"Ich hab gut gekocht"

PORTRÄT Helene Weigel, Schauspielerin, Ehefrau Brechts, Exilantin, Mutter, Intendantin, österreichische Jüdin und Bürgerin der DDR, wäre am 12. Mai hundert Jahre alt geworden

Ein kleiner Vulkan begann zu speien. Worte, ja ganze Sätze wurden mit einer Vehemenz hochgeschleudert, dass sie oft ihren Sinn verloren. Auch im würgenden Tränenschluck ertrank manches. Aber das sind Zeichen jugendlichen Reichtums. Hier ist eine Künstlerin im Werden, die unter guten Händen eine erstaunliche Entwicklung finden könnte." Der Kritiker der Frankfurter Mittagsblatts vom 8. März 1920 ist begeistert. Zwei Tage zuvor hatte er die 19jährige Helene Weigel in der Premiere des Frankfurter "Neuen Theaters" als Pauline Piperkarcka in Gerhart Hauptmanns Ratten gesehen. Es war die vierte Rolle ihres Lebens nach der Marie in Büchners Woyzeck, dem "Weibsteufel" in einem Stück über die Triebverfallenheit des Weibsgeschlechts sowie einer "Frau Dworak" im Drama In Ewigkeit Amen. Die Spielzeit 1919/20 in Frankfurt war Helene Weigels allererste, und immer waren sich die Kritiker einig: "Frl. Weigel", die dazu neigt, "sich zur Wildheit zu erregen", sodann "sich zu vergessen" und daher auch schon mal einen "Satz zu verheddern", ist "eine starke Begabung, die viel verspricht".

Bei diesem zwiespältigen Lob wird es lange bleiben, noch fast zehn Jahre: Helene Weigel gilt ausdauernd als "viel versprechend", auch wenn sie seit 1922 in Berlin arbeitet, an großen Häusern und mit den ersten Regisseuren. Womöglich ist ja die Gefahr, das ewige Talent zu sein und sich immer wieder in allenfalls mittleren Rollen zu verbrauchen, gerade im Zwanzigerjahre-Berlin besonders groß. Die Stadt ist voller junger Theaterleute, die auf die große Karriere aus sind, eine der schwierigsten Übungen daher: in der Menge der Talente nach vorn zu kommen, insbesondere, wenn man in seinem Äußeren so wenig dem herrschenden Ideal entspricht wie Helene Weigel - Fotos zeigen die Generationsgenossin von Elisabeth Bergner und Marlene Dietrich als derbes, herbes, leicht verschlagenes Pummelchen. Da kommt vor allem das sogenannte Charakterfach in Frage.

Jugendliche Heldin oder Salonschlange, Dienstmädchen oder gefallener Engel, das ist Helene Weigel, geboren am 12. Mai 1900 in Wien, aber offenbar ziemlich egal. Hauptsache: Theater! Als siebzehnjährige Abiturientin hat sie dem Direktor der Wiener Volksbühne vorgesprochen, gegen den Willen ihres Vaters und vorbereitet nur durch ein paar Privatstunden. Es gehört zu den Absonderlichkeiten dieses an denkwürdigen Wendungen nicht gerade armen Lebens, dass Karin Michaelis, ihre spätere Gastgeberin und Beschützerin im dänischen Exil, schon bei diesem Vorsprechen dabei war und 1919 darüber in der VossischenZeitung berichtete. Voll des Mitleids im Anfang: "Diese groben frostgeschwollenen Hände, dies stu(r)re strähnige Haar, dies tote Gesicht, dieser hängende Körper. Das Mädel glaubt selbst, dass es Komödie spielen kann. Sie will sich das Leben nehmen, wenn man ihr nicht erlaubt, eine Probe abzulegen. Das ist ihre fixe Idee, von der keine noch so brutale Offenheit sie abzubringen vermag." Keineswegs verwandelte sich das erloschene Wesen sodann etwa in einen prächtigen Schwan. Doch mit ihrem Balladen-Vortrag - "Dein Schwert, wie ist's von Blut so rot! Edward! Edward!" - schlug Helene Weigel ihre Zuhörer in einen wahren Schreckens-Bann. Längst hatte der Theaterdirektor ihr bedeutet, er habe genug gehört. Sie aber brachte den schaurigen Text von Schande und Rache zu Ende: "Als sie schwieg, hatte Edwards Fluch nicht nur die Schuldige getroffen, uns alle fror bis ins Rückenmark hinein."

