Ich, im digitalen Unterbewusstsein

Darknet Über diesen dunklen Teil des Internet gibt es viele Gerüchte. Wer tummelt sich da? Welche Geschäfte werden dort gemacht? Unsere Autorin hat sich das genauer angesehen
Ich, im digitalen Unterbewusstsein
Illustration: Otto

Das Böse ist überall. Man kann es nur nicht immer erkennen. Ein Mann sitzt mir im Wartezimmer meines Psychiaters gegenüber. Ja, wirklich Psychiater. Weiß ich, ob der Mann in Wahrheit nicht einen Vollschaden hat? Pervers oder traumatisiert ist? Oder ein Opfer? Oder alles zusammen? Man kommt mit diesen Fragen nicht weiter, man müsste Gedanken lesen können oder eben Psychiater sein. Und die Tagebücher des Fremden lesen können.

Ein Tagebuch hat ja heute jeder: das Internet. Nur ist das längst nicht mehr geheim. Das geheime Tagebuch der Welt heißt jetzt Darknet. Es ist jener Teil des Internets, den man nur mithilfe spezieller Verschlüsselungsprogramme betreten kann. Sie machen jeden, der es betritt, gegenüber Behörden und allen anderen unsichtbar. Man könnte es auch Badnet nennen, denn dort sammelt sich alles, was inzwischen aus dem „normalen“ Internet verdrängt worden ist. Die Albträume oder Träume, von denen uns niemand erzählt, die sehen wir hier.

Ich will mich da einwählen, ich will mich da aufhalten, eine Woche lang, im digitalen Unterbewusstsein. Will wissen, wer sich in dieser dunklen Höhle versteckt. Ich habe eine Affinität zum Dunklen, aber vielleicht bilde ich mir das nur ein. Ich weiß ja nicht genau, wovon ich spreche. Was passiert dort mit mir? In einem Raum mit den Dealern, den perversen Familienvätern und den Agenten. Denn grob gesagt: Für alle drei gibt es hier das perfekte Angebot. Aber für mich auch?

Ins Leben gerufen wurde das Tor-Netz, eine Art Unterabteilung des Darknet, eigentlich von Regierungsorganisationen, die nicht mehr sicher und geschützt über das Internet kommunizieren können und wollen. Unter anderen betreibt der deutsche Chaos Computer Club inzwischen einige Server, die er durch Spenden finanziert (siehe S. 7). Auch die Hacker-Gruppe Anonymous kommuniziert im Tor-Netz. Und: Es ist auch ein Internet ohne Werbung. Kein User trägt hier ein Nummernschild.

Das dunkle Netz ist langsam

Ein Blick ins Antlitz des Teufels kann nicht schaden, denke ich. Und überlege insgeheim, einen eigenen Handel mit sonst etwas, eventuell natürlich mit einer Marihuana-Plantage, zu eröffnen. Ich will reich werden. Das ist hier möglich. Die Seite SilkRoad verdient mit dem Verkauf von Drogen monatlich 1,9 Millionen US-Dollar, schätzt das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes. Ich würde mir ein Haus am Meer kaufen. Um die Server des Tor-Netzes, dem bisher größten geschützten Netzwerk, zu nutzen, muss ich mir auf torproject.org einen speziellen Browser herunterladen, dessen Logo eine Zwiebel ist.

Es gibt hier auch ein Suchfeld, das funktioniert aber nicht. Google gibt es im Darknet nicht, es gibt auch keine Seiten, die einen verständlichen Namen tragen. Da die Adressen dort meistens aus unendlichen Zahlencodes bestehen, muss ich erst einmal eine Sammlung von Links finden, um meinen Surfausflug zu starten. Ein beliebter Startpunkt ist das sogenannte Hidden Wiki, eine Art Telefonbuch des Darknet. Die Adresse des Hidden Wiki kennt sogar Google, auch wenn sich die Seite selbst im normalen Internet nicht aufrufen lässt: http://kpvz7ki2v5agwt35.onion/wiki/index.php/Main_Page. Also Seite im Zwiebel-Browser öffnen. Währenddessen Kaffee machen, Wäsche waschen, Staubsauger suchen. Nun ist die Seite endlich offen. Hier findet sich eine Übersicht des düsteren Angebots. Drogen, Sex, Finanzseiten und einige Seiten für politische Aktivisten, die aber auch gern einmal unter Namen wie „Wutseite“ oder „Dreck raus aus Europa“ verlinkt werden.

Das Darknet ist langsam. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis sich die Seiten öffnen, also so 30 bis 40 Sekunden. Es fühlt sich an wie das Internet im Jahr 1997. Fasziniert und geduldig schaue ich zu, wie sie sich aufbauen.

