Ich kann mich doch bewegen

Geburtstag Hans Magnus Enzensberger hat eigentlich keine Lust, nur achtzig zu sein. Davon ist er an seinem Geburtstag weiter entfernt denn je

Ein Dichter ist immer ein Einzelner, ein Querständiger, er bildet eine eigene Sekte, mit nur einem Mitglied. Da mag er sich, vorübergehend, noch so eng einer Gruppe anschließen, einem institutionellen Rahmen, sei es nun eine Zeitschrift, ein Verlag, eine Partei. Es bleibt, wenn der Lärm vergeht, der Qualm endloser nächtlicher Diskussionen sich verzogen hat, immer wieder er, allein vor dem weißen Blatt. Und um ihn und in ihm die Welt, die ganz subjektive, einmalige.

Diese Subjektivität ohne Maß, die sich nicht einfangen, nicht einspannen, nicht zähmen lässt, diese Asozialität, die auch eine Liebe immer nur auf Zeit aufheben und bändigen kann, ist und bleibt eine Zumutung. Sie erinnert uns daran, dass es Dinge gibt, die zu keinem Ergebnis führen, aus denen wir nicht klug werden, mit denen wir nicht zu Rande kommen. Und eine Zumutung ist auch, dass sich da einer gibt, ohne zu rechnen. Er investiert nicht, er teilt. Er kalkuliert nicht, er schenkt. Und er rechnet auch nicht auf oder ab. Denn es geht ja immer um ihn selbst, den Dichter. Und um uns, die Leser.

Bei Hans Magnus Enzensberger, dem Unruhestifter und loyalen Freund, Rätselaufgeber und Kinderverlocker, Kursbuch-Herausgeber und Filmemacher, zeigt sich dieser Zug der Großzügigkeit auf sehr reine Weise in dem Gedicht Die Kleider (in der Sammlung Die Furie des Verschwindens von 1980). Es ist ein Liebesgedicht, ein Abschiedsgedicht, ein Gedicht über das Eigene, das Fremde und die unaufhebbare Distanz zwischen beidem.

Gewisse Räume

„Da liegen sie, still und katzenhaft / in der Sonne, nachmittags, / deine Kleider, ausgebeult, / traumlos, wie ein Zufall. / Sie riechen nach dir, schwach, / sehen dir beinah ähnlich. (. . .) Aber wo du bist, ob du leidest, / was du mir immer hast sagen wollen / und nie gesagt hast, / ob du wiederkommst, ob das, / was geschah, aus Liebe geschah / oder aus Not oder Vergesslichkeit, / und warum dies alles so, / wie es gekommen ist, / gekommen ist, / als es ums nackte Leben ging, / ob du tot bist, oder ob / du dir nur die Haare wäschst, / das sagen sie nicht.“

Gewisse Grenzen dürfen nicht überschritten, gewisse Räume nicht betreten werden, auch wenn wir es uns anders wünschen. Um sie dennoch vermessen zu können, dazu bedarf es sprachlicher Präzision ganz verschiedener Art: sarkastischer, ironischer, beschreibender, provozierender, anklagender, sympathisierender, dokumentierender.

Es sind Haltungen, die der Schreibende einnimmt, Haltungen der Wirklichkeit gegenüber und dem Text. Und es seien diese Haltungen, an denen man festhalten könne, so Enzensberger, nicht Ansichten, Ideologeme, Meinungen. Denn „Haltungen sind weniger verderblich, sie sind schwerer zu widerlegen, sie lassen einen weiteren Spielraum des Handelns, und trotzdem sind sie unverwechselbar.“

Den Spielraum der Haltungen und des (auch widersprüchlichen) Handelns hat Enzensberger genutzt – was ihm als Chamäleonhaftigkeit vorgehalten wurde und als Flucht vor politischem Engagement, etwa von Peter Weiss, der sich, in der wilden APO-Zeit, eine eindeutigere Stellungnahme gewünscht hätte. Was aber wäre die Alternative? „Mich stört ja schon der Ausdruck, was ist Ihr Standpunkt? Ich bin doch nicht fixiert auf einen Standpunkt, ich kann mich doch bewegen. Diese Art von Beweglichkeit ist ja eigentlich so was wie ein Lebenszeichen.“

