Ich lese eine Palette

Buchmesse Spezial Professor Schütz studiert die Geschichte der Bestseller, entdeckt in Jerusalem eine Art Grunewald und lernt, dass man PiS in Polen anders sieht

Bestseller, von Lesesnobs zwar als Palettenware verachtet, vom Lesepublikum in großen Mengen zumindest gekauft, bleiben ein Faszinosum der Lesewelt. So viele Rezepte zu ihrer Herstellung, so viele Fehlschläge. So viele unvorhergesehene Karrieren, so viele nachgetragene Erklärungen des Erfolgs. Was ist ein Bestseller? Das was Verlage dazu erklären, um einen daraus zu machen? Jörg Magenau, der diesmal weniger als Kritiker, denn Kenner und Liebhaber schreibt, hat sich für diese Frage das deutschsprachige Absatzgebiet vorgenommen: seit 1945, seit Pliviers Roman Stalingrad, sowie 1949, als die Mutter aller deutschsprachigen Sachbuch-Bestseller erschien, Cerams Götter, Gräber und Gelehrte. Ebenso kundig wie elegant steuert Magenau durch alle definitorischen und systematischen Klippen, Untiefen und Strömungen, indem er uns plaudernd an seinen Erkundungen und Erwägungen teilhaben lässt.

Ohnehin will Magenau nicht die ultimative Statistik liefern, sondern die Bestseller als Geheimnisverräter unserer Mentalitätswandlungen und Stimmungsschwankungen lesen. Das ist letztlich noch tückischer als ein Ranking. Dass das jüngste Wohlleben der Bäume und der ihm folgende Kometenschweif an Wald-, Land-, Tier- und Pflanzenlust unsere Sehnsucht nach der so gar nicht mehr natürlichen Natur bedient, ist klar, pfiffig aber die Deutung, dass es bei Wohllebens Erfolg speziell um die schöne Illusion einer sozialdemokratischen (oder gemerkelten) Harmonie- und Solidaritätsgesellschaft geht. In anderen, früheren Fällen ist das nicht so klar, wie vermutlich dieselben LeserInnen Roches Feuchtgebiete und Enders’ charmanten Darm erstanden haben. Darüber will man gar nicht streiten, denn Magenaus Buch ist eine wunderbare Hommage an das Bücherlesen und darin an die vielen vergessenen, verdrängten, untergründig fortwirkenden Lektüren, von Endes Momo über Hildegard Knefs geschenkten Gaul, alle die Johannes Mario Simmels, Süskinds Parfum wie Schlinks Vorleser, Grzimeks tierfreundliche Rekolonisierung der Serengeti oder Scholl-Latours Weltexpertentum im Reisfeld. Um nur ein paar derer zu nennen, denen Magenau prägnante Analysen und treffliche Porträts widmet.

Für aus Deutschland stammende, nach Jerusalem als Zionisten ausgewanderte, vor allem aber vor den Nazis geflohene Juden, war der Stadtteil Rechavia, nahe der Altstadt, eine Art Grunewald. Das mag zum einen durch die Konzeption des Architekten Richard Kauffmann bedingt gewesen sein, auch durch die teils spektakuläre Architektur, besonders vom Bauhaus geprägt, auch durch die Nähe zur Hebräischen Universität, mit Sicherheit jedoch durch Kultur und Lebensweise der dort dauerhaft oder vorübergehend wohnenden „Jeckes“, deren Aufzählung sich wie ein biografisches Lexikon der jüdisch-deutschen Kunst und Kultur liest. Inspiriert von seinem längeren Aufenthalt dort in den achtziger Jahren hat Thomas Sparr die Geschichte des Stadtteils in Personalien, Gebäuden und Geschichten rekonstruiert. So lebendig, wie Rechavia einst und lange gewesen sein muss. Wir begegnen Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, Gabriele Tergit, Lea Goldberg oder Hannah Arendt ebenso wie Gershom Scholem, Werner Kraft, Ludwig Strauß, Martin Buber oder Peter Szondi in prägnanten Skizzen.

Das neue Gesetz, nach dem unter Strafe gestellt wird, wer irgend Polen mit dem Holocaust und faktisch auch nur mit Antisemitismus in Verbindung bringt, stand noch nicht an, als dieser Sammelband über die polnische Krise veröffentlicht wurde. Polnische Krise? Krise der EU. Aber was genau ist die polnische Krise? Die Vormacht der PiS, die an einer Allmacht von Kadern und Klerikern arbeitet? Die verordnete Mixtur aus Opfernarrativ und Heldenruhmredigkeit? Obrigkeitsstaat, Kryptofaschismus, nationalistisches Verschwörungsregime? Wie nennt man das? Wie sieht man das von innen? Nun, jedenfalls anders als von uns aus. Zwar nicht so tief gespalten, wie man das Land im Land selbst sieht, doch zwiespältiger. In Rechnung gestellt wird, was man hier meist nicht wahrnimmt: dass das PiS-Regime nicht nur mit nationalistischer und klerikaler Seelenmassage, sondern auch mit sozialen Erleichterungen wie Kindergeld und herabgesetztem Renteneinstieg eine breite Klientel bedient, die darin das Gegenteil von Krise sieht. Höchst bedenkenswert die Analyse, dass die Zeit davor technokratisch geprägt gewesen sei, was die Europäisierung kontaminiert habe – und dass daher ein Großteil der Jugend sich nun nationalstolz oder traditionskollektivistisch geriert.

