Ich find mich gut

Kino „Das melancholische Mädchen“ ist möglicherweise sexistisch und will vor allem eins: klüger sein
Stefanie Diekmann | Ausgabe 26/2019 4

Es wäre nicht uninteressant, zu überlegen, wie Das melancholische Mädchen kommentiert würde, wenn dieser Film von einem Mann, sagen wir: um die fünfzig, sagen wir: mit drei, vier vergleichbaren Filmen im Hintergrund, gedreht worden wäre. Wenn also diese Nicht-Geschichte über eine junge Frau mit Porzellanhaut und großen Augen, deren Haar im Verlauf des Films in fünfzehn verschiedene Frisuren gelegt und deren plüschiges Mäntelchen hin und wieder von den kleinen Brüsten gestreift wird, von einem Regisseur in Szene gesetzt worden wäre. Wenn sie einen Drehbuchautor hätte anstelle einer Regisseurin und einer Drehbuchautorin, die hier ein und dieselbe Person sind.

Die Studentinnen, mit denen ich öfter über Filme aller Art spreche, und die teils ähnliche Frisuren tragen wie die Hauptfigur und sich bisweilen ähnlich anziehen, fänden Das melancholische Mädchen als Werk eines Regisseurs vermutlich sexistisch. Nicht nur wegen der entblößten Brüste und der zwei, drei Szenen, in denen das melancholische Mädchen unbekleidet durchs Bild läuft. (Unbekleidet durchs Bild laufen müssen Männer in diesem Film auch.) Sondern vor allem wegen der Sehnsucht und Sinnsuche, die hier hartnäckig mit serieller Paarbildung, auch: Paarungsakten, verknüpft sind. Wegen des Konzepts, eine weibliche Figur (Marie Rathscheck) strikt über die männlichen Figuren zu erzählen, denen sie im Verlauf des Films begegnet. Wegen der Idee, Verpaarung mit der Aussicht auf Entwicklung zu verbinden; und weil die Erzählung von den Paaren, aus denen nichts werden kann, hier mit der Erzählung von einem Roman verknüpft ist, aus dem ebenfalls nichts wird, da das melancholische Mädchen beim Verfassen dieses Werks nicht über den ersten Satz des zweiten Kapitels hinauskommt.

All das fänden sie, meine Studentinnen, nicht gut. Weil: männliche Projektion und männlicher Blick, normative Körperbilder und allzu feste Verankerung in einer heterosexuellen Matrix. Ich finde das alles auch nicht gut, habe aber den unbestimmten Verdacht, dass die Kommentare zu diesem speziellen Film, sagen wir in einem Seminargespräch, wenigstens zum Teil anders ausfallen werden, weil eben der Blick diesmal nicht männlich, sondern weiblich ist – und deshalb scheinbar gut für alle möglichen Versprechen: Distanz, Differenz, ein reflektiertes Verhältnis zum Klischee, das in der Wiederholung ironisch zu verstehen ist, sowie eine Stilisierung, die für alle sichtbar markiert, dass Susanne Heinrich hier eine Kunstfigur inszeniert hat.

Dass stilisiert wird, ist zutreffend. Dies ist ein Film der sorgfältig staffierten Tableaus, fünfzehn an der Zahl, in denen hin und wieder eine Figur das Bild durchquert, öfter ein Gegenschuss erfolgt (fast immer vom Gesicht des melancholischen Mädchens auf das Gesicht von Männern) und gelegentlich von einer Kulisse in eine andere gewechselt wird. Das Prinzip Kulisse indes bleibt stabil und ebenso die Parameter von Stasis, Aufstellung, Posing; die betonte Kostümierung, die, ebenso wie die Frisuren mit den Krönchen und Zöpfchen, sehr liebevoll gestaltet ist; die satte Farbgebung und die überhelle Ausleuchtung, wie in einem Wachtraum oder einer Spazierfahrt, die auf Droge passiert.

Bild im Bild im Bild

Stilisiert ist auch die Sprache. Die Melancholie des melancholischen Mädchens gehört nicht zu der Sorte, die verstummen macht. Im Gegenteil, diese Melancholie spricht, und zwar ausdauernd, allerdings mit sorgfältig gesetzten Kunstpausen, die das Uneigentliche des Sprechens betonen. Gegenstand des Sprechens ist, wie sollte es anders sein, das Mädchen selbst, das Defilee der Begegnungen, der Film und sein Plot, die allesamt bereits innerhalb des Skripts bearbeitet werden. Das geschieht unter anderem in jener Szene, in der das Mädchen beim Therapeuten auf der Couch liegt und einen Text referiert, den es aus einem Traum als Laudatio erinnert, die dem ungeschriebenen Roman gilt, deren Sätze auch in einer Laudatio auf Susanne Heinrichs Film stehen könnten (der im Januar 2019 den Max-Ophüls-Preis erhalten hat). „Das unterkühlte Porträt einer verlorenen Generation“, zitiert das Mädchen aus der geträumten Preisrede. Ein „fluffiger Berlin-Roman“, dies aber nur auf den ersten Blick, da er doch eigentlich von Narzissmus handele, von Einsamkeit sowie vom „Druck, um jeden Preis glücklich werden zu müssen“.

So betrachtet ist dies ein Film, der sein Presseheft ganz gut ins Skript integriert hat. Die Pressestimmen ohnehin, denn wenngleich keineswegs klar wird, was Das melancholische Mädchen eigentlich will, geht es sicher um eines: klüger zu sein. Und daran keinen Zweifel zu lassen. Klug genug, um zu antizipieren, was an Kommentaren und Floskeln durch einen Film wie diesen getriggert wird; um vorauszusehen, was die anderen schreiben werden; um diesem Schreiben zuvorzukommen. Um eine „Mise en abyme“ – ein Bild im Bild im Bild – zu bauen, die immer schon eingerichtet ist, während alle noch auf Brüste starren und sich darüber freuen oder ärgern. Um die Blicke zu kennen: der Jurys, der Peer Group, der Kritikerinnen, der alten Säcke und der klugen Mädchen aus den Seminaren, die den Film, glaube ich, dann doch nicht gemocht hätten. Auch weil er schon ziemlich eitel ist und zu sehr damit befasst, sich gut zu finden.

Info

Das melancholische Mädchen Susanne Heinrich Deutschland 2019, 80 Minuten

Stefanie Diekmann ist Professorin für Medienkulturwissenschaft in Hildesheim

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