"Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt"

A–Z Schweden Seit dem 4:4 wissen wir: Die Schweden sind gar nicht so nett. Trotz dieser Schmach lieben wir sie innig. Unsere Gemeinsamkeiten und Unterschiede zeigt das Lexikon
"Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt"
Himmelblau und sonnengelb - So eine freundliche Flagge

Foto: Der Freitag

A

Å Der Buchstabe Å steht eigentlich nicht am Anfang des schwedischen Alphabets, obwohl viele Deutsche das denken. Er steht am Ende, nach dem Z, so wie im Deutschen die Umlaute. Und so verhält es sich auch mit vielen anderen Details der Sprache – alles ist so ähnlich und doch anders: Versicherung: försäkring, Veränderung: förändring, Gestaltung: formgivning, Vorurteil: fördom.

Die Annäherung an die schwedische Sprache war für mich symptomatisch für meine Begegnung mit Schweden. Erst war sie die große Unbekannte. Dann der erste echte Kontakt – der Besuch eines Schwedisch-Kurses, der bei mir großen Respekt vor dem urzeitlich klingenden Grollen und Singsang auslöste. Dann vor Ort: dänische Krimiserien mit schwedischen Untertiteln. Anschließend das Durchdringen der Melodie: Ich konnte Anfang und Ende eines Wortes ausmachen. Irgendwann sprach ich gut genug, dass nicht sofort ins Englische gewechselt wurde, wenn man sich mit mir unterhielt. Schließlich begann ich mich zu langweilen. Für die nächste Stufe der Integration, sprachlich und sozial, hätte ich noch 20 Jahre bleiben müssen. Ich reiste ab. Janine Sack

C

Curling-Eltern Eltern, die ihren Lebenssinn über das Wohlergehen der eigenen Kinder definieren, nennt man in Schweden Curlingföräldrar. Curling, weil die Eltern wie die Wischer beim Eisstockschießen ihren Kindern unermüdlich alle Hindernisse aus dem Weg räumen, damit der Nachwuchs sicher durch die bedrohliche Kindheit rutscht. Entscheidend ist nicht, dass die Kinder später erfolgreich im Beruf werden, sondern sagen können: Ich hatte eine glückliche Kindheit. Curlingföräldrar ist eine Wortschöpfung des dänischen Psychologen Bent Hougaard, der Mitte der Nullerjahre eine Überversorgung skandinavischer Mittelschichtskinder beobachtete. Sind Sie ein Curling-Elternteil? Hier ein kleiner Test: „Fragen Sie Ihr Kind, was es mittags zum Essen trinken möchte?“ (anstatt ihm einfach ein Glas Wasser hinzustellen), „Wählen Sie Ihren Wohnort nach dem Einzugsgebiet der Grundschule?“, „Packen Sie Ihrem Kind die Schultasche?“ Mikael Krogerus

D

Death Metal Nicht nur Abba und Roxette hat Schweden der Musikwelt geschenkt. Als sich in den späten Achtzigern in den USA Death Metal als extreme Rockrichtung ausbildete, wurde Schweden zum europäischen Antipoden. Waren die US-Bands technisch anspruchsvoll unterwegs, wenn sie ihre tief gestimmten E-Gitarren einstöpselten, mochten es die Stockholmer Combos brachialer. Geradlinig spielten Unleashed ihren entfesselten Sound, jagten Dismember zerstückelte Tonfolgen aus den Boxen, begruben Entombed die Hörer unter „Todesstahl“. Misanthropie sowie das Besingen von Krankheit und Tod fanden also im Land der Elche ihre Heimat. Nach dem Death-Metal-Revival in den Neunzigern breitete sich von Göteborg eine neue Welle aus, der sogenannte Melodic Death Metal, der melodisch-epischere Passagen zuließ. Pop ist aber auch der „Göteborg Death“ noch lang nicht. Tobias Prüwer

