Ich koche vor Wut und Frustration

IM GESPRÄCH Die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff über Schaffenskrisen in Krisenzeiten und ihr Leben als jüdische Weltbürgerin in Jerusalem

FREITAG: Wie steht es in letzter Zeit mit dem Schreiben?

ANGELIKA SCHROBSDORFF: Ich habe seit zwei Jahren eine Schreibblockade, die mich sehr beunruhigt. Solche Krisen hatte ich allerdings häufig. Früher habe ich gesagt - na, dann warte ich eben. Jetzt habe ich keine Zeit mehr. Ich will unbedingt noch ein Buch schreiben, das mir sehr am Herzen liegt. Ich warte händeringend auf den Moment, in dem ich kann - und er kommt nicht. Daran ist auch die Lage hier schuld: man kann nicht ewig in unguter Erwartung leben. Grund dafür ist aber auch das Alter, das Kürzerwerden der Zeit und die Angst, nicht mehr die Kraft zu haben.

Sie haben Ihr Buch »Das Haus im Niemandsland« auch während einer politischen Krise - der ersten Intifada - geschrieben. Was beeinflusst Ihre Kreativität?

Die erste Intifada, die vor 13 Jahren begann, war eine ganz andere Geschichte. Da war Hoffnung drin, es bewegte sich etwas. Man spürte: Wir kommen an einen Punkt, an dem sich etwas öffnet. Solch positive Triebkraft war bei mir immer der Drang zum Schreiben, nicht Glück. Ich habe nie in glücklichen Phasen geschrieben, sondern immer in tiefer Verzweiflung. Insofern wäre der Moment jetzt fabelhaft. Ich koche vor Wut und Frustration. Aber diesmal übersteigt es den Pegel. Diesmal bin ich hoffnungslos.

Weshalb?

Dieser ganze sogenannte Friedensprozess stimmt hinten und vorne nicht. Ein Frieden muss von unten wachsen, er kann nicht von oben diktiert werden. In den sieben Jahren nach Oslo hat Israel nichts getan, um Vertrauen aufzubauen. Das palästinensische Volk, für das Ehre, Stolz und Würde so ungemein wichtige Begriffe sind, ist weiter schikaniert, gedemütigt und mit Füßen getreten worden. Rein praktisch ist es nicht mehr vorstellbar, die Massen von Siedlungen, die in den vergangenen Jahren noch weiter ausgebaut wurden, verschwinden zu lassen. Und auch das Jerusalem-Problem wird sich nicht mehr lösen lassen, weil die Fronten sich verhärtet haben. Da mögen die politischen Führer weiter Manöver probieren, um zu einem Abkommen zu gelangen - aber das Volk auf beiden Seiten will nicht mehr. Es ist zu spät.

Wie wirkt sich der Konflikt auf Ihr Verhältnis zur israelischen Gesellschaft aus?

Mit meinen palästinensischen Freunden in Jericho, Ramallah, Beit Jalla und Gaza bin ich schon während der ersten Intifada mehrmals pro Woche in den besetzten Gebieten herumgefahren und habe die Zustände dort intim kennen gelernt. Die herabwürdigende Behandlung der Palästinenser, die Kontrollen, die Lage in den Krankenhäusern haben mir schon damals die Tränen in die Augen getrieben. Ich habe mich so geschämt! Ich habe mich damals bereits mit den Palästinensern solidarisiert. Das hat mein Verhältnis zur israelischen Gesellschaft natürlich negativ beeinflusst.

Sie haben Ihren Wohnort häufig gewechselt, seit Sie Nazideutschland als Kind verlassen mussten. Überlegen Sie wieder, woanders zu leben?

Natürlich. Die jetzige furchtbare Lage war der letzte Tropfen. Ich habe auch vorher manchmal gedacht, dass man in solch einem Land, wo so viel Unrecht geschieht, nicht mit gutem Gewissen leben kann. Außerdem: Das Leben wird kurz. Ich wollte eigentlich noch ein paar ruhige, bequeme Jahre haben, in denen ich mich auf das konzentriere, was ich liebe: Schreiben, Natur, Fahrten in die judäische Wüste, meine Katzen, Lesen. Das wird hier ununterbrochen durchkreuzt. Ich bin ja hier wie in einem Gefängnis. Man kann wegen der kriegsähnlichen Lage jenseits der Grünen Linie ja nur noch nach Westen raus, nach Tel Aviv, das ich überhaupt nicht mag, oder nach Haifa oder Galiläa, was weit ist.

Wo würden Sie leben wollen?

Früher kamen mir diese unreifen Gedanken von der einsamen Insel, einem schön eingerichteten kleinen Haus mit einem großen Garten, Meer, Wärme - eine Idylle, die vermutlich zu unendlicher Langeweile führt. Den Traum hab ich mir abgeschminkt. Ich will mich noch nicht von der Welt zurückziehen. Ich brauche Menschen, sie sind mein Material, sie interessieren mich mehr als alles andere. Die natürliche Alternative wäre Deutschland. Das ist meine Kultur. Ich schreibe in Deutsch. Ich verstehe mich mit Deutschen spontan. Es ist ein viel leichterer Austausch als mit allen anderen.

Welche Stadt käme in Frage?

