„Ich habe keine Schublade“

Interview Peter Handke zieht es nach Afrika, aber was soll er dort? Ins ehemalige Jugoslawien fährt er immer noch oft

Von Paris nach Chaville kommt man mit dem Regionalzug. Touristen fahren weiter nach Versailles. Der Bahnhof ist menschenleer, die Schalter sind geschlossen. Fünf Gehminuten entfernt, an einer Ausfallstraße, wohnt Peter Handke, das Haus ist etwas von der Straße zurückgesetzt, am Ende einer kleinen Allee. Der Schriftsteller (75) ist draußen, er bemerkt uns, noch bevor wir die Klingel am Gartentor betätigen. Kaffee unter den Bäumen, in einem hängt eine Bratpfanne, auf dem Tisch vor uns Stifte, Federn und Bücher mit Wasserschäden. Handke spricht darüber, was er gerade liest, Erzählungen des serbischen Schriftstellers Dragoslav Mihailović, die dieses Jahr im Leipziger Literaturverlag erschienen sind. Mihailović hat zwei Jahre in Gefangenschaft auf der Adriainsel Goli otok verbracht, wo sich seit 1949 das berüchtigte Umerziehungslager Tito-Jugoslawiens befand.

Zu Fuß geht es zu einem kleinen Restaurant an einem Weiher am Waldrand. Es sind nur ein paar Minuten. Handke pflückt Erdbeeren aus einem Hochbeet, die er uns gibt, erzählt von den Portugiesen, die die Kneipe betreiben, an der wir gerade vorbeigehen. Im Restaurant begrüßt der Wirt ihn als Maître. Am Ende werden wir fast fünf Stunden mit Peter Handke verbracht haben.

der Freitag: Kommen manchmal Leserinnen oder Leser zu Ihnen und klopfen ans Gartentor?

Peter Handke: Schon, ja, zwei- bis dreimal im Jahr kommt das vor.

Wie reagieren Sie dann?

Freundlich. Ich bin eigentlich für die gute Meinung. Dass jemand es gut meint. Irgendwer hat gesagt, dass Kunst das Gegenteil von gut gemeint sein soll. Ich finde, dass sie auch gut gemeint sein soll. Auch. Dann freue ich mich. Aber nach fünf Minuten sag ich dann: „Kommen Sie gut nach Hause.“

Und was sagen die?

Die sind total baff, dass es mich gibt. Dass es mich noch gibt.

Wollen die den Menschen oder den Schriftsteller treffen?

Ein Schriftsteller ist doch ein Mensch, oder? Aber ein Schriftsteller ist nicht harmlos, er ist ein Dämon – hauptsächlich im guten Sinne.

Ist das eine Heimsuchung?

Nicht für mich. Ich stehe, nein, ich sitze zu meiner Dämonie.

Was soll aus Ihrem Haus werden, wenn es Sie nicht mehr gibt?

Eigentümer zu sein ist furchtbar, und zugleich besteht man darauf. Ich will meinen Grund und Boden verteidigen. In meinem Haus soll später kein Steuerberater wohnen. Und sicher wird da später mal ein Steuerberater wohnen, aber dann bin ich nicht mehr zuständig.

In Roger Willemsens Haus können jetzt Stipendiaten schreiben. Könnten Sie sich das vorstellen?

Nein, in meinem Haus soll nur ich schreiben. Der Nachwuchs soll woanders schreiben. Im Freien. Oder bei der Mama.

Wie ist es, wenn Kinder erwachsen werden und man sie nicht mehr wiedererkennt?

Ja, das ist eine Sauerei.

Wie reagiert man dann?

Die sollen woanders schwimmen. Die sollen nicht bei mir läuten, die haben bei mir nichts mehr zu holen. Man entzweit sich im Leben. Ibsen würde ein tolles Stück schreiben.

Gibt es einen Text über diese Entzweiung?

Müsste man eigentlich schreiben, das ist eine Theatersache. Wie große Liebende als Vater, Mutter, Kind sich entfremden, ohne dass es eine Schuld gibt.

Ohne Rebellion?

Ja. Wie in einem Roman von Maxim Gorki, da rennt einer am Ende mit dem Kopf gegen den Felsen.

Weil es dabei nichts zu verstehen gibt?

Ja, das nennt man Aporie. Es gibt keinen Weg mehr. Und man denkt, das war doch was ganz Großes, und wo ist das Große geblieben?

Die meisten würden sich behelfen mit Verstehensversuchen.

Sicher. Da gibt’s sicher Experten noch und nöcher. Ist ja auch richtig so.

Weil es hilft?

