Ich kann nicht mehr mit dem Rücken zur Tür sitzen

Im Gespräch Der Sudanese Napoleon Adok Gai - "Kindersoldat" seit seinem elften Lebensjahr - über ein Dasein zwischen Alpträumen und Schuldgefühlen

Nach dem gerade veröffentlichten Report der Koalition zur Beendigung des Missbrauchs von Kindern als Soldaten (s. Kasten) waren in Afrika zwischen 2001 und 2004 100.000 Kindersoldaten im Einsatz. Allein im Sudan haben die Konfliktparteien derzeit etwa 22.000 Minderjährige rekrutiert.

Der heute 31-jährige Napoleon Adok Gai stammt aus der Region Bahr el Ghazal im Südsudan und floh 1983 vor dem ausbrechenden Bürgerkrieg zwischen der sudanesischen Zentralregierung und den Rebellen der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA) in ein Flüchtlingslager nach Äthiopien. Doch auch dort war die SPLA präsent und gliederte den damals Elfjährigen unverzüglich in ihre Militärformationen ein. Adok Gai lebt heute in Nairobi (Kenia) und hat eine dreijährige Tochter.

FREITAG: Was ist damals im Flüchtlingslager genau passiert?
NAPOLEON ADOK GAI: Das Lager wurde zwar von der UNO versorgt, aber gemeinsam von der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA) und der äthiopischen Regierung (zu dieser Zeit unter Mengistu Haile Mariam - d. Red.) verwaltet. Und die SPLA hatte die Gewohnheit, ihre Kämpfer unter den Flüchtlingen zu rekrutieren. Ich kam als "unbegleiteter Minderjähriger", wie das hieß, in ein Kinderlager innerhalb des Flüchtlingscamps. Das war wie ein Pfadfinderlager organisiert und gefiel mir anfangs sehr. Dann wurden die Älteren - die zwischen 10 und 16 - für drei Monate zum militärischen Training geschickt, zusammen mit erwachsenen Männern.

Wusste die UNO davon?
Ich habe keine Ahnung. Ich war elf, zu dieser Zeit wusste ich nicht einmal, dass die UNO überhaupt existierte. Das Militärlager war 80 Kilometer vom Flüchtlingscamp entfernt. Wie die Erwachsenen bildeten auch wir Kinder eigene Militäreinheiten, die "Red Army". Ich wurde Hauptfeldwebel und hatte 200 Jüngere zu führen.

War Ihnen bewusst, was mit Ihnen passierte?
Noch drohte ja keine Gefahr, es war einfach nur aufregend. Normalerweise sollte man Angst vor einem Gewehr haben, aber wenn man selbst damit umgehen kann, vergeht die Angst. Wir sahen Filme, in denen viel geschossen wurde - offenbar, um uns an diese Bilder zu gewöhnen. Ältere Kinder, die vor uns das Training abgeschlossen hatten, trugen schöne Uniformen und wurden von allen respektiert. Wir wollten so sein wie sie. Sie waren richtige Männer - und wir gar nichts. Wir wollten so schnell wie möglich in den Kampf ziehen.

50 Jungen gingen auf eine solche Mission - und 20 kamen wieder

Was passierte nach der Ausbildung?
Die Erwachsenen gingen an die Front. Uns schickte man in ein Militärlager nach Bongo (in Äthiopien - die Red.), wo wir für zwei Jahre wieder zur Schule gehen konnten, aber auch eine Reservearmee waren: Wir mussten zum Beispiel Versorgungstransporte von Äthiopien in den Sudan eskortieren. Anfangs geschah das etwa einmal in zwei Monaten, später jede Woche. Das war kein Spiel mehr, das war richtiger Kampf. 50 Jungen gingen auf eine solche Mission - und 20 kamen wieder. Und denen, die wiederkamen, fehlte oft ein Arm oder ein Auge. Ich hatte Angst, schob sie aber weg: So was passiert den anderen, dachte ich, mir nicht.