Der Schrei ist ihre Normalsprache

Diese außergewöhnliche Fähigkeit der hingegebenen Verwandlung eröffnete Helene Weigel ein weites Rollenspektrum vom wüsten Trampel über Magd und Megäre bis hin zur Animalischen und Verzweifelten - übrigens ohne allen weiteren Unterricht. Den brauche sie nicht zu nehmen, hatte der Theaterdirektor befunden, also hielt sie sich damit auch nicht weiter auf. Und so hieß es dann in den Kritiken der ersten zehn Jahre immer wieder: "Ihr Talent will mehr geben, als ihr Ausdrucksvermögen vorläufig gestattet. Der Schrei ist ihre Normalsprache." Lautstärke, Exzessivität und wilde Ausdruckslust vereinten sich hier mit der äußersten Entschlossenheit, auch in kleinsten Rollen die Aufmerksamkeit von Publikum und Kritik auf sich zu ziehen - wie sich zeigte, durchaus nicht erfolglos. Zwar schrieb der Kritiker der B.Z. amMittag noch 1928, dem "begabten Fräulein Weigel, das Wert darauf legt, die lärmendste Schauspielerin Berlins zu sein, sollte das grässliche Schreien schnellstens gelegt werden. Das ist ja zum Davonrennen!" Doch der Theaterpapst Alfred Kerr sah das ganz anders: "Frau Weigel, Marketenderin, tut sich hervor: durch einen festen Dauerschrei; straffes Gegell; Peitschenton; Schenkelprofil; Prallsprung. Wacker."

Wacker, wohl wahr. Helene Weigel war jetzt 28 Jahre alt. Mutter eines vierjährigen Sohnes, hatte sie es nicht nur geschafft, auf den großen Bühnen Berlins präsent zu bleiben. Im Januar 1929 spielte sie am Berliner Staatstheater unter nun einhelligem Kritikerlob die Magd im Oedipus, und wie es scheint, hätte ihr danach endgültig die Berliner Theaterwelt mit großen und einträglichen Rollen offengestanden. Doch Helene Weigel hatte in der Zwischenzeit persönliche Entscheidungen getroffen, die in eine ganz andere Richtung wiesen.

Weibsteufel wird Agitatorin

Eine "feste Regisseursfaust" hatte ihr in den ersten zehn Jahren ihrer Bühnenlaufbahn mancher Kritiker gewünscht, andere wollten sie, milder gesonnen, doch "in gute Regisseurshände" abgeben. Dabei hatte dieser Regisseur sich längst gefunden, nur dass er an der Schauspielerin Weigel lange Zeit kaum interessiert war. In Bertolt Brechts Trommeln in der Nacht hatte Weigel 1922 am Deutschen Theater zwei kleine Rollen gespielt und den Jungstar-Autor auf der Premierenfeier auch kennengelernt. Doch folgte daraus zunächst noch nichts. Erst als Brecht 1923 eines Abends seufzte, "eine Schauspielerin müsste man haben", und sein Freund Arnolt Bronnen mit dem Satz "Da ist eine" auf ein Atelierfenster auf der anderen Straßenseite wies, wurde alles anders. So die Legende. Ihr zufolge läutete Brecht noch am selben Abend beim Frl. Weigel, blieb über Nacht und kam hinfort immer wieder - 1924 wurde der gemeinsame Sohn Stefan geboren, 1930 die Tochter Barbara. Dazwischen liegen Brechts Scheidung von der Opernsängerin Marianne Zoff, mit der er eine Tochter hatte, und seine Eheschließung mit Helene Weigel im Jahr 1929. Und natürlich die sattsam bekannten Frauengeschichten, all dies Brechtsche Hin und Her zwischen jeweils drei bis vier Frauen, das Helene Weigel noch über zehn Jahre nach seinem Tod erbitterte: "Für mich waren einige von diesen Damen unverständlich. (...) Das hat alles sehr, sehr weh getan!"