Na jedem seinen Markt, nicht wahr? Ja, es hilft, es soll aber nicht helfen, man soll sich dem aussetzen. Deswegen ist man ein Schreibender. Sich dem aussetzen, was kommt, keine Erklärung, keine rationale. Aber das bringt auch nichts. Was bringt denn Schmerz? Eine Art von Selbsthass. Selbstzorn eher.

Sind Zorn und Hass zwei verschiedene Dinge?

Zorn ist gut. Zorn ist eine Art Liebe. Zorn ist Form. Hass ist formlos. Spinoza würde Ihnen das super auseinanderdefinieren. Nein, Zorn ist etwas Herrliches.

Wollen Sie denn hier wohnen bleiben?

Es ist ein Dilemma! Manchmal überlege ich, das Haus zu verkaufen und noch mal auf Wanderschaft zu gehen wie vor 30 Jahren. Es zieht mich manchmal nach Afrika. Aber das ist Unsinn, als ob ich dort ein neuer Mensch werden könnte. Und wie soll man so ein Haus ausräumen? Wie die Bücher liegen, wie die Fotos liegen, die man macht mit der Wegwerfkamera. Die Bilder von Freunden, die Maler waren, sind nicht gehängt, die lehnen da.

In der Stadt wollen Sie nicht wohnen?

Nie mehr! Man muss sich da immer entschuldigen, dass man lärmempfindlich ist. Es sollten sich eher die entschuldigen, die nicht lärmempfindlich sind. Das sind keine Menschen für mich!

Fahren Sie trotzdem gerne nach Paris?

Ja. Paris ist immer noch die Stadt der Städte.

Haben Sie eine Lieblingsecke?

Ja, das 15. Arrondissement. Pont Mirabeau, da gibt’s ein sehr schönes Gedicht von Apollinaire: „Sous le pont Mirabeau coule la Seine“, da fließt die Seine, „et nos amours“, und unsere Lieben. Da steig ich aus und häng rum. Ich streune.

Wie ein Kater?

Nein. Der Rolf Dieter Brinkmann hat immer „tappern“ gesagt. Der hatte auch so eine Gestalt zum Tappern. Dicklich, zugleich dämonisch. Der Orson Welles der Lyrik. Manchmal denke ich mir: „Du hättest Werbetexter werden sollen.“

Lesen Sie noch Zeitungen?

Keine, außer den Lokalnachrichten, den Parisien und L’Équipe, das ist die Sportzeitung.

Fernsehen oder Radio?

Nein. Manchmal, wenn Fußball ist, aber nie allein. Ich habe einen Fernseher, der ist aber seit fünf Jahren defekt. Es ist keine Angeberei. Keine Ideologie.

Warum lesen Sie keine Zeitungen mehr?

Ich war zeitungssüchtig, furchtbar! Aber jetzt nicht mehr. Es deprimiert mich, wenn ich die Seiten umblättere. Das tut mir nicht gut.

Liegt es daran, dass die Medien Sie schlecht behandelt haben?

Da müssen Sie einen Psychologen fragen. Mein eigener Psychologe in mir sagt: „eher nein“.

Meint der es gut mit Ihnen?

Nicht immer.

Interessieren Sie sich denn für Psychologie?

Es amüsiert als Spiel. Wie Horoskope. Im Parisien gibt’s hinten Wetter und Horoskop. Da steht immer „Moral im Schwinden“ bei mir.

Haben Sie auch aufgehört, sich für Politik zu interessieren?

Ich habe mich nie wirklich für Politik interessiert und bin da ein Stümper. Was in Österreich vorgeht, weiß ich nicht.

In Deutschland?

Ein bisschen mehr.

Der österreichische Bundeskanzler ist sehr jung.

Ja, sein Gesicht sieht aus wie so eine Maske, die sich Kinder überziehen, um wie ein Bankräuber auszusehen.

Ist Frankreich Ihre Heimat?

Nein, das gehört sich auch nicht. Man ist nirgendwo zu Hause. Der Goethe ist manchmal zu Hause am Busen einer Frau. Warum nicht, für Momente. Das Wort Heimat darf man nicht gebrauchen.

Warum?

Es kommt auf die Grammatik an. Es kann ein Mensch einen Ausruf haben: „Mann, oh Heimat!“ Aber mit der Heimat Ideologie zu machen, ist das Schlimmste überhaupt. In Österreich habe ich das erlebt, von Kind auf. Die Ideologie der Heimat ist ein Teil des Nazitums. Mit der Heimaterpressung: „Du hast kein Heimatgefühl“, setzen die einen unter Druck.

So wie einen Deserteur?

