Ich mach mein Ding

Daneben Die gesammelten Gemeinplätze des Herrn Robert Misik

"Revolte ist wieder hip", behauptet der Autor, um sogleich die Akteure derselben als "reflexive Mitspieler" zu entlarven, die sich in allen Lebenslagen taktisch verhalten. Bei diesem neuen Typus Mensch greife "Konformismus und Kritik bruchlos ineinander" über. "Mit bekennender Rücksichtslosigkeit verfolgt er seine Interessen, macht sich selbst zur Marke, doch die Angst vor Abweichung und Versagen verfolgt ihn Tag und Nacht."

Keine Kleinstadt sei mehr zu finden, in der nicht das Bildnis von Che Guevara modische T-Shirts verziere. Dies sei ein "Symptom einer Sehnsucht nach starken politischen Alternativen und nach einer unbestimmten ›Ernstheit‹". Nicht einmal vor dem Terminus "Kommunist" würden diese Rebellen zurückschrecken. "Es ist wieder chic, sich ›Kommunist‹ zu nennen", allerdings würde es sich heutzutage mehr um ein "Kommunismusmarketing" zur Aufwertung der eigenen Person handeln, als um den Wunsch, die Gesellschaft grundsätzlich verändern zu wollen, denn "Linkssein" sei ja "die einzige Weise, klug zu sein." Doch keiner, der sich Kommunist nenne, fordere die "Vergesellschaftung der Produktionsmittel". Heute sei klar, dass "der Kapitalismus in den Subjekten drinsteckt", deshalb "wollen sie aus ihm raus."

Der taz-Kolumnist Robert Misik erkennt das Symptom der Angst, das die Menschen aller Altersgruppen immer heftiger befällt, aber er macht sich darüber lustig. Woher kommt diese Angst? Lässt sie sich gar überwinden? Antworten auf diese Fragen liefert das Buch nicht. Marx, für den die "Vergesellschaftung der Produktionsmittel" kein Willensakt kommunistischer Kader war, sondern Ergebnis der, heute sagen wir, Globalisierung, vergaß nicht anzumerken, dass sich diese Vergesellschaftung allerdings unter der Regie privater Aneignung vollziehe. Wie und warum sich diese Privatisierung, bei gleichzeitig zunehmender Vergesellschaftung oder Vernetzung der Produktionsmittel, in den Menschen unserer Tage als Angst, Verzweiflung oder Gewaltbereitschaft zeigt, bleibt für den Leser leider im Verborgenen. Vielmehr erklärt der Autor mit zynisch wirkendem Zungenschlag, dass heute keine "Utopien" mehr nötig seien, denn die "Idee von der perfekten Gesellschaft" sei längst zu Grabe getragen. Stattdessen predigt er einen puren Solipsismus, der die Absonderung, das meint ja Privatisierung, des Einzelnen von der gesellschaftlichen Entwicklung glorifiziert.

"Die Leute machen ›ihr Ding‹ auf eigene Rechnung ... Viele schimpfen auf die Multis", kritisiert Misik jene, die nicht einfach "ihr Ding" machen wollen, und "jammern, dass es ›kalt geworden ist‹ in unserer Gesellschaft. Doch die Wenigsten, die so reden, leiden echte Not". Täglich sterben 30.000 Kinder den Hungertod, werden Menschen in die Arbeitslosigkeit getrieben, darf dagegen nicht "gejammert" werden? Nein, antwortet der Autor, denn der Kapitalismus habe sich in den vergangenen 30 Jahren verändert. Er hat die "Emanzipations- und Authentizitätsforderungen teilweise erfüllt". Der Kapitalismus "könnte nicht existieren, würde er Kreativität, Individualität, Autonomie nicht produzieren und sich nutzbar machen. Produktion heißt heute mehr denn je Produktion von Subjektivitäten, und die immaterielle Arbeit ist die qualitativ bestimmende Produktionsform."

Das kann nur jemand schreiben, der sich tatsächlich für so klug hält, dass er aus seinem kritischen Kopf die ganze Welt nicht nur zu erklären vermag, sondern der glaubt, die Welt bestünde nur aus Geist, statt aus Materie. Die qualitativ bestimmende Produktionsform ist aber eine vergesellschaftet kapitalistische, diese ist nicht immateriell. Ganz gegenständlich entstehen in nur fünf großen Automobilkonzernen Millionen von Fahrzeugen, die alle im harten Wettkampf verkauft werden müssen. Misik liegt mit seiner Kritik an den kritischen Rebellen genial daneben.

"Die Kritik ist", wie Marx feststellte, eben "keine Leidenschaft des Kopfs, sie ist der Kopf der Leidenschaft". Das sich Köpfe irren können, ist normal. Die Leidenschaft aber ist sinnlich, also gegenständlich erzeugt. Sie zeigt sich in Angst, Armut, Not und Verzweiflung einzelner Menschen.

Selbst Brecht und Benjamin können vor dem kritischen Auge des Autors nicht als Denker bestehen, denn sie habe nur vereint, "dass sie ihr Loblied auf die Gewalt und die Schlächter sangen", wie überhaupt "westliche Intellektuelle lernten, den Terror zu lieben". Sicher haben sich viele dieser Denker in Stalin geirrt, aber sie hatten den Zweiten Weltkrieg und den Hitler-Faschismus leidenschaftlich als Folge kapitalistischer Hegemoniebestrebungen kritisiert und hofften auf eine menschlichere Welt. Einer von ihnen war Ernst Bloch, für den war kritisches Denken "Überschreiten." "Solange der Mensch im Argen liegt, sind privates wie öffentliches Dasein von Tagträumen durchzogen; von Träumen eines besseren Lebens als des ihm bisher gewordenen." Diese Art zu träumen sei auch Robert Misik empfohlen.

Robert Misik: Genial dagegen - Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore. Aufbau, Berlin 2005, 194 S., 17,90 EUR


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare