„Ich bin kein Baum, der verwurzelt ist“

Porträt Renata Ávila Pinto versteht ihr Leben als Kampf für Entrechtete: Als Anwältin verteidigt sie die Ureinwohner von Guatemala und Julian Assange

Irgendwie klappt es mit der Gegensprechanlage nicht, sie kommt selbst herunter, öffnet die Haustür. Renata Ávila Pinto, geboren 1981 in Guatemala-Stadt, ist für ein paar Tage bei Freunden in Berlin, verlängerte Heimreise nach dem Chaos Communication Congress in Leipzig. Schwarzes Kleid, Stiefeletten, balanciert noch einen Pappbecher in der Hand, roter Lippenstift schmiert am Deckel, sie war eben noch bei einem Termin. Oben dann weitläufiges, schönes Charlottenburg: Parkett, hohe Decken, Flügeltüren, offene Küche und Büchermeter.

Ávila zeigt in eine Ecke, an der Wand hängt eine kleine Installation, mit Gelenken verbundene Metallstangen, sie tippt dagegen, Schwung, Erdanziehung, Streben beschleunigen zu Kreisen, Gelenke knicken ein, Arme reißen herab, nehmen neu Geschwindigkeit auf, sammeln Kraft für weitere Runden, geben Schwung weiter, der Verbund sprengt den Rhythmus, andere Teile schnellen nach oben. „Organisierte Anarchie“, sagt Ávila, lacht. So etwas mag sie. Aber nun kein Gewese: Renata Ávila ist Juristin, Menschenrechtsanwältin sogar, nicht hier für Smalltalk; Tochter eines Künstlers und einer Ingenieurin, ihr erster Fall war die Arbeit mit der Aktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú Tum, die für die Rechte der Maya kämpft. Gemeinsam klagten sie sich schon durch alle Ebenen der Gerichtsbarkeit Guatemalas. Seit 2009 ist Renata Ávila Teil des Anwaltsteams von Julian Assange.

Zensur und Zapatisten

In den nächsten Stunden geht es nicht darum, wie oft sie zu Hause in ihrer Wohnung in Santiago de Chile ist oder wie das Leben einer Menschenrechtsanwältin so im Allgemeinen aussieht. Sie wollte schon in der Schule Programmieren lernen, hatte früh einen Bezug zu digitalen Kulturen, arbeitete bei der World Wide Web Foundation als Chief Digital Rights Advisor (Chefberaterin für digitale Rechte), untersuchte digitale Zensur in Lateinamerika. Die Liste ist noch länger, Ávila ist auch bei Creative Commons und der paneuropäischen Bewegung DiEM25 dabei, schreibt allerlei Kolumnen zu allerlei digitalen Themen. Ihr geht es um Menschenrechte und Politik in einer digitalen Welt. Und die sind arg unter Beschuss, erklärt sie gleich.

Aber erst mehr Biografisches, wieso die Rechtswissenschaft? Zwei schnelle Antworten. „Mein Land“ und „der Zapatistenaufstand“. Grob zusammengehobelt, war Guatemala seit 1960 unter dem Schirm kolonialer Vorgeschichte eine Bühne für skrupelloses Gewinnstreben, Imperienträume, Kommunistenangst, kleinteilige Machtinteressen, und überhaupt: Gewalt gegen Indigene. Also USA, CIA, die United Fruit Company, nationalkonservative Bewegungen, das guatemaltekische Militär, Diktatoren von Nicaragua, der Dominikanischen Republik oder Venezuela. Dagegen erhoben sich Revolutionsträume und hartnäckige „Guerriller@s“. Das Ergebnis waren zweihunderttausend Tote, fünfzigtausend Vermisste, Zehntausende Vertriebene.

Der Zapatistenaufstand von 1994 hatte ähnliche Farben, kleinere Dimensionen, die Ärmsten stemmten sich gegen Gewalt, Unterdrückung, Korruption. Allerdings fanden Theoretiker und Polit-Hippies in Chiapas auch einen anderen Gegner, ein System von Politiken, verkörpert von Institutionen und Glaubenssätzen: Neoliberalismus. Auch weil der Aufstand sich nicht so schnell zusammenschießen ließ, war der Blick aus Europa in den lakandonischen Regenwald oft genug romantisch, Reisen dorthin aufregend, in schwülen Lagern ließ sich Kritik empörter formulieren, zum Strand war es auch nicht weit. Renata Ávila entschied sich für die Juristerei. Sie war damals dreizehn Jahre alt.

Sie erzählt rasch, bestimmt, erinnert sich gern, beugt sich über den Tisch. Dass sie „Menschen verteidigen“ wollte. Dass es ihr um mehr ging. „Nicht ums Lokale. Ich bin kein Baum, der in meinem Land verwurzelt ist.“ Ihr ging es um Internationalismus.

