Ich glaubte, meine Knie knirschen zu hören

Der 22. Juni 1941 Als aus dem Soldaten Wladimir Kolganow der Sergeant Phillip McCarren wurde - eine Odyssee von Moskau nach Moskau

Die ersten Kriegstage nach dem 22. Juni 1941 erlebten die Moskauer in einer Mischung aus Erstaunen und Verwirrung. Wir lebten vor uns hin und plötzlich gab es Krieg. Irgendetwas musste geschehen, aber was?"
Wir sitzen in der Küche von Wladimir Kolganow. Mit ruhigem Arm gießt der 78-Jährige sprudelnd heißes Wasser in die Teekanne und erzählt weiter. "Im Radio sprach damals nur Außenminister Molotow, und die Leute fragten, warum nicht Stalin?" Angst habe er nicht gehabt, meint der Veteran. "Ich wusste, dass die Rote Armee unbesiegbar ist, warum sollte ich Angst haben?" Woher die Gewissheit? "Die Armee hatte schon nach der Revolution im Bürgerkrieg gesiegt. So wurde uns das in der Schule beigebracht, daran glaubten wir."
Der Kessel dampft. Wladimir gießt Tee nach. Der Witwer wohnt zusammen mit Tochter Vera, einer Lehrerin für Kunsterziehung, und der 15-jährigen Enkelin Warwara in einer Drei-Zimmer-Wohnung am Rande Moskaus. Deduschka Wladimir ist noch gut bei Kräften. Außerdem hat er ein großes Herz. Dass Warwara Metallschmuck am Bauchnabel trägt, findet er komisch, eigentlich gefährlich, doch man kann sich damit abfinden.
Nachdem er für die Familie eingekauft hat, sitzt Kolganow den Rest des Tages in seinem Arbeitszimmer und zeichnet, zumeist Tiere und Pflanzen für Kinderbücher. An Aufträgen besteht kein Mangel. Stolz blättert er in einem Album - die Entwürfe für fast 60 sowjetische Briefmarken mit Wisenten, Seehunden und anderem seltenen Getier stammen aus seiner Feder.

Soldaten denken daran, dass sie ihre Fußlappen wechseln müssen


Im Frühjahr 1942 kommt Kolganow zu einer Artillerie-Division in der Nähe von Charkow an die Front. Der Großteil der Soldaten in seiner Kompanie ist nicht älter als 19. Auf dem grünen Abhang eines Eisenbahndammes gibt der Politruk die erste Unterweisung: "Keinen Schritt zurück!" Und Kolganow erinnert sich: "Wir bauten Verteidigungsstellungen, immer wieder Unterstände und Verbindungsgräben. Und dann marschierten wir und wussten oft nicht in welche Richtung. Um danach zu fragen, waren wir zu müde."
Kein Soldat, auch kein Kommandeur denke im Krieg an patriotische Phrasen, meint der 78-Jährige. "Soldaten denken zuerst daran, dass sie ihre durchgescheuerten Fußlappen wechseln müssen." Und der Heroismus, das Vaterland zu verteidigen? "Der kommt aus dem Gefühl, dass du gut kämpfen musst, weil man dich sonst einfach töten wird."
Als Kolganows Einheit im Juni 1942 ein Dorf zurückerobert, tauchen in ihrem Rücken plötzlich deutsche Panzer auf. Er sucht mit seinem Kommandeur in einem Graben Deckung. "Das war ein blutjunger Leutnant, er fiel hin, und ich sagte noch: ›Von Fallen war keine Rede‹. Als ich genauer hinschaue, sehe ich, dass er zwei Löcher in der Stirn hat. Dann traf ein Granatsplitter mein Knie. Und plötzlich tauchten auch schon deutsche Soldaten an der Brüstung des Grabens auf, fuchtelten mit ihren Maschinenpistolen herum und schrieen ›Raus, raus!‹ Einige von uns standen auf, andere nicht. Für den, der liegen blieb, gab es eine kurze Salve."
Kolganow hat Glück, eine Krankenschwester, die bei dem Angriff selbst zwei Finger verloren hat, zieht den Splitter aus seinem Knie. "Ein Kamerad stützte mich, und so humpelte ich die 50 Kilometer bis zum Lager."
Der Tross zieht in ein Gefangenencamp bei Charkow. Kolganow erinnert sich vor allem an die selbstgebauten Peitschen der deutschen Soldaten, mit denen die Russen geschlagen wurden und an die Latrine des Lagers - eine riesige Grube, über der lauter Baumstämme lagen. "Auf einem Stamm saßen oft zehn bis fünfzehn Männer. Um selbst einen Platz zu finden, musstest du mindestens über drei oder vier hinweg steigen und aufpassen, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Manche stürzen dabei in die Kloake, und man half sich gegenseitig heraus. Im Sommer war die Brühe manchmal so kochend heiß - wer da abstürzte, für den gab es keine Rettung mehr."