Immerhin wusste sie, worauf sie sich einließ - jedenfalls, was die unvermeidliche Begleiterscheinung der "manchmal untragbaren Weibergeschichten" anlangte. Ob dasselbe auch für die Konsequenzen galt, die sie als Schauspielerin betrafen, ist dagegen heute nur schwer zu entscheiden. Fest steht: Bis zum Ende der zwanziger Jahre verliefen Weigels und Brechts Arbeitsleben weitgehend getrennt von einander. Er hielt von ihr als Schauspielerin nicht viel, sie war in den unterschiedlichsten Produktionen zunehmend erfolgreich. Ironischerweise war es dann gerade ihr großer Erfolg im Oedipus, der zur Umkehrung ihrer bisherigen Arbeits-Verhältnisse führte. Diese Rolle nämlich war "die erste Arbeit Brechts, die er in Anerkennung, dass da doch eine Art Talent ist, mit mir gemacht hat". Danach spielte sie nur 1929 noch einmal Shakespeare im Staatstheater und 1931, "hinreißend monströs und zur letzten Wirkung entschlossen", in einem Gegenwartsstück. Die zuvor mit aller Konsequenz verfolgte Karriere der Schauspielerin Weigel brach also genau mit ihrem nun endlich unumstrittenen Erfolg ab: Sie wurde Brecht-Schauspielerin. Und büßte damit, gewollt oder nicht, die Chance ein, zum Star der großen Häuser zu werden. Wer künftig mit ihr arbeitete, musste fürchten, dass Brecht in die Arbeit hineinregierte - eine Aussicht, die bekannte Regisseure nicht verlockte.

Aus dem "Weibsteufel" wurde die "Agitatorin", die eben noch "lärmendste Schauspielerin Berlins" trug in der "Roten Revue" die Ballade zu § 218 vor und trat bald darauf, 32 Jahre alt, zum ersten Mal als Brechts proletarische Mutter auf. Ein Seitenwechsel, ein Rollen- und ein Typwechsel - eine Art umfassender Schnell-Umschulung. Brecht, Erfinder des "Epischen Theaters", hatte eine Schauspielerin gebraucht. Die hatte er nun. Und sie war auf ihn angewiesen. Helene Weigel hat diesen Zustand als "Krise" erlebt. Sie dauerte ein Jahr, dann begann das Exil. Für die Schauspielerin hieß das: 15 Jahre ohne Theater.

Haushalt, Leute ...

