„Ich habe groß angefangen“

Read and Meet In der aktuellen Folge unseres Communityprojekts unterhalten sich die Blogger Calvani, Goedzak und Nele Jo mit der Fernsehmoderatorin Katrin Bauerfeind

Katrin Bauerfeind: Ah, ein Glückskeks zur Begrüßung! (Liest vor.)„Ohne dass ihm mal was schiefging, ist nie einer Meister geworden“ – ein Sprichwort aus Russland. So. Da haben wir es doch!

Calvani: Also wenn das keine Schicksalsfügung ist! Mein Spruch ist aber auch nicht schlecht: „Der Fuchs weiß mehr als ein Loch“ – aus Dänemark.

Bauerfeind: Es fügt sich alles.

Goedzak: Scheitern bedeutet für mich: Man nimmt sich vor, ein wichtiges Ziel zu erreichen, man macht sich einen Plan, wie man das Ziel erreichen kann, arbeitet darauf hin – und wenn man es dann nicht schafft, ist man gescheitert. Wenn man aber bemerkt, dass man falsche Vorstellungen hatte und einer Illusion nachhing, dann ist das kein Scheitern.

Bauerfeind: Das sehe ich anders. Es gibt die umgekehrten Beispiele: Der Erfinder der Post-its zum Beispiel ist daran gescheitert, einen Superkleber zu erfinden. Das Scheitern war sein größter Erfolg. Ich höre ganz oft: Aber Sie sind doch im Fernsehen, wie können Sie da ein Buch über das Scheitern schreiben? Gescheitert ist man aber nicht nur, wenn man plötzlich unter der Brücke sitzt. So funktioniert das Scheitern nicht. Scheitern ergibt sich immer aus der Summe von Kleinigkeiten, die irgendwann zur großen Katastrophe führen können. Wer legt denn fest, was Scheitern ist? Ich kann beruflich total erfolgreich sein und privat nichts auf die Kette kriegen. Rihanna hat gesagt, sie scheitere permanent an ihrem Privatleben, weil sie keins hat. Obwohl sie beruflich so erfolgreich ist, findet sie selbst, sie sei in privater Hinsicht gescheitert. Ich finde, sie darf das so sehen und auch so sagen. Das entscheidet jeder selbst. Scheitern ist ja auch oft nur ein Gefühl.

Goedzak: Naja, wahrscheinlich ist es eher eine Frage der Wortwahl. Sie nennen es Scheitern, andere wiederum würden es nicht Scheitern nennen.

Bauerfeind: Ich habe ja keine wissenschaftliche Abhandlung über die Definition des Scheiterns geschrieben, sondern lustige Kurzgeschichten mit durchaus ironischem Unterton.

Nele Jo: Mich stört das Wort Scheitern hier auch. Ich finde den Begriff so negativ.

Bauerfeind: Das versuche ich im Buch ja deutlich zu machen: schöner scheitern. Die positive Seite des Scheiterns. Es ist eine Frage der Perspektive. Ich suche im Buch die versöhnlichen, lustigen, positiven Momente. Manchmal lernt man ja auch aus Fehlern. Heutzutage hat man schnell das Gefühl, man sei automatisch gescheitert, wenn man nicht immer perfekt und erfolgreich ist. Und das kann es ja auch nicht sein.

Calvani: Ich habe ein anderes Problem mit dem Begriff: Es fällt auf, dass das Scheitern geradezu schick ist. Warum ist das so?

Bauerfeind: Ich weiß es auch nicht. Wahrscheinlich weil wir alle unter dem Druck stehen, noch dünner, besser, smarter, fitter und geiler werden zu müssen. Da kann man am Ende nur scheitern.

Calvani: Empfinden Sie das denn auch so?

Bauerfeind: Ja, Scheitern hatte so einen kleinen Hype, da war ich auch verwundert. Da flattert das Zeitmagazin herein mit dem großen Titel „Scheitern“, dann kommen die Coen-Brüder mit ihrem Film und sagen: Charaktere, die scheitern, sind viel spannender als die Gewinnertypen … Da hatte ich das Buch ja schon lange abgegeben und dachte: Irgendwie ist das jetzt gerade Thema, schade, dass mein Buch erst in einem halben Jahr rauskommt. Aber das ist okay, es ist eine Gegenbewegung. Wie lange war Erfolgreich-sein-Müssen das Thema! Wie viele Ratgeber gibt es zum Positiven Denken, zum Glücklichsein! Wenn dann ein paar Leute sagen: Quatsch, Scheitern muss sich wieder lohnen – dann kann ich das total verstehen.

Calvani: Stimmt. Sie schreiben auch über den Selbstoptimierungszwang, kritisieren die ständig neuen Spielzeuge fürs Wohlbefinden, aber letztendlich sehe ich einen großen Widerspruch. Das, was jetzt mit dem Scheitern passiert, der Hype darum, ist dasselbe in grün wie zuvor die Sache mit dem Glück: In Ihrem Buch geht es darum, „schöner zu scheitern“, entspannter zu scheitern. Ich hingegen habe für mich akzeptiert, dass ich rasend empfindlich bin, meine Tiefs sind tief, ich heule, ich finde alles furchtbar, ich nerve meine Freunde. Dafür sind meine Höhen aber auch hoch. Ich sehe unter diesem Gesichtspunkt keinen so großen Unterschied zu den Glücksbüchern. Für mich ist das auch eine Form der Selbstoptimierung.

Bauerfeind: Na ja, ich habe ja keinen Ratgeber geschrieben! Aber mein Motto ist: Fehler machen und nicht so streng mit sich selbst sein, lieber drüber lachen als dran zu verzweifeln! Das hat nichts mit Optimierung zu tun. Ich finde das normal. Sollte es zumindest sein.

Calvani: Aber warum eigentlich soll man denn schöner oder entspannter scheitern? Warum nicht hysterisch scheitern? Traurig? Hässlich?

Bauerfeind: Weil es in dem Buch darum geht, was schön oder lustig am Scheitern war. Was man daraus mitnehmen kann. Es ist die Betrachtungsweise des Scheiterns, und die ist in diesem Fall eben: schöner scheitern.

Calvani: Die Geschichten, vor allem die, in denen ich mich wiederfinden konnte, sind oft Missgeschicke, Missverständnisse oder Ärgernisse und dafür braucht nicht die Klammer „Scheitern“ strapaziert zu werden.

Bauerfeind: „Geschichten von schönen Missgeschicken“ hat nicht mehr auf den Titel gepasst. Deshalb das Scheitern. Ein ganz banaler Grund, dass man einen Titel auf ein Cover kriegen muss.

Calvani: Das Kapitel über das weibliche Scheitern gehört zu denen, mit denen ich mich am besten identifizieren konnte. Die Geschichte über Ihr Date, bei dem Ihr Gegenüber auf der Rückseite Ihres hellen Rocks einen roten Fleck entdeckt … Das Schöne an dieser Geschichte ist ja, dass ein Fleck am Rock ein sachliches Ereignis darstellt, dass aber sowohl Sie als auch Ihr Gegenüber sofort davon ausgegangen sind, dass es sich um etwas typisch Weibliches handeln muss: Das muss Regelblut sein! Was es dann doch nicht war. Gesellschaftlich fallen mir ebenfalls sehr viele sachliche Gegebenheiten ein, die sofort in die Frauenecke gedrängt werden. Zickenkrieg und Stutenbissigkeit als Beispiele – während Kritik unter Männern auch als Zeichen für Respekt gewertet wird, weil sie unter Männern bedeutet, dass ein Mann den anderen wahrnimmt, ernst nimmt, gegen ihn antritt.

Bauerfeind: Diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Es gibt immer noch das Klischee, dass mehr als zwei Frauen auf einem Haufen schnell zickig oder stutenbissig werden. Das finde ich total krass. Dabei kenne ich so viele Frauen, die das widerlegen.

Calvani: Allerdings neigen Frauen ja vielleicht tatsächlich häufiger dazu, sich in die Irre führen zu lassen. Ob das dann wirklich ihre Schuld ist, lässt sich manchmal schwer beantworten.

Bauerfeind: Erstens das, und zweitens ist es am Ende immer eine individuelle Typfrage. Frauen können auch sehr gehässig sein. Die Geschichte mit dem roten Fleck allerdings bin ich jetzt wirklich losgeworden. Das war lange Zeit die peinlichste Geschichte meines Lebens. Ich habe sogar bei Wahrheit-oder-Pflicht-Spielen Freunde angelogen, wenn die Wahrheitsfrage war: Was war das Peinlichste, was dir je passiert ist? Jetzt habe ich die Peinlichkeit ausgelagert – ins Publikum ...

Nele Jo: … und viele Frauen werden sicher sagen: So einen Fleck hatte ich auch schon.

Bauerfeind: Allerdings! Für Frauen ist das ein Albtraum. Man denkt so oft, dass es nur einem selbst so geht. Aber den Fleck kennen viele, die Oma hatte auch schon Liebeskummer, der Nachbar hat auch drei Anläufe gebraucht, bis er Nichtraucher war. Man ist gar nicht so speziell, wie man denkt. Das merke ich immer wieder durch das Feedback auf meiner Lesereise zu dem Buch.

Nele Jo: Wie entstand denn die Idee zu diesem Buch?

Bauerfeind: Ich wollte gerne ein Buch machen, und ich habe groß angefangen. Ich dachte zuerst: Ich mache was über den Sinn des Lebens! Aber dann habe ich relativ schnell gemerkt, dass das echt schwierig wird. Als Nächstes wollte ich Menschen in meinem Alter besuchen, sie ein Wochenende begleiten und darüber kurze Artikel schreiben. Aber ehrlich gesagt, hat mich das tierisch gelangweilt. Kaum war das halbe Buch fertig, habe ich es in den Mülleimer geworfen. Ich bin also durch mehrmaliges Scheitern bei einem Buch übers Scheitern gelandet.

Read and Meet ist ein Projekt aus der Freitag­Community. Blogger, Leserinnen und Leser befragen einen Autor oder eine Autorin – ungefähr nach dem Motto: „Was haben Sie sich dabei gedacht, und wie haben Sie es dann gemacht, Herr Hitchcock?“ Ein Treffen mit Werkstatt­charakter, bisherige Ge­sprächspartner waren Ingo Schulze, Roger Willemsen, Sven Regener und Jakob Augstein. Die Diskussion wird erst in der Zeitung abgedruckt und dann auf unserer Webseite online gestellt

Katrin Bauerfeind wurde 2005 als Moderatorin der Web-Show Ehrensenf bekannt, moderiert seit 2009 Bauerfeind (3sat) und arbeitete in der Harald Schmidt Show (ARD) mit. Im Frühjahr erschien Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag. Geschichten vom schönen Scheitern (Fischer 2013, 224 S., 14,99 €)

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