Uns heute ist jemand, der in den Ferien nicht, wie seine kubabegeisterten linken Kollegen, nach Sardinien, sondern auf die revolutionäre Insel selbst reist, um Erfahrungen mit den eigenen Sinnen zu machen, jemand, der mit Zweifeln zurückkommt, die er nicht verschweigt, näher als die Revolutionsromantiker, die an die gute Sache glauben und daran, dass sie sich ausrufen und herbeischreiben lässt. Der Skeptiker, den nicht Sentiments und widerspruchsfreie Weltbilder interessieren, sondern die Realien, setzt sich da natürlich ihren Angriffen aus. Enzensberger aber ist nicht Propaganda-Journalist, sondern Schriftsteller, die Wahrheit daher für ihn immer (auch) eine ästhetische. Und der ist mit Schwarzweißmalerei im Dienst der (vermeintlich) guten Sache nicht gedient.

So vieles gab es damals, in den Sechzigern, Siebzigern, wogegen man sein konnte. Die Eltern, die Professoren, die Medien, den Staat. Uns Nachgeborenen, denen sich alles, was nach einem bekenntnishaften Ja oder Nein verlangt, mit einem Skepsisfilm und Missbrauchsverdacht überzieht, ist da bei Enzensberger in den ersten Gedichtbänden das Ich ja eher noch zu häufig ins Wir verrutscht, sitzen die Gewissheiten noch zu fest im Sattel.

Abstand halten

Das ist, sagen wir uns bei der Lektüre, den kollektiven Zeitumständen geschuldet, gewiss, und Enzensberger hat sich schon früh mit dem Ausruf „Loslassen! Loslassen! Ich bin keiner von euch / und keiner von uns“, zu entziehen versucht – er wusste um die Verführbarkeit des Intellektuellen, die verlockende Maskierung als Prophet, und dass, „wer Abstand halten will“, „in gewisser Weise dem Zeitgeist doch anheimfällt“ und politischer Vereinnahmung, durch Feinde, durch Freunde.

Die Verankerung des Intellektuellen in der Wirklichkeit ist schwankend. Enzensberger hat sie produktiv gemacht, hat sie als Bewegung zur Veränderung bejaht. Konsequenz, sagt er, verstünde er lieber als rhetorische denn moralische Kategorie, um jemanden, der eine solche ziehe, nicht in falsche Treue zu zwingen, die Verbohrtheit und Rechthaberei ähnlich sei – „jemand, der dafür bezahlt wird, dass er seinen Kopf gebraucht, darf das nicht tun“.

Korrekturen sind vorzunehmen, Dogmatik zu meiden. Und so sind seine Essays und seine Gedichte nicht nur an uns, sondern immer auch an ihn, den ersten Leser, den Autor gerichtet, sind Ermunterungen, Tröstungen, Aufrichtungen, Durchhalte- und Anfeuerungsformeln, (auto-)reflexive Operationen. Es geht ihm nicht darum, Strukturen zu verfestigen – ihn interessiert stets ihre Lockerung, Auflösung, Verwandlung. Mit den Mitteln der Sprache.

Rebus, Gedichte. Hans-Magnus Enzensberger. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 120 S., 19,80 E

. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, 72 S., 10 EFortuna und Kalkül Zwei mathematische Belustigungen

Enzensberger/Johnson: , Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, 343 S., 26,80 Efuer Zwecke der brutalen Verstaendigung, Briefwechsel

Ich bin keiner von uns. Filme, Porträts, Interviews (Durruti Biographie einer Legende, 1972; Requiem für eine romantische Frau, 1999; Ich bin keiner von uns, Porträt von Ralf Zöller, 1999; Ohne Rücksicht auf Verluste, Enzensberger im Gespräch mit Alexander Kluge, 2009), Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, 2 DVDs, 29,90 E

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:50 11.11.2009

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1