„Ich bin einfach zu stark“

Interview Der Anwalt Peter-Michael Diestel, letzter DDR-Innenminister, wünscht sich mehr Respekt und Gerechtigkeit für den Osten

Er führt durch sein Anwesen inmitten von Mecklenburger Feldern. Es geht durch Hof und Haus, durchs Jagdzimmer mit Fuchsfellen und den anderen obligaten Trophäen, am Kamin vorbei, durch die Bibliothek, überall Kostbares, ein Jäger und Sammler. Distinguierte Bürgerlichkeit mit pastoralem Flair. Die Vorführung wird zur vertrauensbildenden Maßnahme, zum Test für die Besucher. Wer erkennt die Gemälde, wer äußert sich wie zur Stalin-Büste im Holzstapel, die Peter-Michael Diestel als letzter DDR-Innenminister von Wjatscheslaw Kotschemassow, dem letzten Sowjetbotschafter in der DDR, geschenkt bekam?

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der Freitag: Herr Diestel, Sie legen viel Wert auf bürgerlichen Lebensstil.

Peter-Michael Diestel: Ja, immer schon, denn arm, krank und hässlich, das sind die schlimmsten Kreuze, die man tragen muss.

Hängt das auch mit Ihrer Kindheit zusammen, die sehr unstet war, seelisch und geografisch? Sie mussten wegen des Berufes Ihres Vaters – er war Offizier – oft umziehen: neue Schule, neue Menschen, neue Freunde. „Ab dem 13. Lebensjahr“, schreiben Sie in Ihrer Autobiografie, „kümmerte ich mich um mich selbst.“

Wir waren extrem arm, fünf Jungs, alles Sportler. Kräftige Kerle, Eltern geschieden, Mutter allein, sie arbeitete für die evangelische Kirche. Wir hatten immer Hunger.

Hungern, in der DDR? Und wenn der Vater Offizier war?

Ja, aber meine Eltern hatten sich scheiden lassen. Pro Kind wurden 80 Mark überwiesen. Und dann fünfmal Schuhe, fünfmal Spielzeug – es war schreiende Armut. Sicher waren wir kein schwerer sozialer Fall, aber wir Jungs hatten oft Hunger.

Ein Brot kostete 80 Pfennig.

Aber Schnitzel gab es nur einmal in der Woche, später, als ich auf die Sportschule kam, konnte ich jeden Tag Schnitzel essen. Wer arm ist, kann sich nicht bewegen, nicht entfalten, wer arm ist, ist unfrei. Übrigens ist auch unfrei, wer zu viel hat. Und ich dachte immer: Das passiert mir nie wieder. Es war eine Armut, die mich stark gemacht hat.

Sie schreiben über Ihre Jugend, dass Sie Bierfässer gereinigt oder im Gefängnis sauber gemacht haben. Und zwar schon mit 13.

Ich habe meinen Schülerausweis gefälscht und mich für 14 ausgegeben. Gearbeitet habe ich immer neben der Schulzeit. Als junger Mensch habe ich dann in Leipzig damit angefangen, Erstausgaben zu sammeln. Leipzig war Weltbuchstadt, Kunstdruckstadt, mir fielen Gründerzeitausgaben in die Hände, die waren verpönt, waren Müll. Und ich habe sie gesammelt, Schönheit, in Leder gebunden und auf Büttenpapier gedruckt. Dadurch hatte ich eine gewisse Vermögensbasis, als es mit der DDR zu Ende ging.

Sie haben Mitte der 1970er in Leipzig Jura studiert. Wurden Sie danach gleich Justiziar in der Agrar-Industrie-Vereinigung Delitzsch?

Ich wollte unbedingt promovieren, aber das war als Parteiloser schwer. Also ging ich in diesen Agrarbetrieb. Aber dann traf mich ein schwerer Schicksalsschlag – mein Kind erlitt einen plötzlichen Kindstod, nur fünf Monate alt. Das passiert nur Kindern, die kerngesund sind, die nie was hatten. Und dann liegt der am Pfingstsonntag tot da. Schlimmeres kann nicht passieren, als ein eigenes Kind einzugraben. Das ist das Maximum dessen, was der liebe Gott an Strafe für einen vorsieht. Doch habe ich das auch verdient.

Als Strafe?

Als göttliche Strafe für einen, der gegen die Zehn Gebote verstößt. Und gegen die habe ich immer verstoßen.

Inwiefern?