Ja. Die Philosophin Simone Weil sagt, andere zu entwurzeln, ist eins der schlimmsten Verbrechen, aber sich selbst zu entwurzeln, ist eine Errungenschaft. Manchmal hab ich ein paar Luftwurzeln. Manchmal sogar ein bisschen Erdwurzeln, aber es ist alles Illusion.

Verstehen Sie, dass Menschen Angst haben, ihre Heimat zu verlieren?

Ja, dass sie den Ort verlieren. Leute leben von Orten. Manchmal verstehe ich sogar Franzosen, die in Vororten leben, wo nur noch junge Araber sind. Man macht sich lustig über sie in linken Zeitungen und sagt: „Das sind alles Le-Pen-Leute.“

Sind das nicht alles Le-Pen-Leute?

Nein. Das hat mit dem Ort zu tun, wo man lebt, wo man arbeitet, wo man seine Kindheit verbracht hat. Natürlich gehen die Orte flöten. Das Flöten ist kein schöner Ton manchmal. Das tut einem weh. Ich kann die Leute zwar nicht verstehen, aber mitfühlen.

Was fühlen Sie da?

Den Zorn und die Enttäuschung, dass es diesen Ort, der das Vaterland oder das Mutterland verkörpert hat, nicht mehr gibt. Im Französischen gibt es kein Wort für Heimat. Es ist ein Ort. In einem Gedicht sagt Goethe – er ist ja ein furchtbarer Lyriker: Durch die Liebe wird aus einem Raum ein Ort. Es ist nicht nur Gewohnheit, die entsteht ja auch durch Zuneigung. Es ist ein großes Drama heute. Eigentlich müsste ein Dramatiker ein Stück schreiben über so einen Menschen, der Amok läuft, weil er seinen Garten verliert. Muss ja kein Garten sein.

In Deutschland würde man so jemanden wahrscheinlich Nazi nennen.

Sicher, aber das würde man halt so darstellen. Aber wenn das ein richtiger Dramatiker wäre, der das fühlt, was Gerechtigkeit ist, würde das niemand sagen. Immer gibt’s Leute, die auf oberflächliche Töne ansprechen. Das ist immer die Mehrheit.

In Deutschland haben Menschen Angst, dass ihnen von ihrer Heimat etwas weggenommen wird. Durch die, die ihre Heimat verloren haben,

Locken Sie mich nicht aufs Glatteis. Da mische ich mich nicht ein. Ich spreche von meinem Mitfühlen für manche französische einzelne Menschen, die eigentlich Einzelne sind, aber in ihrer Vereinzelung wahrscheinlich eine Partei suchen, mit der sie überhaupt nicht einverstanden sind. Viele vom Front National oder wie auch immer er jetzt heißt sagen ja, sie haben nichts mit der Partei zu tun, aber aus Protest wählen sie sie.

Viele wählen die AfD. Sind das auch Protestwähler?

Das müssen Sie wissen. Ich müsste jemanden vor mir haben.

Und dann?

Das dürfte nicht inszeniert sein, das müsste zufällig sein, irgendwo würde ich aussteigen und in irgendeine Kneipe gehen, sagen wir in Ostdeutschland. Ich würde dann unwillkürlich zuhören und dann, ich weiß es nicht, würde ich ein Gefühl dafür bekommen.

Woher kommt aber dieser Hass der Leute?

Hass ist doch ein Lebenszeichen.

Wie wenn man im Stau steht?

Das ist doch kein Hass. Das ist vielleicht ein Widerwille. Hass ist Hass. Hass ist etwas wirklich Seltenes. Vielleicht kann man Widerwillen empfinden. Unmut.

Vor Kurzem wurde hier in Frankreich gefordert, den Koran von gewaltverherrlichenden Passagen zu bereinigen.

Aber der Koran ist wie das Alte Testament: eine furchtbare Melange von herrlichen Geschichten. Mit jüdischem Nationalismus, ist doch klar. Dann müsste man das Alte Testament auch bereinigen. Das ist eine Verherrlichung des Judentums. Warum nicht, oder?

Das heißt, dass Sie den Koran nicht als Gefahr sehen?

Da ist furchtbares Zeug auch. Aber so ist es halt. Sogar Jesus sagt im Neuen Testament manchmal hochmütig: „Oh, jetzt hab ich auch unter den Samaritern einen guten Menschen gefunden.“

Sind Sie praktizierend gläubig?

Jaja. Ich bin ein Praktizierender des Gottesdienstes.

Des katholischen?

Ja. Ich glaube an den Gottesdienst. Aber wenn das Glaubensbekenntnis kommt, kann ich nicht mitbeten.

