„Ich denke drei Schritte voraus“

Im Gespräch Rebecca Stache trägt den Titel „Beste Sekretärin Deutschlands“ und wehrt sich gegen Klischees
„Ich denke drei Schritte voraus“
Fachangestellte für Bürokommunikation, früher einfach: Fräulein
Foto:Carsten/ Three Lions / Getty Images

Sie bettelt bei Apple in perfektem Englisch um ein iPhone, locht Papiere in Rekordzeit, überzeugt eine Kollegin, die Hälfte ihres Bonus für einen guten Zweck zu spenden: Rebecca Stache ist gerade in einem bundesweiten Wettbewerb zur „Besten Sekretärin Deutschlands 2014“ gekürt worden. Die 32-Jährige arbeitet bei der HafenCity Hamburg GmbH als Persönliche Assistentin des Vorsitzenden der Geschäftsführung. Sie liebt die Vielfalt ihres Jobs, würde sich weder als Tippse noch als Vorzimmerdrache bezeichnen – und findet, dass Frauen sich einfach viel mehr trauen sollten. Gerade beim Geld.

der Freitag: Frau Stache, Sie sind gerade als „Beste Sekretärin Deutschlands 2014“ ausgezeichnet worden. Glückwunsch! Aber möchten Sie überhaupt Sekretärin genannt werden?

Rebecca Stache: Ausgebildet bin ich unter anderem als Fremdsprachliche Sekretärin, insofern ist es nicht falsch, mich so zu bezeichnen. Allerdings sind in den Unternehmen die Titel heute oft umformuliert. Und es gibt jene, die sich anders nennen, weil sie denken, Sekretärin klinge immer noch ein bisschen nach Tippse. Ich habe mit dieser Bezeichnung kein Problem. Ich habe ein Diplom im Feld „International Administration & Management“ und viele Fortbildungen gemacht.

Jetzt haben Sie den Begriff Tippse verwendet. Das damit verbundene Vorurteil der auf Kaffeekochen und bloßes Abtippen reduzierten Sekretärin stammt ja noch aus den 50ern. Wie sieht Ihr Alltag heute aus?

Ja, ich bin für klassische Sekretariatstätigkeiten zuständig, Telefonate , E-Mails, Post. Zu meinen Aufgaben gehören aber auch Personalfragen und Reiseorganisation. Mein Chef ist sehr viel unterwegs, oft im Ausland, was bedeutet, dass ich Flüge buche und alles vor Ort organisiere. Dazu kümmere ich mich eben um die Korrespondenz und seine Vorträge und Veranstaltungen.

Ihr Titel lautet Persönliche Assistentin des Vorsitzenden der Geschäftsführung. Wie nah sind Sie am Top-Management?

Sehr nah. Mein Chef und ich sitzen jeden Tag zusammen. Auch wenn viele andere ihn nicht sehen: Ich sehe ihn auf jeden Fall. Ich bin immer dabei und in das meiste voll eingebunden.

Sie wissen also genau, welche Entscheidungen auf höchster Ebene getroffen werden?

Ja.

Kam es schon vor, dass jemand versucht hat, über Sie an brisante Informationen zu gelangen?

Von außen noch nicht. Intern hat man manchmal den Eindruck, dass der eine oder andere Kollege mal neugierig ist. Aber nicht so, dass ich das Gefühl hätte, dass jemand wirklich penetrant versucht, mich auszufragen.

Sie deuteten an, dass es subtile Zeichen gibt, dass manche den Sekretärinnenberuf nicht ganz ernst nehmen. Können Sie eine solche Situation beschreiben?

Als Sekretärin soll ich zum Beispiel oft Unterlagen für den Chef besorgen. Und es gibt Kollegen, die sich querstellen, weil sie persönlich von ihm hören wollen, was er haben möchte. Das kann dazu führen, dass der Chef ein Machtwort sprechen muss – um zu zeigen, dass er voll hinter mir steht. Da zeigt sich, dass die Leute eine völlig falsche Vorstellung haben: Sie wollen sich von einer Sekretärin nichts sagen lassen, sehen nicht, dass ich nur ernsthaft meinen Job mache.

Was zeichnet eine wirklich gute Sekretärin aus?