Durch Fehlleistungen, Fremdgehereien, Schlägereien, alles, was man nicht tut, habe ich getan. Ich habe diesen Kindstod wirklich als Strafe für mein damaliges Leben empfunden. Ja, sonst kann man damit nicht leben. Ich habe in der Woche drei, vier Marathonläufe gemacht und konnte trotzdem nicht mehr abschalten. Mich hat immer dieser kleine weiße Sarg verfolgt. Ich wurde das nicht mehr los, bis ich mich wie verrückt in diese Doktorarbeit reingekniet habe. Das hatte eine enorm disziplinierende Wirkung.

Ging die Katharsis so weit, dass Sie ein anderes Leben geführt haben?

Ein überlegteres, bewussteres, indem ich gedacht habe: Die können mir alle nichts mehr in der DDR. Das hat mir die Kraft gegeben, unbotmäßig zu sein, es hatte eine angstzerstörende Wirkung.

Sie sind das dritte Mal verheiratet: für jede Lebensphase die passende Frau?

Wenn man so will. Die erste Frau, die Mutter meiner Kinder, da war ich seelisch und geistig noch nicht reif. Ich war 1990 plötzlich der wichtigste Mann, der schönste Minister der DDR, alle wollten was von mir. Das ist für einen Mitte 30 nicht ganz einfach zu verkraften. Die zweite Ehe ging aus anderen Gründen kaputt. Und jetzt bin ich mit einer 15 Jahre jüngeren Zahnärztin verheiratet.

Diese Härte gegen sich selbst, was hat die für eine Rolle gespielt, als Sie Ihre politische Karriere 1994 beendeten? Gemessen an Ihrem Sendungsbewusstsein hätten Sie doch auch sagen können: Ich mache weiter.

Eben nicht. Entscheidend war, was ich in den Jahren 1989/90 erleben durfte, als mein Name an ganz vorderster Stelle mit der deutschen Einheit verbunden wurde, mit dem Einzigen, wofür es sich in meinem Leben gelohnt hat zu kämpfen – alles, was danach kam, war profan. Ich habe nie in meinem Leben mit so vielen Dummköpfen zusammenarbeiten müssen wie in der Politik. Und einfache Leute, mit denen ich heute Skat spiele, der Bauer von nebenan oder der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, Leute, die ich schätze und deren Kontakt ich suche, die finde ich nicht an der CDU-Basis ...

Sie sind bis heute noch Mitglied der CDU?

Ja, bin ich. Übrigens finde ich diese Leute ebenso wenig in der SPD. Und mein Freund Egon Bahr, mit dem ich auch viel Skat gespielt habe, ist nicht mehr dabei.

Der Politik den Rücken zu kehren, das war auch ein bequemer Weg. Oder nicht?

Damit haben Sie nicht unrecht. Vor allem, wenn man das mit Angela Merkel vergleicht, die ein Schlachtschiff ist. Deutschland wird schutzlos sein, wenn sie nicht mehr Kanzlerin ist. Natürlich ärgere ich mich darüber, was 2015 mit den Flüchtlingen geschehen ist, nicht darüber, dass sie die Leute reingelassen hat, das war christliche Nächstenliebe, sondern die Art und Weise, wie sie reingeholt wurden. Aber ich schätze ihre Lebensleistung.

Glauben Sie, dass die CDU noch mal die Kurve kriegt?

Wenn unser Flugzeugträger Angela Merkel nicht mehr ausläuft, wird die CDU den gleichen Weg gehen wie die SPD. Was heißt: Wir sind die Mitte der Gesellschaft? Das sind sie schon lange nicht mehr. Die Mitte ist, wenn man es philosophisch sieht, der allerkleinste Punkt. Die Ränder werden stärker. Als Kind hat mir mein Vater immer „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ vorgelesen. Schneewittchen, das ist Angela Merkel, die liegt in ihrem Glaskasten, und die Zwerge erheben sich jetzt alle. Keiner von denen hat sich jemals über den Osten Deutschlands groß Gedanken gemacht. Sie wissen nicht, dass sich diese Republik durch den Osten zum Positiven verändert hat – aber auch vom Osten her in den Untergang getrieben wird, wenn man den Osten nicht mitnimmt.

Sie meinen die Kandidaten für den CDU-Vorsitz.

Ja, meine ich. Der Fähigste ist vielleicht dieser Gesundheitsminister, der das mit der Corona-Pandemie gut macht. Aber ansonsten bin ich entsetzt.