Woran glauben Sie dann?

Das ist wunderbar. Jedes Atom des Menschen geht da mit.

Eine Gemeinschaft entsteht?

Unbedingt. Wir gehen hier mit den Schwarzen zur Messe, das ist einfach eine Fröhlichkeit. Die Atome leben auf.

Durch das Ritual?

Nein. Das sagt einfach alles, was der Mensch ist. Man weiß nicht, was wird, aber für den Moment ist es gut. In meinem Buch Die Obstdiebin gibt es eine Messe im Freien. Da gibt’s Hundertjährige und da kommt eine junge Frau und die Hundertjährigen sind so belebt, dass einer dem anderen auf den Hintern haut vor lauter Freude, die Frauen hauen den Männern auf den Hintern. Aber drei Stunden später rast einer der Hunde mit dem Auto auf der Landstraße und fährt dann Menschen um.

Es gab immer wieder Terroranschläge mit Autos, auch hier.

Wo wollen Sie da hin? So ist es. Man vergisst es nicht. Aber man kann ja nicht den ganzen Tag damit rechnen.

Wie stehen Sie denn zur Polizei?

Nicht gut.

Haben Sie Angst vor Polizisten?

Nein, ich mag die nicht. Manchmal mag ich die so aus der Ferne. Ich sag immer: Polizisten sind so wie die Frauen. Wenn man sie braucht, sind sie nicht da, wenn man sie nicht braucht, sind sie da.

Es herrscht immer noch Ausnahmezustand.

Das ist ja auch richtig so. Es ist ja furchtbar.

Man sieht in Paris schon ziemlich viel Staatsgewalt.

Ist auch richtig so. Es soll ja auch so sein. Aber es ist nie jemals geschehen bis jetzt, dass das verhindert wurde. Kein Polizist hat jemals in Frankreich einen Tod verhindert.

Empfinden Sie eine Gefahr?

Die Gefahr wird immer größer.

Von wem geht sie aus?

Nicht von mir. Ich denke immer, vielleicht habe ich den Mut, wenn ... Manchmal stehe ich in der Metro und manche Leute steigen mit solchen Augen ein ...

Sind Sie schon einmal angegriffen worden?

Nein. Nie.

Speist sich denn Islamophobie aus Hass?

Es kommt darauf an, was man sagt. Es ist ja keine Phobie. Phobie heißt ja Furcht.

Es ist keine Furcht, sagen Sie?

Es ist sicher gemischt. Furcht. Dummheit. Ich bin neulich in dem Vorortzug gefahren. Da saß ein junger Mann mit Bart, ein Schwarzer, und las die Geschichte der Propheten. Er saß mir gegenüber und dachte wahrscheinlich, mein Gott, da sitz ich jemand Weißem gegenüber. Ich hab immer zugeschaut, wie er die Koranzitate kopiert hat, mit solch einer Virtuosität, ich hab immer mehr zugeschaut. Irgendwann einmal hab ich mir ein Herz gefasst, ihn zu fragen, wie kommt er dazu, das da zu lesen?

Wie hat er reagiert?

Er hat so eine Freude gehabt, dass er mir das erzählt hat, wie ein Franzose ihm das beigebracht hat, dem Schwarzen aus Mali. Und er hat mich gefragt, ob ich auch Araber wäre. Damals war ja gerade der Ramadan und man hat gesehen, dass er nichts gegessen hatte, dann haben die immer diese leuchtenden Augen, aber dann haben die einfach nur Hunger.

Was hat Sie dazu gebracht, den Mann anzusprechen?

Ich hab gedacht, ich sag ihm das jetzt, damit er keine Angst mehr hat, damit er sieht, ich bin ein ganz anderer. Ich hab gesagt, da steht ja was auf Arabisch, und ich hab ihm das entziffert. Das wird jetzt nicht die Welt ändern. Aber vielleicht doch. Am Ende hätten wir uns fast umarmt. Ich bin ja eigentlich ein furchtbar scheuer Mensch.

Ist körperliche Nähe schwierig?

Ja. Ich bin vom Internat.

Was heißt das?

Ich hab nie was mitbekommen im Internat von Körpern und so weiter, nie. Ich war einfach trottelig, ich war einfach woanders. Die anderen erzählen mir immer, was da war mit Küchenmädchen oder untereinander. Ich hab nichts erlebt.

Weil sie naiv waren?

Vielleicht, ja, ein Baby auch. Sie müssen ja verstehen, wir kamen aus Berlin, mit zwei Jahren war ich in Kärnten und dann im Nachkriegsberlin, immer hin und her, immer. Und dann wieder auf dem Land, bei meinem Großvater, und dann im Internat. Ein Hin-und-Hergerissen-Sein.

