Ich bin verdächtig

Der Dichter und die Stadt Izet Sarajlic - ein langer zärtlicher Abschied von Sarajevo

Harun al RashidWäre ich der berühmte Khalif von Bagdad,ginge ich durch meine Stadtund teilte jedem ein gutes Wort zu.Ich bin nicht der berühmte Khalif von Bagdad.Doch Wörter teile ich aus. (1965)

Wer durch Sarajevo ging und den Namen Sarajlic nannte, entdeckte allmählich, dass ihn dort alle kannten. Es war eine Popularität, wie sie Dichtern kaum noch irgendwo zu teil wird. Während der vierjährigen Belagerung sagten oft Leute voller Zuneigung: Ja, er ist geblieben. Als wäre damit bestätigt, was sie immer von ihm dachten. Von Sarajevo aus hat er die Welt betrachtet. Hier konnte die Welt ihn finden. Er erkannte und nutzte das Geschenk der Stadt an den Dichter, als Gefäß zu dienen für alles, was er im Leben erfahren konnte. Am 2. Mai ist er hier unerwartet gestorben.

Viele Abende saßen sie im Dunkeln. An die Tür des Dichters klopften Nachbarn, redend verbrachte man in der schwarz geräucherten Küche die endlosen Sperrstunden. Das war in der Kindheitsstraße von Sarajlic, bei der Schwester, zu der er sich mit Frau, Tochter und Enkel aus seiner "granatierten" Wohnung geflüchtet hatte. Hier fanden jene langen Gespräche statt, wie sie die Geschichte immer wieder kennt: intim, enttäuscht, einsam, hassend und großmütig. Izet Sarajlic aber schrieb tagsüber am Buch der Abschiede. In 20 langen Poemen trennte er sich von Menschen, seiner Straße, von Vergangenheiten und Ideen.

"Das erste große Buch über den Krieg in Sarajevo ist geschrieben. In ihm gibt es keine Erklärungen, keine Deutungen, die Rede ist davon, wie der Mensch gebrochen wird und wie er widersteht im innersten Kern. An den schönsten Stellen liest es sich, als würde die Stadt von sich singen und von der Geschichte, die über ihr niederstürzte." So Stanko Cerovic, der über Radio France International den Krieg kommentierte und in Sarajevo begierig gehört wurde.

Am zärtlichsten ist Sarajlic in seinem ersten Abschied, dem vom Dichterfreund Slobodan Markovic und einem der letzten, in dem er seinen jungen Nachbarn Eso Ramadamovic zu einem der Konvois begleitete, die die Stadt verließen. Nachdem dessen Vater gestorben war - ein kranker Partisan, der glaubte, die Zeit habe sich zurückgedreht und er müsse wieder ein Gewehr nehmen -, hatte der junge Mann seine Aufgabe in Sarajevo erfüllt und war frei wegzugehen. Izet weinte über die ausblutende Stadt.

Ich aber bleibe ganz allmählich zurück ohne Volk.
Und das heißt,
ohne mich.

Mit dem Dichter Markovic hatte Sarajlic seinen eigenen Weg in die Dichtung begonnen, gleich nach dem Krieg, er 15 Jahre alt, Markovic nur zwei Jahre älter, doch schon ein großmütiger Lehrer für ihn.

Das Talent dieses Menschen
Sohn eines Mädchen, klein wie eine Träne,
kam ganz vom Jahrmarkt.

Sie suchten sich ihre literarischen Vorbilder selbst, unterwarfen sich nicht der herrschenden Doktrin, die bis zu Titos Bruch mit Stalin 1948 unter dem Zeichen Shdanows stand. Die junge Sarajevoer Dichtergruppe wurde als "dekadent und reaktionär" verschrien. Und nachsichtig bestätigt Sarajlic es:

Wir waren wohl Dekadente.
Wir aßen die kleinen Brote der großen Tage
Und anerkannten nur Kreuzungen,
an denen sich Schenken wiegten.

Als Slobodan Markovic 1991 starb, verließen Slowenien und Kroatien gerade "das gemeinsame Haus" und Sarajlic legte diese Form der langen erzählenden Poeme an, einer Dichtung in Prosa, mit der er seine Epoche verabschiedete. Er ahnte nicht, dass er ein Jahr später in einem Krieg sein werde, wo doch der Krieg seine Gedichte motivisch durchzog, aber als Erinnerung, als immer wieder aufleuchtende Freude, dass dieser Krieg vorbei war, manchmal als Mahnung, Anteilnahme für Menschen im Krieg.

War vielleicht alles in seinem Leben,
in unseren Leben ein Irrtum?
Waren wir alle zusammen vielleicht
Für eine ganz andere Zeit geboren?

So hadert Sarajlic mit seiner Zeit. Doch je bitterer die Abschiede werden, desto mehr bekennt er sich wieder zu seiner Biografie.