Unter der Rubrik Finanzen suche ich nach Möglichkeiten, schnell an Geld zu kommen. Dafür bieten sich am besten gehackte Paypal-Konten an oder Kreditkartennummern. Nachdem ich mich durch einen unfassbaren Informationsmüll gekämpft habe und eine Stunde mit dem Öffnen von vier Seiten verbracht habe, zerstört ein einziger Satz meine Träume: Der Zugang zu Kreditkartennummern kostet Geld. Mhm. Geld kostet also Geld. Vielleicht ist es besser, im kostenlosen Perversennetz perverse die Leute bei ihren Chats zu beobachten. Aber auch hier: Das Böse ist sehr langsam.

Auf einer deutschen Perversenseite postet anonymouse23: „Würde gern auf ein Krokodil ejakulieren. Jemand einen Tipp?“ Antwort von Bernd: „Wir verschicken täglich Dutzende Krokodile, bitte um Transfer der Bitcoins.“ Mit Bitcoins bezahlt man hier. Ich lerne, dass das eine neuartige Form von elektronischem Geld ist. Es wird dezentral von einem Computernetz geschöpft und verwaltet; und verbindet Bargeld irgendwie mit internationalen elektronischen Überweisungen. Aber ganz verstehe ich das nicht.

Man kann im Darknet wohl nicht von einer Community sprechen, weil hier verschiedene Welten in einem technischen System gelandet sind, die nichts anderes als das Bedürfnis verbindet, anonym kommunizieren zu wollen. Das erzeugt natürlich eine gewisse Sensationslust, ich bewege mich darin, als sei ich eine Figur in einem Krimi. Ich schaue mir selbst zu, ich lese mich selbst. Will einen Auftragskiller treffen und erfahre, dass die Beseitigung einer „normalen“ Person ungefähr 50.000 Euro kostet, während für Journalisten das Doppelte veranschlagt wird. Politiker kann man für 150.000 Euro Vergangenheit werden lassen. Nachrichten bitte nur per PM. Also Private Message. Da es für Private Messages genügend Angebote gibt, schreibe ich dem Auftragskiller den leicht nervösen Satz: Wie läuft Ihr Business genau?

Keine Antwort.

Die Polizei kann sich natürlich auch durchs Darknet klicken. Aber keine der Seiten kann zurückverfolgt werden. Der Trick besteht im Wesentlichen darin, dass die Anfrage an eine Webseite über viele Server weitergeleitet wird, bis er am Zielcomputer ankommt. Der dritte Server weiß zwar noch vom zweiten, aber nicht mehr, welcher der erste war. Und jede Zwischenstation verschlüsselt die Daten ein weiteres Mal. Das Prinzip ähnelt dem einer Zwiebel: Die hat auch verschiedene Schichten, weswegen die Endungen im Tor-Netz .onion heißen. Und deshalb sind Onion-Seiten so langsam. Ich höre mir in aller Ruhe nebenbei eine Oper an. Lohengrin singt ein passendes Lied: „Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam und Art!“ Als die Zwiebel-Seite dann aufgebaut ist, schießen mir beim Anblick der Heroinpreise Tränen in die Augen.

Seit wir uns noch vor hundert, nein, zehn Jahren als Schüler durch Seiten wie rotten.com geklickt haben, dort Leichenteile begutachtet haben, hat sich das Netz vereinheitlicht. Spätestens nach dem 11. September 2001 wurde das Netz nach Terroristen geradezu durchwühlt. Kein Schritt bleibt seither ungesehen. Und das Internet ist eine kommerzielle Plattform geworden. Ich will nicht, dass ständig Werbeseiten aufploppen. Was ich aber auf gar keinen Fall mehr will, ist, dass jeder meiner Schritte nachvollziehbar ist und gespeichert wird. Trotzdem: Die Seite Girls 12-14 klicke ich nicht an. Auch nicht: Kids have fun. Bin vielleicht doch nicht fürs Böse gemacht.

Die Seite White Wolves – Research – Intelligence – killing Pro services (Bitcoin & Cash) versteht sich als ein professioneller Service für Problemlösungen. Hier heißt es: „Sie bestimmen die Mission, wir übernehmen die Verantwortung, und wir führen sie aus.“

Vertrauliche Kommunikation

Auf der Seite Geheimkanal, einer der wenigen schnell zu findenden deutschen Seiten, sind Bilder junger Frauen zu sehen und vorwiegend gelöschte Beiträge eines Users. Der, so verrät ein Kommentar, hatte seinen eigenen Missbrauch durch die Eltern, die auch alles filmten, aus „therapeutischen“ Gründen hochgeladen. Das Forum distanziert sich von „Päds“ und löschte alle Beiträge dieses Users.

