Ich bin korrumpierbar

Clowns haben oft schlechte Laune Adolf Endler im Gespräch über Identität, schwarzen Humor und das Geschäft der Wiedervereinigung

FREITAG: Herr Endler, wie stellt sich Ihnen als dem großen alten DDR-Eulenspiegel vom Prenzlauer Berg die Lage in Ostdeutschland heute dar? Hat Sie auch manchmal die DDR-Nostalgie am Wickel?

ADOLF ENDLER: Man hätte das im Voraus sehen können, dass die Wende nicht nur ein humaner Vorgang wird, mit dem wir nun liebenswürdiger Weise von Westdeutschland aus beschenkt werden. Aber leider haben sich in den ersten Jahren nach der Wende viele Ostdeutsche bereitwillig in die Arme der westlichen Handelsleute geworfen, auch undurchsichtiger Handelsleute, und leider muss man sagen: auch als deren willfährige Hilfskräfte. Diese Leichtsinnigen haben dann schnell ihre schlimmen Erfahrungen machen müssen. Genau die sind heute zum Teil auch die Träger der DDR-Nostalgie.

Das könnte Ihnen nicht passieren. Mit Ihrer schwarzhumorigen Grundhaltung sind Sie vermutlich von keinem System korrumpierbar?

Oh, ich bin korrumpierbar. Ich würde sagen, dass in West- und Ostdeutschland so mancher korrumpierbar ist, ich schließe mich nicht aus. Das moralisierende Geschrei, das man jetzt oft hört, in Dresden oder Chemnitz, vergisst ja gerade, dass man sich selber hat korrumpieren lassen, damals in der DDR schon und dann eben auch wieder nach 1989. Es ist nur so: Ich falle nicht so schnell auf Illusionen herein. Ich bin auch 1989 nicht auf die Illusionen herein gefallen, auf die viele DDR-Bürger hereingefallen sind, damals, als die Tschibo-Reklame und was sonst alles das Land überrollte. Ich war sehr schnell der Meinung und habe das auch geschrieben, dass die bundesdeutschen Kapitalisten nicht über ihren Schatten springen könnten und würden. Dass das Ganze nicht als Hilfsunternehmung ablaufen würde, sondern als knallhartes Geschäft. Kein DDR-Mensch - das ist vielleicht auch die große Enttäuschung der Westdeutschen - keiner empfindet das heute mehr so, dass die Unterstützung durch den Solidarpakt eine wunderbare Hilfestellung ist. So gut wie alle DDR-Bürger haben heute das Gefühl, bei einem großen Geschäft die Hereingelegten zu sein. Man muss gar nicht diese nostalgische DDR-Beziehung haben, um das so sehen zu können. Auch in Westdeutschland gibt es nicht wenige Leute, die darüber Bescheid wissen.

Der Bundeskanzler reiste gerade durch die neuen Länder. Was halten Sie davon?

Ich fand und finde diese Reise wichtig und habe sie sehr genau in den Nachrichten und in der Zeitung verfolgt. Der Kanzler wurde relativ freundlich empfangen, er machte auch keine falschen Dinge. Obwohl er auf so unangenehme Dinge wie die Fremdenfeindlichkeit eingegangen ist. Ich glaube, die Reise war klug ausgedacht. Ich habe den Eindruck, es hat im Großen und Ganzen keine Aversion gegen den Kanzler gegeben.

Sie sind ein Meister im Rollenspiel und in der Verkleidung. Sie heißen in Ihren Texten mal Bubi Blazezak, mal Bobbi »Bumke« Bergermann. Sogar den Tarzan haben Sie namentlich beliehen. Sie pflegen eine aufgefächerte Persönlichkeit. Das schützt vielleicht vor Opportunismus, aber ist es nicht auch eine ständige Flucht vor sich selbst?

Man könnte das so sehen. Aber natürlich ist diese Aufspalten der Persönlichkeit ein Phänomen, das in der gesamten Moderne auftaucht. Was die Identität betrifft, so weiß ich nicht, ob sich gar so viele Leute ihrer Identität sicher sind. Man kann sich freilich in eine feste Rolle hineinspielen und die bis ans Lebensende durchhalten. Das ist nichts für mich.

Bei mir fängt das schon mit dem Namen an. Ich habe meinen Namen immer gehasst: Adolf Endler! Obwohl das gar nichts mit Adolf Hitler zu tun hat. Ich bin 1930 geboren, mein Vater stammte aus Böhmen, da war der Name Adolf sehr verbreitet. Und dann auch noch Endler! Das erinnert so ein bisschen an Endsieg. Deshalb habe ich schon früh Pseudonyme verwendet und Anagramme. Mal hieß ich Alfred Nolde, dann Roald Enfer. Ich habe festgestellt, dass man Hunderte, wenn nicht Tausende Namen aus seinem eigenen Namen entwickeln kann, am besten geht das mit Hilfe eines Computers. Aber ich brauche keinen Computer. Außerdem habe ich in mir die verschiedensten Gestalten entdeckt. Meine Mutter stammte aus Belgien, mein Vater, wie gesagt, aus Böhmen. Da sind schon mal die verschiedensten Einflüsse zusammen gekommen. Von meiner Mutter habe ich sicher diesen etwas merkwürdigen belgischen Witz. Die Belgier sind ja große schwarze Humoristen und Ulkmacher. Auch in meine vielen Namen spielt das hinein. Das sind ja alles Ulknamen. Vielleicht bin ich auch ein bisschen ein Clown, ein mit Masken spielender Faxenmacher. Aber ich sehe das nicht als gravierendes Problem an, das ich mit meiner Identität hätte. Ich bezweifle überhaupt, dass die Identitätssuche bei den Menschen erfolgreich ist. Der Mensch an sich ist ein sehr schwankendes und nebelhaftes Wesen, glaube ich.