Sie sind weiter Anwalt, vertreten unter anderem Günther Krause, den einstigen Staatssekretär des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière. Heute kennt man Krause nur noch aus dem „Dschungelcamp“.

Ja, dafür werde ich angefeindet, erst vertrat ich Krauses Frau, aber dann rief mich eines Tages Helmut Kohl an: „Hast du genug Aufträge?“ Und dann sagte er: „Überleg mal, Günther und du, ihr lagt doch zusammen im Schützengraben der deutschen Einheit. Der muss dein Mandant werden!“

Schützengraben – welches Pathos.

1990, das war emotional eine unvorstellbare Zeit.

(Wie aufs Stichwort klingelt das Handy, man hört die DDR-Nationalhymne als Klingelzeichen.)

Die Hymne bringt mich immer wieder auf die Füße. Sie soll mich daran erinnern, dass es nicht selbstverständlich ist, wie ich heute lebe, dass ich andere Wurzeln habe.

Was heißt das?

Zum Beispiel, dass wir 1990 gewusst haben, dass wir kleine Karpfen waren, die in ein Haifischbecken gesetzt wurden. Wir wollten das nur nicht gleich wahrhaben.

Zur Person

Peter-Michael Diestel (68) war ab April 1990 Innenminister im letzten DDR-Kabinett und einziger Stellvertreter von Lothar de Maizière. Kurz darauf wechselte er von der DSU zur CDU, wurde Landeschef in Brandenburg und zog sich 1994 aus der Politik zurück. Diestel betreibt in Potsdam eine Anwaltspraxis und lebt im mecklenburgischen Zislow. 2019 erschien von ihm In der DDR war ich glücklich. Trotzdem kämpfe ich für die Einheit (Verlag Das Neue Berlin, 304 S., 22 €)

Das schreiben Sie auch in Ihrer Autobiografie, die ein Bestseller ist. Da sind Sie sicher häufig zu Lesungen unterwegs.

Bis zur Corona-Krise jede Woche zweimal. Und es war immer ausverkauft, egal, ob im Osten oder im Westen.

Wie kam es zu diesem Buch?

Im Sommer 2019 drohte der 30. Jahrestag des Mauerfalls als Vorspiel des 30. Jahrestages der deutschen Einheit. Also habe ich mir gesagt: Da musst du dir wieder so viel verlogenen Müll anhören. Dazu schreibst du was. Zuvor habe ich meine Vermögensverhältnisse geregelt, weil ich annahm, nach Sibirien verbannt zu werden. Ich dachte: Wenn das Buch so rauskommt, wie du es geschrieben hast, hast du keine Chance. Ächtung ist das Mindeste. Aber dann ist etwas passiert, was ich nicht vermutet habe: Dieses Buch erlebt jetzt die sechste Auflage. Keiner versteht das.

Wie erklären Sie das?

Mit den Reaktionen der Leser, die zumeist in meinem Alter sind und mir sagen: Herr Doktor Diestel, Sie haben mir meine Geschichte wiedergegeben, ich kann jetzt wieder damit leben.

Aber das passiert Ihnen nur im Osten.

Die meisten Lesungen gab es bisher im Osten. Zum Beispiel vor Wochen in Altenberg im Osterzgebirge. Und weil mir dort vor der Lesung noch etwas Zeit blieb, habe ich mir in der Nähe die Stadt Pirna angesehen. Was ich sah, war der typische Zustand im Osten: Schönheit und Armut in einem, wie Sie das in Görlitz oder Bautzen genauso haben. In Pirna ging ich in ein Café und traf zwei Männer, die mich sofort begrüßten. Im Osten kennt ja so gut wie jeder jeden. Der eine war Tischlermeister und der andere im Kulturbereich tätig. Von denen erfuhr ich, dass der Wahlkreis, in dem dieses Café lag, im Vorjahr bei der Landtagswahl in Sachsen zu 47 Prozent AfD gewählt hatte. Wie sie fanden – eine reine Protestwahl. Nachdem er mein Buch gelesen hatte, rief mich ein berühmter DDR-Bürgerrechtler an. Ich verzichte auf den Namen, weil der vielleicht nicht genannt werden will. Und der sagte mir: „Du bist ein solcher Ochse, aber jetzt, 30 Jahre danach, hast du das mit dem Buch richtig gemacht, es ging nicht anders.“

Was ging nicht anders?

