Ich kenn´ einen, der kann reimen ...

Rap aus dem Umkleideraum Die Neuköllner Oper bringt mit "Schichtwechsel" eine erste Rap-Oper auf die Bühne

Das ist kein Mythengepuder für die Opernluder, kein Purgatorium fürs Direktorium, kein Repräsentationsgebürstl für Regierungswürstl, kein Herzpräparat für den Studienrat. Da sollten sie hingehn, das sollten sie ansehn, da sollten sie reinhörn und der Ignoranz abschwörn. Das ist kein Stumpfgedaddl der Gangstarrapperei, kein Grimassieren der Deutschkasperei, das ist der Socialbeat der Gutpartei - überhaupt nicht peinlich und einwandfrei.

Das zuvor. Die Neuköllner Oper ist wieder über sieben Brücken gegangen und hat eine RAPsodie für vier Mitarbeiter in zehn Abwicklungen auf die schmale Studiobühne gebracht. Da posen, fallen auf die Schnauze und kotzen ins Waschbecken - immer dicht am Publikum - vier Gesangs- und Rap-Artisten, die waidwund die Stationen ihrer Abwicklungen in Metallspinde jodeln, zügig durch die deutsche Arbeits- und Seelenlandschaft. Die Umkleideraum-Spinde bilden die beinahe einzigen Requisiten des Stücks, und aus ihnen heraus tauschen die Darsteller ihre je neuen Existenzen mit den Lumpen der alten. Das könnte auf das Grauen des sozialdemokratischen Nummerkabaretts verweisen. Aber der Linguist, bürgerlich Kofi Yakpo, zuständig für die Lyrics, weiß, dass zum Abwickeln immer mindestens zwei gehören. So schnürt er dem Anteil der "Selbstabwicklung" in kranken Gesellschaften in hinreichend sabbernder Schnauze hinterher. Wichser in weiß, identitätsstiftende Gewalt, konsumistischer Schnittengebrauch, Familienmetzger, Kassiererinnen im Taumel zwischen Kasse und Kunden, Bullenmobbing, Fickfeste... Da stöhnt der Linguist: "ich find es klasse, dass es da draußen eine masse menschen gibt die meine texte besser kennen als das deutschlandlied. doch würd ich lieber revolutionsballaden singen, die bis in den magen schwingen und die menge auf die barrikaden bringen."

Mit seiner Gruppe Advanced Chemistry (Heidelberg) war Linguist einer der ersten, der zeigte, dass man auch auf Deutsch battlen oder batteln kann, wenn man gut genug ist. Seine Rapperkarriere hat er vor Jahren mit dem Stück Fremd im eigenen Land und der Zeile eröffnet: "Ich hab einen grünen Pass mit ´nem goldenen Adler drauf / Dies bedingt, dass ich mir oft die Haare rauf". Auch wo´s hier mal pädagogisch zu werden droht, weil´s auch persönlich drückt, da wo die Ausgrenzung der Immigranten und ihrer Kinder beweint wird, auch da also haut er dann gleich wieder so vorzügliche Rhymes hinein: "keine glatze läuft so schnell wie ich auf hundert meter aber wohin soll ich fliehn vor nem schreibtischtäter?", dass man platt ist und mitmuss mitm Rhythmus.

Die Geburt der Musik aus dem Rhythmus: Ganz sparsam, minimalistisch sind die Einspielungen der von Rainer Killius gebauten Klangrahmen. Ein Herzschlag gibt die Beats vor, ein tropfender Wasserhahn, die Zahnbürste im Munde von Frau Haas schmissig geführt. Oft gibt es ein einleitendes A-cappella-Getüpfel oder Bassgebrumsel der Akteure, bevor dann losgerappt wird. Sie bringen es alle vier, und sie bringen es so, dass alles selbst einem etwas harthörigen Publikum verständlich bliebe. Ach, um es korrekt zu sagen: Sie haben den Flow.

Enthoben sind wir der Standbein-Spielbein-Katastrophe avancierten Absingens oder Aufsagens. Dem Regisseur ist ein unaufdringliches Körpertheaterderivat gelungen.

Und kein bisschen von diesem Prolo-Dissen, mit dem die Rapper schon oft unsere Gunst vertan? Nee. In der Disser-Abwicklung, im Übrigen einer Schneewittchenvariation - "spieglein, spieglein an der wand, wer ist der beste rapper im ganzen land?" - vertiefen sie in lockeren Rhymes die Gewissheit, dass irgendwo und irgendwann immer ein noch besserer, schnellerer, höherer, weiterer Unglücklicher lauert: "ihr seid ein dichter mit profil, ein poet mit erlesenem stil. Doch gibt es einen in den bergen o herr, ich kenne keinen der kann reimen wie er. Wenn er rappt tun flüsse aufhören zu fließen, um seinen flow zu genießen. Noch ist er keinem hier bekannt, doch ist er der beste im ganzen land...", sagt das Spiegelchen.

Bis auf weiteres, möchte man schleimen: der Linguist ist´s mit seinen Reimen.

00:00 27.02.2004

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