Sie sagten, man habe Kinder und Jugendliche als Reservearmee betrachtet - was muss man sich im einzelnen darunter vorstellen?
Wir lernten zum Beispiel nach dem Schulunterricht, mit Sprengstoff umzugehen. Uns wurde gezeigt, wie man Landminen legt und wieder entschärft. Einmal sollten wir eine Straße von Minen räumen. Da wurde einem von uns der Kopf abgerissen. Ich wusste, dass Menschen im Kampf sterben, aber das hat mich entsetzt: Es war ein Freund, mit dem ich alles geteilt hatte. Zum ersten Mal wurde mir klar, in welcher Gefahr ich mich befand.

Wie alt waren Sie da?
Ich war 15, als das mit meinem Freund passierte. Dieses Erlebnis wurde zum Wendepunkt: Ich wollte nicht mehr mitmachen, war aber zu diesem Zeitpunkt schon fast vier Jahre ausgebildet worden und hatte auch Kampferfahrungen. Mir war klar, sie würden mich nicht gehen lassen.

Was meinen Sie mit Kampferfahrungen?
Die Gewissheit, du musst töten, um nicht getötet zu werden. Wenn einer deiner Gefährten neben dir stirbt, kriegst du Angst und denkst, du musst etwas tun, damit dir nicht das Gleiche passiert. Dabei bestand das Risiko oft weniger im Kampf gegen andere Soldaten als viel mehr in den Leuten, die dich ausrauben wollten, weil sie dachten, du bist nur ein Kind und kein ausgebildeter Soldat.

Waren Kindersoldaten zu dieser Zeit eher die Ausnahme?
Für uns hat das Wort "Kindersoldaten" nie existiert. Es war die Norm - ein Kind ohne Gewehr, das war ungewöhnlich. Ohne Gewehr konnte man jederzeit sterben.

Haben Sie mit anderen Kindern über Ihre Lage gesprochen?
Anfangs schon, aber nach zwei Jahren strenger militärischer Disziplin wurde es schwieriger. Man galt als Aufwiegler. Und die Erwachsenen sorgten sich wenig darum, ob es fair ist, dass Kinder zu Soldaten werden. Außerdem, wer keine Uniform trug, beneidete uns. Dies war der einzige Weg, um an Bildung zu kommen.

Wussten Sie, wofür Sie kämpfen?
Jeder wusste, unser Land wird von einem ungerechten System regiert. Krieg war normal im Sudan. Jeder kannte die Geschichten vom Befreiungskampf im Süden und dass die "Araber" - wie das Regime in Khartum genannt wurde - uns schlecht behandeln. Dörfer wurden bombardiert. Ich kannte das Schicksal anderer Kinder, deren Mütter erschossen und deren Schwestern vergewaltigt worden waren. Alle hatten Furchtbares erlebt und wollten sich rächen. Während der Militärausbildung haben wir immer gefragt, warum sind wir hier, warum wird auf uns geschossen? Die Ausbilder sagten uns, wir kämpfen für unsere Unabhängigkeit. Nur, dass wir Kinder eben die Konsequenzen nicht begriffen.

Alle hatten Furchtbares erlebt und wollten sich rächen

Wie haben Sie es geschafft, heraus zu kommen?
Anfang der neunziger Jahre brauchten sie Leute, die sich in der sudanesisch-äthiopischen Grenzregion auskannten und wussten, wo die Minen liegen. Ein Militärarzt gab mir einen Job als Bodyguard. Offiziell war ich zwar immer noch beim Militär, aber nicht mehr an der Front. Ich fuhr jetzt vor allem Verwundete ins Hospital, so dass ich in Kontakt mit internationalen Hilfsorganisationen kam. Damit eröffnete sich mir eine völlig neue Welt - jenseits von Militär und Krieg. 1993 halfen mir dann Freunde vom Roten Kreuz, nach Nairobi zu gehen und eine Ausbildung als Computer- und Softwaretechniker zu machen. Danach ging ich nach England und studierte Informationstechnologie.

