Isabella Reicher
Ausgabe 1817 | 17.05.2017 | 06:00 3

Ich entschuldige mich

Was läuft Isabella Reicher über „Homeland“ und Troll-Bots, die kein „Sorry“ kennen. Spoiler-Anteil: 8 Prozent

Eine Entschuldigung für den Schreibfehler im Titel. Eine Entschuldigung dafür, dass das Bild nicht richtig scharf ist. Eine Entschuldigung für zu viel, eine für zu wenig Licht. Eine dafür, dass die Filmrolle schon wieder ausläuft. Und noch eine dafür, am Schneidetisch nicht stärker ordnend in die Handlung einzugreifen. „I’m sorry ... please forgive ... I’m very sorry ... I’m sorry that I apologize so much ... I don’t want to be sorry ... I cover my trail with apologies ... I’m sorry, I’m sorry ...“

Apologies heißt folgerichtig der zwischen 1984 und 1990 auf Super-8-Material gedrehte Kurzfilm von Anne Charlotte Robertson, aus dem diese Auszüge stammen. Die US-Amerikanerin (1949 – 2012), deren Nachlass das Harvard Film Archive betreut (die Filme sollen nach Abschluss der Sicherung und Restaurierung noch heuer wieder zugänglich sein), wird ebendort als Filmemacherin und diarist geführt. Das deutsche Wort „Tagebuchautorin“ bietet dafür nur eine unzulängliche Umschreibung. Robertson, die an einer bipolaren affektiven Störung litt, dokumentierte und integrierte in ihren künstlerischen Arbeiten Persönliches – und wies zugleich über diese Ebene hinaus.

Die Apologies sind dafür ein schönes Beispiel: Die vor der Kamera in verschiedenen Alter Egos auftretende Filmemacherin entschuldigt sich für alles und jedes und sicherheitshalber auf Vorrat. Die Sorry-Serie holt das Formelhafte und die Konvention in den Vordergrund. Als Performance sozialen (Fehl-)Verhaltens bekommt die Litanei der Entschuldigungen eine tragikomische Note, als verbindliche Aussage ist das Um-Verzeihung-Bitten da schon leergelaufen.

An Robertson und ihre Apologies musste ich irgendwann im Verlauf von Staffel sechs von Homeland denken: In der jüngsten Fortsetzung ist Hauptfigur Carrie Mathison (Claire Danes), ehemals CIA-Agentin, als Beraterin in Sachen innerer Sicherheit zwischen New York und Washington im Einsatz. Sie benimmt sich weiterhin professionell daneben. Langfristig liegt sie damit zwar richtig, aber erst einmal entschuldigt sie sich mit Nachdruck für ihre Fehlleistungen und deren Folgen (wenn Robertsons Gründe eigentlich zu nichtig erscheinen, um sich zu entschuldigen, so ist das Missverhältnis bei Mathison genau umgekehrt: Keine Entschuldigung wäre angemessen).

Wie John McClane in den Stirb-Langsam-Filmen ist Carrie Mathison am falschen Ort zur falschen Zeit – also mittendrin. Der hemdsärmelige Cop, auf den keiner hören will, wenn die nationale Sicherheit gefährdet ist, stellt mit seiner Renitenz den Hausverstand des kleinen Mannes unter Beweis. Bei unserer Heldin ist ein vergleichbares Verhalten selbst mit ihrer bipolaren Störung nur unzureichend legitimiert. Dann lieber einmal zu oft Entschuldigung sagen.

An ihrem „I am SOOO sorry“ würgt sie oft ein bisschen, bevor sie es regelrecht ausstößt. Die Gesichtsmuskulatur angespannt, der ganze Körper beherrscht. Aus allen Entschuldigungen in allen Staffeln könnte man inzwischen ein abendfüllendes Sequel von Apologies montieren. „Merkst du überhaupt, wie anstößig du bist?“, sagt in einer der neuen Folgen ein Bürgerrechtsanwalt zu Mathison, der noch nicht lange mit ihr zusammenarbeitet.

Dass Carrie Mathison sich entschuldigt, nur um im Handumdrehen schon wieder einen Grund für eine bald notwendige weitere Entschuldigung nachzuschieben, ist eine Konstante von Homeland – und wird in Staffel sechs als Handlungsmotor beibehalten. Neu ist hingegen die musikalische Begleitung der Titelsequenz: Die Originalkomposition von Sean Callery, die seit Folge eins ein Stück atmosphärischer Entrücktheit zu Mathisons realen und imaginierten Angstszenarien lieferte, wird aktuell durch Gil Scott-Herons Spoken-Word-Klassiker The Revolution Will Not Be Televised ersetzt. Das könnte eine Aufforderung an uns Couchkartoffeln im Qualitätsseriendelirium sein: „You will not be able to plug in, turn on and cop out“ – während die Demagogen in ihren Kellerfernsehstudios auf Sendung gehen und Fiktionen als Tatsachen präsentieren, tatsächliche Begebenheiten zur Lüge verkürzen und eine Armada von fiktiven Social-Media-Userinnen lenken. Troll-Bots, die kein „Sorry“ kennen.

Wenn sich Jake Weber als Alternative-News-Mann Brett O’Keefe live auf Sendung in aller Form bei seiner gewählten Präsidentin entschuldigt, klingt das wie gelogen. Carrie Mathison nervt, aber manches an Staffel sechs von Homeland ist wirklich sehr geglückt.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 18/17.

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