Im deutschen Koch-Wiki herrscht auch diese, nennen wir es, Rumpelstilzchen-Atmosphäre. Heute backt einer Haschkekse, morgen braut jemand Buttersäure, übermorgen holt sich einer ein Kind. Unter Drogenrezepten ist bisher nur eine Anleitung verzeichnet: Met – ein alkoholisches Getränk, für das man also Hefe und Honig braucht.

Das Schlimme ist, denke ich nach ein paar Tagen, dass es genau dieses Netz geben muss. Es funktioniert wie jene Siegel, die sich einst auf wichtigen Briefen befanden, die geschützt werden wollten. Was wir im normalen Internet tun, hat ja nichts mehr mit vertraulicher Kommunikation zu tun. Deutlich wird das schon daran, dass es keine E-Mailadresse mehr gibt, die nicht bei irgendwelchen Pokerbanden oder vermeintlich afrikanischen Sofortüberweisungshilferufen bekannt sind. Das Darknet ist dagegen so etwas wie ein Geheimkanal. Ohne Kommerz. Nicht, dass es keine Geschäftemacher im Darknet gäbe, nur befriedigen sie ein anderes Bedürfnis: Unentdecktheit. Ein Markt ist dafür schon da. Doch niemand will hier beworben werden, und die Kunden nehmen für ihre Waren lange Wartezeiten in Kauf.

Als ich den Met-Hersteller – oder wen auch immer – kontaktiere, frage ich ihn, wie das Zeug zu mir gelangen kann? Per Post, antwortet er. Ich: „Wie soll das gehen?“ Er: „Vom Sternzeichen Schildkröte?“ Ich weiß nicht, was ich ihm darauf antworten soll.

Volle Auslastung

Jeder Teil der Gesellschaft, der sich als Minderheit begreift, möchte sich verschlüsseln. Das gilt für Pädophile, für die Mafia, die NSA, aber auch für die taz. Sie hat ihr Archiv ins Tor-Netz eingespeist. Genauso gilt das für Oppositionelle und Regimekritiker. Der Ort des Bösen ist ein Ort der Freiheit. Aber wird jeder Ort, an dem Freiheit existiert, auch zu einem des Bösen?

Es ist mittlerweile Wochenende. Da selbst Drogendealer, Mafiabosse und Oppositionelle in der Woche zu arbeiten scheinen, hängen sie jetzt den ganzen Tag am Computer. Ein total überlaufener Samstag. Kaum eine Seite lässt sich öffnen, ständig bricht das Netz zusammen. Aber endlich erhalte ich Antwort von dem Auftragskiller: „I‘m not in the business anymore.“ Ich finde das beruhigend.

Jede Pornoseite im Internet ist übrigens besser als die, die man hier im Darknet findet. Dort Metro, hier eher ein Spätverkauf. Alles sieht so aus, als würden irgendwelche Typen irgendwelche Bilder irgendwelcher Brüste hochladen. Im echten Leben haben sie wahrscheinlich noch nie welche berührt. Eklig allerdings ist das Angebot mit den Katzen, nur einen Klick weiter.

Die Server sind über die ganze Woche voll ausgelastet. Wenn ich mich einwähle, erscheint ein Globus, auf den ich lange starre und auf dem ich sehe, wie viele Server an welchen Orten der Welt stehen. Über seinen Bauch erstreckt sich ein Netz von Fäden. Man kann dort aber nur einen geringen Teil von dem anklicken, was eigentlich los ist. Viele Seiten tauchen im Hidden Wiki nicht auf.

Wahrscheinlich ist mir das Darknet auf Dauer doch zu langsam. Auch bin ich weder reich noch kriminell geworden. Vielen Leuten wird es wohl ähnlich gehen: Wenn alle Türen offen stehen, weiß man nicht, durch welche man gehen soll. Aber nein, was schreibe ich, genau in dem Augenblick habe ich eine Idee: Ich spare jetzt für ein wahrhaftig anderes Leben. Im Darknet kann ich mir eine neue Identität kaufen, eine amerikanische noch dazu. Vielleicht verschwinde ich ja dieses Mal wirklich.

Andrea Hanna Hünniger wurde 1984 in Weimar geboren. Sie studierte Kulturwissenschaften, Philosophie und Geschichte in Göttingen. 2011 veröffentlichte sie Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer. Für den Freitag traf sie zuletzt die Bestsellerautorin Hanna Rosin

09:00 28.02.2013

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