Ich erinnere mich

Fatwa Mit Islamisten macht man keine Witze oder Warum Satire kein wohlfeiler Selbstzweck ist: Über das andauernd gespannte Verhältnis von Humor und religiösem Fundamentalismus

Ich erinnere mich an eine ockerfarbene Oase unter der Sonne, im roten Licht der Abenddämmerung. In dieser algerischen Oasenstadt habe ich meine Kindheit verbracht. Die Oase hieß Biskra, dort gingen Guy de Maupassant, Isabelle Eberhart, André Gide ihren Orientträumen auf je eigene Weise nach.

Als ich Kind war, fuhren die jungen Frauen unverhüllt und mit nackten Beinen auf dem Fahrrad. Die etwas reicheren fuhren Auto. Nach Art von Françoise Hardy und Catherine Deneuve trugen sie Hose und Minirock, gingen ins Kino und Theater, in die öffentlichen Gärten und ins Restaurant, allein oder in Gesellschaft. Und niemand hatte etwas daran auszusetzen, im Gegenteil: Diese jungen Frauen emanzipierten sich mit dem Segen ihrer Väter und Mütter, die auf dieses Privileg 130 Jahre lang, während der französischen Kolonialherrschaft, verzichten mussten.

Ich erinnere mich auch, dass den Frauen die Schule nicht nur offen stand, sondern sogar obligatorisch für sie war. Und daran, dass Präsident Bella sie direkt nach der Unabhängigkeit am 5. Juli 1962 dazu aufforderte, ihren Schleier abzulegen. Während der Kolonisierung war dieser ein Schutzwall gegen die Eroberer gewesen, ein Instrument, die eigene Identität zu bewahren. Kein Symbol, um die Zugehörigkeit zum Islam auszudrücken.

Das Lächeln der Großtante

Ich erinnere mich, dass der für die Menschen des Südens so typische Humor niemanden verschonte. Selbst die Religion entging ihm nicht. Wie oft habe ich diese Scherze gehört: „Hast du seine Nase gesehen? Mir scheint, als Gott ihn schuf, war er mit den Gedanken woanders.“ Oder: „Fünf Mal beten am Tag! – Ach, klage nicht, Gott hatte zunächst verlangt, dass seine Geschöpfe 500 Mal am Tag beten. Der Prophet hat verhandeln müssen. – Er hätte was Besseres rausschlagen können, der Prophet.“

Selbst meine Großtante lächelte darüber, diese gebildete Frau, die Tochter von Religionsgelehrten, die Asketin, die den Koran in- und auswendig kannte, die die Texte großer Theologen verschlang und schon mit 25 Jahren Witwe wurde.

Diese Großtante ließ mich an ihrem Wissen teilhaben. War ich mit ihren Erklärungen nicht einverstanden, brauchte ich ihren Zorn nicht zu fürchten. Eines Tages erklärt sie mir, dass die Engel in kein Haus einträten, in denen sich ein Hund oder ein Bild befände. Wir aber haben doch beides, entgegnete ich ihr, ihre Frömmigkeit sei in diesem Fall etwas unpassend. Sie lächelte. Dann sprach sie mit mir über die Toleranz, eine der grundlegenden Fähigkeiten des Gläubigen.

Zeit der Briefe

Kurzum, meine Großtante achtete wie die meisten der Bewohner unserer Oase den berühmten Vers „Lakoum dinoukum wali Dîni“, „Jedem seine Religion“. Den mögen diejenigen nicht, die heute so gerne Lektionen erteilen, Fatwas formulieren und Bannflüche ausstoßen. Diese treffen auch meine Bücher. In Ländern, in denen die Meinungsfreiheit durch devote Geister missbraucht wird, fallen sie unter die Zensur. Ich erinnere mich an jene Bannflüche, die vor 20 Jahren auf mich niederprasselten, als ich die Scharia kritisierte, die den Frauen eine mindere Stellung zuerkennt. Eben jene Scharia, die kürzlich auch der französischen Wochenzeitschrift Charlie Hebdo ein Attentat eintrug.

Im Hinblick auf die Propheten-Karikaturen hätte meine Großtante vielleicht gesagt, dass es im Koran keine einzige Stelle gibt, die die Darstellung menschlicher Wesen und damit auch des Propheten untersagt – eines Propheten, der wie alle Propheten nur ein Mensch war. Und dass manche Muslime, etwa die Schiiten, den Propheten durchaus darstellen. Aber sicher hätte sie auch erklärt, dass Hohn und Spott keine über alle Zweifel erhabene Werte seien. Und dass der Urheber dieser Karikatur entweder ungebildet oder respektlos seinem nächsten gegenüber sei – oder gar beides zugleich.

