„Ich gelte als stur“

Interview Der Schriftsteller Thomas Kunst wird als ewiger Geheimtipp gehandelt. Das macht ihn wütend
„Ich gelte als stur“
Realität trifft auf knallharte Fantasie

Foto: Bernd Webler/Plainpicture

Er schreibt tolle Literatur seit 30 Jahren, nur seine Bücher verkaufen sich „hundsmiserabel“. Vielleicht liegt es auch daran, dass Thomas Kunst laut Selbstauskunft ein „unangepasstes Rindvieh“ ist. Bei Suhrkamp ist sein Roman Zandschower Kliniken erschienen. Worum geht’s? Wenn Kunst das Wort Plot hört, will er speien.

der Freitag: Herr Kunst, ich will den Weg zur Poetik von Thomas Kunst über den neuen Roman nehmen. Woher kommt die Geschichte über den Mann, der sich vornimmt, sein Leben dort fortzusetzen, wo das Hundehalsband vom Armaturenbrett fällt?

Thomas Kunst: Da die wenigsten Kritikerinnen und Kritiker mein Werk kennen, hat es mich keineswegs verwundert, dass niemand bemerkt hat, dass es sich bei den Zandschower Klinken um einen Fortsetzungsroman von Strandkörbe ohne Venedig handelt. Dort verlässt Bengt Claasen am Ende in seinem Auto das Dorf, in dem er gelebt hat. Das Hundehalsband auf dem Armaturenbrett.

Eine andere Szene aus dem Roman: Jeden Montag findet in Zandschow die Fahrt mit einem U-Bahn-Waggon statt, obwohl es keine U-Bahn gibt. Am Bauwagen müssen alle, die keinen Platz gefunden haben, rütteln, um die Fahrt zu simulieren. Sie erzählen von Schwerkraft, blenden aber die Kräfteverhältnisse der realen Welt nicht aus. Ist es das, was Sie mit Ihrer Literatur wollen?

Mir schwebt das Magische kammermusikalischer Widerspenstigkeit vor, die Erhöhung der Sprachtemperatur, der Tanz absurdester, nicht zusammengehöriger Elemente. Meine Zandschower sollten sich mit ihren alltäglichsten Bedürfnissen in einer hochzivilisierten technologischen Welt im Ernstfall überall auf der Erde zurechtfinden, ob in einer Metropole oder eben in der Pampa. Ich möchte aufzeigen, dass ohne tägliche Disziplin Freude und Überlebensglück nicht zu haben sind. Realität trifft auf knallharte Fantasie und nicht umgekehrt.

Der Witz, den Sie in „Zandschower Klinken“ benutzen, wirkt auf mich wie das Zeichen eines sich ankündigenden Aufruhrs, oder?

Die unbescheidene Frechheit, die gängigen Koordinatensyteme zu verlassen, wieder und wieder, mit Witz und Verstand zu verunsichern, ja, das kann man getrost als Aufruhr bezeichnen. Auf der Europakonferenz in Zandschow werden Dinge formuliert, die bezeugen, dass es in diesem Dorf um so viel mehr geht als um fröhliches Beisammensein und das Saufen im Schilf, unter künstlichen Palmen. Die Forderungen ihres Manifestes reichen von der Zerschlagung des Beamtenapparates über die Einführung eines BGE und über die drastische Kürzung von Diäten in der Politik bis zum Renteneintrittsalter ab dem 55. Lebensjahr. Die Förderung der Bildung spielt dabei auch eine Rolle. Dieser zweite Aufruhr kommt von unten, von einer Dorfbevölkerung, die sich darum bemüht, die Welt gerechter zu machen, damit ihr Abfeiern des Lebens im Alltag auch weiter zu rechtfertigen ist.

Ein sehr wirkungsvolles Mittel des Romans ist die Wiederholung. Es finden sich mehrfach Passagen, die sich von Wiederholung zu Wiederholung um weitere Sätze verlängern. Ist das die Lust des Dichters an Rhythmus und Klang der Sprache?

Da ich mehrere Jahre an solch einem Werk sitze und bedingt durch meinen täglichen Broterwerb nicht durchgehend am Text arbeiten kann, ist die Wiederholung nicht nur ein musikalisches Prinzip, sondern auch eine Methode des Erinnerns, die es mir ermöglicht, die alten Abstände wiederherzustellen. Dieses Prinzip habe ich jetzt in zwei Romanen strapaziert. Wenn ich überhaupt noch Lust habe, weiterzuschreiben, muss ich mir also gefälligst etwas Neues einfallen lassen.

Zur Person

Thomas Kunst, 56, geboren in Stralsund, lebt seit dem Studium der Pädagogik in Leipzig. Seit 1987 arbeitet er als Saalaufsicht in der Deutschen Nationalbibliothek. Zandschower Klinken (254 S., 22 €) ist sein fünfter Roman und kürzlich bei Suhrkamp erschienen

Bei dem Satz „Um aus Zandschow rauszukommen, bleiben sie in Zandschow“ gab es bei mir erst bei der fünften Wiederholung ein Verstehens-Aha. Ist Verstehen in Ihrer fantastischen Erzählwelt eine taugliche Kategorie?