Sie engagieren sich heute für die Demobilisierung von Kindersoldaten ...
Ja, 2.000 von ihnen sind auch dank meiner Arbeit von der SPLA entlassen worden. Wir bekommen unsere Kindheit nicht zurück, aber vielleicht können wir andere davor bewahren, sie zu verlieren. Ich tue das auch für meine gefallenen Kameraden.

Wie leben Sie inzwischen mit dem, was Sie erlebt haben?
Ich lebe mit der Schuld, Verbrechen begangen zu haben. Als Kind hat man einfach Angst und schießt. Andererseits ließen mich diese Erfahrungen auch zu dem werden, der ich heute bin. Andere in meinem Alter laufen in ihrem Dorf noch immer den Ziegen hinterher. Aber ich lebe nach wie vor in ständiger Angst. Ich kann nicht mehr mit dem Rücken zur Tür sitzen, ich vertraue niemandem. Es wird besser, aber die Albträume kommen jede Nacht. Ehemalige Kindersoldaten bleiben soziale Landminen. Fassen sie nach dem Militär nicht im zivilen Leben Fuß, werden sie oft zu Verbrechern - sie können schließlich mit Waffen umgehen.

Welche Tendenz sehen Sie in Afrika für den Einsatz von Kindersoldaten?
Je länger Kriege dauern, desto größer die Bereitschaft, Kinder zu rekrutieren. Nehmen Sie nur den Sudan, es gibt dort keine Kriegswaisen, die auf der Straße leben, weil die islamistische Regierung sie in Lager bringt, angeblich zur Resozialisierung. Tatsächlich werden sie militärisch trainiert, um in den Heiligen Krieg geschickt zu werden - und für den gibt es keine Altersschranken.

Das Gespräch führte Anja Bengelstorff

s. auch Gurtong Peace Project: www.gurtong.net


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Dokumentation

Eine Welt ohne Kindersoldaten ist möglich

Weltreport Kindersoldaten*

In mindestens 20 Ländern, die zwischen 2001 und 2004 von Kriegen heimgesucht wurden, waren Kinder unter den Kombattanten - unter anderem in Afghanistan, Angola, Burundi, in der Demokratischen Republik Kongo, in Kolumbien, der Elfenbeinküste, in Guinea, Indien, Irak, Palästina, Indonesien, Liberia, Myanmar (Burma), in der Russischen Föderation, in Ruanda, Sri Lanka, Somalia, Uganda, im Sudan und auf den Philippinen

In der Regel sind es aufständische Rebellenarmeen, die Kindersoldaten für den Kampf gegen die jeweiligen Regierungen rekrutierten. Allerdings scheuen auch die nicht vor der Anwerbung oder Zwangsrekrutierung von Kindern und Jugendlichen zurück. Der UN-Sicherheitsrat hat zwar derartige Praktiken wiederholt verurteilt - konnte sich aber lediglich bei sechs Staaten (fünf davon in Afrika) zu Sanktionen durchringen.

Nach dem Abflauen der Kämpfe in Afghanistan, Angola und Sierra Leone wurden dort zwischen 2001 und 2004 etwa 40.000 Kindersoldaten demobilisiert, zugleich jedoch Tausende von Kindern in den Konflikten an der Elfenbeinküste, im Sudan und in Liberia neu rekrutiert. Die Tatsache, dass viele Kinder in Gebieten kämpfen, die für Hilfsorganisationen allein schon aus Sicherheitsgründen nicht zugänglich sind, erschwert die Ermittlung exakter Zahlen über Kinder im Kriegseinsatz.

Seit 2002 verbietet ein Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention, Minderjährige für Militäreinsätze zu missbrauchen. Obwohl das entsprechende Abkommen bisher von 116 Staaten unterzeichnet und durch 87 ratifiziert wurde, halten sich die Demokratische Republik Kongo, Liberia, Ruanda, Uganda, Afghanistan, die Philippinen und Sri Lanka als Signatarstaaten nicht an die gegenüber den Vereinten Nationen eingegangenen Verpflichtungen.

* Vorgelegt wurde der Report am 17. November 2004 von einer Koalition führender Kinder- und Menschenrechtsorganisationen.


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00:00 26.11.2004

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