Was aber hätte sie von jenen Briefen gehalten, die ich vor gut 20 Jahren erhielt? In jener Zeit wurden die islamischen Parteien legalisiert, unter ihnen die „Islamische Heilsfront“ (FIS). Hier ein paar Zitate: „Warum so viel Zorn, Leila? Und so viel Unwillen dem Islam gegenüber? Ist es Ignoranz den Vorschriften des Islams gegenüber oder die Weigerung, die Wahrheit anzuerkennen? Leyla (sic), du bist in deinen Vorstellungen, Gewohnheiten und deinem Verhalten ganz ein Geschöpf vom anderen Ufer des Meeres.“ Noch ein Auszug: „‚Ich nenne die Polygamie legalisierten Ehebruch‘, schreiben Sie. Als demütiger Muslim entgegne ich Ihnen, dass Sie ein weiblicher Salman Rushdie sind, weshalb ich mit vollem Recht Satan auf Ihre simplen Ansichten ansetze.“

Vanity Mère

Ich höre hier auf, denn der damalige Ekel kommt wieder hoch. Nach diesen Briefen kam die Attacke. Meine Angreifer hatten mich auf dem Bürgersteig zurückgelassen, ich badete in meinem Blut. Dieser Angriff verstand sich als formvollendetes Attentat. Heute bin ich sicher, dass meine Großtante es gutgeheißen hätte, dass ich mich von jener Stadt verabschiedete, in der ich damals lebte und angegriffen wurde – aus Bou-Ismail, einer Küstenstadt im Norden jener Region, die man heute als „Dreieck des Todes“ bezeichnet.

„Guten Tag Leila, wie geht es dir“, schrieb mir kürzlich ein befreundeter Regisseur. Wir sind in Casablanca und haben gerade eine Sendung für 2M vollendet: Madame M’Safra, die uns die Wut sämtlicher Islamisten eingetragen hat. Grüße Ahmed Bouchaala“. Die Dokumentation handelt von Frauen, die für eine Woche nach Marrakesch reisen, um sich dort zu vergnügen, während ihre Ehemänner den Haushalt übernehmen. Das steht dem sakrosankten Schutzanspruch gegenüber, dem arabische Frauen ihr Leben lang unterworfen sind. Auch wenn dieser Anspruch im neuen marokkanischen Familiengesetz von 2004 gestrichen worden ist: „Es ist nicht einfach, die Mentalität zu ändern“, erklärt Zakia Tahiri, die Koproduzentin dem französischen Sender France24. Die Sendung erreicht über fünf Millionen Zuschauer.

„Mit 35 Jahren, nach 15 Jahren Pille, habe ich beschlossen, die Natur entscheiden zu lassen, erklärte Nadia Larguet dem Magazin Femmes du Maroc. Als werdende Mutter hatte sie sich für das Magazin ablichten lassen und außerdem über ihre Schwangerschaft berichtet – wie es Demi Moore einst für Vanity Fair getan hatte. Dergleichen hatte man in einem muslimischen Land noch nie gesehen. Die Ausgabe erregte größten Anstoß, erschien aber weiter.

Männer freuen sich

In seiner Ausgabe vom 15. November 2006 hatte das damals neue Magazin Nichane ein Dossier veröffentlicht. Dessen Titel: Witze: Wie die Marokkaner über die Religion, Sex und die Politik lachen. Man konnte dort Scherze aus dem Fundus der marokkanischen Erzähltraditionen lesen, in der die drei Themen nicht ausgespart blieben.

Das Dossier erregte einen Skandal. Einige Leser verurteilten die Scherze als aggressiv, beleidigend und blasphemisch. Eine eigens eingerichtete islamistische Website startete eine Kampagne zum Verbot der Zeitschrift. Während die Redaktion sich bei jenen Lesern entschuldigte, die sich angegriffen fühlten, erwirkte der damalige Premierminister Driss Jettou einen Erlass zum Verbot. Gegen Driss Ksikes, den Herausgeber, und Sanaa Elaji, die Autorin des Beitrags, wurde ein Gerichtsverfahren eingeleitet; die beiden wurden zu drei Jahren Haft auf Bewährung und einer Strafe von umgerechnet 7.220 Euro verurteilt. Nichane durfte zwei Monate lang nicht erscheinen.

All dies lässt mich an meine Kindheit denken – eine Zeit, in der ich niemals auch nur geahnt hätte, dass Muslime zwischen Marokko und Indonesien eines Tages Fatwas und andere Bannflüche ausstoßen würden. Jahre später dann fand die iranische Revolution Nachahmer in aller Welt. Die Frauen entdeckten die Faszination des Schleiers und die Männer freuten sich, dass fortan Scharia das öffentliche Leben bestimmte – zur großen Zufriedenheit all der Fundamentalisten unter uns.

Leila Marouane, geb. 1960 in Djerba, und lebt seit 1990 in Paris. Zuletzt erschien von ihr auf Deutsch: Das Sexleben eines Islamisten in Paris (Edition Nautilus, 2010).


Übersetzung: Kersten Knipp

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13:00 29.11.2011

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