Ich verleugne nichts in meinem vergangenen Leben.
Nicht die Tränen, als sie die Schwestern gefesselt abführten in die Dubrovniker Nacht
Nicht die Flamme der Petroliumlampe in Popovaca
Galczynksi hätte gesagt:
Ich würde gern die Flamme unserer Lampe
vor dem Vergessen retten ...")
Vor dem Vergessen retten - vielleicht ist das ja die einzige Aufgabe der Dichtung?
Ich verleugne nicht meinen Glauben an die Brüderlichkeit der Menschen,
so erschüttert in diesem Krieg.
Nicht meine akmeistische Sehnsucht nach der Weltkultur (...).

Die Schwestern waren von den italienischen Besatzern verhaftet worden. Galczynski ist ein polnischer Dichter aus jener Generation, die Sarajlic liebte, die er überall auf der Welt suchte, in der er seine lebenslangen Freunde fand, in der er sich sah, als gäbe sie ihm einen Halt, einen Sinn.

In einem Gedicht, nicht diesem -
In dem ich von meiner Dichtergeneration sprechen werde -
Soll auch das vorkommen:
Meiner Generation wird es schwer sein im Himmel zwischen den Engeln,
ohne die Erde, über die weiterhin die Menschen schreiten,
aber auch der Erde wird es ohne meine Generation um nichts leichter sein. (1987)

Das für später versprochene Gedicht über seine Dichtergeneration ist nun ins Buch der Abschiede eingegangen, in seinen großen Bericht, in dem er so viele Dinge erzählt oder andeutet, oft wie nebenbei, sich den Gedankensprüngen überlassend. Denn seine Poeme sind so, als würde er zu jemandem sprechen, der vorübergehend mit ihm an einem Tisch sitzt oder an einem Bahnsteig auf den Zug wartet. Der Moment gilt. Was zu sagen ist, soll jetzt gesagt sein.

Ich gehöre zu denen,
die meinen, über den
Montag
muss am Montag gesprochen werden;
schon am Dienstag kann es zu spät sein.
(aus Die Theorie der Distanz, 1992)

Die Epoche, die seine Generation prägte, erscheint im Buch der Abschiede mit starker Leuchtkraft, ein Wagnis, voll Inspiration und Erregung. Auf dem Feld der Künste beschreibt er eine Atmosphäre des Hungers nach neuen Werken, ihrer freudigen Erwartung. Er nennt viele Künstler-Namen, die die Phantasie füllten. Aber dann:

Die Zeit der großen Kunst ist vorbei.
Ich habe
wenigstens
in ihr gelebt.

So bescheinigt Sarajlic fast giftig den Heutigen, in geistig mageren Zeiten zu leben. Er ist bei all seiner Warmherzigkeit nicht unbedingt mild. Auch die eigene Lage beschönigt er nicht:

Was ich in letzter Zeit am meisten fürchtete -
allein zu bleiben in der Literatur -
ist nun geschehen.
Ich habe in Sarajevo meine Generation nicht mehr.

Manchmal erstickt ein Text fast an seiner Wut. Zwei Poeme erzählen von extremen Enttäuschungen. Eines gilt der russischen Literatur, dem russischen Schriftstellerverband und dem Dichter Alexander Limonov, der Karadz?ic in Pale besuchte und vor laufender Kamera in die belagerte Stadt hinunterschoss. Sarajlic hat kontinuierlich russische Dichter übersetzt. Von allen meldete sich während der Belagerung nur einer, Jewtuschenko. "Etwas Furchtbares ist mit Russland geschehen."

Im anderen Text gilt die Enttäuschung den neuen bosnischen Behörden, die im beginnenden Frieden die Tochter des Dichters aus der Wohnung, ihrer Zuflucht, verwiesen. Es war die Wohnung, die der Gleisaufseher Sarajlic 1945 erhalten hatte, sie taucht in vielen frühen Gedichten auf und erneut im Buch der Abschiede, nachdem sich die verstreute Sarajlic-Familie hier in größter Enge wieder zusammen fand. Die Begründung für die Ausweisung lautete, Familien von Gefallenen hätten Vorrang. Wieder gehörte Sarajlic nicht zu den genehmen Künstlern, obwohl fast alles so gestimmt hätte: aus muslimischer Familie, die belagerte Stadt nicht verlassen, Gedichte geschrieben, die als Kopien umgingen und im Ausland als Zeugnisse des Verbrechens an Sarajevo erschienen. Nur eines passte nicht, er verkörperte durch sein ganzes Schaffen die noch nicht abgestorbene Idee eines ungeteilten Sarajevo der drei Traditionen. Die Wohnungsentscheidung war wie ein Ausschluss aus der Gemeinschaft, die sich nach diesem Krieg in Sarajevo einzurichten begann und sich dabei vom Geist der Stadt gestört fühlt.

Was sind ich und mein Kind noch
einem Sarajevo ohne Sarajevoer?

Dramatisch ist der Text, mit dem sich Sarajlic von einem serbischen Freund verabschiedet, einem erfolgreichen Chirurgen, der sich irgendwann obsessiv dem serbischen Nationalismus verschrieb und Parlamentsabgeordneter der Karadz?ic-Partei wurde. Sarajlic nahm es nie ernst. Sie verbrachten 22 ungetrübte Sommer im Haus des Chirurgen am Meer. Ein schöneres Mallorca brauchte ich nicht. ... Alles konnte ich damals. Sie zogen los in der Abenddämmerung und kehrten zurück im Morgenrot. Er schrieb. Zwei Gedichtbände entstanden dort.