Wie war das?

Im Internat? Ich hab einfach unheimlich geheult. Nicht nur wegen der Mutter, sondern wegen dem Ort. Ich hab unglaubliches Heimweh gehabt.

Haben Sie bis heute Heimweh?

Nein.

Wissen Sie, wer Christian Kracht ist?

Ja, ungefähr. Ein schlauer Bursche.

Kracht hat vor Kurzem öffentlich gemacht, dass er als Kind in einem Internat sexuell missbraucht worden ist. Das sei ihm sehr viel später erst bewusst geworden.

Ich will das nicht mehr hören. Er sagt, er hat das nicht wahrgenommen? Das passt in die Zeit, in die Aktualität.

Ja, das sei ihm erst im Zuge der #metoo-Bewegung bewusst geworden.

Ich kann es nicht mehr hören. Die Frauen, die da die Männer anflammen, und dann beschweren sie sich. Nein, nicht die Frauen, Blödsinn, die Frau ist etwas Großes. Sicher haben große Teile ein Recht, das zu sagen. Aber es gibt viele, die das ausnutzen noch und noch. Das finde ich skandalös. Den Ramadan …

… den Islamwissenschaftler Tarek Ramadan?

Ja, der Tarek Ramadan, der jetzt verhaftet worden ist. Ich bin nicht sicher, da ist große Rache dabei.

Über Sexualität haben Sie eigentlich nie geschrieben.

Nein, da gibt es nichts zu schreiben.

Warum?

Ich will das nicht, das widert mich an. Im Kino schaue ich bei diesen Szenen weg. Ich finde, da erniedrigt man die Zuschauer und die Darsteller. Ich finde das verboten. Wenn ich ein Diktator wäre, würde ich das sofort verbieten.

Sind Sie prüde?

Vielleicht? Nein. Wie Sie wollen.

Es gibt große erotische Literatur.

Ja. Ich lese gerade Goethes Gedichte, wo dauernd die Liebchen vorkommen, das ist ein Sexenthusiast. Das ist ein Vorläufer von Henry Miller. Henry Miller ist ein unglaublich erfreulicher Mensch, als Schreiber auch. Aber Goethes Enthusiasmus für Sexualität ist schlimmer als Henry Miller. Das funktioniert ja nicht als Ideo-logie. Wilhelm Reich kann man ja noch verstehen als Ideologie.

Glauben Sie an die Liebe?

Ich bin ein Epikureer im guten Sinne. Wie Epikur sagt: Die Freundschaft umtanzt den Erdkreis. Aber ich glaube mehr an die Liebe als an die Freundschaft. Die Freundschaft ist eher ein Schwindel. Man muss sich entscheiden für Freundschaft. Liebe kommt und geht von einem zum anderen, wie Conny Francis singt: „Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie kommt und geht von einem zum andern. Sie nimmt zu wenig, doch sie gibt auch zu viel.“

Die heutige Generation plant ihr Leben sehr genau durch.

Wenn man jung ist, denkt man an Glück, aber Glück ist ein Scheiß. Freude ist was anderes. Und zweisilbige Wörter sind schöner als einsilbige.

Aber ankommen, das wollen doch alle.

Natürlich will man das. Das ist auch recht so. Ich bin für Treue, einen festen Partner, aber ich habe es nicht so geschafft.

Ist das ein Versagen?

Nein. Ich habe nicht versagt. Ich bin schwach, der Mensch ist schwach. Der Starke ist der Schwächste auch.

Wann waren Sie das letzte Mal schwach?

Heute noch nicht. Aber gestern!

Was war gestern?

Weiß ich gar nicht mehr. Ah doch, da habe ich eine Nachbarin angeschrien, die hat so Hunde. Abschaum habe ich geschrien ..., auf Französisch: „ordure“

Geht die Leute es etwas an, welche Sexualität einer hat? Ob jemand schwul ist oder lesbisch?

Was sollen diese Definitionen? Ich denk immer, es gibt die Eigenschaftswörter, die Hauptwörter und die Zeitwörter. Lesbisch ist ja ein Eigenschaftswort. Aber ich kann mir vorstellen, dass eine Frau mit einer Frau ein Zeitwort hat: lieben. Aber für mich ist da ein großer Unterschied.

Welcher?

Ich sag immer, ich bin kein Schriftsteller, ich schreibe. Dann und wann. Für mich ist alles in den Zeitwörtern drin.

Und die Adjektive?

