Ich heule wie ein Hund

Alles ist ecriture Christine Angots aufsehenerregender Roman "Inzest"

Eieiei, was für ein Gerede. Und alles wegen einer Geschichte, die zu Ende geht." Wohl wahr. Was für ein Gerede.

Christine Angot, als Schriftstellerin Ich-Erzählerin und als Ich-Erzählerin Schriftstellerin, ist verstrickt in einen beklemmenden Monolog. Drei Monate, so schreibt sie, war sie homosexuell, drei Monate versucht sie, sich davon zu befreien wie von einer Sucht. "Ich rufe an. Sie, ich kann nicht zählen wie oft. Ich rufe wieder an. Ich lege auf. Ich rufe nochmal an, um zu sagen ´und ruf mich bloß nicht zurück´." Und: "Wir versuchten voneinander loszukommen seit wir uns kannten". Hysterisch, sebstzerstörerisch, unflätig ist der Text, theatralischer Ausdruck eines Begehrens nach absoluter Verschmelzung, das mit seinem eigenen Scheitern den Ringelreihen tanzt. Und alles wird in dieses Begehren hineingezogen, die Geliebte Marie-Christine, die Tochter Léonore, der Psychoanalytiker, der Ex-Ehemann, und der Vater Angots, mit dem sie eine Inzestgeschichte verbindet. "Unausgeglichenheit macht mir keine Angst, es gibt andere,die das nicht aushalten. Leute die Grenzen haben. Ich habe keine."

Inzest" ist Christine Angots achtes Buch und das erste in deutscher Übersetzung. In Frankreich hat der Roman bei seinem Erscheinen 1999 einigen Medienrummel ausgelöst, man hat diese "ecriture choc" von exhibitionistischer Offenheit gerne mit Michel Houellebecq verglichen. Vor allem aber der Umgang mit Fiktion und Realität sorgte für Beunruhigung. Denn Angot verschlüsselt nicht. Die Namen, die sie einsetzt, sind zum großen Teil die Namen lebender Personen, alle Figuren sind eindeutig zu identifizieren. Und doch will Angot ihre Texte keinesfalls autobiographisch verstanden wissen, sie schreibe kein Bekenntnis, sagt sie, sie erzähle nicht, sie erfinde nicht, es gehe nicht um ein "Ich". "Es ist das Schreiben (ecriture) das etwas in Gang setzt in dem Moment, in dem es sich schreibt." Die Christine Angot im Leben ist die Christine Angot im Text, Christine Angot ist Text. Das Hysterische ist jenseits von Fiktion und Realität. Es spricht sich selbst und es spricht wahr.

"Sprich darüber, dass mir ein Schwanz fehlt und dass ich täglich daran verzweifle". Angot lässt kein Tabu aus und ist sich für keinen Affront gegen das politisch Korrekte zu schade. Sie beschreibt Homosexualität als Krankheit, lesbischen Sex als kastriert und - das ist der interessanteste Affront - sie verknüpft Homosexualität mit Inzest. Das masochistisch-leidenschaftliche lesbische Begehren erscheint im Roman als grenzenlose Liebe zur Tochter Leonore - "indem ich niederkam, wurde ich homosexuell" - aber auch als verschobener Inzest, als Wiederholung und Spiegelung des Missbrauchs durch den Vater. Der Vater penetrierte sie "auf schöne Jünglingsweise", Marie-Christine, die Geliebte, "benutzte ihre Zunge wie einen Schwanz". Im Inzest ist die gute genitale Organisation aufgehoben. Es mag sein, dass Angot Homosexualität als ein (krankes) Heilmittel denkt, als einen zweiten Inzest, der den ersten ertragen hilft. Doch die Chancen sind gering. Im Roman erzeugt das Fehlen der genitalen Ordnung Sucht und nicht Befriedigung.

Inzest als ein "Zu-Nahe-Treten" und als Vermischung des Unzulässigen ist für Angot eine literarische Form. Ihr Text ist penetrant im wahrsten Sinne des Wortes, er ergeht sich in besessenen Sprachdelirien, "mein Schatz, mon trésor, mon amour, mon or, Léonore", ewigen Wiederholungen, Belehrungen über psychoanalytische Pathologie und der endlos ausgewalzten Kränkung darüber, dass Marie-Christine Weihnachten mit Nadine verbringen will. Welch ein Gerede. Man kann nicht fertig werden mit der Angot, die mit sich selbst nicht fertig wird und die nicht aufhört, sich zu erniedrigen.

Wozu all das Unglück? Einerseits ist es ärgerlich, denn der Schmerz übertreibt und wälzt sich in konservativsten Geschlechterklischees. Der einzige Skandal des Buches ist, so könnte man meinen, Homosexualität für einen Skandal zu halten. Andererseits macht das Unglück sprachlos. "Weißt du, warum das alles? Weil es in diesem Dorf in den Savoyen ... einmal eine Kirche gab, und weil der Beichtstuhl meinen offenen Mund zu sehen bekommen hat, gebeugt über das Geschlecht meines Vaters. ... Ich hätte schöne Männer haben können. Sehr schöne Männer haben, oder aber mit dir zusammen sein. Aber nein, ... da siehst du es ... ich heule wie ein Hund, der ich bin ... Es ist fruchtbar, ein Hund zu sein." Wo befinden wir uns, wenn alles "ecriture" ist? "In diesem Buch spreche ich nicht von Inzest", sagte Christine Angot in einem Interview. Der Roman heißt nur so.

Christine Angot: Inzest. Tropen Verlag, Köln 2001, 186 S., 32.- DM.

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00:00 01.06.2001

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