Ich kenne diese Typen

Existenzialist Anmerkungen zu Bob Dylan, der Kulturindustrie und der Nasalkultur aus Anlass seines 65. Geburtstages

Eine internationale Adorno-Konferenz in Las Vegas oder in Disneyland, Florida, wäre sicherlich eine reizvolle Sache. Aber wer möchte da schon Veranstalter sein und Sponsoren suchen müssen. Ungleich leichter stellt sich die umgekehrte Situation dar, eine Konferenz ausschließlich über einen amerikanischen Popstar in der Stadt, von der einst die Bannsprüche wider die Kulturindustrie ausgingen. Glücklicherweise hat sich inzwischen die Ansicht verbreitet, dass eben diese Industrie eine nicht nur bedeutsame, sondern auch interessante Einrichtung ist, die nähere Betrachtung verdient.

Diedrich Diederichsen ist einer der Pop-Intellektuellen, denen so etwas nicht mehr erklärt werden muss. Er gab das entscheidende Stichwort, als er meinte, wie schön es doch sei, dass so viele Themen am Beispiel von Bob Dylan abgehandelt werden könnten. Der Kongress am vergangenen Wochenende in Frankfurt gab ihm Recht. Politik, Religion, Poesie und Musik, Sprache und natürlich Kulturindustrie waren einige der Themen auf dem ersten Bob Dylan-Kongress in Deutschland, zu dem das Institut für Sozialforschung und der Hessische Rundfunk eingeladen hatten.

Wenig Aufschluss konnte in Frankfurt allerdings über die neuesten Techniken und Strukturen jener viel geschmähten Industrie erwartet werden. Mit seinen bald 65 Jahren, am kommenden Mittwoch ist es soweit, ist Dylan ein Veteran. Er überrascht zwar immer noch, wie mit der Veröffentlichung seiner musikalischen Autobiografie, den Chronicles. Volume One, steht jedoch mittlerweile (auch wenn Martin Scorsese ihm aktuell mit No Direction Home einen Film gewidmet hat) mehr am Rand des Pop-Business. Und doch: Die Biografie dieses Songwriters ist geeignet, das popkulturelle Geschehen der letzten Jahrzehnte zu rekapitulieren und en passant jene Kritiker der Kulturindustrie, Adorno-Schüler und andere, zu beobachten und etwas über die Veränderungen im Umgang mit der Massenkultur zu erfahren.

Adorno hätte diese Veranstaltung sicher nicht gefallen. In den frühen sechziger Jahren war Bob Dylan der Protest- und Politsänger. Hier wäre das Verdikt kunstfeindlichen Engagements fällig gewesen. Auf der anderen Seite sind da Gassenhauer wie Blowin´ in the Wind und weitere, zum Teil eklatante Beispiele, wie Dylan sich verkauft hat. So mokierte sich der als "Weltautorität" in Sachen Dylan eingeführte Michael Gray darüber, wie der ehemalige Protestsänger sich noch beschwerte, dass Ray Charles den Maxwell House Coffee bewarb, Aretha Franklin die Vorzüge von Coke empfahl, später der Kritiker Dylan sich und seine Songs bedenkenlos verdealte. Aber das waren Oberflächenscharmützel, über diese Fragen waren alle längst hinaus, das alles wurde vor 10, 20 Jahren durchdekliniert.

Heute sind andere Annäherungen möglich, werden anderen Positionen eingenommen. An einem Pol befindet sich Michael Gray. Er hat umfangreiche Dylan-Standardwerke geschrieben, dazu ein Handbuch und wird demnächst eine Dylan Encyclopedia veröffentlichen. Gray weiß womöglich mehr über Dylan als dieser selber, musste allerdings, als er sich jetzt dem Ort näherte, an dem einst auch Elvis musizierte, bei Google informieren, wer denn nun wieder diese Lokalgröße namens Adorno ist.

Am anderen Pol befindet sich Richard Klein. Er hat Orgel und Kirchenmusik studiert, über Richard Wagner und Adorno Bücher geschrieben und vor kurzem eine Untersuchung mit dem Titel My name it is Nothin´. Bob Dylan: Nicht Pop, Nicht Kunst vorgelegt. Darin stellt er fest: "Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Rockmusik und ästhetische Selbstreflexion keine Widersprüche sein müssen, dann ist er hier gegeben worden." In Frankfurt hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, die viel beklagte religiöse Phase Dylans, mit ihren Predigten und Gospels, musikologisch genauer zu betrachten. Fern davon, an dieser Bekennungssucht irgendetwas zu finden - und es gab nicht wenige, die darüber jammerten, wie dieser seinerzeit stundenlang predigte statt seine Songs zu bringen -, konstatierte er eine Gelöstheit des Gesangs auf Alben wie Nashville Skyline, die eine "an das Persiflagenhafte grenzende intellektuelle Distanz" mit der "Erschließung eines neuen Resonanzraums" verband, da es dem Sänger gelang, die Spuren der Nasalität weitgehend zu tilgen. Klein fasste diese Phase mit den Worten zusammen: "Hört mal her Leute, ich singe ein paar ziemlich doofe Songs, aber die ganz toll."