Der Postkolonialismus ist zu einem derart hochwertigen kulturwissenschaftlichen Distinktionsmerkmal geworden, dass einschlägige Schweizer Christan Kracht höchst dankbar sind, dass er ihrem Land afrikanische Kolonien wenigstens angedichtet hat. Dabei ist diesseits aller hypertrophen Exaltationen über „kulturelle Aneignung“ etc. wahrlich noch genug zu tun! In der Hinsicht kann man sich an Volker Matthies ein Beispiel nehmen. Auf souveränem Kenntnisreichtum basierend, holt er jene aus dem Schlagschatten der europäischen Entdeckungsreisenden, ohne die die Herren jämmerlich zugrunde gegangen oder aber ihre forscherischen Erträge eher bescheiden geblieben wären. Einer Generation angehörig, deren Mondlandung die Besteigung des Mount Everest war, kannte ich zwar Sherpa Tenzing, aber schon nicht mehr seinen Nachnamen wie auch den einheimischen Namen des Berges nicht. Und fand das ganz selbstverständlich. Allenfalls bedauerte ich, dass Edmund Hillary kein Deutscher war. Zwar nickte ich später Brechts Gedicht heftig zu, über den Koch, der den Feldherren begleitete, aber das galt nicht den fiktiven Freitags oder realen Tenzings. Das hat sich zwar nach und nach geändert, aber der Schatten ist immer noch lang. Alexander von Humboldt, nicht der Humboldt von Daniel Kehlmann, sondern der historische, beklagte immer wieder den Mangel an zureichenden Dolmetschern, wie er sich über Lewis und Clark mokierte, die sich bei ihrer Nordamerika-Erkundung teilweise einer Kette von fünf indigenen Übersetzern bedienten: Da möge „der Sinn wohl leicht verändert worden sein“. Das war nur eines. Übersetzer, Ortskundige, Träger, Nahrungsbeschaffer, Beschützer – und immer wieder Führer und Erklärer. Und beileibe nicht nur Männer, sondern auch Frauen wie die Shoshonin Sacagawea oder die Aztekin Malinche und andere, dazu selbst Kinder. Matthies entfaltet zunächst systematisch die Kenntnisweitergabe von Reisetechniken, Geografie, Sprache oder Medizin, um dann neun ausgewählte Biografien indigener Begleiter vorzustellen. Das ist nie missionarisch, setzt nicht die Forschungsreisenden herab, sondern bringt ihre Begleiter auf deren Augenhöhe – und überzeugt durch abwägende Darstellung. Einen zusätzlichen Reiz liefern die 70 Abbildungen, die denn doch an die einschlägig abenteuerlichen Jugendbücher von früher erinnern – nur eben ohne deren tumben Hochmut.

Info

Bestseller. Bücher, die wir liebten – und was sie über uns verraten Jörg Magenau Hoffmann u. Campe 2018, 288 S., 22 €

Grunewald im Orient. Das deutsch-jüdische Jerusalem Thomas Sparr Berenberg 2018, 184 S., 22 €

Polska first. Über die polnische Krise Andreas Rostek Edition fotoTapeta 2018, 240 S., 15 €

Im Schatten der Entdecker. Indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender Volker Matthies Ch. Links Verlag 2018, 248 S., 2€

Die Bilder des Spezials

Noroc heißt Glück und Gesundheit und ist ein rumänischer Ausdruck, den man verwendet, wenn man jemandem zuprostet oder sich verabschiedet. „Noroc!“, viel mehr Kommunikation fand manchmal nicht statt zwischen dem 1984 in Brüssel geborenen Fotografen Cedric Van Turtelboom und seinen Protagonisten. Noroc ist der Titel seiner Fotoserie aus Rumänien. Das Motto: sich immer bei einem Einheimischen einzuquartieren. Van Turtelboom nähert sich mit absurdem Humor einem bizarren Land und lässt uns irgendwo zwischen Dokumentation und Wintermärchen zurück, besser gesagt: mitreisen.

Der Bildband ist in limitierter Auflage erschienen und kann über cedricvanturtelboom.com bezogen werden. Noroc, 86 Seiten, 170 x 224 mm, 30 €

Erhard Schütz war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität. Für den Freitag schreibt er einmal im Monat die Kolumne Sachlich richtig, eine konsequent verknappte, höchst subjektive Auswahl von Sachbüchern, die man unbedingt lesen sollte

06:00 23.03.2018

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