Die sind genauso fragwürdig. „Homosexuell“, das ist doch lächerlich. Soll ich denn sagen, „Ich bin heterosexuell“? Das ist völlig irrwitzig, dieser Missbrauch der Sprache.

Sind Sie kein Österreicher?

Das ist eine gute Frage. Manchmal, wenn Österreich niedergemacht wird, sage ich, ich bin Österreicher. Als Patriot. Ich mache einen Unterschied zwischen Nationalist und Patriot.

Der wäre?

Wenn mein Land angegriffen wird, dann sage ich, „Ich bin Österreicher“. Es gab mal einen Trainer von AJ Auxerre, der hat mal gesagt, „die Österreicher waren ja immer mit Hitler und wie die gespielt haben“, da habe ich gesagt: „Ich hau dem eine runter.“ Aber ich sag nicht, dass ich Österreicher bin, ohne dass jemand das wissen will. Ich will die Leute nicht damit belämmern.

Was fühlt ein Patriot?

Wenn ich spüre, dass ich Österreicher bin, dann weiß ich, das ist Grillparzer, Ingeborg Bachmann, Paul Celan. Auch Heimito von Doderer, auch wenn der ein Nazi war in der Zwischenkriegszeit.

Obwohl er ein Nazi war?

Er ist früh aus der Partei ausgetreten. Es war eine große Sünde. Das wird er am meisten selbst gespürt haben, denn Sünden, wenn man sie bereut, sind die fruchtbarsten Sachen.

Belastet das Doderers Werk?

Nein. Vielleicht.

In Frankreich gab es gerade wieder Streit über Célines antisemitische Pamphlete.

Céline ist ja wirklich ein hasserfüllter Antisemit. Trotzdem war er ein guter Armendoktor.

Ein guter Schriftsteller?

Ja. Ich mag nicht so schreiben wie er, er ist ein bisschen so ein Arno-Schmidt-Schreiber. Céline ist nichts zum Lesen, das springt einen sofort an. Bei Philip Roth ist es genauso. Das ist meisterhaft, aber nichts zum Lesen. Der schreibt wie ein Conférencier. Das ist für mich nicht Literatur. Ich sage das hart, aber so fühle ich.

Sie sind sehr hart für Ihre Berichte aus Serbien angegangen worden. Es wurde bezweifelt, ob man Ihre Bücher noch lesen könne wie vorher.

Ja, das ist immer der Mechanismus. Man hat mich sogar mit Céline verglichen.

War das schlimm?

Joschka Fischer ist mir viel widerlicher als Céline.

Warum Joschka Fischer?

Joschka Fischer und Marcel Reich-Ranicki sind die schlimmsten Typen der Nachkriegszeit in Deutschland. Und Daniel Cohn-Bendit, das können Sie aufschreiben. Fischer hat überhaupt keine Ahnung von nichts. Essen vielleicht. Ahnung ist die Hauptsache im Leben. Ahnung und Gegenwart.

Sie haben Reich-Ranicki das „übelste Monstrum“ genannt.

Als ich damals bei der Gruppe 47 in Princeton eingeladen war, da waren Uwe Johnson und Günter Grass und vorne saßen diese Pfeifen wie Reich-Ranicki und der harmlosere, auch durch seine Verschrobenheit fast sympathische Walter Jens. Ich hab gedacht: „Wie lassen sich solche Autoren abkanzeln von so einem Stinker?“ Ich habe mich schlecht gewundert, nicht gut. Das war nicht einmal ein Kanzelreden. Das kann ja schön sein. Ich finde jetzt nicht mal die Wörter für dieses falsche Ausholen eines falschen Wissenden über die Literatur. Die Literatur ist ein Geheimnis sondergleichen! Man kann sich ärgern, man stottert dann vor lauter Ärger.

Wird man im Alter nicht milder, was Feindschaften angeht?

Reich-Ranicki werde ich nie verzeihen, was er angerichtet hat.

Was hat er angerichtet?

Er hat die Literatur rationalisiert. Ein Kanon aus dem 19. Jahrhundert, das macht keinen Sinn. Obwohl der manche gute Kritik geschrieben hat ... ganz selten, zu dem Botho Strauß zum Beispiel, wie heißen die ersten Prosasachen von ihm? Da geht’s um eine Frau, um eine Frau wirbt er. Ich hab immer den letzten Satz im Kopf. Er wirbt um die Frau und es geht alles schief. Und dann das Ende der Geschichte: „Ich bin noch nicht ganz am Ziel.“ Ich muss immer noch lachen. Ich muss das immer noch manchmal von mir denken. Nicht bei Frauen.

Was hat Reich-Ranicki gesagt?