Irgendwann trifft er auf einen Wegweiser: Nach Auschwitz


Anfang 1943 wird Kolganow in das südwestlich gelegene Kirowograd verlegt. Im Lazarett erlebt er, wie ein aserbaidschanischer Militärarzt Juden von Moslems trennt. "Die Deutschen konnten das nicht genau unterscheiden. Sie schätzten die Fähigkeiten des Aserbaidschaners sehr." Der erkennt den Unterschied an der Art der Beschneidung und entscheidet damit über Leben und Tod. Im nahen Gefängnis von Kirowograd gibt es ein spezielles Beerdigungs-Kommando für ermordete Juden und Zigeuner. Jeden Abend, wenn die Opfer vergraben sind, wird das Los geworfen, weil die SS täglich einen aus dem Kommando erschießt.
Eines Tages wird auf dem Lager-Markt von Kirowograd Fleisch verkauft. "Sie können sich nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn unter Tausenden von Soldaten, die sonst nur Kohl, Rüben und Getreide-Suppen essen, plötzlich Fleisch auftaucht. Aber, es war augenblicklich klar, das Fleisch kam nicht von draußen. Wahrscheinlich waren Gefangene getötet worden. Doch wenn Menschen am Verhungern sind, hat Moral einen schweren Stand."
Im März 1943 wird der Kriegsgefangene Kolganow von Kirowograd nach Ratibor-Hammer in Oberschlesien (heute Kuznia-Raciborska in Polen) zur Zwangsarbeit in einer Gießerei deportiert. Als er eines Nachts von der Schicht kommt, sieht er, dass jemand in der Schlafbaracke seine Sachen durchwühlt hat. Sein Komsomolzen-Ausweis, den er mit dem Foto einer Schulfreundin getarnt hat und wie einen Augapfel hütet, liegt aufgeschlagen in dem Durcheinander. Er beschließt, bei der nächstbesten Gelegenheit zu fliehen. Am 13. Dezember, nach der Nachtschicht, steht Kolganow auf einer Pyramide leerer Benzinfässer, klettert über eine Betonmauer, springt in die Freiheit. Im angrenzenden Moor liegt er danach stundenlang in einen Tümpel, damit die Hunde seine Spur verlieren. Es folgen zehn Tage durch Wälder, Wiesen, Moore, immer Richtung Osten. "Manchmal glaubte ich, meine Knie knirschen zu hören. Ich dachte an Halluzinationen, war mir aber nicht sicher." Irgendwann trifft er auf einen Wegweiser: Nach Auschwitz.
Nach einer Nacht auf einem Heuboden wird er von einem "A-tititi, a-tititi" geweckt. Eine Bäuerin füttert ihre Hühner. Kolganow gibt keinen Laut von sich, auch nicht, als sich eine Maus in sein Hosenbein verirrt. Noch in der Scheune rasiert er sich. Wasser in einer verschraubbaren Flasche, Seife und ein Rasiermesser hat er immer dabei. Gegen Abend wagt er sich auf die Dorfstraße. "Als ich auf einem Schild Polizei las, packte mich die Abenteuerlust. Ich ging direkt an dem Gebäude vorbei, da grub sich auch schon eine Pistole in meine Brust."

Mit akkuratem Mittelscheitel vor dem deutschen Polizisten


Wladimir trägt eine englische Uniformjacke, die rettet ihm das Leben. Einst gab es - um ihn als russischen Kriegsgefangenen kenntlich zu machen - ein großes aufgemaltes "SU" auf den Rücken, doch die Schrift ist völlig ausgewaschen. Mit akkuratem Mittelscheitel und frisch rasiert steht er vor dem deutschen Polizisten, der ihn fragt: "Bist du ein Engländer?" "Nein." "Was bist du dann?" "Ein Schottländer."
So gerät der Flüchtling ins Lager Lambsdorf, in dem britische Soldaten interniert sind. Als der Dienstälteste Kolganows Jacke sieht, gibt er dem Adjutanten ein Zeichen, sofort neue Kleidung zu holen. "Die fühlten sich damals als Bundesgenossen der Russen. Sie wussten recht gut, dass wir von den Deutschen wie Vieh behandelt wurden." Von nun an lebt der junge Moskauer mit Gefangenen, die in Dünkirchen, Nordafrika oder Italien gekämpft haben. Das Rote Kreuz schickt Lebensmittel, auch Papier, Aquarellfarben und Buntstifte. Mit seinem Schul-Englisch kann sich Kolganow gut verständigen. "Irgendwann sprachen wir über meine Zeichen-Leidenschaft. Es kamen erste Aufträge für Porträts. Man gab mir Fotos von Töchtern und Ehefrauen. Ich vergrößerte die Bilder in Farbe. Alle waren begeistert."
Kurz vor Kriegsende, im April 1945, wird das Lager aufgelöst. "Man trieb uns in die Berge. Eines Nachts fasste ich erneut den Beschluss zu fliehen. In der Dunkelheit hörte ich Dosengeklapper und traf drei Soldaten, die ebenfalls türmen wollten, den 38jährigen Schotten John McKensey und zwei Australier, beide Anfang 20." - Zehn Tage irren sie durch die Berge, übernachten in Höhlen und versuchen ständig zu erkunden, ob die Amerikaner schon da sind. Eines Nachts steigt der ausgehungerte Russe durch die Luke eines Hof-Gebäudes. "Meine Füße landeten in etwas Weichem. Ich stand in einer Tonne mit Schweinefutter. In diesem Moment kam aus dem Wohnhaus ein Mann mit einer Leuchte. Ich drückte mich in den Behälter. Als ich aus der Tonne stieg, kam ein Schäferhund heran. Der schnüffelte, doch der Geruch des Futters rettete mich, der Hund trottete davon."
Schließlich hat die Odyssee ein Ende, am 13. Mai 1945 - inzwischen sind die Amerikaner eingetroffen - wird Kolganow mit einer US-Transportmaschine zu einem Sammelpunkt bei London ausgeflogen. "Dort gab ich mich als Sergeant Phillip McCarren aus und erklärte, meine Mutter, Margret McCarren, lebe in Glasgow. Ich bekam tatsächlich Dokumente und Lebensmittelkarten."
Eines Tages taucht in der Unterkunft ein Offizier des britischen Geheimdienstes auf und erklärt, man kenne seine wahre Identität, Kolganow müsse sich in einem Londoner Sammellager für versprengte Sowjetsoldaten melden. "Bei einem Teil der Gefangenen dort handelte es sich um Georgier, Mitglieder der Georgischen Legion, die während des Krieges auf den Kanal-Inseln im Auftrag der Deutschen britische Gefangene bewacht hatten."
In diesem Camp fällt Wladimir dem Lagerältesten Major Grusew auf, der ihn wegen seiner guten Englisch-Kenntnisse zum Adjutanten erklärt. "Der offizielle Übersetzer des Lagers war ein russischer Emigrant der ersten Generation. Der Major traute ihm nicht. Und ich merkte, dass er sehr zu unseren Ungunsten dolmetschte."
Im August 1945 setzen die Soldaten mit dem Schiff nach Holland über. Die holländische Küste liegt in einem rosa-blauen Licht vor ihnen. "Aus dem Nebel tauchten unerwartet Segelboote auf. So romantisch, dass es nach diesem Krieg und allem, was mit uns passiert war, vollkommen surreal wirkte." Mit dem Zug geht es durch die britische, dann die sowjetische Besatzungszone. Nach fast vier Jahren ist Kolganow wieder in Moskau. Was danach mit den anderen Kriegsgefangenen passiert, daran kann er sich nicht mehr erinnern. "Ein Teil von ihnen landete vermutlich in irgendeinem Arbeitslager. Für Stalin waren alle Heimkehrer verdächtig, die in Kriegsgefangenschaft saßen. Major Grusew meinte noch, wenn du Hilfe brauchst, lass von dir hören." Kolganow muss auf das Angebot nicht zurückkommen, es gibt keine Repressionen.
Er könnte noch viele Erinnerungen aufblättern und viel über eine Zeit erzählen, als mit einem Schlag alles anders wurde. Würde ich ihn nicht wirklich gut kennen, es fiele mir schwer, seine Geschichte zu glauben.
00:00 21.06.2002

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