Ich hab den Farbfilm vergessen...

Kolumne ... und den Nachkriegsfilm auch. Literaturprofessor Erhard Schütz über erhellende Bücher zum Thema Kino
Ich hab den Farbfilm vergessen...

Illustration: Otto für der Freitag

Das ist eine Hommage an Mary Pickford, die begeistert, geradezu in Zungen über den Stummfilmstar redet. Doch geht es nicht um Pfingstflämmchen auf dem Kopf, sondern um ihr schweres, langes und üppiges Rapunzelhaar, das ein faszinierendes Wiedererkennungszeichen für die Stummfilmzuschauer war. Durchaus ambivalent eingesetzt, einerseits das Ungebändigte, andererseits das Schutzlose signalisierend, wie sie überhaupt halb Kind, halb Erwachsene, von ganz unten, aber mit Sehnsucht nach den Wolken, ein jungenhaftes Mädchen war, „irdisch und himmlisch“ zugleich. So band sie ihre Zuschauer an sich und ihre Filme. Schreibt Stefan Ripplinger in einem schmalen, aber luziden Bändchen aus dem Berliner Verbrecher-Verlag. Am 21. Juni 1928 lässt Pickford (die gemeinsam mit Charlie Chaplin die Filmproduktion United Artists gründete), im Zeichen des aufkommenden Tonfilms, sich die – nicht ganz echte – Lockenpracht abschneiden. Und wird künftig einen Bob tragen.

Seltsam, wie wenig Affinität wahrscheinlich ansonsten ziemlich eloquente und aufgeschlossene Menschen in ihren Dissertationen zur Sprache, wie wenig Vertrauen sie in die intellektuelle Autonomie künftiger Leser zu haben pflegen. So auch hier, wo man in tiefster Drögheit erst einmal durch einen Absicherungsverhau aus Allgemeinheiten, Forschungsstandabwehr, lexikalisch Aufbereitetem zu rechten bis linken „Deutungsspektren“ des Kriegs in der Weimarer Republik, zu allenthalben Bekanntem über das Verhältnis von Kriegspropaganda und Filmwirtschaft hindurchmuss. Beinahe hätte man’s schon beim Klappentext drangegeben: „Wenn auch noch teilweise verbrämt, forderten die Filme [während der Weimarer Republik] einen neuen Krieg. Nach 1933 brach diese Tradition jedoch [!!!] nicht ab, sondern wurde fortgeführt […]“ – wer, dunnerlittchen, hätte das wohl gedacht! Aber dann wird man fürs Durchleiden belohnt, sogar ordentlich: Wer an der Geschichte des (Kriegs-)Films in detaillierten Einzeldarstellungen interessiert ist, kommt nämlich in sorgfältigen und nützlichenStudien zu 16 symptomatischen Filmklassikern durchaus auf mehr als seine Kosten.

Man interessiert sich für die Anfänge des Farbfilms, ahnt aber nicht im Geringsten, was tatsächlich alles dazugehört – und steht plötzlich vor einem Riesenpanorama im Wackermannformat. Auf über 600 mächtigen Seiten hat Dirk Alt das systematisch zusammengetragen und verständlich dargestellt – und bittet am Ende gar um weitere Materialien. Im Kern geht es zwar um das Verhältnis der Nazis zum Farbfilm, darum, dass sie nach anfänglicher Euphorie sich zunehmend desinteressierten, bis Hollywood sie vor sich hertrieb und dabei in größten Anstrengungen Klassiker wie Münchhausen oder Große Freiheit Nr. 7 herauskamen. Zugleich geht es aber um viel mehr. Es geht um die Vorgeschichte, um Experimente und Herstellungsverfahren, Wochen- oder Farbmonatsschauen, beispielsweise für das Ausland, um Zeichentrickfilme, um Amateurfilmerei und ihre Organisation und vieles mehr. Zahlreiche exemplarische Filmporträts nicht zu vergessen. Gewichtig!

Gerhard Bliersbach ist einer noch aus der Generation der wirklichen Kinogeher, auch wenn er jetzt DVDs benutzt. Vor fast 30 Jahren hat er das erste ernstzunehmende Buch über den Heimatfilm geschrieben, von dem danach viele, eingestandenermaßen oder klandestin, profitiert haben. Jetzt hat er, aus „psychosozialem“ Engagement, nämlich beim Gießener Psychosozial-Verlag den Blick auf die Nachkriegsjahre und ihre Filme noch einmal erweitert. Von den frühesten Trümmer- bis zu den Edgar-Wallace- und Winnetoufilmen reicht das Spektrum. Das Buch wirkt fast wie aus der Zeit gefallen, denn sein verzweigter, ausgreifender Argumentationsgang – leider in kleiner, wenig leserfreundlicher Schrift – setzt auf einen Typus lesender Kinoversteher, den es eigentlich nur noch unter seinesgleichen geben dürfte. Dabei ist das Buch, auch wenn es in der zweiten Hälfte etwas inkonsistenter und sprunghafter wird, ein geradezu unschätzbarer Hort an Revokationen bekannterer und Präsentationen unbekannterer Filme, darin insbesondere aber ein rundum überzeugender Beitrag, zur Frage nach der wundersamen Wiedererziehung der (West-)Deutschen durch ursprünglich abgrundtief verdorbene Filmlehrer. Dabei immer wieder pointierte Formulierungen, wie: „Unser Kino der Verlust-Reparaturen frönte den robusten, aufgekratzten Vergnügen und heftigen Sehnsüchten. Es gab den Trost, die Umarmung und die deftige Kost – Essen wie bei Großmutter.“

Mary Pickfords Locken. Eine Etüde über Bindung Stefan Ripplinger Verbrecher Verlag 2014, 96. S., 12 €

Sieg! Heil? Strategien zur mentalen Aufrüstung im deutschen Weltkriegsfilm 1931 – 1939 Daniela Kalscheuer edition text + kritik 2014, 508 S., 39 €

„Der Farbfilm marschiert!“ Frühe Farbfilmverfahren und NS-Propaganda 1933 – 1945 Dirk Alt belleville 2013, 635 S., 48 €

Nachkriegskino. Eine Psychohistorie des westdeutschen Nachkriegsfilms 1946 – 1963 Gerhard Bliersbach Psychosozial-Verlag 2014, 272 S., 29,90 €

06:00 15.10.2014
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