G

Gardinen Kein Mensch sagt heute noch, ein Straftäter sitzt „hinter schwedischen Gardinen“. Die Redewendung ist ein Relikt aus vergangenen Tagen, als die Gitterstäbe oft aus schwedischem Stahl bestanden. Stahl aus Schweden war einer der härtesten der Welt und schaffte es im Gefängnisjargon zum Synonym für „ausbruchssicher“. Doch wie andere europäische Länder schlitterte auch Schweden in den Siebzigern in eine Stahlkrise. Gleichwertige, aber ungleich günstigere Eisenerze kamen jetzt aus Afrika, Süd- und Nordamerika und Australien. Mittlerweile lohnt sich das Geschäft offenbar wieder. In Kiruna, der wichtigsten Eisenerz-Stadt Schwedens, wurde 2010 die Verlegung des Zentrums um fünf Kilometer beschlossen, um Platz für neue Abbaugebiete zu schaffen. Kommen mit dem schwedischen Stahl jetzt auch die schwedischen Gardinen zurück? Mark Stöhr

K

Kernkraft Der Ausstieg aus der Kernkraft ist keine Erfindung Deutschlands.Schon 1980 stimmten die Schweden in einer Volksabstimmung mehrheitlich für einen Abschied von der Atomenergie.Auch damals war ein ernster Zwischenfall vorausgegangen: Im amerikanischen Atomkraftwerk Three Mile Island hatte sich 1979 in einem Reaktorblock eine partielle Kernschmelze ereignet. Das schwedische Parlament beschloss nach dem Referendum, keine neuen Meiler mehr zu bauen und die alten bis zum Jahr 2000 abzuschalten. Diese Frist wurde später bis 2010 verlängert. 2009 verkündete die Mitte-Rechts-Regierung unter Fredrik Reinfeldt dann den Ausstieg aus dem Ausstieg und läutete die atomare Renaissance ein. Der vorläufige Schlusspunkt einer ähnlich hitzig wie bei uns geführten Auseinandersetzung mit denselben Argumenten: Sicherheit für Natur und Menschen versus Versorgungssicherheit. Daran änderte auch Fukushima nichts. Der schwedische Atomausstieg – ein Modell aus Skandinavien, das keine Schule machen sollte. MS

Kindheit Träumten wir als Kinder nicht alle von grenzenloser Freiheit? Von einem Land, in dem man als Kind schon stark und unabhängig ist? Bücher auf und ab nach Småland, los ging die Jagd mit Kalle und seinen Freunden auf den Großmummerich. Oder die Reise mit Pelle nach Saltkrokan. Wieder und wieder schlugen wir dem Seeräuber Blutsvente ein Schnäppchen und ritten rückwärts auf dem kleinen Onkel als Pippi Langstrumpf durch die Stadt. Wie stolz waren wir auf Michel, als er Alfred das Leben rettete? Nein, als Kind gab es keinen besseren Ort als Schweden, wie es die Bücher von Astrid Lindgren vor unserem inneren Auge entstehen ließen. Geborgenheit und Autonomie vereint. Für Erwachsene wurde Schweden dann blutrünstig, global und gefährlich. Mit Stieg Larsson, Henning Mankell (Wallander) und Håkan Nesser als Nachtlektüre schläft es sich viel schlechter. Oda Hassepaß

M

Mode Es wäre kurzsichtig, bei schwedischer Mode nur an H&M zu denken. Der Bekleidungsriese ist wegen seiner teils fragwürdigen Produktionsmethoden und der allgegenwärtigen Produkte nicht nur bei Trendsettern mittlerweile ziemlich abgeschrieben. Aber es gibt in Schweden Dutzende spannendere Labels als H&M. Neben lässigen Jeansherstellern wie Cheap Monday oder Nudie stehen Filippa K und Peak Performance für skandinavische Klarheit und hohe Qualität. Tiger of Sweden wurde vor allem durch Anzüge bekannt, während WeSC die komplette Palette mit Street Wear und Accessoires wie bonbonbunten Kopfhörern anbietet.

Ihr „Modemiraklet“ (Modewunder), wie die Schweden es gerne nennen, besticht durch Genauigkeit und eine schöne Einfachheit, die manchmal bis hin zum Minimalismus reicht. Sophia Hoffmann

Mücken Die Mücken in Schweden sind größer, blutdürstiger und zahlreicher als Mücken irgendwo sonst. Sie summen lauter, und die Stiche jucken auch mehr. Schwedische Mücken stechen durch die Jeans und hinterlassen Blutflecken an der Wand, die riesig sind – wenn man eine erwischt. Und: Mücken sind in Schweden einfach überall.