Ich bleibe hier bei Mallarmé: „Ein Ding zu benennen, hieße, drei Viertel des Vergnügens zu vernichten, das in seinem allmählichen Erraten bestehen würde.“

Glauben Sie, dass das Spiel mit Sinn Ihre Literatur im landläufigen Verständnis des Wortes für Leser schwierig macht?

Komischerweise: nein. Die Anstrengung beim Lesen meiner Bücher kann ein Denkvergnügen sein und als Reise in Grenzbereiche aus insistierender Fantasie und Realitätsverstößen führen. Die Leserinnen und Leser, die Kritikerinnen und Kritiker, die bei leerer Fahrbahn an einer roten Ampel auf die Befreiungsphase warten, werden keine Freude an meinen Texten finden und auf ihre Art dafür sorgen, dass es auch weiter so regelkonform wie bisher zugeht.

Die Nachverfolgung der Verlage, bei denen schon Bücher von Ihnen erschienen sind, zeigt eine Zickzackspur: Verrät das die Unsicherheit der Verlage gegenüber Ihrer Literatur?

Meine Bücher verkaufen sich hundsmiserabel. Im Jahr drei bis fünf Lesungen. Keine Plätze auf Bestenlisten. Ich gelte als sturer, eigensinniger Autor. Ich hatte hervorragende Verlage, bei denen ich zur Not auch hätte bleiben können: Kowalke, Edition Azur und Jung & Jung.

Es sind einige Literaturpreise an Sie gegangen, darunter der Dresdner Lyrikpreis und der Meraner Literaturpreis. Trotzdem sind Sie für viele ein unbekannter Autor. In welche Situation hat Sie diese fehlende Aufmerksamkeit als Dichter gebracht?

Ich lege seit 30 Jahren Bücher vor, die nicht so anerkennend wahrgenommen wurden, wie ich es mir erhofft hatte. Das macht mich sehr wütend. Aber da ich ein unangepasstes Rindvieh bin, wird sich daran in meinem letzten Lebensabschnitt wohl auch nichts mehr ändern. Dass ich jetzt erst entdeckt werden könnte, bedeutet, dass sich 30 Jahre lang nicht die Mühe gemacht wurde, mich zu entdecken. Zu einem Journalisten sagte ich vor vielen Jahren mal: „Es gibt in Deutschland über 900 Literaturpreise, fast jeden Tag könnten drei vergeben werden, warum diese drei nicht täglich an mich gehen, ist mir ein großes Rätsel.“ Das ist meine Art von Humor, um nicht zu verbittern und am Leben zu bleiben.

Haben Sie irgendwann erwogen, einzuknicken und eine stärker über den Plot erzählende Literatur zu bedienen?

Wenn ich das Wort Plot schon höre, könnte ich speien.

Sie sind von Beginn Ihrer Existenz als Schriftsteller an Mitarbeiter der Deutschen Nationalbibliothek und arbeiten als Saalaufsicht. Nimmt Ihnen dieser Brotjob Kraft, die Sie für Ihre Dichtung brauchen?

Ich arbeite jetzt seit 35 Jahren in diesem Beruf, der es mir ermöglicht, Miete und Kredite bedienen zu können. Dafür stehe ich zwischen fünf und sechs auf und komme abends zwischen 17 und 18 Uhr nach Hause. Da ich über keinerlei Abschlüsse verfüge, erledige ich täglich Aufgaben, die mich aufgrund ihres verminderten Niveaus an die Grenzen meiner psychischen Belastbarkeit bringen, ich sortiere Zeitschriften, zeige Benutzern, wie die Scanner funktionieren und wie Rollfilme in Geräte eingelegt werden. An der Uni in Braunschweig werde ich einen Lehrauftrag für Literatur wahrnehmen. Da sehe ich eher meine Berufung. Aber ohne Abschluss ….

Dass Sie vom Suhrkamp-Verlag verlegt werden, hat auch etwas mit einer Empfehlung eines anderen Suhrkamp-Autoren zu tun. Ich erinnere mich, wie Lutz Seiler in seiner kurzen Dankesrede zum Deutschen Buchpreis für „Kruso“ Sie einen zu entdeckenden Autor nannte. Ist das eine Haltung unter Autoren oder ist das eine Ausnahme, die für Seiler spricht?

Ohne Lutz wäre ich nie zu Suhrkamp gekommen. Er hat seiner Lektorin Doris Plöschberger meine Gedichte ans Herz gelegt. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken. Er ist ein treuer Freund seit so langer Zeit. Dass er sich so für mich ins Zeug gelegt hat, ist eine seltene, äußerst seltene Ausnahme in diesem Literaturbetrieb. Unter Tränen verließ ich den famosen Jung & Jung Verlag, die meinen Shortlist-Roman Freie Folge veröffentlichten, der jetzt gerade verramscht wird. Ich dachte, wenn ich erst bei Suhrkamp bin, dann …

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06:00 27.07.2021

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