Der Freund ist bei Kriegsbeginn wider Erwarten nicht mit Karadz?ic hinauf nach Pale gezogen, sondern blieb unten in der Stadt, auf die nun serbische Schützen schossen. Fünf Monate nach Kriegsbeginn fand ihn seine Familie mit eingeschlagenem Schädel vor dem Haus. Hatte Karadz?ic die Mörder geschickt? Oder war es ein antiserbischer Akt muslimischer Gruppen? Alles war möglich, alles war ungeheuerlich. Das Rätsel blieb ungelöst. Und Sarajlic widmet dem Freund das Poem, tief unsicher, ob er es verdiente oder nicht. Treue ist für ihn ein Wert. Nie beklagt er sich über schwierige Folgen.

Na und? Das ist eben der Preis, den du zahlst für die Treue zur Dichtung, schreibt er im Poem über seine Kindheitsprovinz, die Stadt Trebinje, der er nicht verübelte, dass er dort 15 Jahre lang als missliebiger Dichter nicht bei Lesungen auftreten durfte. Und seine Gedichte konnte er wunderbar rezitieren, mit tönender Stimme, wie ein Instrument. Er blieb der Stadt treu, doch jetzt war etwas Unverzeihliches geschehen: die Vertreibung der großen alten muslimischen Familien. Und darum gibt es Trebinje, auch wenn es weiterhin eine Stadt dieses Namens gibt, für ihn nicht mehr. Er streicht sie aus.

Sarajlic muss, stellvertretend für die Bosnier, für seine Generation, vieles streichen. Bevor er das tut, betrachtet er es noch einmal aufmerksam. So vollzieht er einen nicht endenden Strom von Trennung in dem Buch der Abschiede, aber es geschieht ein Wunder: er erschafft zugleich die Welt wieder, von der er sich trennt. Etwas ist gnadenlos vernichtet, darüber lässt er keine Illusion zu. Was nun kommt, lockt ihn nicht. Aber falls er zweifeln sollte, so weiß doch seine Dichtung, dass immer wieder Menschen ihre Generation haben werden, in der sie ihre Freundschaften, ihre Lieben, ihr Werk beginnen. Und seine Gedichte lesen werden. Außerhalb von Sarajevo erlebte Izet in Italien noch einmal ein Publikum voller Empathie. Alle seine letzten Texte erschienen, kommentiert von Sinan Gudz?evic: Das Buch der Abschiede, Kriegs-Gedichte, die Erzählung über seine Frau P.V. und eine umfangreiche Auswahl seiner Gedichte aus einer achtbändigen Werkausgabe, die jüngst in Sarajevo herausgebracht wurde. Auch in Polen, Schweden, der Schweiz, der Türkei und in Frankreich erschienen Übersetzungen von Gedichten. Am 23. April wollte die Stadt Salerno ihm in einem Festakt die Ehrenbürgerschaft verleihen. Den Termin hat er wegen auftauchender Herzprobleme verschoben. Zehn Tage später begleiteten 2000 Sarajevoer auf dem Gräberfeld über dem Stadion Kos?evo seinen Sarg.

Was macht Sarajevo ohne mich?
Na, irgendwie wird es sich drein finden.
Eine Träne wird es vergießen, drei Reden wird es halten.
Aber wir treffen uns noch.
Ich war - ein Dichter.
Wann immer meine Stadt ein zärtliches Wort braucht,
werde ich da sein.

P.S. Die Mitarbeiterin einer Schweizer Kulturstiftung erwog auf Empfehlung befreundeter Künstler, Izet Sarajlic - wenige Wochen vor seinem Tod - zu einer Lesung einzuladen. Sie beschäftigte eine Putzfrau aus Sarajevo, eine Lehrerin, bei ihr erkundigte sie sich neugierig: Kennen Sie den Dichter I.S.? Natürlich kenne ich ihn, war die Antwort. Warum interessiert er sie? Als sie den Grund vernahm, erhob sie Einwände. Ja, er sei bekannt, aber es gäbe Dichter, die seien besser geeignet. Sarajlic sei - suspekt. Er habe seine Gedichte zeitweilig serbisch geschrieben.

Ich bin verdächtig.
Es ist das Privileg der Dichter, verdächtig zu sein.

In der serbischen Variante hat er einige Jahre geschrieben, weil sie in Wirklichkeit keine Abweichung von seiner bosnischen Sprache bedeutete. Er hat einfach in seiner Dichtung praktiziert und vorgeführt, woran ihm lag: die Gemeinsamkeit der Völker Jugoslawiens.

Übersetzungen: M.A

Izet Sarajlic: Sarajevo Verlag im Waldgut Frauenfeld/ Schweiz 1994 Übersetzungen Milo Dor, Jochen Kelter, Hans Magnus Enzensberger, Marina Achenbach

Izet Sarajlic: Jemand hat geklingelt Gedichte Deutsch und Serbokroatisch Verlag im Waldgut 2001, 44 S., 17,50 EUR

00:00 13.09.2002

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