Es soll Mittel geben, die gegen die Mücken in Schweden helfen. Sie sind so hoch konzentriert, dass sie zwar Mückenschwärme, aber auch Uhrenarmbänder auflösen können. Die Mücken in Schweden sind für Menschen, die von Mücken gemocht werden, ein ganz handfester Grund, nicht nach Schweden in den Urlaub zu fahren. Irene Habich

S

Sozialstaat Schweden war lange ein Synonym für „Sozialstaat“. Häufig wurde das „schwedische Modell“ herangezogen, um bei anderen Staaten Mängel in der Sozialabsicherung, der Geschlechtergerechtigkeit oder im Bildungsbereich aufzuzeigen. Doch die Zeiten sind härter geworden, auch in Schweden. So liegt das Erstattungsniveau der Arbeitslosenversicherung (54 Prozent vom Nettoverdienst) heute im OECD-Ranking nur noch auf Platz 12. Arbeitslosengeld erhält nur, wer eine Versicherung abgeschlossen hat. Eine allgemeine Versicherungspflicht besteht nicht, weshalb sich viele das „sparen“. Auch wenn es im Vergleich mit Griechenland oder Spanien Probleme auf hohem Niveau sind, auch Schweden hat zu kämpfen: Die Erwerbslosenquote liegt bei 8,4 Prozent. Der Anteil der 20- bis 34-Jährigen ohne Einkommen stieg in fünf Jahren von acht auf zwölf Prozent. TP

V

Volvo Er war die vierrädrige Version des schwedischen Sozialstaats: robust, sicher, mit ausreichend Platz für alle Generationen. Hierzulande erhielten die über vier Meter langen Familienkutschen von Volvo den Beinamen „Schwedenpanzer“. Draußen, sollte das heißen, konnten Autobahnbrücken einstürzen und sich BMW- und Mercedesfahrer Prestigeduelle liefern, im Volvo bekam man davon nichts mit. Besonders linke Lehrer schätzten die materielle und ideelle Knautschzone des Autos, zumindest bis seine Größe ökologisch verdächtig wurde. In der DDR gehörte die skandinavische Marke neben Tatra und Citroën zum bevorzugten Fuhrpark der Politkader. Doch wie sie und in den Neunzigern der „Dritte Weg“ à la Schweden blieb auch Volvo in der Geschichte hängen. 1999 ging die PKW-Sparte an Ford, 2010 an die Chinesen. MS

W

Wallander Man kann wohl ohne Risiko behaupten, dass jeder volljährige Deutsche mindestens einmal in seinem Leben einen Wallander-Krimi des Schriftstellers Henning Mankell in der Hand hatte. Jeder kennt ihn. Die meisten lieben ihn. Interessanterweise spielt Mankell in Schweden keine große Rolle. Viele haben ihn nie gelesen und kennen seine Figur Wallander nur aus den mit düsterem Grünfilter gedrehten Fernsehverfilmungen, in denen Schweden wie eine ansteckende Krankheit aussieht.

Und die Schweden, die ihn doch gelesen haben, rümpfen die Nase. Warum? So brillant Mankell als Erzähler sein mag, man stößt sich an seinem moralischen Unterton, an seiner vormodernen Überzeugung, dass sich die Welt in Gut und Böse unterteilen lässt und an seiner Darstellung Schwedens als Hort psychopathischer, ritualmordender Nazihorden. Mankells Schweden hat ungefähr so viel mit der Wirklichkeit zu tun, wie ein Caspar David Friedrich Gemälde mit dem Deutschland von heute. MK

Z

Zlatan Dafür, dass seine frühere Schulleiterin ihn den „Prototypen eines Jungen, mit dem es böse endet“, nannte, hat sich Zlatan Ibrahimovic ganz schön gemacht. Das wird hierzulande nicht jeder Fußballfan so sehen – sein Treffer leitete die Wende im Schweden-Deutschland-Spiel zum 4:4 ein und verewigte es so im kollektiven Gedächtnis großer Fußballpleiten –, aber seine Leistungen muss man anerkennen. Der „Proll mit dem Zopf“ (Süddeutsche.de) zählt zu den weltbesten Stürmern. Dabei war der in einem Malmöer Viertel mit hohem Migrantenanteil aufgewachsene Ibrahimovic zunächst erst im Taekwondo erfolgreich. Dass es dann doch Fußball wurde, ist nicht nur ein Glück für Schweden. Derzeit freut sich der französische Klub Paris Saint-Germain über ihn und seine Tore. TP

09:00 27.10.2012

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