Was ich aufgeschrieben habe, weil ich in den vergangenen Jahren immer wieder erfahren habe, wie groß der Hass auf die Ostler ist, die den Kopf oben behalten. Ich habe eine saubere Biografie, und trotzdem wurde geschrieben, ich sei ein KGB-Oberst. Diestel ist Oberstleutnant der Stasi gewesen, schrieben Rheinischer Merkur und Christ & Welt. Ich hätte 1972 Bürgerrechtler vernommen. Da war ich 20, habe Kühe gemolken und war das erste Mal DDR-Meister im Kühemelken. Ist das nicht geisteskrank, wird nicht wenigstens gefragt: Wie alt war der Mann damals? Konnte der 1972 Offizier bei der Staatssicherheit sein?

Was haben Sie dagegen getan?

Alles presserechtlich bekämpft und alle Verfahren gewonnen. Also lange Rede, kurzer Sinn: Was dieses Buch bisher bewirkt hat, das wundert mich. Ich habe bewusst sehr zugespitzt geurteilt, dass der Westen uns nicht versteht. Wie auch? Wie kann man 15 Millionen Menschen verstehen, die systematisch entmündigt worden sind? Erst jetzt fängt man langsam an, sich der Ausgrenzung ostdeutscher Führungskräfte bewusst zu werden. Wir haben über 80 Hochschulen und Universitäten in Deutschland, wie viele werden von Ostdeutschen geleitet? Nicht eine einzige. Da müssen sich doch die Ostdeutschen als Fremde im eigenen Land fühlen.

Aber Sie sind das Gegenbeispiel.

Ich bin einfach zu stark, mich haben sie nicht untergekriegt.

Warum steht auf dem Einband Ihrer Autobiografie kein Titel, sondern ein Bekenntnis? „In der DDR war ich glücklich. Trotzdem kämpfe ich für die Einheit“.

Das sind zwei Provokationen.

Müssen Sie erklären.

Das ist nicht schiefgelaufen mit dem Prozess der Einheit, wie es ihn bis zum 3. Oktober 1990 gab, der war von zutiefst christlichen Umgangsformen geprägt, nicht vom Verhältnis zwischen Siegern und Besiegten, nicht von Ausgrenzung. Dafür haben dann Dummköpfe in meiner Partei gesorgt, die meinten: Wir haben gegen die DDR jahrelang im Sport verloren, wir haben jahrelang gegen die DDR-Geheimdienste verloren, jetzt müssen mal ein paar Rechnungen beglichen werden. Erst nach der Vereinigung wurde die Nacht der langen Messer organisiert. Deshalb meine Aussage: Ich kämpfe für die Einheit, denn wir haben sie nicht. Mein Lebensziel war die deutsche Einheit, nicht die Unterdrückung meiner Landsleute.

Volkskammertagung im April 1990: Diestel mittig unten, links von ihm: Lothar de Maizière

Foto: Uli Winkler/Imago Images

Woran machen Sie Letzteres fest?

Jeder hat das Recht auf seinen Richter. Was meinen Sie, wie oft ich erlebe, dass ich in diesem Land vor Gerichten in sozial-, arbeits- oder berufsrechtlichen Dingen prozessiere und plötzlich eine Stasi-Berührung eine Rolle spielt? Dann sagt der Richter zu mir: „Im Vertrauen, Herr Doktor Diestel, Ihr Mandant hatte doch Kontakt mit der Staatssicherheit.“

Das klingt nach dem Denken des Alten Testaments.

Nein, das ist faschistoides, kein rechtsstaatliches Denken. In dem Buch, das ich vor dem jetzigen geschrieben habe – es trägt den Titel Aus dem Leben eines Taugenichts? –, habe ich die Decknamen, nur die Decknamen, weil ich kein Verräter bin, bundesdeutscher Politiker, Industrieller und Journalisten genannt, die auch die Geheimdienste kennen. Kein Mensch schreibt über deren Stasi-Kontakte. Wenn die mit dem Teufel gegessen haben, dann war der Löffel immer zu kurz. Heute werden nach dem Stasi-Unterlagengesetz im Osten Menschen überprüft, die fünf Jahre alt waren, als die DDR zu Ende ging. Es ist der Grundsatz: Die Menschen werden stigmatisiert, weil man sie nicht gleichberechtigt behandeln will.

Um das zu ändern, haben Sie Ihr Buch geschrieben ...

