Ich bin erleichtert

Lyrik Was weiß die Literatur schon vom guten Leben? Wir haben Sabine Scho gefragt
Ich bin erleichtert
„Freundinnen müsste man sein. Dann könnte man über alles reden, über jeden geheimen Traum.“ (Funny van Dannen)

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Nichts weiß sie! Womit nun noch rund 6.970 Zeichen bleiben, Sie und mich vom Gegenteil zu überzeugen. Denn warum sollten wir Literatur lesen, wenn sie vom guten Leben nichts weiß? Streben wir nicht nach diesem Leben, noch jeden einzelnen Tag, den wir auf diesem Planeten wandeln? Eine erste Arbeitshypothese: Literatur weiß tatsächlich nichts vom guten Leben, aber diesen Mangel weiß sie auf ihre ureigene Art so listig zu kaschieren, dass wir für einen Moment vergessen, wonach wir die ganze Zeit trachten, wenn wir lesen.

Ihr maximaler Anspruch: nicht mal mehr den Augenblick bemerken, den man schön heißen und in ihm verweilen will. Der Augenblick verstreicht, er fiel uns gar nicht auf, unsere Seelen haben wir schon verkauft und können beruhigt weiter blättern. Im Faust zum Beispiel, in der Fassung von Goethe. Der Tragödie erster Teil ist schnell erzählt: Ein Gelehrter stellt fest, dass er ob all des Lesens und Studierens das Leben selbst vergessen hat, und da ihm all die Bücher, die er studiert hat, davon nichts erzählt haben, weiß er auch nicht, wie er zu ihm gelangen könne. Also, man bringe einen Teufel her, der weiß so was.

Schon vorbei!

Mephisto verwandelt Faust in einen schmucken Burschen, dem das unschuldige, weltmännische Weibsvolk zu Füßen liegt, und weil so ein Teufel weiß, ein bisschen Handgeld spielt keine geringe Rolle, schickt er Faust auf die Supersause seines Lebens. Party, Drogen, Kreationen, Weltherrschaft. Faust wird dabei nicht recht zufrieden, ein Wunsch erfüllt, schon tauchen zwei neue auf. Ein Fass ohne Boden.

Ein Mann scheitert auf ganzer Linie. Nicht nur das, er zerstört mit seiner Wunschmaschine das Leben all derer, die nicht unbedingt danach strebten, in den paar Jahren, die sie hier auf Erden weilen, alle Möglichkeiten (die sich ihnen meistens auch gar nicht bieten) verwirklichen zu wollen. Schnell wird klar: Bieten sich einem Optionen, steigt nicht proportional die Zufriedenheit mit ihrer Verwirklichung, da die Lebenszeit endlich bleibt und die Jugend und der Elan zudem nicht so mir nichts, dir nichts wiederkehren.

Wie kann es also ein gutes Leben geben, wenn der Mensch, der tumbe Tropf, eh nie zufrieden ist und sich ständig das Falsche wünscht? Und singt nicht Joni Mitchell schon viel weiser in Big Yellow Taxi: „Don’t it always seem to go / That you don‘t know what you’ve got til its gone.“

Genau in diesem Moment setzt Literatur ein: zu spät. Oft jammert sie vergangenen Freuden hinterher, die sie im Hier und Jetzt nicht mal als solche wahrnahm. Wenn sie vom guten Leben doch etwas weiß, dann also das: Es ist schon vorbei, wenn sie davon erzählt. Lässt man mal den popkulturellen Selbstekel aus, der uns Mitte der neunziger Jahre vor die Füße krachte und in seiner negativen Dialektik so viel vom guten Leben wusste, dass er davon nichts zu wissen wünschte, könnte man fast meinen, Literatur quält sich letztlich nur mit den ganz großen Lebensthemen ab: Liebe, Kinder, Endlichkeit, darunter tut sie es oft nicht. Zweite Hypothese: Das ist der Grundfehler. Das Gute ist nicht käuflich oder nur zum Teil, aber dieser Teil ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Mission good life failed.

