Ich bin schon da

Wahl-Verwandtschaft Droht mit Angela Merkel eine schwarze Zukunft?

Im September werden wir einen demokratischen Regierungswechsel erleben - eine Regierung wird zugunsten einer anderen abgewählt werden, und im Unterschied zu 1998, da Gerhard Schröder die volle Pulle der Macht übernahm, sie auskostete und vermutlich nicht daran dachte, wie bald er sie geleert haben würde, wird es eine Wahl werden, die ohne die "Wende" von 1989 nicht denkbar wäre: Eine ostdeutsche Kanzlerin wird das Rennen machen. Was nach doppelter Revolution klingt, hat aber nun so gar nichts Revolutionäres an sich, und man braucht nicht einmal schwarzseherische Veranlagung, um schwarz zu sehen. Der Zuspruch für Angela Merkel wird jedoch, vor allem in Neufünfland, überwältigend ausfallen.

Als meine Familie mir zum ersten Male bedeutete, dass eine gewisse physiognomische Ähnlichkeit zwischen ihr und mir nicht zu leugnen sei, als sogar mein jüngster Sohn, damals zwei Jahre alt, laut "Mama" schrie und auf die Bildschirm-Angela zeigte, lehnte ich das zwar lauthals ab, verwahrte mich dagegen, tobte, wütete, aber leise nagte der Zweifel. Führte dazu, dass ich mich biografischen Einsprengseln, die hier und da zu lesen waren über Angela Dorothea Kasner, vorsichtig und immer mit einem verstohlenen Schulterblick, näherte. 1954 in Hamburg geboren und bald übergesiedelt zum Vater, der in Quitzow bei Perleberg als Pfarrer arbeitete, ist sie nur vier Jahre älter als ich, eine Generationskollegin also. Still, unauffällig, mit besten Schulnoten. Wie ich. Gewann als Schülerin Mathematik- und Russisch-Olympiaden. Wie ich. Wurde dafür mit einer Reise mit dem Freundschaftszug in die Sowjetunion ausgezeichnet. Wie ich ... (... die ich 1972 zum ersten Mal und für vier Wochen in der damaligen Sowjetrepublik Litauen weilte und viel lernte an Historie, was mir ohne diese Reise noch lange verschlossen geblieben wäre).

Ein Foto zeigt Angela Merkel als FDJlerin mit Lessingmedaille, die es nur für absolute schulische Spitzenleistungen anlässlich der mittleren Reife oder des Abiturs gab. Ein solches Foto, mit FDJ-Bluse und Medaille, gibt es auch von mir. Was soll ich sagen: Wir haben tatsächlich eine ähnliche Frisur und, was viel mehr zählt, einen ähnlichen Blick. Ich beginne mich einzufühlen in Angela Dorothea Kasner, und das fällt mir nicht einmal schwer. Sie nennt eine Nische ihr eigen, zu der niemand, nicht einmal ihre besten Freundinnen, Zugang haben und in der sie zum Beispiel die Staatssicherheits-Besuche bei ihrem Vater verwahrt, der dissidentische Materialien kopiert und sich so in deren Aufmerksamkeit hineinmanövriert hatte. Sie lernt früh, ein Geheimnis zu machen aus ihren intimen Verfühlungen, und das kommt ihr heute noch zugute, da sie private Befindlichkeiten gar nicht zu haben scheint unter der Aureole der Macht. Mein Vater hatte eine Strafe von 25 Jahren Zwangsarbeit knapp zur Hälfte abgesessen in der DDR, und auch er, Sohn eines protestantischen Kantors, machte, dass ich das verschwiegen in meinem Hirnkästlein deponierte. Mitunter zu Zitteranfällen neigte, wenn das Drumherumreden sich doch etwas zu sehr darauf zu bewegte, aber nie ein Wort darüber verlor. Unsere Ähnlichkeiten könnten mir Angst machen. Keine Verwandtschaft der Wahl, wohl aber der von außen vorgegebenen Lebenskonstanten.

