zielgruppe ist schließlich die Facebook-Generation: und eben nicht nur Männer, sondern auch Freundinnen, Ehefrauen und Mütter.

Vor ein paar Tagen wurden Sie 41. Ist es das Alter der Männer, die Sie erreichen wollen?

Aus medizinischer Perspektive bin ich eher zu alt - Hodenkrebs bekommen vor allem Männer zwischen 15 und 29. Ich war schon 38, als man ihn zufällig bei mir feststellte. Ich arbeite ab und an für die medizinische Fakultät der University of Toronto, stelle meinen Körper zur Verfügung: Studenten untersuchen meine Ohren, meine Schilddrüsen und eben eines Tages auch meine Hoden. Der Urologe, der dort als Dozent dabei war, fand einen kleinen Knoten. Wie gesagt, ich hatte Glück. Und damit andere auch Glück haben können, ziehe ich mich nun halt aus.

Wie lebt es sich denn unter permanenter Beobachtung?

Es ist bizarr: Einigen ist ihr Abendessen angebrannt, während sie mir zuschauten, wie ich meines kochte. Anfangs war das aufregend, aber nach einer Woche, als die erste Medienwelle abebbte, habe ich schlechte Laune bekommen. Einmal ließ ich die Kühlschranktür offen. Sofort meldeten 17 Menschen, der Kühlschrank sei offen. Da realisierte ich: Die Privatsphäre ist weg. Alles, was Du den ganzen Tag lang machst, wird beobachtet und diskutiert, auch das Tattoo, das ich mir stechen lasse: Ich habe das Motiv hochgeladen und sofort hatte jeder eine Meinung dazu: Mark, es ist zu groß, es ist perfekt, es wird weh tun, es wird nicht weh tun, bist Du sicher, dass Du das willst? Im normalen Leben würde ich diese Entscheidung einfach alleine treffen. Andererseits sind es eben diejenigen, die dieses Projekt in die Welt tragen und uns 100 neue Facebook-Freunde bescheren, sei es aus Europa, Russland, Südkorea oder Australien.

Sie haben virtuell Zehntausende in Ihrem Wohnzimmer. Trotzdem, fühlen Sie sich einsam?

Selten, es kommt ja dauernd jemand, mit dem ich mich austauschen kann, wie Sal, meine Fitnesstrainerin. Gestern Abend waren Kumpel von mir da, wir haben zusammen ein Hockey-Spiel angeschaut. Die meisten, die mich besuchen, kenne ich allerdings nicht. Ich hatte ein Blind Date,ein kanadischer Fernsehmoderator kam vorbei, ein Yogalehrer, ein Digderidoo-Spieler, Photographen.

Sie haben sogar einen Volleyball in einen Freund umfunktioniert und ihn „Stan“ genannt.

Das mit Stan war anfangs nur ein Witz. Aber nun schaut Stan mit mir Fernsehen und passt auf mich auf, wenn ich schlafe.

Und was tun Sie, wenn Sie einmal unbeobachtet sein wollen?

Dann gehe ich die Treppe hinauf, man sieht sie im Hintergrund, dort oben ist ein kleines Schlafzimmer und ein Badezimmer, in denen es keine Kameras gibt, dafür aber ein Fenster, das ich auch mal öffnen kann und meinen Kopf rauszustecken. Und eine Waschmaschine, aber ich habe ja kaum Klamotten, nur ein paar Handtücher. Es ist ein bisschen paradox: Ich bin zwar mitten in der Welt, trotzdem fühle ich mich isoliert und abgeschnitten vom richtigen Leben.

In jenem richtigen Leben sind Sie Schauspieler. Performen Sie jetzt auch?

Nein. Dass ich schon einmal auf einer Bühne stand, macht mich vielleicht mutiger. Aber nichts kann einen darauf vorbereiten, 24 Stunden am Tag eine Rolle zu spielen. Das kann man auch gar nicht. Ich bin meist einfach ich selbst. Manchmal rede ich laut vor mich hin, anfangs eher aus Verlegenheit, aber dann merkte ich, dass im Chat mehr los ist, wenn ich rede, weil sich die Leute angesprochen fühlen. Mittlerweile ist es Gewohnheit geworden. Das muss ich mir aber wieder abgewöhnen, mein Mitbewohner würde sonst denken, ich sei verrückt geworden.

Wie hat Sie dieser Big Brother – Alltag noch verändert?

Ich lebe mehr im Moment, mache mir keine Sorgen ums Geld oder darüber, was ich abends unternehmen könnte. Für diese vier Wochen ist alles geregelt. Und ich habe das erste Mal das Gefühl, ich bewirke etwas. Wenn ich mir vorstelle, dass die Leute wegen mir zum Arzt gehen, sich untersuchen lassen und begreifen, dass sie durch Früherkennung vielleicht gerettet werden, muss ich vor Glück lächeln.

Am Sonntag ist alles vorbei. Was werden Sie als erstes tun?

Ich werde mir endlich etwas Richtiges anziehen. Und einen langen Spaziergang machen.

Der Deal: lebt 25 Tage in Unterwäsche in einem Appartement in Toronto, das voller Webcams ist und bringt 25.000 Personen dazu, den Gefällt mir-Button zu drücken, damit der Sponsor, eine kanadische Unterwäschefirma, der Kanadischen Krebsgesellschaft 25.000 Dollar spendet. Er hat einen , einen bei . Am 31. Oktober ist alles vorbei.Der Guy at Home in his Underwearbei FacebookKanal bei TwitterYou Tube

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13:30 27.10.2010

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