… und von drei guten Freunden redigieren lassen. Das war allein schon deshalb nötig, weil das Manuskript viel zu lang war.

Offenbar wurde nicht derart gekürzt, dass die Beschreibung vieler außergewöhnlicher Lebenssituationen darunter gelitten hat, die Sie durchlaufen haben.

Ja, ich habe viel Spaß gehabt. Wer nichts erlebt, kann auch nichts erzählen.

Wenn man das jetzt alles hört, fragt man sich, warum Sie ab Ende 1989 in der DDR zunächst für die doch sehr rechte Deutsche Soziale Union, die DSU, politisch aktiv und eine Zeitlang deren Generalsekretär waren.

Ich habe diese Partei gegründet als Bewunderer von Franz Josef Strauß, der für mich die Inkarnation eines deutschen Politikers war, dazu ein grandioser Rhetoriker und, wenn es sein musste, unverschämt. Das fand ich schon sensationell. Mit dabei war damals in Leipzig der Pfarrer Hans-Wilhelm Ebeling von der Thomaskirche, nicht strategisch begabt, aber ein guter Redner. Um uns scharte sich ein immer größerer Kreis.

Vor dem Herbst 1989?

Seit 1988. Man traf sich unter dem Dach der Kirche und wurde natürlich von der Staatssicherheit beobachtet. Die Kirche war sich dessen bewusst. Ich weiß noch, als ich dann Innenminister der DDR war, habe ich mir den General Kienberg und den Oberst Wiegand kommen lassen, die beide für die DDR-Kirchen zuständig waren. Und die haben mich auch über einen Kirchenoffiziellen wie Manfred Stolpe unterrichtet. Da wurde mir klar, der hatte seine Kontakte mit den Staatsorganen ja nicht in der Erwartung, dass es mit der DDR irgendwann vorbei sein würde, sondern weil man mit ihr als Diktatur auskommen musste. Das gehörte zur Lebensleistung von Stolpe, und die war zu akzeptieren, ob ich das nun wollte oder nicht. Ich bin doch kein Strolch. Stolpe zu respektieren, das galt für mich auch, als ich 1990 für die CDU in Brandenburg als dessen Gegner Wahlkampf machte. Wenn ich öffentlich erzählt hätte, was ich über Stolpe wusste, wäre der nie der Ministerpräsident von Brandenburg geworden, sondern ich.

Sie hatten im Herbst 1990 ein gutes Resultat bei der ersten Landtagswahl – fast 30 Prozent.

Davon kann die CDU heute nur noch träumen. Ich war der beste Wahlkämpfer, den die brandenburgische CDU je hatte.

Warum sind Sie 1989 überhaupt in die Politik gegangen?

Mich stimulierte der Ehrgeiz. Ich hatte seit meiner Jugend ein einziges Lebensziel. Ich wollte Rechtsanwalt werden. Und die Kommunisten, diese Dummköpfe, haben gesagt: Du nicht, du glaubst an den lieben Gott, und deine vier Brüder auch. Ich habe dann doch ab 1974 Jura studiert. Als sich 1989 neue Möglichkeiten boten, wollte ich daraus etwas machen.

Sie waren danach stets ein guter Netzwerker, womit viele Ostdeutsche immer noch fremdeln. Sie beklagen das.

So ist es. Mein Netzwerk ist sehr stabil, es ist nach links und rechts offen, hängt aber nicht an Parteien, sondern an meiner Person. Ich habe wichtige Leute mit Prozessen niedergerungen – Leute wie Gauck. Irgendwann haben meine politischen Widersacher gesagt: Das hat keinen Sinn, der hat zu viel hinter sich. Auf einen Konflikt zuzugehen, nicht auszuweichen, das ist für mich eine strategische Überlegung. Was ich nicht mag, sind Feigheit und Schwindel.

Auf welche Ihrer Eigenschaften kann man sich am meisten verlassen?

Ich bin zuverlässig, eine treue Seele. Ich bin verschlagen, direkt und nicht nachtragend. Ich bin unberechenbar. Der momentane taktische Vorteil ist für mich nicht wichtig – die Schlacht zu gewinnen, allein das zählt.

Wolfgang Kohlhaase sagt, sie seien ein guter Verlierer – beim Skat.

Meistens gewinne ich, aber nicht, weil ich klüger bin als er, sondern weil ich mehr Rotwein vertrage.

06:00 13.05.2020

Ausgabe 22/2020

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