Ich habe zwei Leben gelebt

Nachruf Zum Tod von Joseph Rotblat

"Ich habe eine Aufgabe, eine Vision zu erfüllen, ich bin der letzte Überlebende"

Er hatte sich noch einmal viel vorgenommen für das Einsteinjahr 2005. Als letzter lebender Unterzeichner des wohl berühmtesten Friedensappells der Geschichte, des Russell Einstein Manifestes von 1955, in dem die Abschaffung aller Atomwaffen gefordert wird, wollte er noch einmal mit all seiner ihm verbliebenen Kraft für sein Lebensziel, für den Inhalt seines langen Lebens werben: die Menschheit durch die Abschaffung der Atomwaffen vor ihrer eigenen Vernichtung zu bewahren. Ein neues Russell Einstein Manifest, eine Neuauflage für das 21. Jahrhundert, angepasst an die nach wie vor große Atomkriegsgefahr nach dem Ende des Ost- West Konfliktes wollte er schreiben und am 6o. Jahrestages des Atombombenabwurfes auf Hiroshima selbst auf der Pugwash Weltkonferenz verkünden. An allen Pugwash Jahreskonferenzen seit deren Gründung 1957 hat er als langjähriger Generalsekretär und Präsident dieser Organisation teilgenommen und wurde zuletzt als ihr Ehrenpräsident gewürdigt. Er hatte zugesagt, die große Albert Einstein Ausstellung Ingenieur des Universums in Berlin zu eröffnen, und auf dem internationalen Einsteinfriedenskongress Einstein weiterdenken in Berlin wollte er der friedenswissenschaftlichen Community und vielen Friedensengagierten noch einmal eindringlich die Notwendigkeiten des Engagements zur Abschaffung aller Kriege und der Atomwaffen ans Herz legen, an sie appellieren, nicht nachzulassen. "Die Menschheit hat die Folter und die Sklaverei abgeschafft" (mit blitzenden Augen fügte der Realist dann schmunzelnd hinzu), "zumindest theoretisch und in Papieren der Vereinten Nationen, sie wird sich auch von der Geisel Krieg befreien".

An die Jugend wollte er appellieren, sie informieren und aufklären, über die Grausamkeiten des Krieges. In das von ihm mit initiierte internationale Jugend- und Schulprojekt Frieden gestalten beabsichtigte er einen Teil seiner Kraft zu stecken.

Diese Pläne konnte er nicht mehr verwirklichen.

Rotblats Krankheit fesselte ihn an Bett und Haus, trotz seines täglichen Ringens. In der Nacht des 31. 8. 2005 verstarb er im Alter von 94 Jahren, 50 Jahre nach Albert Einstein, als dessen visionärer Nachfolger im Kampf gegen den Krieg. Sein Ziel 100 Jahre alt zu werden hat er nicht mehr erreicht.

Joseph Rotblat wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Friedensnobelpreis 1995, dem Albert Einstein Friedenspreis. Er wurde in den Adelsstand erhoben, geehrt und empfangen von den Staatsmännern, den Großen dieser Welt. Dennoch blieb er immer der einfache und bescheidene Mann, offen für das Gespräch mit jedermann.

Fast ein Jahrhundert hat er das Ringen der Menschen mit dem Krieg, dem millionenfachen Sterben, grausamen Leiden und Schreien der Verwundeten und Sterbenden - zunehmend vor allem bei Zivilisten - mitverfolgen und miterleiden müssen. Wo andere resignierten, sich an den brutalen Mauern der Realität unserer Welt ihre Haut wund gerieben hatten, fand er immer wieder die Kraft zum Handeln, zum Aufrütteln und Überzeugen. Mit seiner Pugwash-Bewegung leistete er einen großen Beitrag zu den wenigen Abrüstungs- und realen Rüstungskontrollverträgen: dem Atomteststoppvertrag von 1963, dem Vertrag über die Nichtverbreitung von Atomwaffen 1970 bzw. 1995, dem Vertag über die Abschaffung aller chemischen Waffen und vielleicht war sein Beitrag zum Vertrag zur Beseitigung aller Mittelstreckenraketen (INF-Vertrag) von 1987 herausragend.