Da hat er gesagt, das ist eine gute Geschichte. Das hat er gut gesagt. Weil der Botho Strauß da all seine Meinungen und Ideologien vergessen hat und nur eine selbstkomische Geschichte geschrieben hat.

Lesen Sie noch Kritiken?

Ja, wenn sie mir jemand schickt.

Und Briefe von Lesern?

Ich versuche, alle Briefe zu beantworten. Doch manchmal sind die Briefe so schön, dass man sie nicht beantworten kann. Man spürt, das ist ein einmaliger Brief, und das ist überhaupt nicht professionell. Vor Kurzem schrieb mir ein Fräulein mit dem Namen Alexia, wie die Protagonistin in der Obstdiebin: „Ich hab das gelesen, aber nicht nur, weil ich Alexia heiße.“ Nicht einmal eine Antwortadresse war dabei. Das genügt mir. Da steht nur Alexia, Thun, Schweiz.

Über Ihren letzten Roman hat Christine Westermann ...

… Wer ist denn das?

Sie ist Literaturkritikerin.

Ist das eine ältere Dame? Da gab’s früher eine andere.

Sigrid Löffler? Iris Radisch?

Nein, die Hübschere.

Elke Heidenreich?

Ja! Die war auch immer gegen mich.

Die sagt auch, nicht jeder solle schreiben und veröffentlichen.

Da bin ich einverstanden. Mein großer Fehler: In Graz hatte ich so Freunde im Studium, wo wir dann das Forum Stadtpark hatten: „Jeder kann schreiben“, hab ich gesagt, und die haben alle dahingestümpert bis zur Pension. Es ist ein riesiger Fehler, Leute zum Schreiben zu ermuntern. Es ist etwas unheimlich Seltenes, ein Schreiber zu sein. Beuys sagt, jeder ist Künstler: Das ist ein völliger Blödsinn. Jeder ist für einen Moment lang ein Künstler. Rimbaud ist ein perfektes Beispiel. Ein 17-Jähriger. Ich kenn viele 17-Jährige, so zwei, drei Wochen lang, da fällt irgendwas vom Himmel. Nur Rimbaud hat das Glück gehabt, dass er klassisch gebildet war, Altgriechisch, Lateinisch – und deswegen hat das so einen Bestand in der Struktur.

Rimbaud hat sehr früh aufgehört zu schreiben.

Ja, grad dadurch, durch das Griechisch und Latein, hat er früh gewusst, es ist aus. Und die anderen, die hören nicht auf, die schreiben immer weiter und sind das Verderben der Menschheit.

Hatten Sie einmal das Gefühl, Sie hätten jetzt alles geschrieben, was Sie schreiben wollten?

Nein, nein, ich sag Ihnen einen Satz von gestern, den ich mir gedacht habe: „Ich hab nichts zu sagen.“ Menschen, die nichts zu sagen haben, haben bis ans Ende ihres Lebens etwas zu schreiben.

Haben Sie irgendwas in der Schublade …

… Ich hab keine Schublade.

Haben Sie irgendwas, was nicht veröffentlicht werden soll?

Nein, nein, ich bin ein lebendes Geheimnis, ich hab keine Geheimnisse. Das Leben ist unfassbar herrlich und unfassbar tragisch.

Zurück zu Frau Westermann …

Wie kann die sich erlauben, so einen Stuss von mir zu sagen …

Frau Westermann spricht für den durchschnittlichen Leser, wenn das jetzt kein dünkelhafter Ausdruck ist.

Ein durchschnittlicher Leser ist kein Leser. Das ist vielleicht noch mehr ein Dünkel. Ein Leser ist ein Leser. So wie Gertrude Stein sagte: Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Die Literatur hat ihre Würde verloren. Das ist wahr. Nicht für mich. Ich bestehe auf der Würde dessen, was ich tue.

Ihrer Würde?

Nicht meine Würde. Im Alltag bin ich immer wieder daneben.

Die Literatur hat ihre Würde verloren?

Die Leute nähern sich nicht mehr mit Respekt. Respekt ist nicht das Wort: mit der Freude, mit dem freudigen Respekt oder mit der Scheu. Als ich Thomas Bernhard zum ersten Mal gesehen habe, habe ich gedacht: Mensch, dass es den gibt! Ich war ganz jung. Es war schön. Später habe ich vielleicht ein bisschen den Respekt verloren, aber auch nicht zu Unrecht.

Der Zerfall Jugoslawiens war ein Verlust für Sie.