"Meine idiotische Existenz hängt mir sehr zum Hals raus. Ich war und bin auch noch immer eine brauchbare Person, und der Winterschlaf dauert zu lange." So heißt es am 18. Januar 1937 in einem Brief, den Helene Weigel aus Dänemark an Erwin Piscator schreibt: Es geht um Arbeit. Noch nicht einmal vier Exiljahre sind herum. Über Prag, Wien und die Schweiz war die Familie im Juni 1933 nach Dänemark gekommen und hatte auf Vermittlung von Weigels mütterlicher Freundin Karin Michaelis ein Haus in Svendborg gekauft. Hier wird man bis 1939 bleiben, Brechts Frauen- und Arbeitstross wird sich mit Margarete Steffin und der dänischen Schauspielerin Ruth Berlau dazu gesellen - Helene Weigel schaut in der Rolle der Hausfrau und Mutter zu. Denn mit Ausnahme eines Auftritts in einer Slatan-Dudow-Inszenierung der Frau Carrar in Paris und einer Emigrantenaufführung desselben Stücks in Kopenhagen gibt es keine Arbeit für sie. 1938 spielt sie, noch einmal in Paris, einige Szenen aus Furcht undElend des Dritten Reiches, alle anderen Projekte zerschlagen sich. Und so geht es immer weiter. 1939 fliehen Weigel, Brecht, die Kinder, Steffin und Berlau, die unverhüllt den Alleinbesitz-Anspruch auf Brecht erhebt und lange glaubt, sie würde von ihm geheiratet werden, weiter nach Schweden. Außer ein paar Rezitationsveranstaltungen an Schulen und einigen Monaten als Schauspiellehrerin gibt es für Helene Weigel auch hier nichts zu tun - außer dem Haushalt natürlich. Und wieder geht die Flucht weiter, nun nach Finnland, die Verhältnisse der Familie werden ärmlicher: Es gibt keine Honorare mehr, die Tantiemen hören auf zu fließen, man bringt sich durch, das heißt: Weigel bringt die kleine Truppe durch, während Brecht für sie die Rolle der Stummen Kattrin in seine MutterCourage einarbeitet - für den Fall, dass es für sie doch einmal eine Auftrittsmöglichkeit geben sollte. Nun aber müssen ihre Rollen von Sprache unabhängig sein: stumm.

... Dreck wegputzen

Lange schon hatte Weigel gehofft, dass sie in den USA Aufnahme finden würden. Dort, mit einer größeren Population an deutschsprachigen Emigranten, könnte sie noch am ehesten wieder in ihrem Beruf arbeiten. Von Finnland im Frühjahr 1941 über Moskau und Wladiwostok - die lungenkranke Margarete Steffin muss zurückbleiben und stirbt im Juni -, reisen die drei Erwachsenen mit den Kindern schließlich am 13. Juni per Schiff in die Vereinigten Staaten ab - zehn Tage, bevor der deutsche Angriff auf die Sowjetunion beginnt. Sie haben das nackte Leben gerettet, werden in Los Angeles endlich auch ein Haus finden, in dem sie sich einigermaßen wohl fühlen, und beginnen also wieder einmal von vorn. Für Helene Weigel aber ist das eine doppelte, doppelt unerträgliche Wiederholung: "Ich habe viel zu tun, das heißt keine wirkliche Arbeit, aber Haushalt, Leute - und Dreck wegputzen." Drei Jahre darauf - Brecht pendelt zwischen der Geliebten in New York und der Familie in Los Angeles - zeigt ein Brief an Karin Michaelis, wie weit ihre Depression fortgeschritten ist: "Mit mir ist alles beim alten, ich könnte mit einigem Nachdenken einige Trauerspiele aus meinem Leben machen (...) Mein bescheidener Lebenszweck schrumpft mehr und mehr zusammen. Und ich bring es nicht mehr fertig, mich wichtig zu nehmen."

In Hollywood gibt es keine Rolle für Weigel, alle beruflichen Hoffnungen werden zunichte. Und New York, wo vielleicht noch etwas zu machen gewesen wäre, wird sie erst wenige Tage vor ihrer Rückreise nach Europa zum ersten Mal sehen. So ist ihre Exil-Bilanz im Dezember 1946 gleichbleibend düster: "Ich bin in diesen vielen Jahren auch nicht schöner geworden, und ich hoffe nur, mal wieder arbeiten zu können. Mein Hausfrauentum hängt mir, da die beiden Kinder erwachsen sind, zum Halse heraus." Als Helene Weigel im November 1947 in der Schweiz anlangt, ist sie 47 Jahre alt und hat seit anderthalb Jahrzehnten ihren Beruf nicht ausgeübt. "Ob sie's noch kann", ist da keine rhetorische Frage. Es geht um alles.