Ich finde proaktives Handeln wichtig, also schon drei Schritte vorauszudenken, ohne dass der Chef sagen muss, jetzt machen wir dies und dann das. Ich muss den Überblick über seine Termine behalten, muss genau verstehen, wie er arbeitet. Sodass man mit ihm entsprechende Prioritäten festlegen kann. Wichtig ist auch Flexibilität. Wenn ein dringendes Problem ansteht, muss man in der Lage sein, alles stehen und liegen zu lassen und sich in kürzester Zeit auf eine ganz andere Thematik einzustellen

Welchen Unterschied macht es, ob Sie für einen Mann oder eine Frau arbeiten?

Ich hatte bisher keine Chefin, ich kann es nicht sagen. Das ist leider heutzutage immer noch eher die Ausnahme.

Zur Person

Foto: Privat

Rebecca Stache, 32, zweifache Mutter, arbeitet seit sieben Jahren für denselben Chef. Beim Sekretariatswettbewerb eines Büroartikelherstellers gewann sie jetzt 2.500 Euro. Damit will sie ihre Hochzeit finanzieren

Dazu kommt: In vielen Berufen verdienen Frauen noch immer deutlich weniger als Männer.

Es arbeiten ja nicht so viele Männer in unserem Berufsfeld. Das hat man auch bei dem Wettbewerb wieder gesehen. Das Problem mit dem Gehaltsgefälle ist in anderen Berufen gravierender.

Warum sind denn so viele Sekretärinnen weiblich?

Einerseits organisieren Frauen, glaube ich, gern und vielleicht auch lieber als viele Männer. Und das war natürlich lange Jahrzehnte eine Frauendomäne, sodass sich die Männer oft einfach nicht so richtig heranwagen. Oder sie streben eben gleich in höhere Positionen. Ich kenne wirklich nicht viele Männer in diesem Job.

Zurück zum Pay-Gap: Wie denken Sie generell darüber?

Meine Erfahrung ist: Wer sich mehr traut und mehr fordert und sich entsprechend präsentiert im Gehaltsgespräch, der wird auch mehr verdienen. Frauen trauen sich einfach zu wenig.

Trauen Sie sich denn?

Ich würde sagen: ja! Ich bin aber ohnehin jemand, der nicht sehr schüchtern ist. Und wenn man weiß, was man leistet, was man wert ist fürs Unternehmen, sollte man das auch kommunizieren.

Sie sind Mutter zweier kleiner Söhne. Wie lässt sich Ihre Position mit der Familie vereinbaren?

Ich arbeite wegen meiner Elternzeit erst seit September wieder und nur fünf Stunden am Tag. Zurzeit passt das alles ganz gut zusammen. Mein Chef und ich haben uns nach sieben Jahren gut aufeinander eingestellt.

Was würden Sie gern an Ihrem Beruf ändern?

Eigentlich nichts. Man kann als Teamsekretärin arbeiten – und man kann sich hocharbeiten bis zum Vorstand. Das hängt davon ab, ob man die Mehrarbeit möchte. Wenn man sich etwas entspannter bewegen will, sollte man nicht unbedingt beim Vorstand arbeiten. Aber es gibt diverse Möglichkeiten, und man könnte sich auch, betreut man eigene Projekte, so weiterentwickeln, dass man den Sekre-tariatsbereich eines Tages ganz verlässt und anders arbeitet. Wenn man das eben will.

Die TV-Serie „Mad Men“ hat das Klischee der flirtfreudigen, sehr weiblich gekleideten Sekretärin wiederbelebt. Wie wichtig ist die Kleidung tatsächlich?

Ich persönlich lege viel Wert darauf, mich vernünftig anzuziehen, weil es einem eine ganz andere Haltung gibt. Zudem sind wir ein Unternehmen der Stadt Hamburg, da kann ich nicht aussehen wie Samstagabend auf dem Sofa. Es ist nicht Pflicht, dass ich jeden Tag Hosenanzug oder Kostüm trage, aber für mich gehört angemessene Kleidung dazu.

Sie sprechen von Haltung und sagen, dass Sie nicht schüchtern sind. Wie kontern Sie also dumme Klischeesprüche?

So direkt hat mir das noch niemand gesagt, „du bist ja bloß die kleine Tippse“. Es kommt aber vor, dass das mal zwischen den Zeilen mitschwingt, je nach Situation, wie die Leute einen eben behandeln. In solchen Fällen trete ich ganz selbstbewusst auf. Ich bin zwar kein Vorzimmerdrache, aber ich habe durchaus meine kleinen Tricks, um die Leute dahin zu bringen, dass sie mir mehr Respekt entgegen bringen.

Das Gespräch führte Alexandra-Katharina Kütemeyer

06:00 31.10.2014

Kommentare