Ja sicher war es ein Verlust. Peter Esterhazy hat wirklich bösartig gesagt, da hätte ich ihn fast verprügelt: Ich schreib, als ob einem Kind das Spielzeug weggenommen wird. Für mich war Jugoslawien … Ich seh das nicht anders, aber ich seh jetzt Varianten. Je mehr ich über Goli otok höre, denke ich, die haben sich selber auch ihr Grab gegraben, Jugoslawien, so darf man keinen Staat begründen.

Goli otok, die Gefängnisinsel. Das hat Jugoslawien diskreditiert?

Es war nicht alles, in den sechziger Jahren war Jugoslawien die Hoffnung der Welt. Das ist eine große Katastrophe, dass das nicht geblieben ist. Und das ist auch eine Zeit lang gut gegangen. Aber dadurch, dass schon in den fünfziger Jahren das Unrecht passiert ist, nicht nur auf Goli otok, war schon das Gift drin.

Aber deswegen ist Jugoslawien nicht zerfallen.

Wenn diese deutsch-französische Freundschaft, die überhaupt nie funktionieren wird, die nur durch Wirtschaft funktioniert, wenn’s diese Chimäre nicht gegeben hätte, hätte Mitterrand Kroatien nie anerkannt und Slowenien. Nur damit der große Kohl und der kleine Mitterrand da Hand in Hand …

War das nicht große Politik von deutscher Seite aus?

Ja. Das ist Geschichte, das ist Politik.

Und Politik ist nicht moralisch?

Nein, nein, völlig richtig. Hätte Mitterrand Nein gesagt, wäre das nie passiert. Aber auf mich hört ja niemand.

Die Katalanen wollen unabhängig werden, da ist Deutschland zögerlicher.

Mit Spanien, das ist keine Parallele. Ich hasse die Katalanen.

Warum?

Die spielen sich auf, als ob sie die einzigen Demokraten wären. Wie können die entscheiden, wo 40 Prozent ... Das geht nicht. Und die spielen sich auf, dass die im Bürgerkrieg 1936 und 1937 die Guten waren. Und das ist das Schlimmste an allem. Die Katalanen waren genauso furchtbar. Wenn man Bernanos liest, auf Mallorca, was die Katalanen angerichtet haben mit der Landbevölkerung, das war Mord und Totschlag, das war genauso schlimm wie das, was die Festland-Franquisten in Spanien gemacht haben. Dass die Katalanen jetzt sagen, wir sind die Guten, das ist die Schweinerei. Kurz gesagt, aus der Geschichte kann man überhaupt nichts lernen. Nichts. Nichts. Die Geschichte ist eine Abfolge von Schweinereien mit dem Anspruch der Freiheit und der Befreiung

Wie schreibt man dagegen an?

Meine Grammatik wird halt eine andere. Zynisch gesagt, ich fühlte mich auf eine Weise nicht bereichert, aber erweitert, mein inneres Trommelfell, das nicht nur im Ohr ist, mein inneres Trommelfell wurde belebt durch den jugoslawischen Konflikt. Konflikt ist ja absurd harmlos ausgedrückt. Mehr kann ich nicht sagen.

Wann waren Sie das letzte Mal in Serbien?

Vor einem Jahr etwa.

Also fahren Sie regelmäßig?

Jaja, es fehlt mir auch, also es fehlt mir nicht, doch.

Was tun Sie da?

Ich gehe auf die Dörfer, an die Morawa, nach Pristina sind wir geflogen. Mit einem Freund bin ich durch die albanischen Gebiete gefahren und er hat so Angst gehabt, weil er Serbe war – und da hab ich gesagt: Jetzt steigen wir aus! Das war alles sehr freundlich dort. Ich bin immer dafür, dort auszusteigen, wo man Angst hat. Da geh ich immer mitten hinein.

Und es passiert nichts?

Nie. Nie! Aber das ist auch kein Rezept. Es kann schon was passieren.

Sie haben nie Todesangst?

Natürlich hat man Angst. Das ist kein Quatsch. Das ist grauenhaft. Manchmal denkt man ja, warum nicht jetzt – und dann kommt er nicht, der Arsch. Da denkt man: Jetzt wär’s gut, aber dann kommt er aber nicht … Ich hab ja viel Glück gehabt. Wenn ich an andere denke. Im Vergleich zu anderen bin ich ein Günstling der Götter.

Aber dann denk ich: Warum gehst du nicht als Gast des Lebens, gesättigt. Funktioniert auch nicht. Du bist der Gast des Lebens. Ich denke oft so. Es kommt immer wieder. Ob das Goethe ist oder nicht, ich weiß es nicht. Ich fürchte, es ist Goethe.

06:00 26.09.2018

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 15

Dieser Kommentar wurde versteckt