Kraft gab ihm die Friedensbewegung, aber ohne ihn wäre sie nie das geworden, was sie immer wieder eindrucksvoll dokumentiert. Für ihn war der 15. Februar 2003 eine Sternstunde - der größte Protesttag der Friedensbewegung in ihrer Geschichte. "Der Irakkrieg ist ein Verbrechen und der Widerstand dagegen zeigt, dass immer mehr Menschen und vor allem auch Wissenschaftler aufwachen" sagte Rotblat in einem Interview mit dem Guardian im April 2003. Im Gegensatz zu Kollegen, mit denen er bei Pugwash eng zusammen arbeitete, sah er die Notwendigkeit einer eigenständigen, auf die Menschen gestützte Friedensbewegung als unverzichtbar an, er erkannte die Dialektik von aktiver Massenbewegung und erfolgreichem Lobbying, von den Gesprächen im "kleinen Kreis" und der Aufklärung auch auf großen öffentlichen Manifestationen und Kongressen. Diese Überzeugung von der Notwendigkeit einer breiten und vielfältigen Friedensbewegung und des Dialogs mit den Regierungen und politisch Mächtigen ließ ihn 2001 zum Gründungsmitglied und bis hin zu seinem Tode zum aktiven Council Mitglied von INES, dem International Network of Engineers and Scientists for Global Responsibility werden.

Untrennbar bleibt das Leben Joseph Rotblats mit der Wissenschaft verbunden. Der studierte Physiker war ein Leben lang ein begeisterter Wissenschaftler. Er war jedoch nicht nur der wissenschaftlichen Neugierde und Kreativität eng verbunden, sein Name steht schon fast als Synonym für die Moral und die ethische Dimension der modernen Wissenschaft. 1944 verließ er das Manhattan Projekt zum Bau der amerikanischen Atombombe in der Überzeugung, dass die Deutschen die Bombe nicht mehr bauen können. Als einziger Wissenschaftler kehrte er so dem Projekt, das zum neuen, zum Atomzeitalter führen sollte, früh den Rücken. Viele seiner damaligen Kollegen haben ihr Mitwirken nachträglich bitter bereut.

Als Wissenschaftler, mit der Kompetenz eines Naturwissenschaftlers, engagierte er sich seit 1945 gegen die von Wissenschaftlern und Ingenieuren entwickelte und bis heute immer weiter perfektionierte Atomrüstung. Immer wieder wandte er sich gegen die Rüstungsforschung und die scheinbar ungebrochenen Möglichkeiten, Wissenschaftler "als Zwerge für alles mieten zu können" (B. Brecht). Er forderte sie zum Ausstieg aus dieser "Todesforschung" auf und landete als Konsequenz auf den schwarzen Listen von Mc Carthy. Bis in seine letzten Tage hinein unterstützte er das "Whistleblowing": Wissenschaftler, die aus moralischer und ethischer Verantwortung "nein" zu von ihnen abverlangten Forschung sagen und dafür oft mit Repressalien bis hin zu Zuchthaus bedroht werden.

So ist es nur evident, dass Joseph Rotblat in der Tradition Albert Einsteins und Linus Paulings einer der Gründerväter des weltweiten Engagements von Wissenschaftlern für Frieden und gesellschaftlicher Verantwortung geworden ist. Er nahm den Wissenschaftler in die Verantwortung, "nein" zu sagen zu gefährlichen und destabilisierenden Entwicklungen. "Nein" zu sagen sowohl als Wissenschaftler, der aufgrund seiner Kompetenz Gefahren erkennen kann als auch als aufgeklärter Staatsbürger, der sich für friedliche Entwicklungen engagiert.

Er hat den Stab nun weitergegeben. Es ist unsere Aufgabe, in seinem Sinne weiter für eine friedliche und gerechte Welt zu wirken.

Lieber Joseph, Du hast Dein Leben gelebt oder wie Du es selbst einmal gesagt hast: "ich hatte die Möglichkeit zweier Leben". Wir wollen unseres in Deinem Sinne nutzen.

Reiner Braun ist Mitarbeiter am "Projekt Einstein" am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin.


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