Es macht keinen Spaß, sich vorzustellen, was nach Weigels erstem Auftritt in Europa geschah. Um sich als Schauspielerin zunächst ohne allzu viel Öffentlichkeit auszuprobieren, war sie - deutlich zu alt mittlerweile für die Rolle - im Februar 1948 im schweizerischen Chur als Antigone in Brechts Sophokles-Bearbeitung aufgetreten. Ein erstes Schaustück der epischen Spielweise sollte es sein, für Brecht zugleich die Probe auf die theatralische Wirksamkeit seiner Methode. Die Reaktionen waren respektvoll, insgesamt freundlich. Tief beeindruckt aber zeigte sich die Kritik von Helene Weigel - dass sie ihre Kunst noch beherrschte, unterlag keinem Zweifel mehr. Jedenfalls für die Außenstehenden. Anders Brecht: "Sie sei nicht gut gewesen, sie habe Tränen in den Augen gehabt. Sie habe sich identifiziert, einwandfrei! Keinerlei Verfremdung, kein Danebenstehen!" Der Augenzeuge Günther Weisenborn fügte hinzu: "Sie war wunderbar gewesen."

Das wird ein Muster für die Jahre bis zu Brechts Tod: Weigel glänzt als Darstellerin des epischen Theaters, sie exemplifiziert "die Methode", die Zuschauer sind hingerissen - und Brecht macht sie nieder. Seit 1949 arbeiten sie wieder in Berlin, haben bald ihr eigenes Ensemble und finden, bis sie an den Schiffbauerdamm umziehen können, Aufnahme im Deutschen Theater. Helene Weigel ist die Mutter Courage, ihre intensive Spielweise macht selbst der neuen Führung, der ein identifikatorisches Belehrungstheater lieber wäre, das epische Theater bekömmlich. Und sie ist, als Intendantin, auch die Mutter des Ensembles, eine, die sich "um jeden Dreck kümmert", während Brecht zwischen Ruth Berlau und drei neuen, sehr jungen Geliebten hin und her eilt. Privat geht es Weigel gar nicht gut in den frühen fünfziger Jahren.

Jetzt ist es mein Brecht

Beruflich aber geht es immer weiter bergauf. Zeitweilig ist das Berliner Ensemble der Kulturexportartikel Nr. 1 der DDR, Brecht und seine Mitarbeiter etablieren die Modell-Inszenierungen, Helene Weigel ist deren Protagonistin: die Courage, die Wlassowa (nach 20 Jahren wieder!), die Carrar. Aber sie kann auch, immer noch, anders: Im KaukasischenKreidekreis gibt sie eine pöbelverachtende Mongolenfürstin, und noch in den sechziger Jahren zeigt eine Foto-Serie, dass sie auch aus Hollywood etwas mitgebracht hat. Spontan greift sie sich während einer Probe Hut und Fummel und promeniert als Edelnutte im "20-Dollar-Gang" - den hat sie von Mae West gelernt! Helene Weigel ist, endlich wieder, in ihrem Element.

Als Brecht am 14. August 1956 stirbt, geht es vorrangig ums Erbe und dessen Bewahrung. Wie eine symbolische Handlung erscheint da der Kampf um die Totenmaske, von der der Bildhauer Fritz Cremer mehrere Abgüsse genommen und sie an Freunde, aber auch an die Geliebten Brechts verteilt hatte. Brüsk verlangte Weigel alle Masken zurück: "Jetzt ist es mein Brecht."