Die Erleichterung einer guten Verdauung zählen die wenigsten der Literaten zu einem guten Leben. Doch dass hierzu ganz unbedingt die geregelte Abfuhr zersetzter Mahlzeiten gehört, wusste die Medizinstudentin und Reimerin Giulia Enders, der ein Darm mit Charme auf die Sachbuchbestsellerlisten verhalf. Sie beklagen den Gang in die Niederung der Populärwissenschaft und -literatur? Nun, Ernst Jandls Gedicht scheißmaschine geht mir nicht aus dem Kopf: „für nas und zunge köstlich different / treten in dich, o mensch, die speisen ein / dein organismus sich mit leben füllt / und ebnet ein, was aus dem arschloch quillt“.

Kot ohne Not zählt ganz sicher zu einem guten Leben, denn an ihm zeigt sich nicht zuletzt der Hunger ohne Kummer.

Ich habe gerade eine Trail-Tour durch den Kruger-Nationalpark gebucht. Seitdem beschäftigt mich die Frage, gibt’s in den Hütten ein WC?

Fragt die Literatur mit Recht seit Brecht erst nach dem Fressen und dann nach Moral, so schien mir immer, sie frug sich viel zu selten, was nach dem großen Fressen kommt und wohin das geht. Für Prädatoren ist man ein gefundenes, wenn man auf weiter Flur wieder loswerden will, was man zu sich genommen hat. Jeder Field-Guide liest aus den Losungen der Tiere, und Exkrementenverteilung ist bei ihnen nicht nur tägliches Geschäft, es dient der territorialen Kommunikation. @facebook: Supersache, einfach mal wohin machen und andere wissen gleich Bescheid.

Kunst und Brunzen

Wolf Erlbruchs Kinderbuch Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, war wohl sein größtes Geschäft. Ich glaube immer ein bisschen an die einfachen Lösungen im Leben, vermutlich bin ich da bei Literatur dann sowieso falsch. Nein! „Nächtens im Klo. Wenn / bei Verstopfung die Lider verkrampfen, ist die Lampe / unnütz ... Ich bin erleichtert im Hohlkreuz, durch das beschlagene / Fenster zu sehen. Im Fallen des Körpers nach vorn / streift mein Blick das Glas; das weint auf das Blech der / Fensterbank, hört auf, wenn sein Auge und mein Auge / ausgetrocknet sind“, dichten Alexandru Bulucz, Konrad Bayer und Gerhard Rühm: „Scheissen und brunzen / sind kunsten“.

So ein Scheiß, das kann doch noch nicht alles gewesen sein, wo bleibt der Trost der Literatur? Wenigstens das: Wenn sie schon nichts vom guten Leben weiß, spendet sie vielleicht Trost für das weniger gute?

Jüngste Titel versprechen es zumindest: Es könnte auch schön werden (Martina Hefter, Berlin 2018). Immerhin ein Fortschritt in der miesepetrigen Literaturlandschaft, die mir doch sonst immer als ein: „Es war mal schön, aber ich hab es gar nicht gemerkt“ oder „Es hätte vielleicht schön werden können“ zu begegnen scheint. Es könnte auch schön werden ist keine leichte Kost. Die Autorin besucht ihre Schwiegermutter im Pflegeheim und es entstehen ernste und komische Sprechtexte wie Gedichte von widerspenstiger Schönheit angesichts des verwünschten Schicksals. Jede Form der Lebendigkeit besitzt offenbar ihre eigene Form des Guten.

Vielleicht ist das mit dem Leben einfach so: Solange man es noch hat, ist es auch gut. Das erwähnt Literatur erst gar nicht weiter, davon geht sie aus und dafür kann man sie sehr mögen, selbst wenn vieles davon nur schwer verdaulich ist: „Sowieso denke ich viel über das Konzept ‚Heim‘ nach / offen oder geschlossen halbtags ganztags oder für immer / Kinderkrippe Kindergarten Vorschule Schule Studierendenwohnheim / Seniorenstift / Wenn man Pech hat Waisenhaus Heim für Schwererziehbare / Asylbewerberheim Tierheim Obdachlosenwohnheim städtisches / Altenpflegeheim / wozu noch in eine Wohnung ziehen / Damit ist alles gesagt“.

Sabine Scho, Jahrgang 1970, hat zuletzt mit dem Buchgestalter Andreas Töpfer den Band The Origin of Senses veröffentlicht. Zurzeit lehrt sie Lyrik am Literaturinstitut Leipzig

06:00 20.01.2019

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