Nur Berlin. Ich habe lange notgedrungen in Bayern gelebt und war todunglücklich. Gewiss - die Kindheit, das Haus im Grunewald am Wannsee ist nur Erinnerung. Aber dennoch könnte ich wieder in Berlin leben.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Deutschland verändert?

Es ist weiterhin gespalten. Ich war in den vergangenen Jahren meist beruflich dort, wegen der Verlage, nie länger als zwei Wochen. Meist wollte ich schon nach einer Woche wieder weg. Andererseits zieht es mich zu den Freunden dort - wunderbare Menschen, denen ich eng verbunden bin.

Ihre Mutter war Jüdin. Wie stehen Sie zum Judentum?

Als wir emigrierten, verbot mir meine Mutter, das Wort Jude jemals über die Lippen zu bringen. Das wirkte jahrzehntelang wie ein hypnotischer Auftrag. Als ich nach Deutschland zurückkam, wollten die Menschen entweder nichts von dem Thema wissen oder sie überschlugen sich vor angeblichem Mitleid. Unerträglich! Ich habe mein Judentum unglaublich weit von mir geschoben - bis ich nach Israel kam. Da wollte ich zum Judentum zurückkehren. Das Judentum war zwar nicht plötzlich in mir erwacht. Das ist eine lange Erziehung, darin muss man aufgewachsen sein. Aber es sollte wie ein Vermächtnis meinem Bruder gegenüber sein, der im Krieg gegen Deutschland fiel und sein Judentum nie leben konnte, und gegenüber meiner Mutter, die erst kurz vor ihrem Tod akzeptierte, dass sie Jüdin war. Während des Jom Kippur-Krieges habe ich zu fasten versucht, es aber nicht geschafft. Ich habe die Rückkehr zum Judentum schließlich aufgegeben, weil ich nicht lügen wollte: Ich bin eben kein gläubiger Mensch.

Wie fühlen Sie sich hier - als Einheimische, als Ausländerin, als Flüchtling?

Eher als Emigrantin. Bulgarien hat in meiner Seele einen breiteren Raum als Deutschland. Ich liebe die Menschen dort sehr. Paris, wo ich nach meiner Heirat mit Claude Lanzmann lebte, habe ich nie gemocht. Als ich 1983 nach Jerusalem umsiedelte, war ich sicher, dass ich hier meinen Lebensabend verbringe. Als ich dieses Haus kaufte und hier die erste Nacht verbrachte, habe ich vor Glück geheult. Ich habe Jerusalem immer geliebt. Ich dachte, ich hätte meine letzte und erste Heimat gefunden. In Jerusalem - nicht in Israel. Vor ungefähr zwei Jahren spürte ich plötzlich: Um Gottes Willen, ich verliere meine Heimat!

Wegen der politischen Lage?

Nicht allein deshalb, sondern wegen der israelischen Gesellschaft, die zunehmend verflacht und verroht. Nur in meinen vier Wänden fühle ich mich noch daheim. Sobald ich in die Stadt gehe, fühle ich mich von Rücksichtslosigkeit und Grobheit umgeben und wünsche mich weit fort. Ich habe mich nie in die israelische Gesellschaft eingelebt. Aber totale Ausländerin bin ich auch nicht, weil ich Jüdin bin und hier beispielsweise meine alte deutsch-jüdische Gesellschaft habe. Vielleicht sollte ich mich als jüdische Weltbürgerin bezeichnen.

Haben Sie hebräisch gelernt?

Ich kann Besorgungen machen und leichte Konversationen verfolgen, aber mich nicht intellektuell unterhalten. Obwohl ich zwei Mal begeistert begonnen habe, die Sprache zu lernen. Ich habe darüber sogar das Schreiben vergessen. Weil ich aber schreiben muss, habe ich den Sprachkurs abgebrochen. Dann habe ich mir Freunde gesucht, die Englisch, Französisch und Deutsch können.

Was war die glücklichste Zeit in Ihrem Leben?

Es gab mehrere. Natürlich meine Kinderzeit in Berlin. Dann, als ich 16 war und wir wegen der Luftangriffe auf Sofia in ein Dorf namens Bukovo ziehen mussten. Es gab kein Wasser, kein Klo, wir lebten zu elft in zwei Zimmern - aber bei diesen bulgarischen Bauern habe ich mich total glücklich gefühlt. Es gab natürlich auch viele schöne Zeiten des Verliebtseins, voller Illusionen. Als ich Israel 1961 entdeckte und jedes Jahr wieder kam, weil ich hier Freundinnen meiner Mutter - Ersatzmütter gewissermaßen - gefunden hatte, war ich total glücklich.

Beginnt man nach solch einem Leben nicht, die Lage hier philosophisch zu sehen und ein bisschen abgeklärter zu werden?

Ich wünschte, ich hätte dieses Stadium erreicht. Ich würde die Dinge gern mit mehr Gelassenheit sehen. Innerlich vital zu bleiben und physisch alt zu werden, schafft eine schmerzhafte Diskrepanz. Aber ich arbeite an mir!

Das Gespräch führte Anne Ponger

Von Angelika Schrobsdorff erschien u.a.: Die Reise nach Sofia, Die Herren, Jerusalem war immer eine schwere Adresse, Der Geliebte, Der schöne Mann, Die kurze Stunde zwischen Tag und Nacht, Spuren, Jericho und zuletzt: Grandhotel Bulgaria (alle dtv).

00:00 22.12.2000

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