Schreiben, sagten Sie mal, sei für Sie in den Neunzigern durchaus schwieriger geworden.

Na ja, ich hatte mich ganz gut eingespielt auf diese spezielle Absurditätenshow, die mir die DDR geboten hat. Meine Erzählmethoden waren eingerichtet auf diesen verrückten Staat, auf diese für mich immer abstruser werdende DDR. Und als die wegbrach, geriet natürlich auch mein literarisches Spiel durcheinander. Ich habe wie fast alle sogenannten DDR-Schriftsteller 1989 große Schwierigkeiten mit dem Schreiben bekommen. Ich konnte auf die neuen Verhältnisse nicht mit den gleichen Mitteln eingehen. Ich habe dann ernster geschrieben oder auch noch verrückter, habe verschiedene Wege gesucht. Ich suche eigentlich immer noch. So drei bis vier Bücher habe ich noch im Kopf, ich denke, dass sie nicht mehr ganz so schwarzhumorig werden, obwohl nicht ohne Ironie.

Sie waren für das Künstlerbiotop vom Prenzlauer Berg eine Art Vaterfigur. Hinterher stellte sich heraus, dass ein paar Ihrer Schützlinge Spitzel der Stasi waren. Sascha Anderson etwa.

Sascha Anderson und Rainer Schedlinski, die beiden. Von denen hatte ich das wirklich nicht gedacht, dass sie für die Staatssicherheit arbeiten. Das sind zwei dicke Überraschungen gewesen. Aber das ist nicht der ganze Prenzlauer Berg. Die sogenannte Prenzlauerberg-Connection, wie ich das nenne, bestand aus 30, 40 Leuten, die gemalt und geschrieben haben. Es gab in dieser Szene, wie wir heute wissen, zwei Spitzel. Es besteht also kein Grund zu sagen: Der gesamte Prenzlauer Berg war eine Machenschaft der Stasi. Biermann hat das behauptet. Ich habe das in meiner Polemik gegen Biermann richtig gestellt. Leider ist die viel zu wenig beachtet worden.

Können Sie Anderson und Schedlinski heute verzeihen?

Ich habe mich von ihnen innerlich getrennt und sehe auch keine Möglichkeit, mich ihnen wieder zu nähern. Ich halte beide für unglaubliche Lügner. Das darf man, weil sie beide unglaubliche Lügner sind. Warum soll ich mich mit Leuten beschäftigen, von denen ich weiß, dass sie heute genauso lügen würden wie damals? Nein, das ist zerbrochen für alle Zeiten.

Täusche ich mich oder erwähnen Sie in ihren Gedichten aus 35 Jahren »Der Pudding der Apokalypse« relativ häufig den Tod?

Vor drei Jahren wäre ich fast abgekratzt und vor einem Jahr auch. Ich hatte eine Herzschwäche und bin falsch behandelt worden. Da wäre es beinahe passiert gewesen. Und vor zehn Jahren hatte ich mal einen Herzinfarkt. Ich weiß gar nicht, wie der Tod in meine Lyrik hineinkommt. Möglicherweise kommt es daher, dass ich mich lange Zeit mit Barock-Lyrik beschäftigt habe, Lyrik des Dreißigjährigen Krieges. Ich bin jetzt etwas überrascht von der Frage, das bleibt mir selbst ein bisschen rätselhaft. Natürlich, wie kann ich den Krieg vergessen! Ich war 14 Jahre alt, als der Krieg zu Ende war. Als 13-Jähriger habe ich mit anderen Schülern zusammen aus dem Trümmerberg von Düsseldorf Leichen ausgegraben. Den Tod habe ich sehr früh erlebt.

Man kennt Stimmen schon aus den sechziger, siebziger Jahren von Ihren Freunden, die sich um Ihr Fortleben Sorgen machten. Darf man mal offen fragen? Das war der Alkohol?

Ja, sicher. Ich habe ungeheuer viel getrunken. Heute trinke ich gar nichts mehr, außer Selters. Es bleibt mir auch nichts anderes übrig. Ich hatte Phasen, in denen ich nur betrunken in der Öffentlichkeit aufgetaucht bin. Und wenn ich Lesungen machte, habe ich neben mein Manuskript eine Flasche Schnaps gestellt. Ich habe dann gelesen, bis ich langsam hinüber gesäuselt bin. Das waren tolle Lesungen. Aber das war natürlich auch eine gefährdete Lebensweise, die von meinen Freunden durchaus gesehen wurde.

Warum haben Sie zum Alkohol gegriffen?

Bekanntermaßen war die DDR ein stark alkoholisiertes Land. Ich kann sagen, ich habe zu dieser Alkoholisierung einiges beigetragen. Aber ich denke, ich habe nicht so sehr wegen des Staates getrunken, sondern weil ich schon sehr früh zu Depressionen neigte. Nach Freud ist ja der Alkohol die Selbstbehandlungsmethode der Proletarier bei Neurosen, Psychosen oder Depressionen. Und ich habe mich da vermutlich selber behandelt. Es war oft schwer auszuhalten, auch aus gesellschaftlichen Gründen, aber nicht nur. Ich habe zu heftig auf Ärgernisse reagiert. Andere haben das besser weggesteckt. Ich habe schwere Depressionen bekommen. Und wie Sie wissen, haben Clowns ja oft schlechte Laune. Das kann man auch von mir sagen.

Das Gespräch führte Manfred Stuber

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00:00 24.08.2001

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