Sie heiratet DDR-üblich, also früh, arbeitet brav und fleißig. Zum Glück, denn nun hört die Ähnlichkeit auf. Ich bekomme zunächst vier Kinder, studiere zu einem guten, keinem sehr guten Ende, heirate erst den dritten Kindesvater. Während der Wendezeit, da Angela Merkel zum Demokratischen Aufbruch gerät, bin ich eines der ersten Mitglieder der Vereinigten Linken. Ich erinnere mich schwesterparteilicher Gefühle für alle, die in den oppositionellen Gruppen arbeiteten, sei es nun die die SDP, das Neue Forum, der Demokratische Aufbruch oder der Unabhängige Frauenverband. Erinnere mich aber auch daran, wie schnell diese Gefühle verschwanden während der Phase, in der sich die Interessen ausdifferenzierten und die den Demokratischen Aufbruch beispielsweise im Februar 1990 eine Wahlallianz mit der DSU und der CDU eingehen ließ.

Angela, die sich bislang keineswegs in der DDR-Opposition getummelt hatte, mittenmang. Ihre ersten blässlichen Jahre als Frauen- und Jugendministerin der Kohl-Regierung sind heute vergessen. Schade eigentlich. In diesen und den darauffolgenden ministeriellen Jahren hat sie aber relativ unbehelligt lernen können, was ihr ihre formale Intelligenz vorgab: Wie man sich in einem unterschwellig feindlichen Umfeld, und das war die westdeutsch-männliche Politriege allemal, unter Behauptung seiner Herkunft und seines unauffällig-fleißigen Wesens hinaufarbeiten kann. Etwas, was sie aus der DDR schon kannte. Man vergesse nicht, dass sie erst Ende 1989 zum Demokratischen Aufbruch und damit in die Reihen der DDR-Opposition gelangte und über die Station einer stellvertretenden Sprecherin der letzten DDR-Regierung Politikerin wurde - sie wusste Gefahren zu umschiffen und sich im rechten Moment an entscheidender Stelle zu positionieren. Ich weiß nicht recht, wann sie das Blut geleckt hat, das sie zum Durchbeißen brauchte, aber sie hat es getan, und ich denke, es war das Ergebnis ihrer Ministerinnen-Jahre. Andere haben es nicht geleckt. Claudia Nolte zum Beispiel, die profil-, glück- und gripslose Familien-, Senioren-, Frauen- und Jugendministerin, Cornelia Pieper oder Sabine Bergmann-Pohl, die zwar weiterhin alimentiert, aber unter Ulk verbucht werden.

Was sie als Kanzlerin tun kann, ist: Nichts. Wer Augen hat zu sehen, sieht das. Die Zeit der Bonner Republik, die Zeit, da eine Konjunkturwelle auf die nächste schließen ließ und die zwar stetig steigenden Kosten der wachsenden Arbeitslosigkeit dennoch stets und ständig beglichen wurden, ist abgelaufen. Ein Fortschreiten ohne ernstzunehmende Rückschläge, das Grundmuster der "alten" bundesrepublikanischen Entwicklung, gibt es heute, angesichts des Kollabierens der Versicherungs- und Rentensysteme, nicht mehr. Mit der Erfindung der Ich-AG wurde ein Bruch vollzogen, der sich gewaschen hat: Die Arbeitslosen verlieren ihr Auffangnetz und werden ihrem eigenen Unternehmertum und dem Überleben am Markt überlassen. Zur gleichen Zeit verlässt der Staat nicht nur sie, sondern gibt sich, scheint´s, selbst auf in seinem Rückzug aus der stationären Krankenversorgung, der Deutschen Bahn oder der Telefonie. All das nur, um die verbleibende Kraft wenigstens vorbehaltlos einem autoritären Sicherheitsbegriff zu opfern? Es sieht so aus. Die Anschlusshysterie, mit der nach dem 11. September 2001 die Angst vor Attentaten einherging, wurde nahezu unmerklich ins ruhige Fahrwasser der Selbstverständlichkeiten umgeleitet. Das Kontrollrecht, das sich der Staat gegenüber dem Bürger, dem er grundlegend misstraut, herausnimmt, ist nicht von schlechten Eltern, sondern von Innenminister Otto Schily, dem einstigen Vertrauensanwalt von Gudrun Ensslin, abgesegnet worden.

Angela Merkel wird sich hüten, von all dem auch nur Kleinigkeiten in Frage zu stellen. Möglich, dass die Union im Falle eines Sieges ihre verschärften Hartz-IV-Vorstellungen durchsetzt (zuzüglich der Streichung von Pendlerpauschale und Eigenheimzulage und der Erhöhung der Mehrwertsteuer), möglich aber auch, dass sie, ganz populistisch, dem Volk erst einmal ein paar Perlen hinwirft. Letzte Woche spekulierte man schon, man könne die Reichen - wer immer das auch sei, die Politiker selbst zählen sicherlich nicht dazu - stärker besteuern, um das Gerechtigkeitsgefühl unter den Deutschen zu befriedigen ...