Die Prinzipalin sah nun alles als ihre Sache an - wie der Briefwechsel bezeugt, selbst die Verbesserung der DDR-Kinderschuhproduktion. Sie hielt ihr Theater zusammen, kümmerte sich, verengte aber zunehmend auch die Entwicklungsspielräume: Alles musste so bleiben, wie Brecht es vorgedacht hatte. So wurde das Berliner Ensemble erst zur Kultstätte, dann zum Museum, die Witwe zur Verweserin. Die schwere Krise Ende der sechziger Jahre, die Weigel schließlich ihre besten jungen Regisseure und Schauspieler kostete, ging darauf zurück, und ihre Briefe machen deutlich, dass die Mutter durchaus nicht davor zurückschreckte, die vermeintlich väterliche Staatsmacht um Amtshilfe anzugehen. Nicht sehr erfolgreich übrigens, denn Weigel, die kein Parteimitglied und zu einer anderen als der Brecht-Raison ohnedies nicht zu bringen war, galt politisch als "nicht zuverlässig". Man wartete wohl ihr Ende ab.

Ich hab gut gekocht

Dass sie persönlich allerdings an Lebendigkeit auch im Alter kaum etwas eingebüßt hatte, zeigt sich nun aufs Wunderbarste in dem langen Gespräch, das Werner Hecht an den Anfang seines Helene-Weigel- Buchs gestellt hat. Eine schlagfertige Kunst- und Lebens-Pragmatikerin spricht da, die auch aus Kränkungen und Verletzungen keinen Hehl macht. Deutlich sieht man sie vor sich, wie sie in der jugoslawischen Akademie der Künste, vom pompösen Brimborium entnervt, auf die Frage nach ihrem Beitrag zu Brechts Werk antwortete: "Ich hab gut gekocht". Am nächsten kommt einem diese berückend widersprüchliche Figur so in den authentischen Quellen, die jetzt zu ihrem hundertsten Geburtstag sichtbar werden: in ihrem Briefwechsel und den hinreißenden Aufnahmen der "BE"-Fotografin Vera Tenschert. Die Schwierigkeiten jedoch, diese komplexe Lebensgeschichte auch zu einem Lebens-Text zu machen, sind in den biografischen Versuchen von Carola Stern und Sabine Kebir unübersehbar. Opfert die eine "Helli" und "Bert" unter dem Titel Männer lieben anders der Kolportage, stranguliert man sich bei der anderen bald im sorgfältig recherchierten Fußnotendschungel.

Dabei muss man sich doch nur das Ende dieser Biografie vergegenwärtigen, um zu sehen, was für ein Stoff hier versammelt ist: Siebzigjährig, spielt die Schauspielerin und Intendantin Helene Weigel auf einem Gastspiel in Paris noch einmal die Mutter. Längst krank, brechen ihr beim Herumgeschwenktwerden auf der Bühne einige Rippen. Sie spielt das Stück zu Ende, absolviert noch einen Empfang, keiner bemerkt etwas. Aber sie erholt sich nicht mehr. Am 6. Mai 1971 stirbt sie in Berlin und wird an ihrem Geburtstag, bei strahlendem Sonnenschein, begraben. Nicht allerdings zu Füßen Bertolt Brechts, wie sie es gewünscht hatte, sondern neben ihm. So verdichten sich hier zuletzt aller Glanz und alles Verfangensein einer Lebensgeschichte noch einmal, die selbst Geschichte gemacht hat. "Wacker"? Oh ja. Und weit mehr als das.

Werner Hecht: Helene Weigel. Eine große Frau des 20. Jahrhunderts. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main, 2000. 343 S., m. zahlr. Abb., 58,- DM
Helene Weigel in Fotografien von Vera Tenschert. Henschel Verlag, Berlin 2000, 225 S., m. e. CD-Rom. 128,- DM
Sabine Kebir: Abstieg in den Ruhm. Helene Weigel. Eine Biographie. Aufbau-Verlag, Berlin 2000. 425 S., 46,- DM
Stefan Mahlke (Hg.): "Wir sind zu berühmt, um überall hinzugehen". Helene Weigel. Briefwechsel 1935-1971. Theater der Zeit, Literaturforum im Brecht-Haus Berlin, 2000. 255 S., m. Abb., 35,- DM
Carola Stern: Männer lieben anders. Helene Weigel und Bertolt Brecht. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2000, 223 S., 36.- DM

00:00 12.05.2000

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