Wie schwierig die Dinge in einem Land wie Guatemala sind, wurde ihr bei der Arbeit mit Menchú bewusst, einfach indem sie versuchten, Militär und Politik für die Toten zur Verantwortung zu ziehen.

„Wir haben das System erschöpft. Und mussten feststellen, dass es so verfault ist, dass wir nicht weiterkamen. Ich dachte, man müsste in der Legislative arbeiten, aber da ist alles noch viel schlimmer.“

Kleine Pause.

„Eigentlich habe ich da festgestellt, dass Guatemala ...“ – und hier holt sie das erste Mal tief Luft, legt die Hände flach auf den Tisch, denkt vielleicht an Efraín Ríos Montt, General, Putschist, Diktator und Staatspräsident, der mithilfe des Verfassungsgerichts allen Völkermord-Veurteilungen entkam, streicht über weißes Holz, als läge da eine Decke: „... dass Guatemala nur ein Symptom ist. Eines, dem eine viel größere, tiefere Ursache zugrunde liegt.“

Ursachen, Symptome, Widerstände: Im Wesentlichen blieb von Protesten gegen Kriege, Treffen von Wirtschaftsverbünden, oder Kämpfen für Frauenrechte in den lezten drei Dekaden übrig, was die (unromatisch linken) Theoretiker Nick Srniceck und Alex Williamson vor ein paar Jahren kühl „folk politics“ nannten. Folkloristische Politik – mit Graswurzelfetisch, Selbstbezüglichkeit, Blick auf kleinschrittige Verbesserungen, dampfende Romantik. Tiefgehend und langfristig veränderte sich wenig.

In einem Land wie Guatemala, erzählt Renata Ávila, würden die Entscheidungen aus Brüssel, Washington, der Welthandelsorganisation oder Verwerfungen in Südamerika durch das perfide Machtgefüge vor Ort gedreht, wo alte Eliten, Familien oder Militärs, mit Fingern in Politik, Wirtschaft, Presse, Gerichten, Banken das Sagen haben. In Texten von Renata Ávila lautet das Beiwort zu Eliten immer „korrupt“. Auch deshalb kommt es ihr vor, als habe sie ein Leben vor und ein anderes nach den Treffen mit Verfassungsrechtler Lawrence Lessig und dem Whistleblower Julian Assange. Mit Lessig und Assange verdichtet sich all das, was sie sowieso angetrieben hat: die Forderung nach Zugang zu Information und Bildung durch Technologie, der Anspruch, Missstände durch Recherchen vor Ort darzulegen, Positionen zu veröffentlichen, die kaum Gehör finden, Widerstand zu üben, indem das lokale Ereignis als Resultat von größeren Zusammenhängen deutlich wird.

Kämpferin für die Maya und das Recht

Sie verteidigte Überlebende des Genozids in Guatemala, wo noch Anfang der 1980er Jahre Guatemalas Diktator Ríos Montt einen Feldzug gegen die Ixil-Maya begann. In den Bergen im Norden der Provinz Quiché vermutete der General die Hochburg der marxistischen Guerilla, die er mithilfe der CIA und seiner eigenen Todesschwadronen bekämpfte, es waren in vorderster Front indianische Rekruten – Ureinwohner gegen Ureinwohner.

Renata Ávila Pinto wurde 1981 geboren und ist stark von den Kriegen in ihrem Land geprägt. Sie studierte Rechtswissenschaften in Guatemala-Stadt, Turin und Den Haag. Sie spezialisierte sich auf Technologie und geistiges Eigentum. Gemeinsam mit dem Gründer der World-Wide-Web-Stiftung, Sir Tim Berners-Lee, hat sie in mehr als 75 Ländern eine Kampagne betrieben, die sich für Menschenrechte in der digitalen Welt starkmacht. Sie ist Sprecherin und Teil des Teams, das Julian Assange und Wikileaks verteidigt und von Baltasar Garzón geleitet wird. Seit 2018 leitet Renata Ávila eine chilenische NGO, die sich für Transparenz, Demokratisierung und Stärkung der Bürgerschaft einsetzt. Die 39-Jährige hat Beiträge für unterschiedliche Medien geschrieben, unter anderen eldiario.es, die internationale Blogger-Gemeinschaft Global Voices sowie für openCity.

Renata Ávilas Beitrag zum Schutz der Redefreiheit in der digitalen Ära ist im Dokumentarfilm Hacking JusticeDer Richter und sein Rebell (2017) über Assanges Anwalt verarbeitet worden. Neben Sarah Harrison und Angela Richter war Renata Ávila Co-Autorin des Buches Women, Whistleblowing, WikiLeaks: A Conversation (OR Books 2017).

In der Rigoberta-Menchú-Stiftung hatte sie mit Programmen im Internet gegen die Diskriminierung von Indigenen oder strukturelle Benachteiligung von Armen gearbeitet. Jetzt brachte sie die Creative-Commons-Lizenz ins Land.

Es ging um offene Daten, Menschenrechte und Verantwortung. Sie diskutierten Geopolitik und die Möglichkeit, durch digitale Entwicklungen ein Gegengewicht zu den alten Eliten zu errichten, lokalen Widerstand auf ein anderes Niveau zu heben, die Zentralisierung anzufechten. Die Möglichkeit eines grundsätzlichen Wandels.

Der massenhafte Zugang zum Internet fiel in Lateinamerika mit Demokratisierung zusammen, Regierungen wie die von Lula in Brasilien oder Chávez in Venezuela nutzten ganz offensiv das Internet, um soziale Programme zu verbreiten. Es gab Rückenwind.

Linke Träumer

Aber war das nicht furchtbar naiv? Ávila lacht. „Vollkommen. Von allen Seiten – von Aktivisten, Politikern, Institutionen.“ Revolutions-Euphorie, Glaube an neue Entwicklungen, Selbstbeweihräucherung, die Hoffnung auf dezentrale Strukturen: Renata Ávila ist den linken Träumen in den digitalen Welten zu Beginn dieses Jahrtausends wiederbegegnet. Diesmal eben als Techno-Utopie. Inzwischen ist ein Großteil der Euphorie von Kommerz, Facebook-Kultur und Katzenbildern verschüttet. Die meisten Menschen in Lateinamerika nehmen die Welt heute durch Apps wahr. Durch ihre Filterblasen also. „Wir waren dumm“, sagt sie. Wiederholt es mehrmals. Beim Kongress in Leipzig hat sie über die Verteidigung von Assange geredet. Über die Rolle von Whistleblowern im Netz und die Schwierigkeiten, die sie erwarten. Die Verfahren gegen Wikileaks hält sie für einen „direkten Angriff auf unsere Community“.

Dabei will sie „die Disziplin der Hoffnung“ bewahren, hält sich an Veränderungen fest: Medien sind keine Gatekeeper mehr, ihre politische Agenden, ihre Interessensverknüpfungen mit Politik und Wirtschaft werden öffentlich diskutiert.

Ávila erzählt von den Protesten in Chile, die von den Fahrpreiserhöhungen der U-Bahn ausgingen – vor Kurzem fanden sie ein Dokument, in dem sich ein Sachverständiger der Polizei gegen eine Verwendung der Gummigeschosse aussprach. „Solch ein Dokument wäre in einer chilenischen Zeitung auf der ersten Seite erschienen. In Auszügen. Und längst nicht bei allen Zeitungen.“ Im Netz konnten sie das Dokument veröffentlichen und dann zum Teil eines Gerichtsprozesses machen. Ávila erzählt das, weil sie darin auch eine ursprüngliche Qualität von Wikileaks sieht: Verwahrort, ein öffentliches Archiv zu sein.

So geht das eine Weile. Ávila teilt Kritik des Reporters an den fadenscheinigen Versprechungen der digitalen Kulturen. Sie teilt die Enttäuschung, kontert aber mit Beispielen, die davon zeugen, wie sich Dinge in Lateinamerika wandeln. Erzählt von den Tech-Euphorikern, die in Chile niedergebrüllt wurden, als sie sich an die Spitze der Proteste setzen wollten. „Wir wollen keine App“, war einer der Protest-Slogans.

Je mehr sie darüber nachdenkt, wie sehr das Smartphone zum Zeichen des Internets der zweiten Dekade im 20. Jahrhundert wurde, wie mit der Silicon-Valley-Propaganda vom freien Internet alle Regulationsanstrengungen fahren gelassen wurden, „all die Probleme, die fehlenden Standards und Gerichtsbarkeiten“, desto betrübter wird ihre Stimme.

Julian Assange, Chelsea Manning und Edward Snowden sind auch ihre Beispiele für Widerstand, für den Versuch, das Internet anders zu nutzen, für Menschen, denen die Harmlosigkeit von Demonstrationen-Petitionen-Graswurzeln nicht reichte. Renata Ávila gibt eher wenig von sich preis, sagt aber, dass Dinge sie frustrieren können. Manchmal zuckt Überraschung durch ihr Gesicht, bei all den Auseinandersetzungen ist viel Zeit vergangen.

Einiges, was eben passiert ist, liegt plötzlich zwanzig Jahre zurück. Hand vor den Mund, „so alt bin ich schon?“. Sie lacht, hat sich wieder im Griff, manchmal frustrierend, gibt sie zu. Disziplin der Hoffnung. Nicht verbittern. „Wenn wir einen Vergleich suchen, also bei unserem Umgang mit dem Netz, beim Einfordern von Rechten und der Regulation des Internets, dann haben wir ein Bewusstsein, wie beim Umweltschutz so in den 1970er Jahren.“ Vielleicht soll das den Reporter ermutigen.

06:00 24.02.2020

Ausgabe 15/2020

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