Wie sollte eine Frau wie Angela Merkel darauf kommen, Klischees zu hinterfragen, die ihr so gängig sind, dass sie deren Zerbröseln vorläufig nicht einmal aus den Augenwinkeln wahrnehmen wird? Deutschland - ein reiches Land? Sicher, aber nehmen wir die unaufhaltsam steigende Armut vieler, auch und vor allem die Kinderarmut, die eben längst nicht mehr nur die im Erwerbsgeschehen peripher Stehenden betrifft, sondern auch den früheren Mittelstand. Nehmen wir die nicht totzukriegende Unterstellung, dass, wer Arbeit haben wolle, sie auch finde!

Diese Gesellschaftsordnung kann die Massenarbeitslosigkeit nicht beseitigen. Mehr noch: Sie will es gar nicht. Noch mehr: Sie darf es gar nicht, soweit sie sich treu bleiben muss. Unter diesen inneren Umständen ist es völlig egal, welche Partei an der Regierung ist und wer Kanzler wird. Und so ist es halt: Die Grabenkämpfe haben begonnen. Die Grünen beschimpfen die Sozialdemokraten und die Sozialdemokraten beschimpfen die Grünen. Plötzlich sind die Grünen noch nie zuverlässige Partner gewesen und die Sozialdemokraten haben sich emotional auf einen Stand der siebziger Jahre zurückwerfen lassen (O-Ton Cohn-Bendit). Eine Komödie im klassischen griechischen Sinne.

Immer, wenn Gerhard Schröder mit hängender Zunge aus seiner täglichen Furche auftaucht, thront Angela Merkel mit zur Zeit strahlendem Antlitz und aller zur Schau gestellten Herzensruhe am Ackerrain und raunt ihm ihr Ick bün all hier! entgegen, dass sich sein Gesicht, das finstere, weiter verfinstert. Die Doppelgängerin bin, Gott sei Dank!, nicht ich ... Schröder rennt furchauf und furchab, als ginge es - um sein Leben? Geht es doch gar nicht. In die geistige Toskana will er! Kann er. Darf er. Er brauchte nur die Vertrauensfrage zu stellen. Plötzlich aber will ihm niemand das Vertrauen entziehen. Hat es jemals in Deutschland einen Bundeskanzler gegeben, der so verbissen daran arbeitete, sich bei seinen Kollegen in Misskredit zu bringen? Alle Tricks werden probiert, alle im Bundestag fälligen Bescheide daraufhin durchgeforstet, ob sie aus den eigenen Reihen vielleicht zu wenig Stimmen erhalten könnten, um sie dann, statt sie fallen zu lassen, auf die Tagesordnung zu setzen. Vergessen die Parteispenden-Affären, Amtsverfilzungen und Skandälchen jeglicher Art, begraben unterm Achterbahngeschrei der aktuellen Saison. Rummelplatz eben. Da muss die Union gar nicht viel sagen, gar tun. Nur noch hinaufzockeln, ehe auch sie sich, spätestens im September, in die Kurven legen wird für die grandiose Abfahrt. Die letzte? Ich glaube kaum.

Jetzt also Hoch-Zeit für die Schwarzen. Außenpolitisch scheint derzeit eine gewisse Beruhigung eingezogen, so dass nicht einmal mehr der CDU/CSU und Angela Merkels Haltung zum Irak-Krieg eine Rolle spielt, ja, nicht erinnerlich ist. Und selbst wenn alle Leute darum wüssten, dass die neue Kanzlerin am Grundzuschnitt der Gesellschaft nichts ändern wird, würde ein Großteil, vor allem im Osten, sie wählen. Weil sie in der Alternativlosigkeit dieselbe noch einmal hinauszögern, sie aussetzen könnte für einen kurzen, irrationalen Moment der Wahl-Verwandtschaft.

Kathrin Schmidt, geboren 1958 in Gotha, lebt seit 1994 als freie Autorin in Berlin. Zuletzt erschien 2002 ihr Roman: Koenigs Kinder.


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00:00 03.06.2005

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