In Frankfurt hatte niemand Bedenken, klassische ästhetische Analyse und Popkultur zusammenzubringen, und es war ausgesprochen wohltuend, dies an dem Ort zu vernehmen, an dem einmal emphatisch die Autonomie der Kunst verteidigt wurde - und in dem Wissen, dass diese Position gerade in Deutschland noch immer von Fundamentalisten auf Lehrstühlen und in Redaktionsstuben besetzt wird. Es geht auch nicht darum, ein Ereignis der Popkultur zu adeln, wie es in der Literatur, bei Krimis, Science-fiction-Romanen, oder auch in der Musik gerne getan wird, mit dem Tenor: Üblicherweise ist das alles Schrott, aber dieses einzelne Produkt kann bestehen und wird zugelassen.

Dieses Verfahren wäre auch bei Dylan möglich. So schreibt Richard Klein: "Das Lied mit der größten Spannweite zwischen Vers und Klang ist Desolation Row. Dass Dylan diesem frei flottierenden Exzess an Bildern, Worten und Traumsequenzen überhaupt eine musikalische Gestalt geben konnte, möchte man auch heute noch kaum glauben." Der Maßstab ist hier jedoch nicht die Hochkultur, vielmehr geht es um die Bestimmung des Maßstabes, auf Grund dessen geurteilt wird und den Klein weder in den Studio-Aufnahmen, noch dem Live-Konzert, sondern einer besonderen Art der Performanz verortet.

Andere Teilnehmer gingen weniger ins musikalische Detail, blieben aber auf dieser vorgezeichneten Linie. Auch Susan Neiman stellte erleichtert fest, dass hier zweifelsfrei die Dichotomie von "High" und "Low" zugunsten einer einen und einzigen "Culture" aufgehoben sei. Sie hatte auch ein schönes Beispiel aus den Chronicles parat, wo Dylan über seine frühe Lektüre spricht, über Rousseau, Montesquieu und andere und bemerkt: "I know these guys." Peter Kemper analysierte das Verhältnis von Dylan und John Lennon in der Art, wie Germanisten die wechselvolle Beziehung von Goethe und Lenz thematisieren - und es war keine Frage, welche Untersuchung interessanter ist. Manche Anekdote kommentiert treffend die Musikgeschichte, etwa die, wie Dylan erst den Beatles das Kiffen nahe bringt, insgeheim zugeben muss, dass diese Band die Zukunft der Rockmusik, aber Yesterday und anderes nur Muzak ist. Axel Honneth steuerte eine philosophische Betrachtung über das Freiheitspathos bei; er hatte festgestellt, dass etwa die Hälfte aller Dylan-Songs mit "I" beginnen und das "We" ausgesprochen rar ist und hier eine amerikanische und sehr einflussreiche Variante des Existenzialismus vorliegt.

Klaus Theweleit setzte hier an und thematisierte wie fast alle die Ambivalenz, die von Dylan ausgeht. Einerseits begeisterte er sich an einem Songwriter, der sich mit seiner Band in den Keller verzieht und sämtliche Stücke der Folktradition durchspielt, sozusagen diese Tradition der amerikanischen Geschichte "in die Finger" aufnimmt und damit eine "eigene Spur der amerikanischen Intellektualität und des Gitarrenschlags" fortführt. Theweleit, stets auf der Suche nach einem weiteren der vielen und auch anderen Amerikas, sah aber auch die Schattenseite und wie bei Gottfried Benn "Zeilen, die töten", die Beziehungskatastrophen verherrlichen - It´s all over now, Baby Blue. Was das Gegenteil von "Zeilen, die töten" ist, verriet er nicht, aber es war klar, dass der Gegensatz von Kunst und Kommerz völlig inadäquat ist, um hier etwas herauszufinden.

Hatten sich in Frankfurt in die Jahre gekommene Dylanologen versammelt, um über die zahlreichen Verwandlungen und Masken ihres Idols, das von Dylan meisterhaft exerzierte Spiel von Authentizität und Verwandlung, nachzugrübeln - ergänzt um Fans und Seiteneinsteiger oder Enttäuschte wie Annette Simon, die noch einmal fragen, warum das Idol 1987 in Ost- Berlin, Treptower Park, so demotiviert herumnölte, statt Aufbruch zu verbreiten? Das kann man so sehen, aber eine Bestandsaufnahme von mehr als 40 Jahren Dylan ist alles andere als nutzlos; die Strategien von individueller Verweigerung und politischer oder ökonomischer Instrumentalisierung, von wohlfeilen Masken oder Moden und Subversion, sind konstitutiv für das Leben mit und in der Kulturindustrie.

Für Axel Honneth war dieser Kongress die Fortsetzung des großen Adorno-Kongresses vor drei Jahren. Für Susan Neiman ist Dylan "Home". Home aber, das ist bekannt, ist der Ort, der in der Zukunft liegt und "worin noch niemand war". Also: Adorno - Dylan -... What is next? "Whatever you gonna do/Please do it fast."


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00:00 19.05.2006

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